Kehrt die Euro-Krise zurück, droht ein Angriff auf die Globalisierung? Wer hat die Macht über die Börse? Und wie ungleich sind die Vermögen verteilt? Sechs Grafiken verraten, wo die Welt in Schieflage geraten ist.

Es ist der Fluch der Digitalisierung: Alles, was gemessen werden kann, wird auch gemessen. Die Fülle widersprüchlicher Informationen vernebelt aber eher, als dass sie aufklärt. Allzu leicht geraten die globalen Herausforderungen aus dem Blick: Die Euro-Krise könnte zurückkehren, ein Angriff auf die Globalisierung wäre möglich oder eine zunehmende Machtkonzentration an der Börse, in der Tech-Branche und bei den Vermögen. Wie es im 21. Jahrhundert um die Welt bestellt ist und was deshalb wirklich wichtig ist, zeigen diese sechs Grafiken.

Euro-Krise reloaded?

Wenn es ein Endspiel um den Euro gibt, dann ist das Spielfeld dieses Endspiels mit hoher Wahrscheinlichkeit Italien. Und wie hoch die Risiken sind, lässt sich nirgends besser ablesen als am Anleihenmarkt. Dort wird das Vertrauen in die Zukunft der italienischen Euro-Mitgliedschaft in Echtzeit gehandelt. Für die jüngste Vergangenheit lautet der Befund: In den letzten Jahren war in dieser Hinsicht nur noch ein großer Spieler zuversichtlich, die Europäische Zentralbank (EZB) nämlich. Seit 2015 hat die EZB italienische Staatsanleihen in Höhe von 364 Milliarden Euro gekauft.

Das Problem ist nur: Das Anleihenkaufprogramm, das für den Appetit verantwortlich war, ist Ende 2018 ausgelaufen. Einstweilen erledigt Italiens privater Kreditsektor den Job und saugt die Schuldtitel auf. Doch wie lange wird er die Masse an Anleihen aufnehmen können und so verhindern, dass der Zins in gefährliche Höhen schießt?

Während der Blick vieler Investoren meist auf die Risikoaufschläge (Spreads) fällt, die Rom etwa gegenüber deutschen Anleihen draufzahlen muss, ist ein anderer Chart viel aussagekräftiger. Die Spreads steigen und sinken mit der Tagesverfassung des Marktes, werden von der EZB beeinflusst oder von den heimischen Geldhäusern getrieben.

Das entscheidende Barometer ist jedoch das Kernvertrauen großer Investoren in die Zukunftsfähigkeit des Euro-Staates, und da lässt sich ablesen, dass Italien zuletzt nur noch die EZB und die heimischen Banken die Stange hielten. Wenn sich die Zentralbank nach dem Ende der Anleihenkäufe zurückzieht, zeigt sich, ob der Kaiser in Rom nackt da steht oder sich Investoren finden, die im Land von Leonardo da Vinci und der Agnelli-Familie langfristiges Potenzial sehen.

De-Globalisierung

Handel ist der Herzschlag der globalen Ökonomie. Ein Rückgang verheißt in der Regel nichts Gutes für die Weltkonjunktur. Zuletzt machte der Güteraustausch nur noch 55 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung aus. Vor der Finanzkrise waren es schon einmal 60 Prozent. Untypisch an der jetzigen Situation: Erstmals ist der Welthandel in Zeiten einer globalen Expansion rückläufig. Das zeugt von der Verunsicherung, die die Handelskonflikte gesät haben. Setzt sich der Trend fort, wäre es die erste De-Globalisierung seit dem Zweiten Weltkrieg.

Charakteristisch für die derzeitige Phase ist ein Rückzug in nationale Kategorien und eine Infragestellung des Multilateralismus – selbst durch Staaten, die ihn ursprünglich mit vorangetrieben hatten, namentlich die Vereinigten Staaten. Ablesbar wird die De-Globalisierung auch am Einbruch der grenzübergreifenden Direktinvestitionen. Investierten Unternehmen 2015 noch mehr als 600 Milliarden Dollar im Ausland, waren es 2018 nur noch rund 200 Milliarden Dollar. Die Auslandsinvestitionen haben sich also gedrittelt, wobei der der große Einbruch in die Amtszeit von US-Präsident Donald Trump fällt. Eine Trendwende ist nicht abzusehen.

Sollten die Investitionen wieder anziehen, würde das auf eine Wiederbelebung des weltweiten Handels hindeuten. Doch in der Vergangenheit dauerten Phasen der De-Globalisierung nicht selten mehrere Jahrzehnte.

Vermögenskonzentration

Zu den Errungenschaften des Kapitalismus gehört es, Milliarden Menschen aus bitterer Armut befreit zu haben. Vor allem der Aufstieg Chinas zur Wirtschaftsmacht hat dazu geführt, dass die Zahl der extrem armen Menschen seit dem Jahr 1990 von 1,9 Milliarden auf zuletzt 736 Millionen gesunken ist. Weil die Weltbevölkerung zugleich auf 7,5 Milliarden Menschen zugenommen hat, ist der Anteil dieser Ärmsten der Armen an der Weltbevölkerung von über einem Drittel auf ein Zehntel gesunken. Als extrem arm gilt, wer von 1,90 Dollar oder weniger am Tag leben muss.

Bei den Vermögen hingegen kann von einer Angleichung keine Rede sein: Rund 3,2 Milliarden Menschen besitzen nach Angaben des Wealth Report der Schweizer Großbank Credit Suisse weniger als 10.000 Dollar. Das sind 64 Prozent aller Erwachsen auf dem Planeten. Zusammengenommen besitzt dieses Heer der relativ Armen 1,9 Prozent des globalen Vermögens. Am anderen Ende der Wohlstandsskala stehen 42 Millionen Personen oder 0,8 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung, die über mehr als eine Million Dollar verfügen können. Die Reichen der Welt halten insgesamt mit 142 Billionen Dollar 45 Prozent des globalen Vermögens.

Die globale Mittelschicht dazwischen besitzt gut die Hälfte der Vermögensgegenstände. Sie gliedert sich in Individuen mit 10.000 bis 100.000 Dollar Vermögen, das sind immerhin 1,3 Milliarden Menschen und weitere 436 Millionen, die zwischen 100.000 und einer Million ihr Eigen nennen. Diese Ungleichverteilung könnte sich für die Demokratie als Sprengstoff erweisen, da sich die subjektive Wahrnehmung der Menschen, also ob sie sich nun reich oder arm fühlen, stets am relativen Vergleich orientiert. Zu einer Zuspitzung kann es vor allem in Bereichen oder Ländern kommen, wo die Großvermögen nicht selbst erarbeitet sind und sich die Durchlässigkeit als gering darstellt.

Das US-Magazin „Forbes“ berichtet noch über eine weitere interessante Zahl: Im Jahr 2018 lebten auf dem Planeten so viele Milliardäre wie nie zuvor: Demnach haben 2208 Menschen ein Vermögen von einer Milliarde Dollar oder mehr angehäuft. Das ist ein neuer Rekord, angetrieben durch neue Superreiche aus den Schwellenländern sowie diverse Internet-Sektoren. Das Netz erlaubt die Schaffung großer Vermögen in rasantem Tempo. Seit der Finanzkrise hat sich die Zahl der Milliardäre verdoppelt.

Machtballung

Wem gehört die Welt? Diese Frage lässt sich alles andere als leicht beantworten. Außer vielleicht am amerikanischen Aktienmarkt: Ein immer größerer Teil der Anteilscheine befindet sich in den Händen der drei großen ETF-Anbieter, das sind Blackrock, Vanguard und State Street. Auf sie entfallen 18,4 Prozent der Marktkapitalisierung der 500 größten US-Konzerne. Seit 2002 hat sich ihr Anteil am S&P500 damit verdoppelt.

ETF sind börsengehandelte Indexfonds, deren Positionen nicht durch einen Fondsmanager bestimmt werden, sondern strikt dem Index folgen. So faszinierend dieses Prinzip für Sparer ist, so doppelbödig und riskant ist es für das Wirtschaftssystem. Jede Machtballung birgt die Gefahr, dass das Kapital falsch verteilt und zugeordnet wird und zugleich Innovativen nicht mehr unterstützt und vorantreibt. Bleibt die kreative Zerstörung auf der Strecke, werden Ökonomien träge und weniger produktiv. Problematisch ist auch die „horizontale Konzentration“, die mit dem Vormarsch der Indexfonds einhergeht. Damit ist die Macht über eine ganze Branche gemeint: Wenn Anbieter wie Blackrock gleichzeitig große Anteile an Autokonzernen wie VW, BMW, Daimler oder GM halten, dann haben die Anteilseigner kein gesteigertes Interesse daran, für Wettbewerb in der Branche zu sorgen. Stabile Margen sind dann wichtiger als ein aggressiver Wettbewerb.

Monopolisierung

Wenn eines das Internet kennzeichnet, dann das Winner-takes-it-all-Prinzip. Der Netzwerkeffekt führt dazu, dass jeder zusätzliche Nutzer den Wert einer Plattform steigert und diese damit für weitere Nutzer attraktiver macht. Der Zweit- oder Drittplatzierte hat das Nachsehen und wird mit der Zeit marginalisiert. Es gibt also eine Tendenz zur „natürlichen“ Monopolbildung. Der Effekt wurde dadurch verstärkt, dass die Kartellbehörden der westlichen Welt dem Konzentrationsprozess sogar noch Vorschub leisteten, indem sie Übernahmen in der digitalen Wirtschaft großzügig genehmigten.

So durfte der Suchmaschinen-Riese Google den Online-Vermarkter Doublecklick schlucken, auch gegen den Kauf von WhatsApp und Instagram durch Facebook gab es keine nennenswerten Einwände der Wettbewerbshüter. Das hat dazu geführt, dass der wichtige Markt für Internet-Werbung hoch konzentriert ist. Sichtbar wird die hohe Konzentration im Tech-Bereich auch an der Börse. Dort bringen die größten zehn Spieler mehr als 40 Prozent der kompletten Branchenkapitalisierung auf die Waage. Damit ist die Ballung von wirtschaftlicher Macht stärker als im Pharma-Sektor, der wegen der hohen Forschungskosten als hoch konzentriert gilt. Die Big Ten vereinigen hier jedoch lediglich auf ein Drittel der Marktkapitalisierung der gesamten Branche auf sich.

Der Hang zu Größe ist in den USA besonders ausgeprägt. Dort existieren heute nur noch zwei große Bierbrauereien, nur noch eine Handvoll Airlines oder Kabelanbieter, und auch im Bankensektor zeigt sich eine beachtliche Konzentration. Diese Tendenz wird zusätzlich durch stärkere Regulierung begünstigt, die es neuen oder kleineren Anbietern schwer macht, am Markt mitzumischen. Insgesamt lässt sich trotz der technischen Umwälzungen eine geringere volkswirtschaftliche Dynamik diagnostizieren: Statistiken des US Census Bureau zeigen, dass der Anteil der Marktein- und Marktaustritte in den vergangenen Jahrzehnten stark gesunken ist. Mangelt es jedoch an dieser „schöpferischen Zerstörung“, beraubt sich eine Ökonomie langfristig der Chance auf höhere Produktivität und höheres Wachstum.

Risikokapitalmangel

Deutschland mangelt es an Aktienkultur. Das ist keine Neuigkeit. In Zeiten aber, in denen neue Geschäftsideen in einem relativ frühen Stadium viel Kapital brauchen, wird das zum Problem. Auf der einen Seite ziehen sich Banken hierzulande auch wegen der immer strengeren Regulierung aus der Unternehmensfinanzierung zurück. Auf der anderen Seite ist eine Geldquelle unterentwickelt, die im Ausland große Bedeutung hat: Risikokapital, sogenanntes „venture capital“, kurz VC.

Der Mangel an Risikokapital hängt unmittelbar mit der fehlenden Aktienkultur zusammen. Denn Risikokapital ist darauf angewiesen, dass ein tiefer Kapitalmarkt existiert, an dem die Kapitalgeber die von ihnen groß gemachten Start-ups platzieren können. Ohne einen solchen Exit-Kanal ist es für VC-Gesellschaften schwieriger zu operieren. In Deutschland jedoch bringen es alle börsengehandelten Aktiengesellschaften auf einen Marktwert von umgerechnet zwei Billionen Dollar. Das sind lediglich 2,8 Prozent der weltweiten Marktkapitalisierung. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt hingegen steht für knapp fünf Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.

Die mangelnde Aktienkultur ist nicht allein Folge der „German angst“, die private Anleger vor Wertpapieren zurückschrecken lässt, die als riskant empfunden werden. Hinzu kommt ein regulatorisches Handicap: In Deutschland gibt es weder einen Staatsfonds, noch dürfen große Kapitalsammelstellen wie Versicherungen oder Sozialversicherungsträger das Geld am Aktienmarkt investieren.