Heiraten geht in Dänemark so unbürokratisch wie in keinem anderen Land der EU. Das nutzten auch kriminelle Netzwerke und schleusten so Tausende per Scheinehe nach Europa. Seit 1. Januar gelten harte Regeln.

Bevor das Heiratsparadies seine Tore verriegelte, florierte das Geschäft von Gerhard Wilken. Seine Agentur Heiraten in Dänemark hat sich auf Hochzeiten ausländischer Paare spezialisiert, ihr Versprechen: An Orten wie der malerischen Ostseeinsel Ærø ist Heiraten kinderleicht, auch in Fällen, bei denen deutsche Standesbeamte die Augenbrauen hochziehen würden.

Die Insel ist so etwas wie das Las Vegas der EU. Es reicht eine Nacht Aufenthalt, die Zeremonie selbst dauert 15 Minuten, die Fähre zurück aufs dänische Festland wartet schon.

Viele schätzen dieses Expressverfahren, die Postkartenkulisse mit den schnuckeligen Fachwerkhäusern zog viele Heiratswillige an. Im vergangenen Jahr gaben sich auf Ærø 54 dänische Paare das Jawort – und 4079 Paare aus dem Ausland.

Heiratsvermittler wie Gerhard Wilken lieferten das Wohlfühlpaket dazu: Er kennt die Standesbeamtinnen mit Vornamen, achtet darauf, dass die Dokumente stimmen, und kutschiert die Paare mit einem Minibus bis vor das Standesamt. Der Deutsche ist seit 13 Jahren im Geschäft, seine Agentur hat eine Dependance in Berlin, seit drei Jahren wohnt er auf Ærø, einer Insel, die prächtig vom Geschäft mit den Hochzeiten lebte. Bis jetzt.

Denn Dänemark wurde sein Status als Heiratsparadies selbst unheimlich. Auch Schleuser haben längst die Vorzüge der „dänischen Heirat“ erkannt und nutzen das Land als Schlupfloch nach Europa. Stammt ein Partner aus einem EU-Land, erwirbt der andere mit der Heirat ein sogenanntes abgeleitetes Freizügigkeitsrecht, kann legal in Europa einreisen und langfristig auf einen festen Aufenthalt hoffen.

Immer wieder fliegen Agenturen auf, die Scheinehen vermitteln. Sie werben Bräute aus Südosteuropa an und verheiraten sie vor allem mit Männern aus dem asiatischen Raum, für die eine Heirat die Eintrittskarte in die EU ist. Zuletzt ging die Bundespolizei gegen eine Hamburger Heiratsagentur vor, es geht um Scheinehen, gefälschte Pässe und Aufenthaltstitel, die Rede ist von bis zu 1000 Fällen. Noch laufen die Ermittlungen.

Auch wegen Fällen wie diesem hat die dänische Regierung reagiert, seit Anfang des Jahres gelten verschärfte Regeln: Ausländische Heiratswillige müssen ihre Unterlagen vorab einschicken, eine zentrale Einheit des Sozialministeriums prüft diese, die Macht der Standesämter wurde beschnitten.

Erst wenn die Beamten ein Ehefähigkeitszeugnis ausstellen, darf ein Paar sich einen Termin in einem dänischen Standesamt geben lassen. Besteht der Verdacht einer Scheinehe oder wirken die Unterlagen gefälscht, wird das Paar zur Befragung einbestellt.

Die neue Marschroute gefällt nicht jedem. Man erreicht Gerhard Wilken telefonisch auf Ærø, er schnauft in den Hörer: „Die neuen Gesetze sind katastrophal für das Heiratsgeschäft. Man bringt uns in den Ruin.“ Die Standesämter der Heiratshochburgen wetteiferten bisher darum, alles so einfach wie möglich zu halten. Nun schaut das Land genauer hin, und das hat Folgen. Seit der Reform ist die Zahl der ausländischen Hochzeiten in Dänemark eingebrochen, das ergaben Nachfragen in den Heiratshochburgen des Landes.

Im Hygge-Paradies Ærø heirateten in den ersten drei Monaten 2018 noch 1185 Paare, von Januar bis März 2019 waren es nur 574 Paare, ein Großteil der Unterlagen war sogar noch unter den alten Regeln vor der Reform bewilligt worden. In Tondern, 15 Kilometer von den deutschen Grenze entfernt, waren es im ersten Vierteljahr 2018 344 Paare, 2019 gaben sich im selben Zeitraum nur 143 Paare das Jawort. In der Kommune Sonderborg heirateten 2019 151 Paare (2018: 215). Man spüre die Auswirkungen deutlich, heißt es aus den dänischen Standesämtern, hoffe aber, dass die Zahlen sich erholten.

Falsche Visa und Pässe

Ein Dokument der zentralen „Agentur für Familienrecht“ zeigt, welche Anträge die Beamten ablehnen, die Gründe sind stichpunktartig aufgeführt: Da ist der Mann aus Guinea-Bissau und die Polin, deren Schengen-Visa sich als falsch erwiesen; die deutsche Frau und der irakische Mann, dessen Pässe als gefälscht gelten und die eine Heiratsagentur nutzten. Und die Spanierin und der Inder, bei dem es Unregelmäßigkeiten beim Aufenthaltstitel gab. Fälle wie diese reichten die Beamten an die Polizei weiter. Es sind erste Erfolge, auf die die dänische Regierung gerne verweist.

Die Reform passt zum politischen Zeitgeist des Landes: In Dänemark regiert eine Minderheitenregierung aus Liberalen und Konservativen, die auf die Stimmen der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei angewiesen ist. Im Bereich Migration setzt die Regierung auf Abschreckung.

Die zuständige Sozialministerin Mai Mercado von der Konservativen Volkspartei sagte: „Dänemark sollte für kriminelle Netzwerke, die Scheinehen vermitteln und dafür Menschen ausbeuten, nicht als Hintertür in die EU dienen. Mit unserer Offensive gegen Scheinehen und durch unsere zentrale Prüfstelle haben wir es geschafft, diese Praxis zu durchbrechen.“

Es ist nicht die einzige Maßnahme: Wer eingebürgert werden will, muss seit Anfang des Jahres am Ende der Zeremonie der aktuellen Integrationsministerin die Hand schütteln. Wer dies verweigert, kann nicht Däne werden. Manche Beobachter nennen die Maßnahmen Symbolpolitik. Spätestens im Sommer wird in Dänemark ein neues Parlament gewählt.

Den Kampf gegen Schleuser und Scheinehen unterstütze man natürlich, heißt es aus den Standesämtern des Landes, auch Gerhard Wilken, der Heiratsvermittler aus Ærø, bekräftigt dies. Dann kommt das Aber. „Das verantwortliche Ministerium hatte versprochen, dass die Unterlagen innerhalb von einigen Werktagen geprüft werden“, sagt er. „Meine Erfahrung bisher ist, dass es fast sechs Wochen dauert, wenn man nicht nachhakt.“ Für sein Unternehmen, das bisher mit der „Blitzhochzeit“ warb und auf seiner Web-Seite verspricht, Paare innerhalb von drei Tagen zu verheiraten, eine endlose Wartezeit.

Aus seiner Sicht ist mit der Prüfstelle eben auch ein bürokratisches Ungetüm entstanden. Auch die Telefonhotline der Prüfstelle sei häufig belegt oder nicht erreichbar, sagt Wilken. In den ersten drei Monaten, sagt der Heiratsvermittler, habe er erst sechs Paare verheiratet. Das hätte er früher in einer Woche geschafft.

Auch viele Kommunen beschweren sich über die oft lange Wartezeit. Heiraten ist ein gewichtiger Wirtschaftszweig in den kleinen Orten. Auf der Insel Ærø leben 6000 Einwohner, die Hochzeiten bringen der Insel bisher etwa vier Millionen Euro pro Jahr ein, schätzt das örtliche Tourismusamt. Friseurläden, Fotografen und Hotels zählen auf ihre Hochzeitsgäste.

Aus dem Rathaus von Ærø heißt es, die Ministerin werde versuchen, die Kommunikation mit der Prüfstelle zu verbessern, das sei das Ergebnis vieler Gespräche gewesen. Die wiegelt ab: „Ich bin zufrieden, dass wir immer noch eine recht hohe Zahl an ausländischen Paaren haben, die in Dänemark heiraten wollen. Wichtig ist ja, dass wir gleichzeitig Missbrauch verhindern.“ Sie werde die Zahl der Anträge aber weiter sehr genau beobachten.

Gerhard Wilken glaubt nicht mehr daran, dass sich sein Geschäft erholen wird. Er plant nun, sein Haus auf Ærø in ein Bed-and-Breakfast-Hotel umzuwandeln und sich mit Feriengästen etwas hinzuzuverdienen. „Ich kann gerade niemanden raten, in Dänemark einen Antrag auf Heirat zu stellen“, sagt er. Ein harter Satz für einen dänischen Heiratsvermittler. Doch vielleicht hat Gerhard Wilken schon ein neues Las Vegas im Kopf. Er sagt: „Ich werde mich wohl umorientieren.“ In welches EU-Land? Das, sagt er, bleibe sein Geschäftsgeheimnis.