Weil die Grenzen strenger gesichert sind, versuchen Asylsuchende öfter, per Flugzeug in ihr Wunschland zu gelangen. Dafür brauchen sie aber falsche Pässe. An einem einzigen Tag wurden in Athen 600 Dokumente sichergestellt, die verbotenerweise genutzt wurden.

Als die griechischen und deutschen Beamten am Abend des 10. Novembers Bilanz zogen, stellte sich ihnen vor allem eine Frage: Warum hatte die Zahl der Feststellungen am Flughafen Athen an diesem Samstag so außergewöhnlich hoch gelegen?

Insgesamt rund 600 Dokumente waren an diesem einen Tag beanstandet worden, wie aus Unterlagen deutscher Sicherheitsbehörden hervorgehen. Sie arbeiten bei den Kontrollen in Griechenland oft mit den Kollegen vor Ort zusammen. Die Pässe und Ausweise waren gefälscht, verfälscht – oder auf eine andere Person ausgestellt als jene, die damit weiter in ein anderes EU-Land reisen wollte.

Mehrere Hundert Personen hatten die Beamten erwischt. Manche führten gleich mehrere Dokumente bei sich.

Dieser 10. November mag vom Ausmaß her zwar ein besonderer Tag gewesen sein – zwischen Januar und Oktober 2018 erwischte die griechische Polizei nämlich insgesamt 5633 Personen, die mit falschen Dokumenten weiterreisen wollten. Und doch: Dieser eine Tag bestätigte einen Trend.

Denn nachdem es schwieriger geworden ist, die Landgrenzen entlang der Balkanroute zu überwinden, spielt das Flugzeug für Migranten eine zunehmend wichtige Rolle. Anders als an den meisten grünen Grenzen in Europa sind die Kontrollen beim Fliegen jedoch relativ streng. Das wiederum führt dazu, dass der Handel mit falschen Identitäten floriert.

Das geht auch aus einer internen Zusammenstellung des Gemeinsamen Analyse- und Strategiezentrums illegale Migration (Gasim) hervor. In dem Papier heißt es: „Inkriminierte Dokumente stehen in unterschiedlichen Qualitäten in sehr hoher Anzahl zur Verfügung.“

Frontex: 23 Prozent mehr gefälschte Pässe

Die Bezeichnung „inkriminiert“ zeigt dabei an, dass die Pässe oder Ausweise im Zusammenhang mit einer Straftat stehen. Am Potsdamer Gasim sind unter anderem Bundesnachrichtendienst, Bundeskriminalamt (BKA), Bundesamt für Verfassungsschutz, Bundespolizei, das Auswärtige Amt sowie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) beteiligt.

Die Entwicklung beschäftigt auch die Europäische Union (EU): Nach den neuesten Angaben der europäischen Grenzschutzagentur Frontex haben Beamte im zweiten Quartal 2018 so viele falsche Dokumente festgestellt wie seit dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 nicht mehr. Allein im Vergleich zum ersten Quartal 2018 verzeichnete man einen Anstieg um 23 Prozent. Auch diese Statistik weist auf die besondere Bedeutung des Luftverkehrs hin: 70 Prozent der Fälle wurden bei Flugreisen registriert.

Die meisten Entdeckungen außerhalb der EU machen Beamte dabei am Istanbuler Atatürk-Flughafen – innerhalb des Schengen-Raumes ohne Grenzkontrollen spielt wiederum besonders Griechenland eine Rolle: Frontex meldete für das Land bei den festgestellten Personen mit falschen Pässen einen Anstieg um 253 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Die Schleuser agieren dabei offenbar sehr professionell. Das stellten die Beamten auch im Zusammenhang mit dem 10. November fest – auch wenn noch immer nicht geklärt ist, warum die Zahl damals so außergewöhnlich hoch lag. Das wiederum hängt wohl auch mit der Überlastung der griechischen Polizei an jenem Tag zusammen: Die Vorgänge an sich wurden nicht bearbeitet, die Personen nicht nach ihrer korrekten Nationalität oder ihrer Aufenthaltsdauer in Griechenland befragt. Lediglich die Dokumente wurden laut deutschen Behörden sichergestellt – und die Migranten anschließend entlassen.

Dem Gasim liegen nach eigenen Angaben dennoch Erkenntnisse vor, wonach Schleuser in Athen die notwendigen Dokumente innerhalb weniger Stunden in sehr großer Anzahl besorgen können. Zudem bevorzugten sie den Kauf flexibler Tickets, die kurzfristig auf ein anderes Ziel innerhalb der EU umgebucht werden können. Sie reagieren damit auf die Kontrollen und Beratungen der Polizeibeamten vor Ort.

Schleuser umgehen die Kontrollen

Wird ein Flug besonders gründlich überprüft, weicht man aus. Das passiert offenbar selbst noch wenige Stunden vor einem Start – „zum Teil während sich die Migranten schon im nicht öffentlichen Bereich des Flughafens befinden“, wie die Beamten schreiben.

Der Analyse der deutschen Sicherheitsbehörden zufolge handelt es sich bei den überlicherweise vorgelegten Papieren „ganz überwiegend um inkriminierte Reisedokumente der EU beziehungsweise Schengen-Staaten“. Unter anderem würden gestohlene oder verlorene deutsche Pass- oder Passersatzdokumente für Ausländer genutzt. Insgesamt haben deutsche Behörden in den vergangenen Jahren rund 600.000 Flüchtlingsausweise ausgegeben.

„Ein weiterer Modus Operandi besteht darin, dass Personen mit anerkanntem Schutzstatus in Deutschland ihre Ausweisdokumente anderen Migranten oder Schleusernetzwerken zur Verfügung stellen oder an diese verkaufen“, fassen die Beamten zusammen.

Die Vermittlung solcher Dokumente findet offenbar vor allem über soziale Medien statt. Europol hat nach 2015 nahezu eine Verzehnfachung von Facebook-Accounts festgestellt, die sich mit dem Angebot von Schleusungen befassen.

Deutsche Sicherheitsbehörden bilanzierten bereits mit Blick auf 2017: „Im Zusammenhang mit der illegalen Migration gewann auch die Kommunikation über soziale Medien … zunehmend an Bedeutung.“ Das Angebot für „Schleusungen im Luftverkehr“ direkt aus der Türkei oder aus Griechenland sei seit Frühsommer 2017 stark angestiegen.

Entsprechend deutlich fällt auch das offizielle Bundeslagebild „Schleusungskriminalität“ von Bundeskriminalamt und Bundespolizei aus. „Zunehmend werden gestohlene oder überlassene Dokumente (Ausweismissbrauch) genutzt sowie echte Dokumente durch Falschangaben oder durch Vorlage von unechten Dokumenten im Antragsprozess erworben.“ Ohne entsprechende „ge- oder verfälschte Identitätsdokumente sind Luftwegsschleusungen nur schwer möglich“, heißt es im Lagebild.

Nach Griechenland kommen wieder mehr Asylsuchende

Die strenger gesicherten Landgrenzen sind dabei wohl nur ein Grund für das Ausweichen auf Flugzeuge. Gleichzeitig nimmt nämlich der Migrationsdruck zu. Die deutschen Sicherheitsbehörden betonen dies und stellen fest, dass zuletzt wieder mehr Migranten das griechische Festland erreichten.

Die Beamten schreiben von einem „spürbar höheren Niveau“ der illegalen Migration von der Türkei nach Griechenland als noch 2017. Bis Mitte November verzeichnete man demnach entlang der Land- und Seegrenzen ein Plus von 36 Prozent. Gleichzeitig werden von den Inseln mit 86 Prozent mittlerweile fast genauso viele Asylsuchende aufs Festland gebracht, wie dort neu ankommen.

Das widerspricht zwar dem EU-Türkei-Abkommen – doch angesichts der überfüllten Unterkünfte und der schleppenden Abschiebungen sieht die griechische Regierung keinen anderen Ausweg.

Das Fazit der deutschen Beamten fällt daher sehr skeptisch aus: Die Aussicht auf einen Transfer aufs Festland wirke für Migranten als „wesentlicher Pull-Faktor“ für die Reise von der Türkei auf die Inseln in der Ägäis.