Drei Viertel aller Straftaten werden von Männern begangen. Die Psychologin Lydia Benecke glaubt trotzdem nicht, dass Männer einen stärkeren Hang zum Bösen haben als Frauen.

Ein Mittwochnachmittag in einer Ambulanz für Sexualstraftäter im Ruhrgebiet. Der Mann mit dem runden rötlichen Gesicht, der Lydia Benecke gegenüber sitzt, räuspert sich, hustet – und fängt an zu schluchzen. Zwar hat er vor vielen Jahren aufgehört, sich einzureden, dem Jungen habe es doch auch Spaß gemacht. Das Befummeln mit sechs, Oralsex mit neun, dazwischen Toben und Spielen. Doch es ist immer wieder schmerzhaft, es auszusprechen. Auch wenn der Junge sich nie gewehrt habe. „Es war ganz allein meine Schuld“, sagt der Mann und zeigt dabei mit dem Finger auf die eigene Brust. „Ich habe das getan.“ Lydia Benecke, rot gefärbte Haare, schwarze Kleidung, Doc Martens, nickt einfach nur.

Der Mann, der über Jahre ein Kind missbraucht hat, wirkt eigentlich ganz sympathisch. Für seine Therapeutin ist das kein Dilemma. Dass Menschen böse sind, böse geboren oder böse geworden, glaubt die Psychologin ohnehin nicht. Sie haben aber Eigenschaften, die ihnen grausame Taten erleichtern: eigene Missbrauchserfahrungen, mangelnde Empathie, fehlende Impulskontrolle, Narzissmus.

Diese Eigenschaften faszinieren Lydia Benecke, seit sie ein Kind war. Damals sah sie True-Crime-Geschichten auf RTL, wenn die Mutter nicht zu Hause war, und schnitt Verbrechensberichte aus der „Bild“-Zeitung aus. Heute füllt sie Säle mit Vorträgen über Psychopathen, hat Bücher über Mörder und Sadisten geschrieben und analysiert im Fernsehen die Beweggründe von Verbrechern wie dem Paar aus dem „Horror-Haus“ in Höxter oder dem Täter auf dem Campingplatz in Lügde.

Und sie therapiert Mörder, Vergewaltiger und straffällig gewordene Pädophile, Männer, die anderen unbeschreibliche Dinge angetan haben und die selbst in der Kindheit oft Opfer waren – von Männern. Der Mann, der ihr gegenüber sitzt, wurde als Kind vom alkoholabhängigen Vater verprügelt. Ein anderer wurde als Grundschüler vom Stiefvater vergewaltigt und ist nun selbst ein pädophiler Sexualstraftäter.

Ausländische Männer sind besonders kriminell

Die Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2017 zeigt: Bei Mord und Totschlag waren zu 88,5 Prozent Männer tatverdächtig, bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu 89,9 Prozent, bei sexuellem Kindesmissbrauch zu 96 Prozent, bei Raub zu 90,8 Prozent. Selbst bei Rauschgiftdelikten und Straftaten gegen die Umwelt liegen die Männer mit 87,6 und 89,3 Prozent der Tatverdächtigen weit vorne. Von allen Tatverdächtigen 2017 waren weniger als ein Viertel Frauen.

Und in deutschen Gefängnissen saßen Ende März 2018 laut Statistischem Bundesamt mehr als 48.000 Männer, aber nicht einmal 3000 Frauen. Dieses eklatante Missverhältnis spießte die satirische Schweizer Initiative „Kriminelle Männer ausschaffen“ schon vor Jahren auf. Ausländer sind besonders kriminell, nicht nur Männer: 82 Prozent der Gewaltstraftaten wurden 2013 in der Schweiz von Männern begangen, bei Tötungsdelikten mit Schusswaffe waren es sogar 100 Prozent. Wäre eine Welt ohne Männer also besser und sicherer?

Lydia Benecke glaubt das nicht. Sie ist sich sicher, dass Männer nicht böser sind als Frauen. Oder, in ihren Worten, dass Frauen die Eigenschaften, die die Psychologin faszinieren, genauso aufweisen wie Männer – auch wenn sie ihre These nicht mit Statistiken untermauern kann. Doch auf den zweiten Blick wird ersichtlich, was ihre Klienten durch Frauen erdulden mussten. Die Mutter des Jungen etwa, der vom Stiefvater brutal vergewaltigt wurde, putzte währenddessen das Nebenzimmer und tat, als hörte sie nichts. Die Mutter eines anderen pädophilen Täters baute die eigene Wohnung in der Sozialbausiedlung zum Kleidermarkt um. Während sie beschäftigt war, setzte sie den Jungen, zu dem sie nie ein liebes Wort sagte, tagein, tagaus mit Chips vor den Fernseher. Und die Großmutter des Mannes, der Benecke an diesem Tag in der Ambulanz gegenüber sitzt, verkuppelte ihre schwangere Tochter mit dem eigenen Liebhaber, damit diese einen Mann und Vater für das Kind hatte. Das Schlafzimmer der Eltern hatte keine Tür, der Klient bekam das Sexleben seiner Eltern mit – und die fortdauernde Affäre von Vater und Großmutter. „Sexuelle Verwahrlosung“ nennt Benecke das.

Die Psychologin ist fast einen halben Meter kleiner als ihr Klient. An manchen Tagen, auch an diesem, ist sie allein mit den Klienten im Haus. Angst hat sie nicht. Sie beruft sich auf die Statistik: Eher komme sie bei einem Autounfall um als durch einen Klienten. Vorsichtig ist sie trotzdem. Vergewaltiger, die sie noch nicht kennt, bestellt sie zum Erstgespräch ein, wenn Kollegen da sind. Und an ihrem anderen Arbeitsplatz, einem Gefängnis, hat sie einen Pieper dabei, mit dem sie Hilfe herbeirufen kann. Mehr Angst als vor Klienten hat sie vor Neonazis, die schon mal mit Plakaten mit der Aufschrift „Todesstrafe für Kinderschänder“ vor dem Haus standen, in dem sich die Ambulanz befindet. Ihretwegen will sie nicht, dass hier der Standort der Einrichtung genannt wird.

Als Kind flüchtete Benecke mit ihrer Mutter aus Polen nach Deutschland, ihr Geburtsname ist Wawrzyniak. Sie erinnert sich noch an das Auffanglager in Friedland. Später zogen Mutter und Tochter in eine Plattenbausiedlung in Bottrop. Die Liebe zu Büchern und Kriminal-Sendungen rettete sie vor falschem Umgang. Davon gab es viel im Viertel: Drogen, Prostitution, Schlägereien. Nicht nur das schwierige soziale Umfeld teilt sie mit manchen Kriminellen, auch das „Sensation Seeking“, die Suche nach immer neuen Reizen. Benecke hat zwei Jobs, besucht ständig Fachtagungen und Kongresse, reist für Vorträge durch Deutschland, und statt sich abends vor den Fernseher zu setzen, tritt sie lieber selbst im Fernsehen auf.

Wann führen Risikoeigenschaften zu Verbrechen, wann nicht? Wäre sie als Mann eher ein Täter geworden? Solche Fragen faszinieren sie. Schon einer ihrer ersten Klienten erinnerte sie an sich selbst. Ein Mann im selben Alter, der auch in einem Problemviertel bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen war. Er wurde Opfer eines pädophilen Täters und hat selbst eine Kernpädophilie entwickelt, fühlt sich also ausschließlich von Kindern vor der Pubertät sexuell angezogen. Wäre er als Mädchen in ihrem und sie als Junge in seinem Viertel groß geworden: Wäre sie dann heute pädophil und er psychisch gesund? Lydia Benecke könnte stundenlang über solche Fragen grübeln.

Ein paar Wochen vor dem Therapiegespräch in der Ambulanz sitzt sie auf einer Bühne in Berlin-Neukölln und hält vor 300 Zuhörern einen Vortrag über das menschliche Böse. Sie sitzt auf einem alten Chesterfield-Sessel, neben ihr steht eine Stehlampe mit Troddeln. Benecke ist wie immer in schwarz gekleidet. Unter Kollegen erschwert ihr Grufti-Aussehen die Anerkennung, beim großen Publikum erhöht es Aufmerksamkeit und Wiedererkennungswert. Auch unter den Zuhörern in Berlin sind viele schwarz gekleidet und tätowiert. Es ist ein Freitagabend, um 21 Uhr legt sie los, und als sie um 23 Uhr eine Pause einlegt, nutzt die niemand, um sich davonzustehlen.

Lydia Benecke findet unterhaltsame Beweise für ihre These, dass die Grenzen zwischen „gut“ und „böse“ fließend sind: Seit eine Scheidung für Frauen in Deutschland problemlos möglich ist und nicht mehr den finanziellen Ruin bedeutet, gibt es weniger Morde an Ehemännern. Das bedeute im Umkehrschluss, sagt Benecke, dass einige Frauen, die vor 50 oder 100 Jahren ihre Männer umgebracht hätten, das heute nicht mehr täten. Sie würden nicht zu Mörderinnen, obwohl sie das Zeug dazu hätten. Für ihre Vorträge nutzt sie Vergleiche aus der Popkultur: Bart Simpson hat ADHS, Eminem ist emotional instabil und Hannibal Lecter der Prototyp des Psychopathen. Benecke lernte ihn mit elf Jahren vor dem Fernseher in „Das Schweigen der Lämmer“ kennen, als die Mutter mal wieder nicht da war.

Hannibal Lecter zeigt viele Merkmale der Checkliste von Robert Hare. Der Psychologe hatte sie entwickelt, um besonders schwer therapierbare und rückfallgefährdete Straftäter zu beschreiben. Weil er männliche Psychopathen vor Augen hatte, als er seinen Kriterienkatalog entwickelte, bekämen Frauen bis heute weniger Punkte auf der Psychopathie-Skala. Dabei würden psychopathische Frauen eher mit Delikten wie Erpressung auffällig und nicht mit Raubüberfällen. Außerdem wiesen sie mehr Elemente der Borderline-Störung auf und weniger der antisozialen Persönlichkeitsstörung – Psychopathie gilt als Mischung verschiedener Störungen, ist aber keine offizielle Diagnose. Krasse Beispiele weiblicher Psychopathen kennt die Geschichte dennoch. Etwa Diane Downs, die ihre drei Kinder niederschoss, um mit ihrem Liebhaber zusammen sein zu können. Ihr widmet Benecke in ihrem Buch „Psychopathinnen“ ein ganzes Kapitel.

Psychopathen und Psychopathinnen sind die Ausnahme. Die Regel lautet: Frauen begehen weniger Straftaten, werden seltener angezeigt, kommen seltener ins Gefängnis. Selbst wenn man akzeptiert, dass die meisten Täter in der Kindheit Opfer waren, teils Opfer der eigenen Mutter, stellt sich die Frage: Warum werden Frauen mit traumatischer Kindheit so selten Täterinnen? Woran liegt das? An biologischen Unterschieden? Oder an der Sozialisation, an sozialen Erwartungen?

Zur Klärung dieser Frage lädt Lydia Benecke in ihre Wohnung in Köln, in der überlebensgroße Figuren aus Alice im Wunderland stehen und ein gefiederter Rabe aus Pappmaché. Ihre Bücher sind regalweise thematisch geordnet nach Sadismus, Psychopathen, Vampiren und Religion. „Es ist kompliziert“, sagt sie. „Biologische Faktoren spielen schon eine Rolle.“ Testosteron könne in Kombination mit anderen Faktoren die Gewaltbereitschaft erhöhen. Doch mindestens genauso wichtig seien soziale Faktoren. „Jungen lernen eher, Traurigkeit in Wut umzuwandeln. Weinende Jungen gelten noch heute als Schwächlinge.“ Mädchen lernten eher, sich bei Traurigkeit zurückzuziehen, manche verletzten sich selbst. Wenn sie sich prügeln, habe das für sie eher negative Folgen als für Jungen. Auch in späteren Jahren richteten sie Gewalt eher gegen sich selbst oder gegen Familienangehörige als gegen Fremde. Und sie nutzten mehr emotionale Gewalt – indem sie etwa den Ruf zerstören oder ihr Kind als Partnerersatz ansehen. „Wenn eine Mutter sagt: ,Du musst immer für Mutti da sein, bei Mutti im Bett schlafen, Mutti kann nicht alleine sein’, dann ist das emotionaler Missbrauch“, sagt Benecke.

Auch sexuellen Missbrauch durch Frauen gebe es öfter als gemeinhin angenommen. Wenn ein Achtjähriger von der zwölfjährigen Cousine bedrängt werde, mit seinem Penis an ihrer Vagina herumzuspielen, werde das eher als ekliges Doktorspiel gedeutet und nicht als sexueller Übergriff. Bei einem Vierzehnjährigen, der von der Lehrerin zu sexuellen Handlungen manipuliert wurde, werde das eher als Verführung oder „Einführung in die Liebe“ verharmlost. Dabei würde man bei einer Vierzehnjährigen und einem dreißigjährigen Lehrer ganz klar von Missbrauch sprechen.

Das sieht auch die Psychoanalytikerin und forensische Psychiaterin Hanna Ziegert so. In ihrer Arbeit stößt auch sie immer wieder auf Männer, die von der Mutter, der Babysitterin oder der Schwester sexuell missbraucht wurden. Oft hört sie etwa von Müttern, die nach einer Phimosen-Operation die Vorhaut des Jungen regelmäßig bewegen, wie vom Arzt empfohlen, das aber auch mit fortschreitendem Alter des Jungen machen – bis in die Pubertät und bis zum Orgasmus. Diese Taten würden so sehr tabuisiert, dass sie fast nie zur Anzeige gebracht werden. In der Kriminalstatistik tauchen sie deshalb nicht auf. Im Dunkelfeld aber wird laut dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs von einem Täterinnen-Anteil von bis zu 20 Prozent ausgegangen. In einer Umfrage unter 8000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen gab im Jahr 2015 sogar jeder Dritte mit Missbrauchserfahrungen an, der Täter sei eine Frau gewesen. Und der Strafverteidiger Veikko Bartel, der mehr als 20 Mörder und fünf Mörderinnen verteidigt hat, sagt: „Mein Eindruck ist, dass Frauen eine höhere Leidensfähigkeit haben. Es dauert länger, bis sie einen Mord begehen. Aber wenn sie es tun, ist er besonders brutal.“ Bartel und Ziegert haben bei ihrer Arbeit vor Gericht den Eindruck gewonnen, dass Frauen oft milder bestraft werden als Männer. Auch hier könnten soziale Normen dazu führen, dass viel weniger Frauen in Gefängnissen sitzen.

Wenn der soziale Faktor ausschlaggebend ist, müsste die Zahl der gewalttätigen Frauen und Gefängnisinsassinnen mit zunehmender Gleichberechtigung wachsen. Tatsächlich gibt es erste Studien, die eine Zunahme von Gewalt bei Mädchengangs verzeichnen. Noch gibt es aber wenig Forschung dazu. Dabei könnten Forschungsergebnisse zum Beispiel helfen, Rückfallquoten zu senken.

Nach gut einer Stunde beendet Lydia Benecke die Sitzung mit ihrem Klienten. Er hat jetzt noch Zeit, einen Kaffee trinken zu gehen, bis am frühen Abend die Gruppentherapie beginnt. Dort stellt er seine Biografie und seine Tat vor, wie das alle Klienten im Laufe ihrer Therapie machen. Deren Ende ist nicht dann gekommen, wenn sie eine bestimmte Zahl an Stunden absolviert haben, sondern wenn Benecke die Rückfallwahrscheinlichkeit für gesenkt hält – wirklich heilen lässt sich Pädophilie nicht. Betroffene müssen Spielplätze und Schwimmbäder meiden, teils sogar Familienfeiern, bei denen Kinder anwesend sind. Sitzt in der Bahn dann doch mal ein Kind neben ihnen, sollen sie an etwas Ekliges denken. Denn die Erregung würde die Gefahr für Rückfälle erhöhen. Diejenigen, die nicht ausschließlich von Kindern erregt werden, können versuchen, eine erfüllte Sexualität mit Erwachsenen aufzubauen.

Der Mann mit dem runden rötlichen Gesicht ist seit Jahren mit einer Frau verheiratet, die von seiner Tat weiß. Seit zwei Jahren ist er in Behandlung und hat in dieser Zeit nur einmal gefehlt. Vor allem die Gruppe tue ihm gut, sagt er. Alle machten mit. „Und wir werden“, sagt er und räuspert sich, wieder steigen ihm Tränen in die Augen, „wie Menschen behandelt.“ Lydia Benecke nickt.