Schüler demonstrieren, um den angeblich so trägen Alten mal richtig Beine zu machen. Ihr Engagement in allen Ehren: Messianisch ist nichts daran. Junge Menschen mischten in der Geschichte auch tatkräftig bei Krieg und Faschismus mit.

In den westlichen Gesellschaften hat sich ein geistiger Jugendkult breitgemacht. Er zeigt sich schon darin, dass im Diffamierungsetikett „alter weißer Mann“ das Wort „alt“ den Dreiklang vermeintlich zerstörerischer Eigenschaften eröffnet und klarmachen soll: Von dem so benannten sind keine satisfaktionsfähigen Äußerungen und Handlungen mehr zu erwarten. Die Verzweiflung über die politische Düsternis bringt einen quasireligiösen Jugendglauben hervor. Man schreibt den glatten Gesichtern Messianisches zu.

So liest man über den Brexit immer wieder, nur die Alten seien dafür. Die Jungen dagegen lehnten den Abschied von Europa mit überwältigender Mehrheit ab, heißt es triumphierend. So als besage schon diese angenommene Verteilung von Ansichten, welche Seite im Recht sei und welche im Unrecht. Meist folgt dann der Nachsatz: In ein oder zwei Jahrzehnten, wenn die ganzen Alten „weggestorben“ seien, werde sich Großbritannien schon wieder besinnen.

Auch die Klimademonstranten schreiben sich selbst ein gewissermaßen angeborenes Rechthaben zu. Von wohlwollenden Älteren wird ebenfalls so getan, als wäre eine geringe Zahl an Lebensjahren allein ein Argument. Die rhetorischen Figuren, mit denen das geschieht, attestieren der Jugend ein besonders erleuchtetes Verhältnis zur Zukunft. Diese sieht man quasi als exklusiven Besitz der Jüngeren an, denn wir Älteren sind ja eh weg, bevor sie eintritt.

Das ist natürlich logischer Humbug, weil von der unendlich langen Zeit, die sich bis zum Ende der Welt vor uns erstreckt, die Jugend nur ein winziges Fitzelchen mehr miterleben wird als jemand, der heute 40 oder 70 ist.

Außerdem wird Menschen unter 25 in dieser Vorstellung eine schärfere Erkenntnis künftiger Verhängnisse zugeschrieben. So, als bringe die Tatsache, dass man mehr Zukunft vor sich habe als die Elterngeneration, irgendeine prophetische Weitsicht hervor, während die Alten mit Zukunftsblindheit geschlagen sind. Auch dies ist Unfug: Wer in seinem Leben schon etliche Umbrüche und Transformationen durchlebt hat, hegt sehr wahrscheinlich klarere Ideen davon, welche Herausforderungen auf die Menschheit zukommen.

Die Jugend hat sogar eine eigene Form des störrischen Konservativismus. Mit 20 stellt man zwar schonungslos infrage, was die Vorgängergenerationen getan und geglaubt haben. Man hält sich selbst aber für das Endziel der Geschichte, an dem diese gefälligst stehen zu bleiben habe, und will nicht wahrhaben, dass die nächsten Generationen die Überzeugungen von 2019 vielleicht schon wieder genauso für antiquierten Quatsch halten werden.

Historisch gesehen ist die Idee, dass die Jugend gegenüber dem Alter einen eingebauten Weisheitsvorsprung habe, ohnehin recht neu und außergewöhnlich. Sie überträgt eigentlich nur den seit der Nachkriegsepoche grassierenden Jugendkult der Popkultur auf Politik und Gesellschaft. Viele sehr erfolgreiche und lang existierende Gesellschaften hielten die Jugend für eine Phase geistiger Unklarheit und Wirrsal, die man rasch hinter sich bringen müsse.

Das galt nicht nur für das vieltausendjährige China. Der englische Titel Alderman für einen politischen Beigeordneten erinnert bis heute daran, dass man auch in germanischen Gesellschaften Alter für die wichtigste Eigenschaft eines politisch Leitenden ansah. Im antiken Rom hieß das wichtigste politische Entscheidungsgremium Senat – nach „senex“ (bejahrt), weil es ursprünglich ein Ältestenrat war. Und noch im deutschen Kaiserreich, den USA und den anderen jungen Staaten des 19. Jahrhunderts ließen sich Mittzwanziger Weihnachtsmännerbärte wachsen, um älter zu wirken, weil man die Jugend für unzuverlässig und leichtsinnig hielt.

Mit Recht. Beim Blick zurück in die Geschichte drängt sich die Frage auf: Wann hatte die Jugend eigentlich jemals recht? Etwa 1914, als sehr junge deutsche Soldaten, sich im nationalen Wahn kugelfest wähnend, auf die englischen Maschinengewehre bei Langemarck zurannten? Oder in der chinesischen Kulturrevolution? Oder auf den Killing Fields von Kambodscha, wo junge Menschen die Vertreter der alten Gesellschaft mit roher Kraft in Handarbeit erschlugen? Als in den 60er-Jahren die Zerstörung westlicher Gesellschaften durch Drogen, Selbstverwirklichung und hirnlose Promiskuität begann?

Jugendliche Kraft, jugendliche Bedenkenlosigkeit

Mir fällt gerade wirklich kein Beispiel ein, bei dem die Jugend recht gehabt hätte. Etwa beim Mongolensturm, als junge Menschen auf Pferden die Welt verheerten und Abermillionen Menschen töteten, um entvölkerte Landstriche als Pufferzonen zwischen sich und ihre Eroberungen zu legen? Beim Kinderkreuzzug? Oder als junge abenteuerlustige Konquistadoren und Landräuber auf der Suche nach Zukunftsperspektiven die indigenen Gesellschaften Amerikas ausradierten?

Die großen Angriffs- und Vernichtungskriege, Revolutionen und sonstige Gewaltexzesse sind nie von Älteren begangen worden, sondern von jungen Menschen. Sie allein hatten die Kraft für so etwas, aber auch die Bedenkenlosigkeit. Mit 20 hält man sich nicht nur selbst für unsterblich, sondern hat oft genug auch einen unterentwickelten Sinn für das Leben der anderen. Das Bild vom reptilienkalten Alten, dem das Leben egal geworden ist, stimmt nicht.

Wer Kinder großgezogen hat, wer Jahrzehnte im Beruf mit Menschen ganz anderer Art klarkommen musste, der entwickelt Empathie, die dem um sich selbst kreisenden Teenager fremd ist. Deshalb haben sich die großen Massenmörder der Vergangenheit immer an die Jugend gewandt. Sie war eine bedenkenfreie, bindungs- und besitzlose, notgeile Hetzmeute, die sich jedem Killer zur Verfügung stellte, wenn er Abenteuer, Abwechslung und Veränderung versprach.

Auch der Holocaust war keine Verschwörung der Alten. Adolf Hitler war 44 Jahre alt, als er an die Macht kam. Seine ausführenden Mörder und Folterer waren meist blutjung. Das ist die bittere Wahrheit hinter der Tatsache, dass heute noch uralte Nazimörder verhaftet und verurteilt werden können. SA und SS waren Jugendbewegungen, deren Lieder zukunftsgewiss prahlten: „Es zittern die morschen Knochen“ und „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“. Die Öfen und Gaskammern in den Vernichtungslagern wurden von Menschen um die 20 bedient.

In den mitprotokollierten Lagebesprechungen im Führerhauptquartier schwärmt Hitler vom besonderen Fanatismus (für die Nazis eine positive Eigenschaft) von Einheiten wie der SS-Division „Hitlerjugend“, die aus jungen, rücksichtlosen Kämpfern bestand. Und noch in seinem politischen Testament 1945 führt der Diktator sein Scheitern darauf zurück, dass er seine nationalsozialistische Revolution mit zu vielen Menschen alten Typs durchführen musste.

Das alles sollte nun aber nicht in wilden politischen Analogieschlüssen darauf hinauslaufen, die Klimademonstranten als gleichgeschaltete Krypto-Nazihorden zu verunglimpfen und Greta Thunberg als eine Leni Riefenstahl der Ökobewegung darzustellen. Solche vorschnellen Denkfiguren und maulflotten Verunglimpfungen überlassen Ältere der Jugend. Es ist vielmehr grundsätzlich sympathisch, dass die Jugend, die sich in der Menschheitsgeschichte eher für Mord, Vergewaltigung, Plünderung, Brandschatzung und Zerstörung engagiert hat, neuerdings lieber friedlich für die Bewahrung des Lebens kämpft.

Vielleicht hat sie ja sogar recht mit ihren apokalyptischen Ängsten – auch wenn jemand, der in seinen Fünfzigern schon etliche Weltuntergangsszenarien überlebt hat, sich nicht uneingeschränkt mitfürchten kann. Idealistische Dringlichkeiten waren immer ein Vorrecht der Jugend, und es ist schön, wenn sie diesmal nicht dazu führen, dass die jungen Massen mit Spaten und Kalaschnikow gleich wieder alles kaputt schlagen wollen.

Nur beweist die Tatsache, dass sie jung sind, eben noch gar nichts. Jung sein ist kein Argument. Der Brexit mag ein Irrweg sein, aber er ist nicht falsch, weil Alte ihn wollen. Und die Kohlekraftwerke und Autos, deren Elimination die Jugend heute so dringend verlangt, sind irgendwann früher einmal von anderen jungen Leuten gebaut und erfunden worden, weil sie damals die ganz neue Antwort auf die Probleme der Welt waren.