Wenn der Wunsch nach einem Baby groß ist, aber der passende Partner fehlt, entscheiden sich mehr und mehr Frauen, allein Mutter zu werden. Gesetzliche Veränderungen führen zu einer steigenden Nachfrage.

Sibylle Schwarz bereut nur eines in ihrem Leben. Dass sie nicht früher auf ihren starken Wunsch nach einem Kind gehört hat. Als er so laut wurde, dass sie ihn nicht mehr ignorieren konnte, war sie 41 Jahre alt und schon einige Jahre Single. Sie hatte viel Zeit damit verbracht, einen passenden Mann zu finden, mit dem sie eine Familie gründen wollte.

Zu viel Zeit, wie sich zeigen sollte. Denn als sie sich dazu entschloss, ohne Partner Mutter zu werden, da war dies der Anfang eines mehrjährigen Weges. Ein Weg, der sie viel Geld und Zeit kostete. Den sie aber immer wieder gehen würde. Im Flur direkt neben der Eingangstür des kleinen Reihenhauses in einer Hamburger Stadtrandsiedlung hängen Fotos von Sibylle Schwarz mit ihrem Sohn Julian, ein Jahr alt, der seiner Mutter das Haar zerzaust. Beide lachen. Heute ist Julian vier Jahre alt und sie selbst 50.

Vielen Frauen geht es ähnlich wie Sibylle Schwarz. Sie wünschen sich Kinder, doch sie finden nicht den passenden Partner oder die Beziehung zerbricht. Manchmal sind sie dann schon Ende 30 und die Frage, wie sie sich den Kinderwunsch noch erfüllen können, drängt. Immer mehr alleinstehende Frauen in Deutschland suchen deshalb nach einem medizinischen Ausweg aus diesem Dilemma. Mit steigender Tendenz, wie Samenbanken und Ärzte bestätigen. Die Deutsche Vereinigung von Familien nach Samenspende, die sich kurz „DI-Netz“ nennt und die regelmäßig Samenbanken zu ihrer Praxis befragt, verzeichnet eine „massiven Zunahme“ der Anfragen von Singles und lesbischen Paaren in den vergangenen Jahren. Auch einige Kinderwunschkliniken öffneten sich zunehmend für die Behandlung von alleinstehenden Frauen, beobachtet die DI-Netz-Vorsitzende Claudia Brügge. Nach Recherchen bieten in Deutschland derzeit 14 von rund 140 Kliniken eine Behandlung von Single-Frauen an.

Mehr Single-Frauen setzen Kinderwunsch um

Die größte europäische Samenbank Cryos aus Dänemark verschickt inzwischen rund die Hälfte aller Spermaproben an alleinstehende Frauen. Geschäftsführer Peter Reeslev berichtet, dass seit einem Jahr deutlich mehr Bestellungen von Single-Frauen aus Deutschland eingingen. Auch die Berliner Samenbank, die erst seit einem Jahr diese Kundschaft beliefert, verzeichnet steigende Zahlen: Schon jetzt gehe jede fünfte Probe an eine Alleinstehende.

Den Grund, warum mehr Single-Frauen ihren Wunsch nach einem Kind auch allein umsetzen, sehen Experten in zwei politischen Änderungen. Zum einen kippte die Bundesärztekammer ihre Richtlinie, nach der Ärzte Singles und lesbische Paare von einer Kinderwunschbehandlung ausschließen sollten. Zum anderen gilt seit Juli 2018 das Samenspenderregistergesetz. Der Name des Spenders wird erfasst und gespeichert, sodass ein Kind und auch die Mutter erfahren können, wer der genetische Vater ist. Doch er wird nach diesem Gesetz juristisch von der Vaterschaft entbunden, ist also weder unterhaltspflichtig noch hat er einen Anspruch auf Umgang mit dem Kind. Die Mutter gilt damit als alleiniger Elternteil.

Das ist einer der Gründe dafür, warum eine Behandlung von alleinstehenden Frauen in Deutschland umstritten ist. Zu groß sind die Bedenken der Ärzte, in ethische, rechtliche und soziale Grauzonen zu geraten, wenn sie einer Frau zu einer alleinigen Elternschaft verhelfen. Viele befürchten, dass sie juristisch für die Entstehung des Kindes verantwortlich gemacht werden können. Aus diesem Grund lehnen es auch zahlreiche Samenbanken in Deutschland ab, ihre Proben an Single-Frauen zu verkaufen.

Der Gesetzgeber nehme in Kauf, dass Kinder gezeugt werden, die „statusrechtlich“ keinen zweiten Elternteil bekommen, kritisiert auch der Düsseldorfer Notar Stefan Wehrstedt. Helfen Ärzte Single-Frauen, obwohl sie ja genau genommen keine Krankheit behandeln, könne es passieren, dass sie dafür von den entstehenden Kindern zur Verantwortung gezogen werden. Das ist für Kritiker nur eine von vielen ungeklärten Fragen. Manche halten das Gesetz für lückenhaft. Es schließe Spenderkinder, die vor Inkrafttreten im Juli 2018 gezeugt wurden, aus. Und was ist mit Kindern, die mit einer Samenprobe zu Hause gezeugt werden und deren genetischer Vater sich nicht registrieren lässt?

Während die einen noch diskutieren, beobachten andere, dass sich die Lebenswirklichkeit längst verändert. Constanze Bleichrodt etwa. Die Geschäftsführerin der Cryobank in München spricht von einer Bewegung, die sich nicht mehr aufhalten lasse. Ihre Samenbank beliefert schon seit vielen Jahren auch alleinstehende Frauen. Seit der rechtlichen Veränderung werden es mehr. In diesem Jahr bestellten bis April 31 Single-Mütter Sperma bei ihrer Bank. Im gesamten Jahr 2018 waren es 51. Jede vierte Frau im Erstgespräch mit der Samenbank ist Single und Ende 30 oder Anfang 40. Die Single-Mutter als gesellschaftlicher Trend? Wohl kaum, meint Bleichrodt: „Die meisten Frauen hoffen, dass sie noch einen Partner finden. Für fast alle ist die Solomutterschaft der Plan B.“

Affäre, um ein Kind zu zeugen? Nie im Leben!

Als Sibylle Schwarz den Wunsch nach einem Kind nicht mehr wegschieben konnte, stand ihr Plan B schnell fest: Eine Affäre mit einem Mann, um ein Kind zu zeugen, wäre für sie nicht infrage gekommen. Genauso wenig eine Co-Elternschaft, bei der eine Frau und ein Mann zusammen ein Kind zeugen und die Elternschaft übernehmen, ohne ein Paar zu sein. Sie wollte keine Lügen, ungeregelte Verhältnisse, Konflikte mit dem biologischen Vater des Kindes. Sie hatte Nachbarn, Freunde und Eltern in der Nähe, die sie unterstützen wollten. Und sie ließ sich in einer Berliner Kinderwunschklinik behandeln.

Aus einer Fahrt zu der Praxis wurden viele. Über mehrere Jahre hinweg kam es zu sechs Versuchen mit künstlicher Befruchtung, für die sie zuvor das Sperma eines Spenders ausgewählt hatte. Schwarz überschlägt: 30.000 Euro kostete sie das insgesamt, die Fahrten von Hamburg nach Berlin zur Ultraschall-Kontrolle, Blutabnahme, Eizellentnahme und Transfer eingerechnet. Sibylle Schwarz wurde trotzdem nicht schwanger.

Weil die Ärzte ihr von weiteren Versuchen abrieten, da die Chancen mit Mitte 40 auf intakte Eizellen äußerst gering sind, entschloss sie sich zum letzten Schritt, der in Deutschland verboten ist. Sie ließ sich in einer Kinderwunschklinik in Spanien mit einer Eizellspende behandeln. Nachdem ihr die Ärzte in Barcelona die Eizelle einer fremden Frau eingesetzt hatten, die mit dem Sperma eines anonymen Spenders befruchtet wurde, ging sie durch die Stadt und konnte nicht mehr aufhören zu lächeln, erinnert sie sich. Sie fühlte sich zum ersten Mal mit Sicherheit schwanger. Nach neun Monaten kam Julian zur Welt.

Es wäre unendlich schmerzhaft gewesen, wenn sie ihren Kinderwunsch hätte aufgeben müssen, sagt Sibylle Schwarz heute im Rückblick. Wie es sich angefühlt hätte, merkt sie an dem leisen, ziehenden Schmerz, dem Abschied von einem weiteren Kind. Weil sie an Rheuma litt, entschied sie sich gegen ein Geschwisterkind für Julian. Es war eine rationale Entscheidung. Und auch eine Frage der Verantwortung.

„Ein Arzt ist kein Techniker“

Der Gynäkologe und Reproduktionsmediziner Heribert Kentenich behandelt seit vielen Jahren in einer Berliner Kinderwunschpraxis Paare und alleinstehende Frauen aus allen Teilen Deutschlands. Anders als viele andere hat Kentenich keine Bedenken wegen einer juristischen Grauzone. Er hält ein umfassendes Gespräch, in der sich die zukünftige Mutter noch einmal über die juristischen Aspekte klar wird, für wichtiger. Es gehe aber auch um die Frage nach ausreichender Unterstützung durch Freunde und Familie. „Ein Arzt ist kein Techniker, sondern er muss auch beraten“, sagt er.

Wie weit Ärzte beraten oder auch nicht, bleibt ihnen allerdings selbst überlassen. Einige Kliniken verlangen von alleinstehenden Frauen eine Sorgerechtsverfügung, die jemand mit unterschreibt, zum Beispiel ein Freund oder eine Verwandte. Damit will man sicherstellen, dass sich jemand um das Kind kümmert, wenn der Mutter etwas zustößt. Andere Kliniken belassen es dagegen bei der Unterschrift, dass der Patientin das Samenspenderregistergesetz bekannt ist. Manche Kinderwunschpraxis verpflichtet alleinstehende Frauen sogar zu einer psychosozialen Beratung, wo sie sich damit auseinandersetzen sollen, wie sie ihrem Kind später die Frage nach dem Vater erklären können. Und sich die Folgen dessen bewusst machen, dass sie das alleinige Elternteil sind. Es könnte negative Reaktionen von Bekannten, Kollegen oder Verwandten geben. Oder Vorwürfe, ob sie nicht egoistisch handelten – eine Frage, die man einer verheirateten Frau mit Kinderwunsch wohl kaum stellen würde.

Keinen Papa, aber einen Opa

Sibylle Schwarz findet, ihr Sohn sei mit vier Jahren noch zu jung für Erklärungen. Er wird nie erfahren, wer seine genetischen Erzeuger sind, denn in Spanien sind sowohl Sperma- als auch Eizellspende nur anonym möglich. Fest steht: Julian ist neun Monate lang in ihrem Bauch gewachsen, sie hat ihn zur Welt gebracht. Und sie ist nach deutschem Recht seine leibliche Mutter.

Wenn er größer wird, will sie ihm mit einem Buch erklären, wie er entstanden ist. Wer sie nach dem Vater fragt, dem sagt sie, dass Julian ein Spenderkind ist. Freunde, Kollegen, Erzieherinnen der Kita und Verwandte wissen ohnehin Bescheid. Sie selbst ist die Mama, das steht für sie außer Frage – und für ihren Sohn gibt es momentan auch noch keine weiteren. Einmal rief das Nachbarkind über den Zaun: „Julian hat keinen Papa!“ Noch bevor sie überlegen konnte, wie sie reagieren sollte, rief Julian zurück: „Aber ich habe einen Opa!“