Es beginnt der Prozess um die Ermordung von Daniel H. in Chemnitz. Die Beweislage ist dünn. Zwei Verdächtige wurden ermittelt. In jedem Fall werden Fragen bleiben. Das hat mit dem Haupttäter zu tun.

Als wäre er nur kurz weggegangen. Auf dem Briefkasten steht noch sein Name, auf dem Klingelschild auch, ein großes, schlankes S am Anfang. An der Wohnungstür: ein kleines Holzschild, „Willkommen“. Deutsche Spießigkeit, so scheint es. Hier, in einem unauffälligen Haus, wohnte Alaa S., ein 23-jähriger Syrer. In einer Straße, in der ein Haus mehr oder weniger dem anderen gleicht. In einem Stadtteil, der als einer der besseren in Chemnitz gilt.

Eine Nachbarin macht ein ratloses Gesicht, als sie das Foto von Alaa S. sieht. Ja, der habe über ihr gewohnt. Aber seit einem halben Jahr habe sie nichts mehr von ihm gehört.

Seit etwas mehr als einem halben Jahr sitzt Alaa S. in Untersuchungshaft. Er ist einer der Männer, die in der Nacht auf den 26. August den Tischler Daniel H. erstochen haben sollen. An diesem Montag beginnt in Dresden der Prozess gegen ihn – wegen gemeinschaftlichen Totschlags, versuchten gemeinschaftlichen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung.

Schild an der Wohnungstür des Angeklagten Alaa S.

Vieles an der Tat ist unklar, nur so viel steht fest: Daniel H. starb am frühen Morgen nach einem Messerangriff. Und die Stadt versank danach im Chaos. Tagelang zogen rechte und linksradikale Demonstranten durch die Straßen. Angeblich wurden Arme zum Hitlergruß gereckt, die halbe Republik versuchte, ein Video zu deuten, in dem ein Mann einer ausländisch aussehenden Person hinterherläuft und nach ihr tritt.

Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen ging auf Konfrontationskurs mit dem Kanzleramt, als er bezweifelte, dass „Hetzjagden“ stattgefunden hatten. Mehrere ausländische und ein jüdisches Restaurant wurden überfallen. Neonazis schlossen sich zu einer mutmaßlichen Terrorgruppe zusammen.

Chemnitz ist zur Chiffre geworden, zur Stadt der sogenannten Rechten für die einen, zum Beweis einer gescheiterten Flüchtlingspolitik für die anderen. Und niemand weiß genau, was in jener Nacht geschah, in der all das seinen Anfang nahm.

Heute ist Chemnitz eine Stadt, die lieber nach vorn schauen will, als sich an jene Tage im August und September zu erinnern. Doch nach allem, was man weiß, wird auch der Prozess keinen Schlussstrich bringen. Zwar wurden zwei Tatverdächtige ermittelt. Aber der eine, Alaa S., streitet alles ab, die Beweislage ist dünn. Und der andere, Farhad Ramazan Ahmad, ist verschwunden – ausgerechnet der Mann, der als Haupttäter gilt. 24 Verhandlungstage sind nun gebucht, um herauszufinden, was am 26. August passiert ist.

In jener Nacht verlässt Alaa S. gegen 2.30 Uhr seine Wohnung, ein Mann mit weichen, jungenhaften Gesichtszügen. Er hat Hunger, will in der Stadt etwas essen. Draußen sind es um die zehn Grad, Alaa S. hat eine Kapuzenjacke über sein weißes T-Shirt gezogen. In der Brückenstraße, unweit des Karl-Marx-Kopfes, des Wahrzeichens von Chemnitz, geht er in einen Dönerimbiss namens „Alanya“.

Ungefähr zur gleichen Zeit halten sich Farhad Ramazan Ahmad und Yousif A. im „Dünya“ auf, einer anderen Dönerbude in der Nähe. Ahmad und A. kennen sich, sie stammen beide aus dem Irak. Vor zwei Stunden haben sie sich in einer Shisha-Bar getroffen. Schon dort ist Ahmad aufgefallen, er stritt sich mit einem Mann und bedrohte ihn mit einem Messer. Jetzt, im Dönerladen, beschimpft er mehrere Kunden als Nazis. Schließlich ziehen er und Yousif A. mit Bier in der Hand weiter.

Daniel H., das spätere Opfer, ist an diesem Abend auf dem Stadtfest, mit dem Chemnitz seinen 875. Geburtstag feiert. H. ist Deutschkubaner und seit acht Jahren mit seiner Lebensgefährtin zusammen, deren Sohn er mit aufzieht. Er arbeitet in einer Firma für Hausmeisterdienste. In der Brückenstraße trifft er einen Arbeitskollegen und dessen Begleiter. Sie unterhalten sich, gehen zwischenzeitlich ins „Alanya“, um Zigaretten zu kaufen.

Gegen drei Uhr stößt Farhad Ramazan Ahmad auf die Gruppe um Daniel H. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Ahmad nun nach einer „Karte“ fragt, sich an die Nase fasst und Luft einzieht, dann umarmt er H. Der ruft: „Verpiss dich!“ Ahmad verpasst ihm nach Darstellung der Ermittler eine Ohrfeige, es kommt zum Handgemenge, der Iraker geht zu Boden. Alaa S. hört im „Alanya“ den Tumult und läuft nach draußen. Dann, so die Anklage, sei er Ahmad zu Hilfe geeilt. Beide sollen mit Messern auf Daniel H. eingestochen haben.

Einer von H.s Bekannten, ein Deutschrusse, bekommt einen Stich in den Rücken. Einen weiteren Begleiter trifft eine Bierflasche am Kopf. Daniel H. selbst hat fünf Stiche im Körper, einer davon hat das Herz getroffen. Sofort nach der Tat, um 3.16 Uhr, wählt eine Zeugin die 112.

Farhad Ramazan Ahmad und Alaa S. sind da schon auf der Flucht. Auch Yousif A., der während der Tat offenbar etwas abseits gestanden hat, rennt weg. Um 3.25 Uhr werden er und Alaa S. festgenommen. Der mutmaßliche Haupttäter Ahmad entkommt.

Warum brach der Streit aus? Vielleicht wegen Drogen? Das könnte man aus der Frage nach der Karte und der Geste mit dem Nasenloch schließen. Bei Daniel H. wird nach dessen Tod ein akuter, nicht übermäßig hoher Konsum von Kokain nachgewiesen. Eine Zeugin gibt an, sie habe den Eindruck gehabt, Farhad Ramazan Ahmad habe unter Drogen gestanden.

Die Staatsanwaltschaft kommt zu dem Schluss: „Worum es bei diesem Streit ging, konnte bislang nicht aufgeklärt werden.“

Während die Öffentlichkeit in den nächsten Tagen auf die Straßen von Chemnitz schaut, auf Demos, angebliche Hitlergrüße, die offensichtlich überforderte Polizei, laufen die Ermittlungen an. Erste Zeugen werden vernommen, Haftbefehle gegen die Festgenommenen ausgestellt. Einen davon veröffentlicht ein Justizbeamter – es ist der Haftbefehl gegen Yousif A. Plötzlich steht ausgerechnet der Mann im Fokus, von dem die Staatsanwaltschaft später feststellt, dass er unschuldig ist. Der Justizbeamte wird suspendiert.

August und September 2018: Demonstranten in Chemnitz

Ansonsten scheint zunächst alles klar: Zwei Männer haben zugestochen, zwei Männer sind in Haft. Einen Tag nach dem Tod von Daniel H. bekommen die Ermittler jedoch den Hinweis auf einen möglichen Täter namens Farhad. Zu diesem Zeitpunkt hält er sich wohl noch in Chemnitz auf – aber die Polizisten haben nur seinen Vornamen, mehr nicht. Erst neun Tage nach dem Totschlag wird Farhad Ramazan Ahmad öffentlich zur Fahndung ausgeschrieben. Da hat er sich längst aus Chemnitz abgesetzt. Yousif A. kommt frei, der Verdacht gegen ihn erhärtet sich nicht.

Auf der Suche nach einem Täter, nach einer Antwort auf die vielen Fragen geht es also um zwei Personen. Alaa S., den Angeklagten, und Farhad Ramazan Ahmad, den Flüchtigen.

Alaa S. kam nach Informationen im April 2015 nach Deutschland. Kurz darauf stellte er einen Asylantrag. Er wurde als Flüchtling anerkannt, seine Aufenthaltserlaubnis bis zum 21. April 2019 befristet. Vorbestraft ist er nicht. Wenn man unter Syrern und Irakern in Chemnitz nach Alaa S. fragt, hört man immer wieder einen anderen Namen: Jwan. Das sei sein Spitzname, so stelle er sich vor. Jwan ist Kurdisch und bedeutet „schön“. Er sei nun mal ein schöner Junge, heißt es. Auch sein früherer Chef nennt ihn so.

September 2018: Demonstration der Bewegung Pro Chemnitz

Der Mann sitzt in seinem Friseursalon in der Chemnitzer Innenstadt, vier Drehstühle, vier Spiegel, eine Couch zum Warten. Hier hat Alaa S. Haare geschnitten, zwei Stunden am Tag, manchmal länger. Für das Gespräch hat sich der Chef in einen Friseurstuhl gesetzt, Pulli, Stoffhose, Sneaker – kein Name. „Jwan“ habe er durch einen Bekannten kennengelernt, er, der Chef, habe gerade einen Friseur gesucht. Also ließ er „Jwan“ ein- oder zweimal zur Probe arbeiten. „Er war gut.“

Vier bis sechs Monate habe „Jwan“ hier gearbeitet, so genau könne er das nicht sagen, bis zur Verhaftung auf jeden Fall. Ab und zu hätten sie zusammen Shisha geraucht in der Bar gleich nebenan. „‚Jwan‘ war bekannt, ein gern gesehener Mann“, sagt er. „Keiner der Kunden glaubt, dass er das getan hat.“ Etwas später relativiert er den Satz: „Es kommen weniger Leute hierhin deswegen.“

Auch Yousif A. arbeitete in diesem Salon, der Freigelassene. Und Farhad Ramazan Ahmad? Der Chef verneint. „Der soll Drogendealer gewesen sein, den habe ich nie kennengelernt.“ Er erzählt, dass er in München war, als die Tat geschah, neue Friseurstühle kaufen. Der Chef glaubt, dass Alaa S. unschuldig ist. „Der wahre Täter“, sagt er, „ist schon über alle Berge.“

Linksradikale Demonstranten beim March Against Racism in Chemnitz

Wie er reden auch andere Menschen aus dem Umkreis von Alaa S.: Er sei ein netter Typ, ein guter Mann. Farhad Ramazan Ahmad dagegen hat einen schlechten Ruf. Ist es denkbar, dass Alaa S. tatsächlich nichts mit der Tat zu tun hat? Oder soll hier die Schuld auf den einen abgewälzt werden, der ohnehin abgetaucht ist?

Zumindest ein Zeuge soll – wenn auch aus 50 Metern Entfernung – gesehen haben, wie Alaa S. und Farhad Ramazan Ahmad gemeinsam Stichbewegungen gegen Daniel H. ausführten. Ein Messer habe er nicht gesehen. In einer späteren Vernehmung sprach der Zeuge nicht mehr von Stichbewegungen, sondern von Schlägen. In der Zwischenzeit sollen Bekannte von Alaa S. ihn unter Druck gesetzt und mit einem Stuhl geschlagen haben. Auf die Aussagen dieses einen Mannes stützt sich ein großer Teil der Anklage. Viel mehr hat die Staatsanwaltschaft nicht gegen Alaa S. in der Hand.

So wurde nur ein Tatmesser gefunden. Daran haftete eine unvollständige DNA, die auf Farhad Ramazan Ahmad hinweist. Spuren von Alaa S. wurden nicht sichergestellt. Ein zweites Tatmesser auch nicht. Mehr als 100 Zeugen wurden vernommen, aber viele Aussagen widersprechen sich. Einer von Daniel H.s Bekannten erinnert sich zwar an zwei Personen, die auf H. eingestochen haben sollen. Sicher identifizieren konnte er sie aber nach Informationen nicht.

Der mutmaßliche Haupttäter wird derweil international gesucht. Inzwischen hat die Bundesregierung auch die Sicherheitsbehörden im Irak um Hilfe gebeten, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet.

Farhad Ramazan Ahmad kam vor dreieinhalb Jahren mit seinem jüngeren Bruder nach Deutschland. Als Fluchtgrund gab er den Krieg in seiner Heimat an, dem Irak. Von konkreten Kriegserlebnissen, die ihn oder seine Familie betroffen hätten, konnte er den Behörden jedoch nicht berichten.

Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass Ahmad zumindest die letzten Jahre vor seiner Ankunft in Deutschland in der Türkei verbrachte. Auf einem Facebook-Account, der ihm zu gehören scheint, finden sich zahlreiche Fotos aus Istanbul. Die Staatsanwaltschaft bestätigt auf Anfrage, dass ihr der Account bekannt sei, äußert sich aber nicht weiter dazu.

So wurde nur ein Tatmesser gefunden. Daran haftete eine unvollständige DNA, die auf Farhad Ramazan Ahmad hinweist. Spuren von Alaa S. wurden nicht sichergestellt. Ein zweites Tatmesser auch nicht. Mehr als 100 Zeugen wurden vernommen, aber viele Aussagen widersprechen sich. Einer von Daniel H.s Bekannten erinnert sich zwar an zwei Personen, die auf H. eingestochen haben sollen. Sicher identifizieren konnte er sie aber nach Informationen nicht.

Der mutmaßliche Haupttäter wird derweil international gesucht. Inzwischen hat die Bundesregierung auch die Sicherheitsbehörden im Irak um Hilfe gebeten, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet.

Farhad Ramazan Ahmad kam vor dreieinhalb Jahren mit seinem jüngeren Bruder nach Deutschland. Als Fluchtgrund gab er den Krieg in seiner Heimat an, dem Irak. Von konkreten Kriegserlebnissen, die ihn oder seine Familie betroffen hätten, konnte er den Behörden jedoch nicht berichten.

Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass Ahmad zumindest die letzten Jahre vor seiner Ankunft in Deutschland in der Türkei verbrachte. Auf einem Facebook-Account, der ihm zu gehören scheint, finden sich zahlreiche Fotos aus Istanbul. Die Staatsanwaltschaft bestätigt auf Anfrage, dass ihr der Account bekannt sei, äußert sich aber nicht weiter dazu.

An der Brückenstraße in Chemnitz wurden über eine lange Zeit Blumen abgelegt

Nachdem sein erster Asylantrag im Mai 2016 abgelehnt wurde, stellte Ahmad einen zweiten. Auch dieser wurde abgelehnt. Dagegen reichte er vor dem Verwaltungsgericht Chemnitz Klage ein, sodass die Behörden seine Abschiebung aussetzten. Erst nach seiner Flucht aus Chemnitz stellte das Gericht das Verfahren ein. In der Zwischenzeit war er immer wieder der Polizei aufgefallen. Hausfriedensbruch. Diebstahl. Körperverletzung. Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, weil er 15,02 Gramm Marihuana gekauft hatte, um sie teurer weiterzuverkaufen, verpackt in 14 Beutelchen.

Zweimal verurteilten Gerichte ihn zu Haftstrafen – und setzten sie zur Bewährung aus. In einem Urteil des Amtsgerichts Aue, heißt es dazu: „Nach wie vor hat das Gericht die begründete Erwartung, dass sich der Angeklagte schon die Verurteilung zur Warnung dienen lasse und künftig auch ohne die Einwirkung des Strafvollzugs keine Straftaten mehr begehen wird.“ Ein Irrtum.

Jetzt ist dort eine Gedenkplatte eingelassen

Der anstehende Prozess wird vom Landgericht Chemnitz geführt, findet aber aus Sicherheitsgründen im Oberlandesgericht Dresden statt. Zumindest in der Brückenstraße, wo Daniel H. erstochen wurde, ist Ruhe eingekehrt. Monatelang standen Blumen und Kerzen am Tatort. Freunde und Verwandte trauerten hier. Aber es kamen auch Menschen, die H. nicht kannten und vor allem ihren Frust über die Flüchtlingspolitik loswerden wollten. Inzwischen wurde eine Gedenktafel in den Bürgersteig eingelassen, „Daniel H./ 26.08.2018“.

An einem Nachmittag wenige Tage vor Prozessbeginn macht ein älterer Mann hier Halt, schaut kurz auf die Plakette. Er ist Chemnitzer und zum ersten Mal hier, seitdem die Blumen weg sind. Was er über den anstehenden Prozess denkt? „Der Hauptbeteiligte ist ja noch auf der Flucht und wurde bis heute nicht gefunden“, sagt der Mann. „Ich glaube, da fehlt eine der wichtigsten Personen.“