Mehr und mehr Bundesländer verbieten die Unterrichtsmethode Schreiben nach Gehör, weil sich die Rechtschreibung von Grundschülern verschlechterte. Ein Schritt in die richtige Richtung oder purer Aktivismus? Die Kritik an diesem Vorgehen wächst.

Das Thema scheint so heikel zu sein, dass kaum jemand offen darüber sprechen möchte. Ein renommierter Forscher reagiert zögerlich auf eine Gesprächsanfrage; er wisse nicht, ob er der Autorin dieses Textes „vertrauen“ könne. Eine andere Wissenschaftlerin schreibt knapp, sie sehe „keine Grundlage für ein Interview“. Ein Mitglied eines großen Berufsverbandes, zunächst bereit für ein Telefonat, wird während des Gesprächs immer misstrauischer. Man möge ihm alle Zitate vorab schicken, da sich das Interview „anders als geplant“ entwickelt habe.

Dabei geht es nicht um brisante Themen wie Waffenlieferungen, illegale Parteispenden oder einen Medizinskandal. Sondern um das Schreibenlernen im Grundschulunterricht.

Dieses Schreibenlernen – oder besser Nichtschreibenlernen – steht in der Kritik. Seit Jahren ist klar, dass die Rechtschreibleistungen von Grundschülern immer schlechter werden. Zuletzt diagnostizierte die nationale Vergleichsstudie IQB-Bildungstrend 2016 eine solche Entwicklung. Demnach erreichten 22 Prozent der Viertklässler die Mindeststandards nicht, fünf Jahre zuvor waren es nur 13 Prozent.

Schuld daran – so sehen es einige Bildungspolitiker – ist auch die Unterrichtsmethode „Lesen durch Schreiben“, auch bezeichnet als Schreiben nach Gehör. Mehr und mehr Bildungsministerien wollen sie deswegen abschaffen oder begrenzen. Doch an diesem Vorgehen wächst die Kritik.

Einige Lehrer fühlen sich übergangen und sehen in einem Verbot der Unterrichtsmethode einen unzulässigen Eingriff in ihre Methodenfreiheit. Wissenschaftler wiederum warnen vor der „Hoffnung auf einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte“. Ihre These: Hier wird ein kleines Problem groß gemacht.

Den Anfang machte Baden-Württemberg. Schon im Jahr 2016 verbot die damals frisch ins Amt gekommene Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) die umstrittene Methode. Bei „Lesen durch Schreiben“ erarbeiten sich Schüler die Schriftsprache zunächst mithilfe von Buchstabentabellen selbst, um die Motivation zu fördern. Lehrer greifen gar nicht oder nur begrenzt korrigierend ein. Dies sei „wenig hilfreich“, sagte Eisenmann – und wies alle Lehrkräfte im Land an, von derlei Unterrichtskonzepten Abstand zu nehmen. Ähnliche Anweisungen gab es in Brandenburg und Hamburg, zuletzt folgte Nordrhein-Westfalen.

Die dortige Bildungsministern Yvonne Gebauer (FDP) wies alle Schulen jüngst in einer Handreichung an, künftig „ein besonderes Augenmerk“ auf die Rechtschreibung zu legen. Einen verbindlichen Wortschatz von mehr als 700 Wörtern müssten alle Schüler nach Klasse vier beherrschen. Die Methode „Lesen durch Schreiben“ sei auf die „Anfangsprozesse des Schreibenlernens“ zu begrenzen. Ein Schritt in die richtige Richtung oder reiner Aktivismus? Die Antwort lautet: Es kommt darauf an, wen man fragt.

Es gibt Psychologen, die die Handreichung gutheißen, zum Beispiel Tobias Kuhl und Una Roehr-Sendlmeier von der Universität Bonn. Ihre Studie hatte im Herbst ergeben, dass Grundschüler, die nach der Methode „Lesen durch Schreiben“ unterrichtet werden, in der Rechtschreibung deutlich schlechter abschneiden als Schüler, die klassisch nach der Fibelmethode angeleitet werden. Hier werden die Buchstaben Schritt für Schritt durch den Lehrer eingeführt.

Das Problem: Bislang ist die Studie nicht in Gänze veröffentlicht, es gibt nur eine Zusammenfassung. Das ist Standard bei wissenschaftlichen Untersuchungen, nährt aber die Zweifel bei denen, die ein Verbot einer Lehrmethode ohnehin kritisch sehen.

„Methode wird in Reinform nicht angewandt“

Zum Beispiel beim Verband Bildung und Erziehung (VBE), dem viele Grundschullehrer angehören. Hier glaubt man, dass die Debatte um die Methode „Lesen durch Schreiben“ am Problem vorbeiführe – weil kaum ein Lehrer nach ihr unterrichte. „Ich kenne keinen Grundschullehrer, der nicht von Anfang an auch auf korrekte Rechtschreibung achtet“, sagt etwa Anne Deimel, Vizevorsitzende des nordrhein-westfälischen Ablegers des VBE. „Die Methode Lesen durch Schreiben wird unserem Wissen nach in ihrer Reinform gar nicht angewandt.“

Stattdessen arbeiteten viele Schulen mit einem „Methodenmix“. Zwar ließen sie Schüler schon früh Wörter mithilfe einer Anlauttabelle schreiben, die korrekte Schreibung würde aber „von Beginn an“ thematisiert. Die Vorteile eines solchen Methodenmixes liegen Deimel zufolge auf der Hand, schließlich könne man so die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler gut berücksichtigen. „Sehr gute Schüler können schnell ganze Texte schreiben und müssen nicht darauf warten, dass der Lehrer mit der ganzen Klasse das Alphabet durchgearbeitet hat.“ Schwächere Schüler könnten individuell betreut werden. Dies sei gerade in sehr heterogenen Klassen relevant.

Bleibt die Verschlechterung der Rechtschreibleistungen, die Deimel bestätigt. Sie macht dafür aber nicht die Methode verantwortlich, sondern die gestiegene Aufgabenfülle der Lehrer. „Sie müssen sich heute neben dem regulären Unterricht auch um Inklusion und Integration kümmern.“ Um das Problem der schlechten Rechtschreibleistungen in den Griff zu bekommen, brauche es deswegen vor allem mehr Personal.

Auch Deimel kann sich auf Wissenschaftler berufen – zum Beispiel auf Simone Jambor-Fahlen vom Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache in Köln. Sie hat die Kritik an der Unterrichtsmethode „Lesen durch Schreiben“ einem „Faktencheck“ unterworfen und kommt zu folgendem Schluss: Nämlich dem, dass man schlicht nicht sagen kann, mit welchen Methoden die Kinder am besten die Rechtschreibung erlernen – und mit welchen eher nicht. Bislang gebe es „keine belastbaren Studien, die definitiv beweisen oder widerlegen, ob eine Methode grundsätzlich geeignet ist oder nicht“, schreibt Jambor-Fahlen. Es sei daher „nicht sinnvoll, einzelne Methoden zu verbieten – oder vorzuschreiben“.

Ähnlich sieht das Jörg Ramseger von der Freien Universität Berlin. Das Problem seien nicht die Methoden, „sondern die unsachliche Verwendung der einen oder der anderen Methode durch schlecht oder gar nicht für den Erstlese- und -schreibunterricht ausgebildete Lehrer“. Er übt deutliche Kritik an den Initiativen der Bildungspolitiker: „In freiheitlichen Gesellschaften steht es der Politik nicht zu, über die Methoden zu entscheiden, die ein Lehrer oder eine Lehrerin in eigener, mit Fachkompetenz getroffener Entscheidung verwendet.“

Als auch in Berlin gefordert wurde, die Methode „Schreiben durch Lesen“ zu verbieten, schrieb Ramseger an die Bildungsverwaltung eine E-Mail. „Niemand kann angesichts des schlechten Abschneidens der Berliner Schüler bei den IQB-Bildungstrends gelassen und untätig bleiben“, schrieb er. Die Befunde forderten zu einer „entschiedenen Qualitätsverbesserung des Unterrichts“ auf. „Allerdings müsste wohl einer amtlich verordneten Therapie erst einmal eine solide Diagnose vorausgehen.“

Bislang hält die Diagnose nicht mit der Forderung nach Verboten Schritt. Allerdings gibt es Anzeichen, dass sich das demnächst ändern könnte: Hamburg, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg wollen künftig bei der Bekämpfung der Rechtschreibprobleme kooperieren.