Europäer jüdischen Glaubens wurden nach ihren Erfahrungen mit Antisemitismus gefragt. Das Ergebnis ist besonders für Deutschland und Frankreich alarmierend.

Folgt man der Polizeilichen Kriminalstatistik, erscheint die Sache klar. 1504 antisemitische Straftaten sind in dieser für das Jahr 2017 erfasst worden, 94 Prozent davon begangen von Tätern, die dem rechtsextremistischen Milieu zuzuordnen seien, fünf Prozent hätten einen muslimischen Hintergrund. Das ist übersichtlich, da grundsätzlich alle antisemitische Straftaten automatisch dem rechtsextremistischen Milieu zugeordnet werden, wenn kein expliziter Hintergrund ermittelt wird.

Doch das dürfte nicht einmal die halbe Wahrheit sein, will man das Phänomen der um sich greifenden Judenfeindlichkeit wirklich in den Blick nehmen. Sie ist inzwischen europaweit so tief verankert, dass viele Betroffene nicht mehr zur Polizei gehen. Knapp achtzig Prozent der Opfer meldeten nicht einmal schwerwiegende Vorfälle, heißt es in einer Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), weil sie den Eindruck haben, „dass eine Meldung nichts bewirken würde“.

Und so wird nicht gemeldet und taucht nicht in der Statistik auf, was eine online durchgeführte Umfrage unter 16395 Europäern jüdischen Glaubens in zwölf Ländern zu Tage fördert. 89 Prozent registrieren demzufolge in den vergangenen fünf Jahren zunehmenden Antisemitismus in ihrem Land – besonders ausgeprägt in Frankreich (95 Prozent) und in Deutschland (85 Prozent). Ebenfalls 89 Prozent sind besorgt über judenfeindliche Äußerungen im Internet, 73 Prozent stellen zunehmenden Antisemitismus im öffentlichen Raum fest, 71 Prozent in den Medien und siebzig Prozent in der Politik. 28 Prozent der Befragten sind im vergangenen Jahr mindestens einmal antisemitisch belästigt worden (in Deutschland 41 Prozent).

Eine traurige Spitzenposition

Am stärksten betroffen sind jene jüdischen Bürger, die als jüdisch zu erkennen sind, etwa weil sie Kippa tragen. Drei Prozent sind körperlich angegriffen worden. Mehr als ein Drittel der Befragten vermeidet es aus Sorge um die eigene Sicherheit, an jüdischen Festen und Veranstaltungen teilzunehmen, oder meidet jüdische Stätten.

Der Antisemitismus, hält die in Wien ansässige Agentur der Europäischen Union für Grundrechte fest, sei zum Bestandteil des Alltags geworden. Siebzig Prozent sind der Überzeugung, dass die Maßnahmen der Regierung ihres Landes gegen Judenfeindlichkeit wirkungslos sind, sodass 38 Prozent der in zwölf europäischen Ländern Befragten sich schon mit dem Gedanken getragen haben auszuwandern. Besonders hoch ist der Anteil in Deutschland und Frankreich (jeweils 44 Prozent) sowie in Belgien (42 Prozent). Diese drei Länder haben bei einer Vielzahl der Kategorien, die abgefragt wurden, eine traurige Spitzenposition inne.

Gefragt wurde schließlich auch nach den Tätern. Knapp ein Drittel der Befragten konnte zu diesen keine näheren Angaben machen. Knapp ein Drittel gibt an, die Täter hätten einen extremen muslimischen Hintergrund gehabt – in Deutschland ist der Anteil mit 41 Prozent am höchsten –, Täter mit linkem Hintergrund werden in 21 (Deutschland sechzehn), solche mit rechtsextremem Hintergrund in dreizehn (Deutschland zwanzig) und solche mit einem extremen christlich geprägten Hintergrund in fünf Prozent der Fälle genannt.

Zugleich sagen 37 Prozent der Befragten in Deutschland, sie hätten den Eindruck, Ressentiments gegen Muslime hätten stark zugenommen, 39 Prozent meinen, sie hätten leicht zugenommen.

Von all dem weiß die Polizeiliche Kriminalstatistik nichts. Wie wenig sie für die Debatte in Politik und Gesellschaft mit Blick auf den Antisemitismus taugt, zeigt die Befragung der EU. Wenn achtzig Prozent von mehr als sechzehntausend befragten jüdischen Europäern sagen, sie gingen schon gar nicht mehr zur Polizei, weil das ohnehin nichts nutze, und in Deutschland 41 Prozent im vergangenen Jahr antisemitisch angegangen worden sind, zeigt sich einmal mehr: Es hat viel zu lange gedauert, bis Vertreter jüdischen Lebens in Europa, angefangen bei der französischen Philosophin Elisabeth Badinter, mit der schon flehentlichen Mahnung Gehör gefunden haben, dass man sie mit der gerade in den letzten Jahren und im Zusammenhang mit der Migration rapide angewachsenen Judenfeindlichkeit nicht allein lassen dürfe.

Die Berufung des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung im Frühsommer dieses Jahres kam keinen Tag zu früh. Schaut man darauf, dass annähernd die Hälfte der jüdischen Deutschen schon daran gedacht hat auszuwandern, ist es vielmehr schon fast zu spät.