Nach den Ereignissen von Chemnitz stellt das Zentrum für politische Schönheit einen Pranger für Patrioten ins Netz. Über die Gefahren der politischen Aktionskunst im deutschen Osten.

Seit Freitag sind wir Teil des Werks. Die Künstler haben uns, den sehr geehrten Journalistinnen und Journalisten, mitgeteilt, die neue Aktion ihres Zentrums für politische Schönheit (ZPS) am Montag trage „zur Aufklärung von Chemnitz“ bei. Am Montagmorgen werden wir über den Titel informiert: „Zentrum für politische Schönheit identifiziert Nazis!“. Eine Webseite wird freigeschaltet, soko-chemnitz.de, mit Tausenden von Fahndungsfotos und dem Aufruf „Machen Sie jetzt mit!“. Gegen Belohnung sollen Nachbarn und Kollegen ihre Nachbarn und Kollegen denunzieren. „Volksverräter. Vaterlandsverräter. Rechte Deutschlandhasser. Fahnenflüchtige“. Manche von ihnen haben noch kein Foto, sie werden vertreten durch Björn Höcke von der AfD, „Bild folgt“.

Auch hier, beim Zentrum für politische Schönheit, klingt der Vorwurf an, wir, die Systempresse, trügen zu wenig bei zur Aufklärung. Die Rechten, gegen die sich die Aktion zu den Ereignissen von Chemnitz richtet, nennen uns Lügenpresse, können aber nicht ohne uns. Und wir nicht ohne sie: Wenn sie erklären, deutsche Nationalspieler mit dunkler Haut wären nicht deutsch genug und der Faschismus wäre nur ein Vogelschiss in unserer Geschichte, können wir uns dazu nicht nicht äußern. Wenn Björn Höcke von der AfD in Dresden vom Berliner Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ spricht und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordert, müssen wir Höcke den Gefallen tun und berichten. Und wenn das Zentrum für politische Schönheit sein „Holocaust-Mahnmal Bornhagen“ errichtet, auf dem Grundstück neben Höckes altem Pfarrhaus, können wir nicht anders, als zu schreibenden, fotografierenden und filmenden Co-Aktionskünstlern zu werden.

Nun also das Werk „Zentrum für politische Schönheit identifiziert Nazis!“: Erstmals sitzt der künstlerische Leiter Philipp Ruch vor einer Pressekonferenz, gemeinsam mit seinem Eskalationsbeauftragen und seiner Planungsstabschefin. Ihre Gesichter sind geschwärzt, als wären sie im Krieg oder im proletarischen Theater. Ruch erklärt, es sei der Ruß unserer Geschichte, er sagt: „Chemnitz war im Sommer das Fanal für Deutschland. Nun befindet sich die Politik im Stadium der Leugnung.“ Sie, die Politik, leugne die rechte Hetze durch die Straßen und in den sozialen Medien und eine „Demonstration der Dominanz“ der Radikalen vom gewählten Volksvertreter bis zum regionalen Neonazi.

Ruch sagt, er stamme aus Sachsen – was eine rhetorische Figur besorgter Sachsen ist, um ihre Heimat bei Pegida-Aufmärschen für sich allein zu reklamieren und sich gegen Einwände von Zugereisten zu verteidigen. In Dresden kam er 1981 auf die Welt, noch vor dem Mauerfall reiste er mit den Eltern in die Schweiz aus und kehrte 2001 zurück nach Deutschland. In Berlin schrieb er bei Herfried Münkler seine Doktorarbeit über die „Gefühlsgeschichte des antiken Rechts“. Sie handelt von archaischen Begriffen wie „Ehre“ und „Rache“ und erzählt deren Kulturgeschichte für das demokratische Gemeinwesen.

Das Zentrum ist die Fortsetzung seiner Dissertation mit künstlerischen Mitteln. „Wenn nicht wir, wer dann?“ nennt Ruch das Manifest des Zentrums für politische Schönheit, um auf radikale Weise wieder Ethik und Ästhetik miteinander zu versöhnen. In der Presse formuliere Philipp Ruch vor einem halben Jahr Gedanken wie: „Die offene Gesellschaft wird dieser Tage zu einem Jenseits rechtsextremer Gedanken.“ „Die Demokratie beinhaltet, ihre Feinde lächerlich und verächtlich zu machen.“ Und: „Jede Tugend braucht einen Homer, der sie besingt.“

Poetisch waren die Aktionen nie, politisch anständig allerdings auch nicht. Als sich deutsche Diplomaten für die Freilassung unseres im türkischen Gefängnis sitzenden Kollegen Deniz Yücel einsetzten, stellte das Zentrum einen Drucker in ein offenes Hotelfenster in Istanbul, um über Flugblätter für den Tyrannenmord an Erdogan zu werben. „Tod dem Diktator“ hieß das Stück. 2015 wurde eine in Sizilien bestattete syrische Mutter, die mit ihrer kleinen Tochter auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken war, geborgen und auf einem Friedhof in Berlin noch einmal beigesetzt: „Die Toten kommen.“ Vor dem Kanzleramt begann das ZPS schon mit dem Aushub weiterer Flüchtlingsgräber.

Wir, die Mainstream-Medien, waren immer mit dabei und haben Philipp Ruch seinen Zynismus vorgehalten, seinen Größenwahn und seinen Mangel als Subtilität und sogar Subversion, weil die hypersymbolische Moral nur für sich selbst steht. Manche von uns haben sich nach Walter Jens und Günter Grass zurückgesehnt, andere das Ende der Satire und der Ironie im öffentlichen Raum beklagt durch das Gebrüll von rechts und den heiligen Ernst der ruchschen Kunst von links.

Schon als das ZPS auf Flugblättern die Frage klärte, „Was tun, wenn der Nachbar ein Neonazi ist?“, kam der Verdacht auf, das Problem des ZPS könnte weder sein programmatisch „aggressiver Humanismus“ sein, wie sie es nennen, oder seine Rolle als „Zauberer des kollektiven Gedächtnisses“. Sondern ein so fundamentales Unverständnis der Geschehnisse und der Gemütslage, speziell im deutschen Osten: Das Stück „Holocaust-Mahnmal Bornhagen“ mit Björn Höcke wurde im vergangenen Jahr begleitet von der Nötigung zum Kniefall vor den Stelen auf dem Nachbargrundstück und von einer konzertierten Überwachung ihres Opfers. Die Papiertonnen wurden durchwühlt, über seinem Refugium standen Drohnen, was er am Geburtstag Adolf Hitlers plante, stand bei Facebook. Seine DNA, hieß es, wurde von einem V-Mann namens Bernstein untersucht, was schon satirisch sein sollte, es aber auch deshalb nicht war, weil sich ergab, dass Höcke angeblich kein völkisch reiner Deutscher sei – was immer das laut Ruch und Höcke sein könnte.

Bornhagen liegt im Eichsfeld, der katholischen Enklave Thüringens im ehemaligen Grenzgebiet der DDR, wo sich die Älteren noch gut daran erinnern können, wie es war, von ungebetenen Nachbarn überwacht zu werden. Dass Bornhagen sich mit seinem westdeutschen Problemzuzügler solidarisierte, lag nicht daran, dass Bornhagen denkt wie er. Es lag durchaus am kollektiven Trauma.

Den 25. Jahrestag des Mauerfalls hatte das ZPS begangen, indem es die Kreuze für die Mauertoten vor dem Reichstag abmontierte, an den EU-Außengrenzen aufstellte und die Aktion als „Erster europäischer Mauerfall“ feierte. Jetzt sind die Sachsen an der Reihe. Philipp Ruch sagt, Sachsen habe zwei Probleme: Crystal Meth und Rechtsextreme. Beides stimmt. Die Drogen sind dem ZPS egal, es sei, sagt Ruch, „Zeit für eine Entnazifizierung“ wie im Westen nach dem Weltkrieg. Er erklärt den Dreisatz: Rädelsführer ächten, Wirtschaftswunder, die Demokratie stärken. Das Wirtschaftswunder sei bereits vorhanden, nun werde die Wirtschaft in die Pflicht genommen, die Demokratie zu stärken, indem sie die Rädelsführer ächtet. „Gesucht: Wo arbeiten diese Idioten?“ ist das Motto der Aktion „Zentrum für politische Schönheit identifiziert Nazis!“. Nicht mehr nur das Zentrum denunziert, ganz Chemnitz, Sachsen, Deutschland soll die radikalen Rechten über einen digitalen Pranger überführen.

Der Eskalationsbeauftragte führt durch die Webseite. Ein Hooligan vom Halleschen FC mit einer Obsession für Nazi-Bilder arbeitet bei einem jüdischen Entsorgungsunternehmen seines Heimatortes in der Anne-Frank-Straße. Die ältere Dame mit dem Hitlergruß im Eiscafé bei Facebook. Das adrette Mädchen mit den falschen Freunden. Auf der Seite stehen Handlungsvollmachten als PDF zur rechtlich sauberen Kündigung. Das ZPS versteht auch diese Subkultur nicht, eine Szene, die es ohne ihre Opfermythen, Märtyrerlegenden und sich selbst verliehenen Bürgerwehrwürden nicht gäbe. Deren Drohungen sind ihre Datensammlungen. Ihr Feind ist die politische Korrektheit – „Kunst ist nicht politisch korrekt“, postet das Zentrum für politische Schönheit als „zivilgesellschaftlicher Verfassungsschutz“. Es macht die Feinde der Demokratie nicht lächerlich, sondern gefährlich für den Klimawandel, den die Rechte für das kommende Jahr der Kommunal- und Landtagswahlen für den deutschen Osten ankündigt.

Björn Höcke schreibt in seinem Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ nach der Aktion „Holocaust-Mahnmal Bornhagen“: „Ich bin mir sicher, dass am Ende noch genug Angehörige unseres Volkes vorhanden sein werden, mit denen wir ein neues Kapitel unserer Geschichte aufschlagen können.“ All das hätten wir hier lieber nicht geschrieben.