Das Wort „Flygskam“ – Flugschämen – ist mittlerweile in ganz Schweden bekannt. Wer in der Heimat von Klima-Aktivistin Greta Thunberg fliegt oder sich sonst unökologisch verhält, steht am Pranger. Der Druck kommt meist aus einem bestimmten Milieu.

Ein junge blonde Frau posiert mit gebräunten Beinen vor der Wolkenkratzerkulisse New Yorks. Das Bild einer schwedischen Influencerin hat Tausende Likes auf Instagram bekommen. Noch ein Klick, und auf dem Bild erscheint eine weniger romantische Botschaft: „Los Angeles–Milano–Stockholm–Los Angeles–Ottawa–Toronto–Los Angeles–Aspen“.

Klick. „28,6 Tonnen CO2 seit 2018.“ Es ist der von der abgebildeten Frau verursachte Kohlendioxidausstoß. Dieser wurde von den anonymen Gründern eines neuen Instagram-Kontos berechnet und veröffentlicht. Ohne das Einverständnis der Frau.

Traumbilder aus fernen Ländern wecken in Schweden nicht mehr nur Bewunderung. Der Hashtag #flygskam (deutsch: #Flugscham) ist Teil einer Dynamik, die Schwedens Gesellschaft erfasst hat. Wer eine Flugreise macht oder dem Klima auf irgendeine Art und Weise schadet, der soll sich schämen.

In dem skandinavischen Land, wo die Scham schon lange aus historisch-soziologischen Gründen eine sehr große Rolle spielt, ist ein ökologisch unkorrekter Lebensstil inzwischen zum Tabu geworden.

Das Instagram-Konto „Aningslösa Influencers“ (deutsch: Ahnungslose Influencer) publiziert regelmäßig Bilder von Personen, die angeblich gedankenlos in ein Flugzeug steigen. „Wir machen Influencer auf ihren ökologischen Fußabdruck aufmerksam“, schreiben die anonymen Gründer. Deren Kohlendioxid-Berechnungen folgen inzwischen mehr als 60.000 Menschen auf Instagram.

Die Influencer selbst reagieren unterschiedlich. Einige blockieren das Konto, andere klagen über angeblich fehlerhafte Berechnungen – wieder andere erklären, sie wollten in Zukunft weniger fliegen. Flugscham garantiert.

Die Schweden haben Luther auf der Schulter, geht ein Sprichwort. Soll heißen, strenge protestantische Moralvorstellungen prägen das Land bis heute stark. In dem nordischen Staat, in dem es der Mehrheit der Bevölkerung materiell gut geht, ist das Schuldgefühl ein ständiger Begleiter. Am liebsten zeigen die Schweden einander, wie hart sie gearbeitet haben, um etwas zu bekommen. Wer seine Privilegien einfach nur so genießt, soll sich schämen.

Eng mit der Scham verbunden ist das sogenannte Jantelag, übersetzt etwas: Das Jante-Gesetz. Der in ganz Skandinavien gebräuchliche Begriff stammt aus einem Buch des dänisch-norwegischen Schriftstellers Aksel Sandemoses. In seinem 1933 erschienenen Roman „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ beschreibt der Autor den Anpassungsdruck in einem Dorf namens Jante.

Die nach dem Dorf benannte Regel, die den Schweden von Kindheit an eingebläut wird, besagt: Niemand soll in der schwedischen Gesellschaft denken, sie oder er wäre mehr wert als jemand anderes. Prahlen ist die größte Sünde eines Schweden. Wer zum Beispiel in sozialen Medien zeigt, wie ihm ein Frühstück auf einer idyllischen Insel ans Bett gebracht wird – der hat das Jantelag definitiv gebrochen.

Die Konsumforscherin Sofia Ulver kennt sich mit der schwedischen Kultur des Schämens aus. „Ich würde sagen, dass das Schamgefühl in Schweden stärker verbreitet ist als in anderen, größeren Ländern.“ Ihre These: Im relativ bevölkerungsarmen Schweden – wo nur zehn Millionen Menschen leben – sei der Zusammenhalt groß. Aber es gebe auch eine stärkere Tendenz, Menschen mit abweichenden Meinungen auszustoßen.

Die Debatte über das Fliegen hat ihrer Meinung nach gar nicht so viel mit dem Klimawandel zu tun. Es sei keine ökologische Frage, sondern eine soziologische. Flugreisen waren demnach lange Zeit ein Statussymbol der Mittelschicht.

Nun aber seien Flugreisen in Schweden auch für die unteren Schichten erschwinglich. Das neue Ideal der Mittelschicht ist es nun plötzlich, nicht mehr mit dem Flugzeug zu reisen. „Der Reiseverweigerer gewinnt mit seinem politischen Pathos, seiner Disziplin und seiner bewundernswerten Selbstaufopferung“, erläutert Ulver in einem Beitrag in der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“. Distinktion mithilfe moralischer Überhebung.

„Die Mittelschicht will andere erziehen“

An einem Tisch in ihre Küche in Gottsunda, einem Vorort der schwedischen Stadt Uppsala nördlich von Stockholm, sitzt Carmen Blanco Valer. Sie lacht, als sie über das plötzliche Klima-Erwachen der schwedischen Mittelschicht spricht. Sie hätte lieber Menschen mit anderen Erfahrungen als Frontfiguren der Klimadebatte gesehen.

„Die privilegierte Mittelschicht will alle anderen erziehen. Aber ich bin Ureinwohnerin, ich weiß, wie man mit der Natur umgeht“, sagt die gebürtige Peruanerin. Blanco Valer ist Klima-Sprecherin der Feministischen Partei in Schweden. Sie findet, dass die Klimabewegung zu wenig an die unteren Klassen der Gesellschaft denke.

Sie benutze oft eine komplizierte Sprache, nehme die Perspektive der Wohlhabenden ein – und habe wie so oft in der Mittelschicht die Tendenz, andere Menschen belehren zu wollen. „Menschen, denen immer gesagt wird, wie sie alles machen sollen, fühlen sich provoziert. Zudem sich das Leben der Mittelklasse oftmals stark von deren Erfahrungen unterscheidet.“

Als Lehrerin trifft Blanco Valer jeden Tag Menschen aus vielen verschiedenen Ländern. Menschen, von denen viele nach Schweden eingewandert sind. „Manche fliegen jedes dritte oder vierte Jahr, um ihr Heimatland zu besuchen. Ich nenne das ,Familienflüge‘. Soll man sich dafür schämen?“ fragt sie.

Die Debatte über das Fliegen spielte auch eine prominente Rolle bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr. Hier zeigte sich ebenfalls, dass es vor allem die Debatte eines bestimmten Milieus ist. Die Flugscham-Anhänger sind zwar laut, die Nation aber ist gespalten.

So forderten Politiker von konservativen und liberalen Parteien, die Besteuerung von Flügen abzuschaffen. Sozialdemokraten, Grüne und Linkspartei wollten sie behalten. Am Ende blieb die Besteuerung. Die Parteivorsitzende der Grünen, Isabella Lövin, feierte zunächst zwar den Sieg, kam dann jedoch wegen ihrer eigenen Flugreisen – oftmals in der Business Class – massiv unter Druck.

In der Debatte über das Flugschämen ist die Gesellschaft gespalten – ähnlich wie bei vielen ökologischen Themen in Deutschland. Nur dass in Schweden noch vehementer diskutiert wird. Einer Umfrage der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“ zufolge sahen im Jahr 2017 noch 44 Prozent der Menschen die Besteuerung von Flügen als sinnvoll an, 2018 waren es schon 53 Prozent.

Immer mehr Schweden schämen sich also inzwischen dafür, in ein Flugzeug zu steigen. Aber hat sich dadurch auch die Zahl der Flugreisen reduziert? Die Statistiken liefern ein gemischtes Bild. Die Zahl der Flüge innerhalb Schwedens sank von 2017 bis 2018 von 7,9 Millionen Flügen auf knapp 7,7 Millionen. Zugleich stieg die Zahl der Auslandsflüge von schwedischen Flughäfen von 30,9 Millionen auf 31,6 Millionen.

Zumindest die Wachstumrate von Flugreisen ins Ausland war im vergangenen Jahr geringer als im Jahr zuvor. Allerdings ist es schwer, zu sagen, ob diese Entwicklung nur mit der Flugscham-Debatte zusammenhängt. Höhere Steuern, ein ungewöhnlich heißer Sommer, die Pleite einer Airline sind andere potenzielle Faktoren, die zu dem Minus beigetragen haben könnten.

Auch bleibt die Ökobilanz der Schweden schlecht. Jeder Schwede stößt durch das Fliegen im Durchschnitt fünfmal mehr Kohlendioxid aus als der weltweite Durchschnitt. Das heißt, 1,1 Tonnen CO2 pro Kopf, entsprechend den Berechnungen der Technischen Hochschule Chalmers in Göteborg. Das Umweltbundesamt berechnet den deutschen Durchschnitt mit 0,56 Tonnen.