Griechenland, Polen und nun auch die baltischen Staaten verlangen von Deutschland enorme Entschädigungen wegen Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg. Moralisten und Populisten sind da ganz einig – die Folgen wären allerdings dramatisch.

Wer einen Schaden verursacht, hat dafür Ersatz zu leisten. Das gilt in allen Rechtsstaaten und ist grundsätzlich auch vernünftig. Allerdings gibt es eine Einschränkung, denn blindes Beharren auf Prinzipien kann leicht in die Irre führen. Wenn eine Wiedergutmachung erkennbar mehr Schaden anrichten wird, als sie beheben kann, dann ist es vernünftiger, nach anderen Möglichkeiten des Ausgleichs zu suchen.

Genau dies liegt vor bei den seit Jahrzehnten, in jüngster Zeit notorisch erhobenen Reparationsforderungen an Deutschland. Vor allem Politiker aus Griechenland und Polen überbieten sich hier geradezu und bekommen zunehmend Applaus. Fantastische Summen werden verlangt, jeweils mittlere dreistellige Milliardenbeträge, und das aus nur zwei Ländern.

Seit Kurzem gibt es entsprechenden Gedankenspiele in den baltischen Staaten, und wenn Deutschland hier nachgäbe, stünden wohl bald auch die übrigen anderthalb Dutzend heutigen Staaten Schlange, die im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht besetzt waren.

Die Bundesregierung hält dem mantrahaft ihre rechtlich einwandfreie Position entgegen, dass sämtliche Reparationsforderungen an Deutschland völkerrechtlich abschließend durch den Zwei-plus-vier-Vertrag 1990 erledigt sind. Jedoch geht es den griechischen und polnischen Populisten gar nicht um Völkerrecht, sondern um moralischen Druck. Er soll Deutschland zum Einlenken bringen.

Angesichts der Tatsache, dass tatsächlich Hitler-Deutschland 1939 Polen und 1941 Griechenland überfallen und danach jahrelang brutal unterdrückt, ja ausgebeutet hat, besteht eine gewisse Gefahr, dass beispielsweise eine künftige linke Bundesregierung nachgeben könnte. Denn vor allem die Grünen können bekanntlich wenig anfangen mit der Einsicht, dass Moral in der Außenpolitik nichts verloren hat.

Reparationen sind übrigens zu unterscheiden von Entschädigungen für individuell erlittenes Unrecht. Alle Bundesregierungen haben sich bemüht, solche Schäden wenn schon nicht wiedergutzumachen (was ohnehin nicht geht), so doch abzufedern. Dafür sind seit 1951 bis heute summiert fast 76 Milliarden Euro geflossen – umgerechnet in heutige Kaufkraft ein mittlerer dreistelliger Milliardenbetrag.

Unabhängig davon wäre nicht nur Deutschland zu wünschen, dass die aktuellen Forderungen Wortgeklingel bleiben. Denn auch den Ländern, die in der Vergangenheit Reparationen erhalten haben, sind diese selten gut bekommen. Wenn man dann noch betrachtet, was die Folgen eines Ringens um Reparationen wären, kann man nur feststellen: Die westliche Politik hat gut daran getan, das Thema Wiedergutmachungszahlungen an Staaten jahrzehntelang möglichst zu vermeiden. Denn solche Leistungen haben eigentlich immer nur neue Probleme geschaffen, aber nie gelöst.

Das liegt vor allem am doppelten Charakter von Reparationen: Es geht einerseits um den Ersatz konkreter Vermögensschäden, andererseits um die Demütigung des geschlagenen Gegners. Als Otto von Bismarck 1871 die Reparationen festlegte, die das geschlagene Frankreich an das neue Deutsche Kaiserreich zahlen musste, gab es eigentlich keinen Grund für Reparationen, denn praktisch der gesamte Feldzug hatte auf französischem Boden stattgefunden.

Bismarck verlangte von Frankreich fünf Milliarden Goldfranc

Trotzdem orientierte sich der Reichskanzler an jener Summe, die Napoleon 1807 dem Königreich Preußen abgepresst hatte: 120 Prozent des jährlichen Staatshaushaltes. So kam der Wert von fünf Milliarden Goldfranc zustande, die Frankreich bis 1874 zahlen musste. Dabei wusste Bismarck eigentlich um die destruktive Wirkung hoher Reparationen: Im Prager Frieden mit Österreich von 1866 hatte er eine eher symbolische Summe verlangt.

Hingegen vertiefte die erzwungene Zahlung von fünf Milliarden Goldfranc in kurzer Zeit, umgerechnet 1450 Tonnen Gold, die deutsch-französische Erbfeinschaft – ebenso wie die Annexion von Elsass-Lothringen. Dieser Konflikt prägte Europa für die folgenden vier Jahrzehnte und verursachte 1914 den nächsten Krieg wesentlich mit. Um die Reparationen zu zahlen, legte Frankreich eine Anleihe auf, die von französischen Bürgern und Unternehmen gezeichnet wurde. Dadurch flossen über Jahrzehnte nennenswerte Teile der französischen Staatseinnahmen indirekt in die Reparationsleistungen – die Wunde schwärte.

Dagegen hatte das Deutsche Reich wenig Freude an den Reparationen: Zwar trieb der ungeplante Mittelzufluss die Binnenkonjunktur an. Doch sie überhitzte, was 1873 zum Gründerkrach führte und zu fast zwei Jahrzehnten einer Wachstumsdelle, die Zeitgenossen als schwere Depression wahrnahmen.

Nach dem nächsten Krieg wollten sich viele Franzosen revanchieren. Also wurden 1919 teilweise astronomische Forderungen für die nun von Deutschland verlangten Reparationen genannt – bis hinauf zu 840 Milliarden Goldmark, dem 17-Fachen des deutschen Volkseinkommens vor dem Krieg.

Ökonomen und Politiker hielten dagegen fünf Milliarden Goldmark sofort und dann 20 bis 30 Jahre eine Milliarde pro Jahr für realistisch. Doch sie setzten sich nicht durch: Die Reparationsforderung wurde auf 132 Milliarden Goldmark festgesetzt.

Der britische Ökonom John Maynard Keynes war entsetzt und malte sich die Folgen aus. Deutschland könne die verlangten Summen nur zahlen, „wenn es seine Einfuhr senkt und seine Ausfuhr steigert und dadurch einen Überschuss erzielt, der für Zahlungen an das Ausland verfügbar“ wäre.

Allerdings würde eine Senkung deutscher Importe zulasten der Wirtschaft in den Nachbarstaaten gehen, während die Steigerung deutscher Exporte nur möglich sei, wenn andere Staaten die deutschen Produkte auch abnähmen. Weil das allein über niedrige Preise möglich sei, würden billige deutsche Waren die Produkte der Empfängerstaaten der Reparationen ruinieren.

Zwar wurden die Reparationsforderungen gegen Deutschland bis 1932 schrittweise reduziert, doch der ökonomische und politische Schaden war angerichtet: Statt Prosperität darbte Europas Wirtschaft, und in Deutschland verdrängte der Nationalsozialismus die Demokratie. Die Folgen sind bekannt.

Der Euro und die EU würden zerbrechen

Ein neuer Krieg steht Europa hoffentlich nicht bevor, auch nicht durch die aktuellen Forderungen aus Polen und Griechenland. Aber mit Sicherheit würden der Euro und die Europäische Union zerbrechen, falls diese beiden Länder zum Beispiel in Brüssel so lange blockieren, bis Deutschland die vermeintliche Verpflichtung zu Reparationen anerkennt. Gleichzeitig würden dadurch Ressentiments geradezu gezüchtet; ein ungeheurer Aufschwung des Nationalismus wäre wohl die Folge.

Durch die massiv verschärften Konflikte würde Griechenlands Tourismus-Branche sicher schwer geschädigt, denn Deutsche gehören zu den wichtigsten Kunden. Ebenso würden Exporte aus Griechenland nach Deutschland weitgehend versiegen. Arbeiter aus Polen wären kaum mehr willkommen in der Bundesrepublik und verlören lukrative Verdienstmöglichkeiten. All das dürfte eintreten, ohne dass auch nur ein Euro Reparationsforderungen tatsächlich durchgesetzt wäre.

Aber selbst wenn Deutschland zahlen würde, hätten weder Polen noch Griechenland viel davon. Denn schneller Mittelzufluss führt nicht zu einer nachhaltigen Entwicklung, sondern wie in den frühen 1870er-Jahren in Deutschland nur zu einer überhitzenden Binnenkonjunktur.

Ohnehin würden wohl in Griechenland wesentliche Teile des Geldes in Korruption versickern, wie es schon mit den 1950 bis 1960 bezahlten individuellen Entschädigungsleistungen geschehen ist.

Wie man es auch dreht und wendet: Reparationen sind ein Irrweg – mehr als zwei Generationen nach dem Krieg zumal. Sie heilen nicht, aber zerstören gleichzeitig Chancen der Zukunft.