Es ist ein bizarres, verstörendes Schauspiel. 36 vollkommen durchnässte, entkräftete Menschen lassen sich stundenlang auf einem Schlauchboot von meterhohen Wellen durchschütteln, Blitze zucken durch die Dunkelheit, der Schleuser brüllt: „Schnauze halten!“ Viele übergeben sich.

Doch es ist nicht die dunkle Nacht über dem Mittelmeer, es sind auch keine Flüchtlinge aus Afrika oder Syrien auf diesem Schlauchboot. Diese „Hölle“ befindet sich in einer dunklen Schwimmhalle mitten in Norddeutschland. In einem maritimen Übungszentrum simulieren TV-Komparsen und Umwelt-Aktivisten die Überfahrt von Afrika nach Europa.

Was soll das?

Hintergrund der Aktion: Die Hilfsorganisation „Sea-Watch“, die mit Schiffen und Schlauchbooten Flüchtlinge aus Seenot rettet und sich aus Spenden finanziert, hat für einen Image-Film alles inszeniert.

Sie sollen sich hilflos, ausgeliefert fühlen: Mit verbundenen Augen sitzen die Teilnehmer in einem Lkw, einige lachen (noch)

Fünf Stunden lang wird das Schlauchboot für den Film in dem Trainings-Wellenbad durchgeschüttelt, nachdem die Insassen mit Augenbinden auf einem Lkw herangekarrt worden waren.

Ein Teilnehmer des Experiments hat nach Stunden entkräftet abgebrochen, wird von einem Helfer betreut

Kunstnebel, Kunstblitze, das mitgebrachte Trinkwasser an Bord ist salzig und ungenießbar. Es gibt zu wenige Schwimmwesten, alle klammern sich aneinander. Im Wasser warten Taucher, um die in Sicherheit zu bringen, die entkräftet über Bord gehen.

Noch mal: Was soll das?

Michael Schwickart (58) von „Sea-Watch“: „Die Not von Flüchtenden wirkt auf uns hier in Deutschland oft weit weg. Dass dabei unsere Migrationspolitik den Tod Tausender billigend in Kauf nimmt, wird verdrängt. Wir wollen mit dem Experiment zum Nachdenken über fundamentale Menschenrechte anregen.“

US-Filmemacher Skye Fitzgerald (49) drehte für „Sea-Watch“ den Image-Film

Aber ist das nicht zynisch den Menschen gegenüber, die sich unter echter Lebensgefahr in die Hände skrupelloser Schleuser und in deren Schlauchboote begeben? Und den Tausenden, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa jämmerlich ertrinken?

Schwickart: „Natürlich kann das Experiment nicht das tatsächliche Ausmaß des Leidens zeigen. Menschen, die über das Meer fliehen, sehen tagelang kein Land und wissen, dass ihre Chance auf Rettung, ja auf Überleben, gering ist. Ihre Erlebnisse flossen in die Vorbereitungen des Experiments ein.“

Das Ergebnis dieses „Experiments“, ein 9-Minuten-Film, wird auf der Homepage von „Sea-Watch“ veröffentlicht. Ab heute wird in Kinos ein Trailer gezeigt.