Der Brand von Notre Dame hat eine Lawine der Spendenbereitschaft ausgelöst, gerade bei den Superreichen. Das ist zweifelsohne ein Ausdruck von maßlosem Narzissmus. Doch das Argument, statt Kulturgüter sollte man lieber Menschen retten, verfehlt eine wichtige Dimension des Menschseins.

Am schnellsten war die Familie Pinault. Die Flammen in Notre Damen loderten noch, da teilte Unternehmersohn François-Henri Pinault mit, dass die Familie 100 Millionen Euro für den Wideraufbau der Kathedrale spenden würde. Die rührende Begründung für so viel zivilgesellschaftliches Engagement: Er, François-Henri, habe seine Tochter beim Anblick der Fernsehbilder weinen sehen. Merke: Wo Dramatisches geschieht, da ist der Kitsch nie fern.

Lawine der Spendenbereitschaft

Es dauerte nur wenige Stunden, da meldete sich eine andere, nicht weniger bedeutende Familie zu Wort, die den Pinaults seit Jahren in leidenschaftlicher Abneigung verbunden ist: die Arnaults. Ganze 200 Millionen Euro wolle man für den Wiederaufbau zur Verfügung stellen, so ließ man verlauten. Um das Ganze einzuordnen, muss man wissen: Die Pinaults und die Arnaults, das ist wie die Medici und die Strozzi im Florenz der Renaissance oder wie die Buddenbrooks und die Hagenströms in der Welt der Literatur: man mag sich nicht und versucht sich zu übertrumpfen. Etwa beim Besitz von Luxusmarken, dem Erwerb von Kunstwerken oder den besten Weinlagen. Oder eben bei Spenden. Schneller sind fast immer die Pinaults, so auch am vergangenen Montag. Dafür sind die Arnaults reicher. Auf knapp 70 Milliarden Euro wird das Vermögen von Bernard Arnault geschätzt.

Die herzergreifende Selbstlosigkeit der beiden rivalisierenden Familien trat eine Lawine der Spendenbereitschaft los: die Bettencourt-Meyers, vor wenigen Jahren durch hitzige Familienauseinandersetzungen, massive Steuerhinterziehungen und dubiose Spenden an Nicolas Sarkozy in den Schlagzeilen, stellten ebenfalls 200 Millionen bereit, der Konzern Total 100 Millionen und die Familien Ladreit und Decaux immerhin zweistelligen Millionenbeträge. Wie dichtete einst ein Weimarer Dichterfürst? „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“

Mensch sein bedeutet, das Unnütze zu tun

Doch der Mensch ist nicht edel, hilfreich selten und gut nur in Ausnahmen. Und wenn, dann versteht er in der Regel, das Gute mit dem Nützlichen zu kombinieren. Schon immer spendeten daher wohlhabende Familien für Kirchenbauten und bekamen als Gegenleistungen Dankesmessen oder Privatkapellen: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt“, wusste schon Johann Tetzel. Ohne den Glauben an die sündenvergebende Wirkung der Großspende wäre Europa um einige touristische Highlights ärmer – Petersdom inklusive.

Aber, so könnte man argumentieren, was sind schon Kulturgüter? Es gibt ja auch noch Menschen. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis sich angesichts der Spendenmillionen die Gesinnungspuritaner zu Wort meldeten. „Kulturgut muss geschützt werden, keine Frage“, formulierte stellvertretend für alle Moralasketen die ehemalige Schauspielergattin Natascha Ochsenknecht, „aber Menschen sollten an erster Stelle stehen“.

So etwas nennt man ein Totschlagargument. Wer würde hier widersprechen? Und doch stimmt hier gar nichts. Denn im Kern läuft dieses Argument darauf hinaus, Menschen dem Humanen vorzuziehen. Doch eine Menschheit ohne Kunst, Kultur und Schönheit ist eine Menschheit ohne das Menschliche. Wer Menschlichkeit auf rührseligen Moralismus reduziert, verfehlt eine ganze Dimension des Menschseins. Denn Mensch zu sein bedeutet letztlich, das Unnütze zu tun. Erst hier, in der grandiosen Verschwendung von Arbeitskraft und Geld, in den Schlössern, Kathedralen, Tempeln und Kunstwerken der Menschheit, zeigt sich das eigentlich Humane.

Moralasketen sind gefährlicher als Hedonisten

Fundamentalisten hat das schon immer gestört, von Savonarola bis zu den Taliban und dem IS. Doch Handlungen bemessen sich nicht allein an ihrer moralischen Qualität. Mehr „gut“ ist nicht besser. Im Gegenteil. Wenn das Schöne gegen das Gute verrechnet wird, dann wird Moral inhuman.

Natürlich sind die angekündigten Großspenden Ausdruck eines maßlosen Narzissmus, geschickter Publicity und am Ende des Tages, nach allen Steuern, vielleicht sogar ein gutes Geschäft. Nicht weniger eitel, selbstverliebt und aufgeblasen geben sich allerdings die Moralfundis, die nun die Spender mit ebenso einfältigen wie absehbaren Argumenten kritisieren. Vor allem aber: Moralasketen sind im Laufe der Menschheitsgeschichte weitaus mehr Menschen zum Opfer gefallen als kunstversessenen Hedonisten. Nicht auszuschließen, dass Investitionen in Kunst und Kultur einer humaneren Gesinnung folgen als zur Schau getragener moralischer Eifer.