Wann und warum fand der Mensch zum Glauben? Wissenschaftler haben neue Erklärungen dafür, wie die höheren Mächte in die Welt kamen – und wieso die Götter mancher Kulturen freundlicher sind als andere.

Bärenknochen sollten der Beweis sein. Sie waren in Höhlen der Schweizer Alpen gefunden worden, in einer so unnatürlichen Anordnung, dass Forscher annahmen, dass die Steinzeitmenschen sie bewusst so drapiert haben. Also, folgerten die Forscher, könne dieser Knochenfund auf einen Kult verweisen.

Die Bärenknochen wurden in einer bestimmten Weise gelegt, um etwas zu erwirken. Das wiederum zeige, dass die Menschen vor Zehntausenden von Jahren ein Bewusstsein von etwas Übernatürlichen hatten. Um diese jenseitige Macht dazu zu bringen, ihnen wohlgesinnt zu sein, hätten die Höhlenbewohner die Knochen im Drachenloch bei Vättis und im Wildenmannlisloch bei Alt St. Johann so kunstvoll aufgeschichtet.

Die These, dass schon Steinzeitmenschen Rituale kannten und vielleicht sogar einen Glauben an die Götter gefunden hatten, hielt sich bis in die 1990er-Jahre. Dann kam Ina Wunn. „Ich brauchte damals nicht lange hinzusehen, um zu erkennen, was es damit auf sich hatte“, erinnert sich die Fossilienexpertin daran, wie sie die Knochen vom Drachenloch inspizierte

Frühe Gesellschaften brauchten Götter, um fortzubestehen

Wunn ist Religionswissenschaftlerin – aber auch Biologin und Paläontologin. „Deshalb kenne ich mich damit aus, was mit Knochen im Laufe der Jahrtausende passieren kann.“ Und dank dieser Erfahrung war es für sie ein Leichtes, die These vom Bärenkult zu stürzen. „Es war einfach nur fließendes Wasser, das in die Höhlen eingedrungen war und die Knochen nach Größe und Strömungsgesetzen verteilt hatte.“ Seitdem sie den Steinzeitkult der Alpen entzaubert hat, gab es in ihrer Forschung oft Gelegenheit, an diesen Spruch zu denken: „Was man nicht erklären kann, das sieht man schnell als Religiöses an.“

Seit Jahren versuchen Wissenschaftler zu verstehen, wann und warum der Mensch begann, an Götter zu glauben. Weil er Schutz suchte, oder Beistand gegen Feinde brauchte? Und wieso gibt es Gesellschaften, die böse Götter anbeten – und andere, in denen die Gottheiten sanftmütig und mild sind? In jedem Fall, das können Wissenschaftler zeigen, haben frühe Gesellschaften Götter gebraucht, um fortzubestehen.

Für Ina Wunn wurden die Götter aus einem grundsätzlichen Unbehagen heraus geboren. „Religionen sind aus der Angst der Menschen hervorgegangen.“ Wunn beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit der Entstehung und Evolution der Götter. Sie versucht, Erkenntnisse aus Biologie, Anthropologie und Kulturwissenschaft zu verknüpfen.

Alles begann, sagt sie, als Homo sapiens vor gut 40.000 Jahren in Europa heimisch wurde. Die Menschen trafen in den nördlichen Regionen auf andere Jäger und Sammler ihrer eigenen Art und auch auf die fremdartigen Neandertaler. Da sei es, ist Wunn überzeugt, natürlich darum gegangen, sich gegeneinander abzugrenzen. Macht habe eine große Rolle gespielt

Mit Signalen und Symbolen zeigten Menschen ihre Stärke

Man könne das gut in den Steinzeithöhlen sehen. Dort zeichneten die Menschen mit Ocker und Kohle vor allem kraftvolle Tiere an die Wände: Auerochsen, Wollnashörner und Pferde. Vögel, Hasen oder Mäuse hingegen finden sich kaum. „Diese Bilder sollten drohen und abwehren“, erklärt Wunn. Man sieht dort auch Abdrücke von gespreizten Händen. „Das bedeutete wohl: ‚Stopp, betreten verboten!‘. Noch heute ist die abwehrende Hand ein universelles Symbol, das zum Beispiel auf Baustellen eingesetzt wird.“

Die Menschen sendeten Signale, und sie erfanden Symbole. Sie wollten zeigen, wie stark sie sind. Auf den Bilderwänden der Steinzeithöhlen seien aber nicht nur große Tiere, sondern auch Vulven und Phalli dargestellt. „Ein Blick in die Tierwelt zeigt schnell, worum es geht“, sagt Wunn. „Pavianmännchen bewachen ihre Weibchen, während diese Gras pflücken und fressen. Dabei sind ihre Penisse oft erigiert.“

Nicht wegen der Weibchen, sondern weil sie andere Männchen mit ihrer eigenen Männlichkeit abschrecken wollen. „Sie drohen den anderen.“ Analog deutet Wunn auch die ausgeprägten Vulven der Steinzeitfiguren, wie die der Venus vom Hohlefels oder der Venus von Willenburg, als Demonstration der Macht.

Gleichzeitig hätten die Venus-Figuren mit ihren dicken Brüsten und Hintern aber auch eine beschwichtigende Wirkung gehabt. „Die Venus droht mit ihrer Scham, beruhigt aber durch ihre großen Brüste.“ Die dicken Venus-Figuren der Steinzeit waren für Fremde also Abwehr- und Einladungssymbol zugleich. Die erhoffte Schutzwirkung erzielten sie offenbar. Deshalb fingen die Menschen irgendwann an, den von ihnen gefertigten Steinpüppchen eine eigene Macht zuzuschreiben, erklärt Ina Wunn.

Plötzlich verfügten die Figuren für sie über magische Kräfte

Vor etwa 7000 Jahren, so ihre These, habe sich der Glaube an die Schutzwirkung der Bilder und Figuren verselbstständigt. Es kam zu einer Entkopplung von der eigenen Erfindung, den Gegenständen wurde ein eigener Zauber zugesprochen, sie schienen als zugehörig zu einer jenseitigen Macht.

Als die Menschen sesshaft wurden, Getreide anbauten und in Hütten lebten, begannen sie zu glauben, dass überirdische Gestalten oder Kräfte einen Einfluss auf ihr Leben hätten – und dass sie sie durch Rituale und Opfer beeinflussen könnten. Zugleich mussten sie mit immer mehr anderen Menschen auf engem Raum zurechtkommen, konnten ihnen nicht einfach aus dem Weg gehen. Auch dabei halfen Symbole, Rituale und Statuen. Die Religion wurde geboren.

Doch nicht alles, was nach Ritualen aussieht, ist auch eines. In der westafrikanischen Savanne Guineas, in Liberia, Elfenbeinküste und Guinea-Bissau, wurden Schimpansen dabei beobachtet, wie sie scheinbar sinnlos Schreie ausstoßen, Steine aufheben und mit ihnen gegen einen Baumstamm schlagen oder werfen. Im hohlen Stamm des Baumes lagen zudem Steine wie zu einem Schrein aufgetürmt. Ein Ritual zur Beschwichtigung von Baumgöttern?

„Steinewerfen gehört zum natürlichen Verhalten von Schimpansen“, winkt Ina Wunn ab. „Sie drohen damit Eindringlingen.“ Die Steinhaufen bildeten sich dann automatisch am Stamm der Bäume. Ein Beweis dafür, dass auch Schimpansen auf dem Weg zur Metaphysik sind, sei das noch lange nicht.

Der Glaube an die Götter ist nicht zu jeder Zeit nützlich

Es bleibt vorerst dabei: Der Götterglaube unterscheidet den Menschen vom Tier – auch wenn er der menschlichen Gesellschaft nicht zu jeder Zeit nützlich zu sein scheint. Davon ist Harvey Whitehouse überzeugt. Den Sozialanthropologen der Universität Oxford interessiert, ob Götter notwendig für den Fortbestand komplexer Gesellschaften sind.

Lange galt die These, dass es der Glaube war, der Gesellschaften stark machte. Nur dank der gemeinsamen religiösen Orientierung konnten sich demnach Hochkulturen entwickeln. Whitehouse und sein Team wollten diese These überprüfen. Sie werteten historische Daten für 414 Kulturen in 30 verschiedenen Regionen der Erde von der Jungsteinzeit bis zur industriellen Revolution aus und wollten wissen: Wie komplex waren diese Gesellschaften? Und wann lässt sich bei ihnen der Glaube an strenge, moralisierende Götter nachweisen?

Ihr Ergebnis, das sie jüngst im Fachjournal „Nature“ veröffentlicht haben: Erst war die Gesellschaft, dann der Gott. „Damit,“ so Whitehouse, „widersprechen wir den gängigen Hypothesen.“ Ihre stärkste Entwicklung hätten die Kulturen im Schnitt mehr als hundert Jahre vor der Entstehung einer Religion erlebt. „Machtvolle Gottheiten sind also eher ein Kitt für Gesellschaften als eine Triebfeder.“ Strenge Moralvorgaben könnten komplexe, multiethnische Kulturen auf Dauer zusammenhalten. Wenn ein starker, strenger Gott über allem steht, fördert das die Kooperation in der Gesellschaft.

Je unwirtlicher die Umwelt, umso strenger die Götter

Zu dieser Erkenntnis passt, was ein Team von Forschern um Carlos Botero von der North Carolina State University in Raleigh vor vier Jahren herausgefunden hat. Sie wollten wissen, warum manche Gesellschaften strenge, strafende, andere dagegen freundliche, hilfreiche Götter haben. Bei 583 Gemeinschaften, historischen und aktuellen, erhoben sie alltagsbestimmende Faktoren, zum Beispiel welches Sozialsystem herrschte, ob die Menschen Privateigentum kannten, ob sie in einer Diktatur lebten – und welche Götter sie hatten.

Es zeigte sich, was eine der wichtigsten Einflussgrößen auf den Glauben war: die Umwelt. Je harscher die ökologischen Bedingungen sind, umso strenger und moralischer sind die Götter. „Wenn das Leben hart ist oder unsicher, so glauben Menschen an strafende Götter.“ Religionen, die in Wüsten entstanden sind, seien eher strikt. In Ökosystemen wie den Tropen, in denen Pflanzen und Tiere gedeihen wie im Paradies, sind die Götter gnädig. Ob hilfreich oder streng: Für den Fortbestand einer Gesellschaft und den Erfolg der Menschheit könnten die Götter die entscheidende Zutat sein.