Fieberhaft wird gerätselt und spekuliert, wer das Strache-Video aufgenommen und lanciert hat. Der Name eines berüchtigten israelischen Wahlkampfberaters fällt dabei besonders oft. Manche verdächtigen auch eine deutsche Gruppe.

Die Reden, mit denen Sebastian Kurz (ÖVP) und Heinz-Christian Strache (FPÖ) das Ende ihrer rechtskonservativen Koalition in Österreich einläuteten, hätten wohl nicht unterschiedlicher sein können: Der langjährige FPÖ-Parteichef und Vizekanzler Strache trat zurück und verabschiedete sich von der politischen Bühne, Kanzler Kurz eröffnete den nächsten Wahlkampf.

Zumindest einen gemeinsamen Nenner aber gab es doch. Beide Politiker fühlten sich bei dem geheim aufgenommenen Video, das dazu führte, dass die Koalition stürzte, an die Methoden eines Mannes erinnert, der im politischen Wien gut bekannt ist: Tal Silberstein.

So verwies Strache auf eine in „Silberstein-Manier gestartete Schmutzkübel- und Desinformationskampagne, die an Niederträchtigkeit“ nicht zu übertreffen sei. Und Kurz sprach von „Methoden, die klarerweise mich schon eindeutig an Tal Silberstein erinnern“ und verachtenswert seien. Der Inhalt sei aber, „wie er ist“.

Silberstein ist ein international tätiger Wahlkampfberater aus Israel, der sein Geschäft bei dem amerikanischen Kampagnenguru Stanley Greenberg gelernt hat. Zunächst in dessen Team, später in Eigenregie beriet er die SPÖ in mehreren Wahlkämpfen. Sein größter Erfolg: Alfred Gusenbauers überraschender Sieg über Amtsinhaber Wolfgang Schüssel von der ÖVP im Jahr 2006.

Auf Gusenbauers Rat hin engagierte auch der übernächste sozialdemokratische Kanzler, Christian Kern, den Israeli, der sich inzwischen einen Ruf als Experte für Negativkampagnen erarbeitet hatte, für den Parlamentswahlkampf 2017. „Ein schwerer politischer Fehler“, wie Kern noch vor der Wahl im Oktober 2017 einräumen musste.

Was war geschehen? Zwei Monate vor der Wahl wird Silberstein gemeinsam mit einem anderen Auftraggeber, dem Diamanten-Tycoon Beny Steinmetz, in Tel Aviv verhaftet. Die Behörden ermitteln wegen des Verdachts der Geldwäsche und der Bestechung im Zusammenhang mit Steinmetzprojekten in Guinea und Rumänien.

Aber die österreichischen Sozialdemokraten nehmen die Verhaftung zum Anlass, ihre schon viel kritisierte Zusammenarbeit mit dem umstrittenen Spin-Doctor zu beenden. Christian Kern und seine Mitarbeiter versuchen in der Folge, Silbersteins Rolle im SPÖ-Wahlkampf herunterzuspielen.

Ende September enthüllen jedoch die Tageszeitung „Die Presse“ und das Nachrichtenmagazin „Profil“, dass ein von Silberstein engagiertes Team auf ungewöhnlich perfide Art und Weise versucht hat, mithilfe von gefälschten Facebook-Seiten Stimmung gegen Kerns wichtigsten Herausforderer Sebastian Kurz zu machen.

Eine richtete sich an ÖVP-Sympathisanten, die andere an FPÖ-Anhänger. Um den Verdacht von der SPÖ abzulenken, überzeichneten die Silberstein-Leute den Kommunikationsstil der Partei, der jeweils die Urheberschaft untergeschoben werden sollte, und schreckten dabei auch nicht vor rassistischen und antisemitischen Postings zurück.

Tal Silberstein gab zwar noch vor der Wahl von Israel aus zu Protokoll, dass Christian Kern von den verdeckten Facebook-Operationen nichts gewusst habe, doch das nützte der SPÖ nicht mehr viel. Sie verlor die Wahl und damit das Bundeskanzleramt an die ÖVP unter Sebastian Kurz.

Dass Kurz’ Koalitionspartner, Heinz-Christian Strache von der rechtspopulistischen FPÖ, nun über ein heimlich aufgezeichnetes Video gestürzt ist, erinnert nicht nur ihn und seine Getreuen an die „schmutzigen Silberstein-Methoden“. Auch der Kanzler selbst erwähnte den Israeli in seiner am Samstag gehaltenen Rede, obwohl unabhängige Beobachter es für sehr unwahrscheinlich halten, dass er etwas mit dem Video zu tun hat.

Ihr Argument: Sollte die SPÖ oder einer ihrer Berater im Besitz eines solchen Videos gewesen sein, wäre es für sie sehr viel lohnender gewesen, es schon vor der Parlamentswahl vor eineinhalb Jahren zu lancieren.

Warum Sebastian Kurz trotzdem seinen Namen nennt? Wohlmeinende könnten sagen, dass Silberstein wie kein Zweiter in Österreich für Dirty Campaigning steht. Und dass die SPÖ wieder mit jenem Mitarbeiter zusammenarbeitete, der 2017 als Verbindungsmann zu Silberstein diente und deshalb nach Bekanntwerden des Skandals suspendiert wurde.

Kritischere Geister wie die Politikwissenschaftlerinnen Petra Bernhardt oder Natascha Strobl geben jedoch zu bedenken, dass der Name Silberstein – ähnlich wie jener von George Soros – längst zu einer antisemitischen Chiffre für eine „ominöse destruktive Kraft im Hintergrund der Sozialdemokratie“ geworden sei.

Die Spekulationen über den Ursprung des aufwendig produzierten Ibiza-Videos beschränken sich aber keineswegs auf die Person Tal Silberstein. So berichtete etwa die „Presse“ über ihre Gespräche mit „Geheimdienstlern“, in denen diese auf „eine Inszenierung eines westlichen Geheimdienstes“ tippen würden.

War es die „Guerilla-Polit-Prop-Gruppe“ aus Deutschland?

Andere österreichische Medien thematisieren derweil die Rolle des deutschen Zentrums für Politische Schönheit (ZPS): Dessen Twitter-Account habe als Erster einen anderen Twitter-Account beworben, über den bis dato unbekannte Teile des Ibiza-Videos veröffentlicht wurden, schreibt etwa „Profil“. Die „Wiener Zeitung“ vermeldet gar, dass eine der Gruppe nahestehende Person ihr bestätigt habe, dass die „Guerilla-Polit-Prop-Gruppe“ beim Ibiza-Video „die Hand im Spiel“ gehabt habe.

Das wollte Philipp Ruch, der Gründer des ZPS, weder bestätigen noch dementieren: „Wir äußern uns grundsätzlich nicht zu den inneren Angelegenheiten eines anderen Landes.“ Im Gespräch mit einer österreichischen Journalistin wurde Ruchs „Chief Escalation Officer“ Stefan Pelzer jedoch deutlicher: Seine Gruppe stecke nicht dahinter, sagte Pelzer der ORF-Moderatorin Susanne Schnabl.

Die mit einer Prüfung des Videos beauftragte Oberstaatsanwaltschaft Wien hat derweil bekannt gegeben, dass sie keine „konkreten Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Straftat“ gewinnen konnte. Die Österreicher werden sich also aller Voraussicht nach noch gedulden müssen, bis sie erfahren, wer ihren Vizekanzler gestürzt und damit die schwarz-blaue Koalition beendet hat.