Wo ein Trog ist, kommen die Schweine. Und wo Spenden fließen, kommen selbst ernannte Menschenfreunde und wollen das Geld für ihre Zwecke. Dabei ist die Denkmalpflege ohnehin schon ein Bettler unter staatlichen Prassern.

Verdammt sei, wer sein Schwert nicht in das Blut der Ungläubigen taucht – diesen Spruch würde man wohl eher in einem Bekennervideo islamistischer Terroristen erwarten, doch gesagt hat ihn ein guter Christ und sehr alter Europäer, nämlich Bernhard von Clairvaux. Es ging darum, das kriegsmüde Christenvolk gen Osten zu schicken, was bis dahin der Papst vergeblich versucht hatte, und den Muslimen Gebiete im Nahen Osten und ihre Gedärme zu entreißen, wie das damals nun mal Tradition war. Der Papst jedoch war zu dieser Zeit eine umstrittene und obendrein machtgierige Person, weshalb der weithin geachtete Bernhard von Clairvaux, seines Zeichens Gründer der Zisterzienser, im Jahr 1146 in Anwesenheit des französischen Königs Ludwig VII. an die Propagandafront musste und zur oben genannten Gewalttat aufrief. Die Kirche Notre-Dame hat Glück, dass die Barbarensekte der intersektionellen Whataboutisten, die von der Gerechtigkeit ihrer Sache nicht weniger als jeder Muslimschlächter überzeugt ist, diesen weniger ruhmreichen Aspekt des Katholizismus nicht kennt: Sonst würde sie vielleicht fordern, aus Entschädigungsgründen aus dem Chor von Notre-Dame eine Moschee zu machen.

Fairerweise muss man sagen, dass dieser Kreuzzug in einem vollkommenen Debakel endete und deutlich mehr islamische Schwerter in Christenblut wurden wurden denn umgekehrt. Bernhard ärgerte sich und starb bald, aber der französische König, der dem Aufruf gefolgt war, überlebte mit knapper Not und kümmerte sich von da an mehr um die Innenpolitik seines Landes. Da gab es nämlich einige Problemfelder, die ebenso mit Gewalt gelöst wurden: Die Normannen, die den britischen Thron erobert hatten, herrschten auch über weite Teile von Frankreich, sodass der König vergleichsweise machtlos in einem zerfallenden Kerngebiet des Landes herrschte. In Südfrankreich entfernten sich die Albigenser von der verpflichtenden Staatskirche, überall fehdeten Ritter und Barone auf eigene Rechnung, und die Kirche war zerstritten und korrumpiert – der Bischof von Paris etwa riss sich eine unter fadenscheinigen Gründen zwangsenteignete Synagoge unter den Nagel und ließ eine Kirche darauf errichten, und die Barbarensekte der intersektionellen Whataboutisten brauchte erst einen Tweet mit dieser Information von mir, um das zu erfahren und in der Sektenpostille „Freitag“ zu beklagen. Außerdem verwaltete jener Bischof auch die Kreuzzugskasse. Wenn man also über die Kirche Notre-Dame spricht, muss man zugeben, dass dort nicht nur maßgebliche Konstruktionsprinzipien der originär europäischen Gotik entwickelt wurden, sondern auch, dass mit König und Bischof die beiden Bauherren, die den Plan zu dieser Kirche fassten, gern ihre Schwerter in das Blut von Ungläubigen, Ketzern und Gläubigen mit abweichenden Machtansprüchen tauchten und keinen Frevel darin erkannten, Juden zu enteignen und zu unterdrücken.

Die Geschichte bleibt im Übrigen so hässlich, denn während der Bauzeit von Notre-Dame zwischen 1160 und 1250 formierten sich die katholische Kirche und die weltliche Macht in Frankreich neu. In jener Zeit fanden das III. und IV. Laterankonzil statt, welche das Nichtzusammenleben der einzig wahren Religion mit allen anderen neu regelten: ideologischer Führungsanspruch wie die SED in der DDR, weitgehende Entrechtung von Juden und Muslimen, die das Pech hatten, unter solchen Christen leben zu müssen, erste Anzeichen der Inquisition, weitere Kreuzzüge mit verheerenden Folgen, etwa gegen die Mitchristen der Albigenser, die in Frankreich ausgerottet und vertrieben wurden, zynische Ränkespiele der Päpste gegen die Stauferdynastie in Deutschland, Niederschlagung jeglicher Opposition, hin und wieder die öffentliche Verbrennung von Irrlehren. Die Wende zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert war gleichzeitig die große Zeit stürmischer Entwicklungen in der Baukunst, eine Epoche des wirtschaftlichen Aufschwungs dank eines sehr vorteilhaften Klimas, das heute als „Klimakatastrophe“ bezeichnet wird – sehen Sie hier beispielsweise ein Monatsbild des Doms von Lucca aus jener Zeit, wo bereits im Juni geerntet wird.

Die damalige Wendezeit war eine Epoche sehr hässlicher Wegentscheidungen der Kirche, die dem Abendland eine lange Serie von Religionskriegen, Hass auf Andersdenkende und Verfolgungen von Atheisten eingebracht haben. Wenn jetzt also Identitäre, Reaktionäre und Konservative denken, mit dem Dach von Notre-Dame wäre ein Symbol der Christenheit in Rauch und Asche aufgegangen, würde vielleicht ein wenig Beschäftigung mit dem real existierenden Christentum der Bauzeit helfen – das würde uns nämlich alle nach Kirchenrecht verdammen, weil wir Pornos herunterladen, sonntags öfter nicht oder auch gar nicht in die Kirche gehen, nicht mal alle Sakramente kennen, gar Luther nachlaufen und vieles, was gegen 1200 trotz der Wissenschaft am Bau als gesicherte Heilslehre galt, heute als Legenden abtun. Ein großer Teil der damaligen Selbstverständlichkeiten wäre heute so wenig mit den Gesetzen vereinbar, dass König und Bischof keinen Kirchenchor bauen, sondern Steine wegen Verfassungsfeindlichkeit und anderer Verbrechen klopfen würden. Womit wir bei den intersektionellen Whataboutisten wären. Die Frage nach den Ertrinkenden im Mittelmeer aus damals christlicher Sicht ist ziemlich leicht zu beantworten: In jener Zeit galten die Gewässer der Südküste des Mittelmeeres als verseucht von ungläubigen Piraten, und die Franzosen und auch Italiener führten einen erbitterten Kleinkrieg gegen diese Leute. Man hätte sie, das muss man klar sehen, als Nichtchristen ertrinken lassen oder versklavt, wie es im Gegenzug auch die Berber mit den Christen taten, die sie vor allem als Piraten und Sklavenhalter kennenlernten. Auf keinen Fall hätte man damals gesagt, komm an Bord, wir kümmern uns darum, dass die Europäer die Tore öffnen, und wenn die Italiener nicht wollen, berichten wir von Stürmen und Hunger auf See, bis die Franzosen und Deutschen die Türen zu – für afrikanische Verhältnisse bombastischen – Sozialleistungen öffnen. Ich bin der höflichste Mensch von der Welt, und ich hasse es zutiefst, politisch inkorrektes Material zu zeigen, aber das Bild hier zeigt, versammelt um die Füße von Ignatius von Loyola, untertänig einen Europäer, einen Muslim für Asien, einen Amerikaner mit Federschmuck und einen Afrikaner. So sah das Christentum noch im Rokoko diese Welt.

Bezahlt übrigens mit dem Zehnten, sprich zehn Prozent aller Erträge vor Steuern, so wollten es damals die Gesetze, als die Kirche noch das Sagen hatte – und nicht von staatlichen Zuwendungen und peinlichen Unterwerfungsgesten vor Grün-gelenkten Klimaschulschwänzern der Generation Elterntaxi und Vielflug abhängig war. Die imposanten Bauten, die bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Stadtbilder prägten, errichteten sich schließlich nicht von selbst, sondern verlangten nach einem stetigen Strom von Abgaben: Die Kirche hatte Vorkaufsrechte bei den Baumaterialien, die Kirche erwartete Geld für Sakramente und Geld für eine möglichst Heil bringende Bestattung, die dem Toten die Zeit im Fegefeuer verkürzte, die Kirche wollte Geld für Kerzen und Gebete und Messen, und oft genug dürstete es auch Stadtbewohner danach, mit einer möglichst imposanten Kirche die Verbrecher aus dem nächsten Dorf zu übertrumpfen oder wenigstens mitzuhalten – eingequetscht zwischen den reichen Städten Pisa, Florenz und Siena versuchte Lucca durch eine Kathedrale mitzuhalten, deren Fassade nach Jahrzehnten des Niedergangs und der Verdreckung gerade erst wieder für den Betrachter im Weiß des Marmors erstrahlt.

Die üppigen Spenden reicher Franzosen sind, wenn man einmal vom früher häufigen Phänomen der Kirchenbrände absieht, also tatsächlich eine der wenigen Traditionen, die sich auf mittelalterliche Vorbilder berufen können, denn damals durfte keine Adelsfamilie eine Kapelle für den eigenen guten Ruf ausmalen lassen, ohne die Kirche dafür üppig zu begütern. Die Nonchalance, mit der französische Großindustrielle und Bevorzugte der tradierten Klassengesellschaft die Millionen bewilligen, mag Gelbwesten verärgern, die einmal mehr begreifen, dass der kleine Mann im Tränengas der Polizei heute auch kaum mehr als sein Vorfahr gegenüber dem Ritter und seinem Schwert bedeutet. Diese Haltung mag intersektionelle Whataboutisten empören, die fragen, warum so schnell die Milliarde für ein Kirchendach zusammenkommt, wenn nur ein paar Millionen zur zwangsläufigen Rettung von Migranten an der Zwölf-Meilen-Zone Libyens gespendet werden. Die simple Wahrheit dürfte sein, dass vielen die Kultur, der sie bei allen Fragwürdigkeiten entstammen, näher liegt als eine Krise, die es erst gibt, seitdem Menschenschmuggler nicht mehr mit kleinen Schnellbooten nach Sizilien rasen, sondern erwarten, dass die Europäer die Insassen untermotorisierter Schlauchboote nahe der Küsten aufnehmen und nach Europa bringen.

Wann immer man es mit der Erhaltung von Altertümern zu tun hat, wird es eben teuer. Die Tempel von Agrigent stehen vor dem Armenhaus Italiens, und trotzdem werden sie mit großem Aufwand erhalten. England könnte die Härten des kommenden Brexit für seine Armen abfangen, indem es den Inhalt der Magazine des British Museum verkauft. Die Renten in Polen sind nach deutschen Vorstellungen erbärmlich, aber das heißt nun mal nicht, dass Gedenkstätten der Schoa weniger finanziert werden sollten. Wenn für Notre-Dame ein paar Hundert Millionen mehr als nötig hereinkommen sollten, kann man sie auch anlegen und etwas für andere Kirchen, Museen und Altertümer tun. Ich war letztes Jahr in einem bedeutenden etruskischen Museum: Die Alarmanlage bestand aus zwei Videokameras und Monitoren aus den Siebzigerjahren. Die Fassade des Doms von Lucca ist restauriert, aber unter der Kirche nebenan sind Ausgrabungen mit einer spätantiken Stifterinschrift im Mosaik: Das wird gerade vom Moos wieder gefressen. In der Po-Ebene stehen immer noch die Außenmauern der vor sechs Jahren im Erdbeben zerstörten Kirchen. Das ist eine riesige Aufgabe, bei der kleine Gemeinden oft die Last großer, alter Klöster und Paläste schultern.

Mitunter braucht der Mensch Katastrophen wie die in der Po-Ebene oder den Brand von Notre-Dame, um daran erinnert zu werden, dass Kultur und Geschichte nicht einfach nur da sind, sondern erhalten werden müssen. Denn die Welt ist schon jetzt voll mit intersektionellen Whataboutisten, die für ihre eigenen Interessen Vorrang vor der Kultur fordern. Dieser deutsche Staat pumpt Abermillionen in Regierungs-NGOs für den Kampf gegen Diskriminierung und Hate Speech und finanziert so eine Ex-Stasi-IM, feministische Prangerseiten und Migrantenverbände, die Deutsche als Kartoffeln beschimpfen. Der Bürger zahlt für eine Energiewende und dafür, dass die Industrie weiter billigen Strom bekommt. Die Steuern gehen an eine EU, deren oberster Funktionär nicht vom Volk bestimmt wird. Die Welt gehört den Dreisten und Privilegierten. Wenn dann Einzelne denken, sie sollten etwas von ihrem Besitz geben für das, was ihnen relevant erscheint – und sei es nur, weil sie die Drolerien von Notre-Dame aus dem Zeichentrickfilm kennen und gar nicht wissen, dass sie nur aus dem 19. Jahrhundert stammen –, dann melden sich die Tartuffes und Bettelmönche des intersektionellen Whataboutismus und beklagen die Ungerechtigkeit. Andere Gefühle zählen da nicht, ihre Gefühle haben Vorrang.

Die alte Geschichte Europas und die Weltgeschichte geben solchen universalistischen Ansprüchen jedoch keine Begründung. Blut ist immer dicker als das Wasser, Staaten sind immer zuerst selbst verantwortlich für Bürger und Kultur, und wenn Spenden verbindliche Zwecke hätten und abgeführt werden müssten, hießen sie Steuern, und ein jeder würde nach Mitteln und Wegen suchen, ihnen und ihren Eintreibern zu entgehen. Whataboutismus kann man gegen alles und jeden richten, es ist das Kleingeld der philosophischen Diskurse. Und warum dem deutschen Aktivisten der Flüchtling in Libyen mit Ziel Europa näher ist als der Flüchtling aus Somalia, der dem nicht vom Westen verschuldeten Bürgerkrieg Richtung Kenia entkommen will, oder der Flüchtling in Sizilien bei der Feldarbeit für die deutschen Erdbeeren, müsste man auch einmal erklären. Die Franzosen wollen ein wichtiges Gebäude nicht zugrunde gehen lassen. Und auch wenn Präsident Macron einen denkmalpflegerisch irrwitzigen Fünf-Jahres-Plan zum Wiederaufbau verkündet, ist das Engagement einer Gesellschaft für ihre Kultur eine gute Sache und besser als die maroden französischen Kernkraftwerke oder ihre zu Recht untergegangene Fahrradindustrie oder ein neuer Kreuzzug oder, oder, oder… So billig ist Whataboutismus, mit dem man auch fragen kann, warum die Aktivisten keine Flüchtlinge privat aufnehmen. Das hören sie ungern, völlig zu Recht. Sie sollten also besser mit anderen Mitteln als abgebrannten Kirchen arbeiten. Das erscheint angesichts des Elends dann auch menschlich weniger abstoßend.