Zum Prozessauftakt in Wiesbaden gesteht Ali B., die 14-jährige Susanna F. getötet zu haben und erzählt von seinem Privatleben: vom Alkohol- und Drogenkonsum, von seinen Freundinnen. Doch seine Version der Tat passt nicht zur Anklage.

Ali Bashar Ahmed Z., wie er laut irakischer Dokumente heißt, ist ein schmaler junger Mann, angeblich 22 Jahre alt und jünger aussehend als ein Erwachsener. Er spricht leise, mit sanfter Stimme und knetet seine blassen Hände, legt, als die Kameras noch im Saal sind, seinen Kopf auf den Tisch, als bereue er zutiefst. Auf den ersten Blick erweckt Ali B. keinen gewalttätigen oder bedrohlichen Eindruck. Dass naive und gutgläubige junge Mädchen, zum Teil noch Kinder, sich geschmeichelt fühlten von seinem Interesse und seiner Aufmerksamkeit – es ist ohne Weiteres nachvollziehbar.

Doch B. muss auch ein anderes Gesicht haben. Denn was die Staatsanwältin vor der Wiesbadener Schwurgerichtskammer als Anklage vorträgt, widerspricht ganz und gar dem geschmeidigen Auftreten dieses anscheinend hochgefährlichen Delinquenten. Obwohl: Genau kalkuliert und geplant, hier hinsichtlich Medienwirksamkeit, erschien auch dieser Auftritt. Ähnlich dürfte B., sollte sich die Anklage bestätigen, auch bei den vorgeworfenen Taten vorgegangen sein.

Drei Anklagen hat die Staatsanwaltschaft Wiesbaden gegen B. erhoben, wegen Mordes an der 14-jährigen Susanna F. aus Mainz, wegen Vergewaltigung und wegen schweren Raubes. Was über B. zu erfahren ist, bestätigt all jene, die einen Kontrollverlust des Staates in Sachen Asylgewährung anprangern. Auf die Frage des Vorsitzenden der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Wiesbaden, Jürgen Bonk, weiß B. noch nicht einmal einen konkreten Grund zu benennen, warum die Familie – Eltern und acht Kinder –, in Deutschland Asyl begehrten. Seine Mutter wisse dies besser, erklärt er. Angeblich habe eine Gefahr bestanden, es fallen die Buchstaben IS, dass er in den Kampf habe gehen sollen.

Fünf Jahre Schule in Irak. Zweimal sitzen geblieben. Vater „im Zollbereich tätig“. Der Vorsitzende: „In der Akte steht, er sei Gärtner gewesen.“ B. korrigiert: „Er war von Beruf bei der Polizei tätig.“ In Deutschland habe er, B., nicht gearbeitet. Bis zwölf Uhr mittags geschlafen, dann Freunde getroffen, Alkohol getrunken, Drogen genommen. Einen Deutschkurs habe er abgebrochen, nicht geschafft, „weil die anderen schon schreiben konnten und ich noch nicht“. Vorsitzender: „Ja, sind Sie denn regelmäßig hingegangen?“ „Anfangs ja, dann nicht mehr“, antwortet der Angeklagte.

Freundinnen? Ja, mehrere. Ein Mädchen mit türkischen Wurzeln, eines mit russischen, ein weiteres mit deutschen. Religiös? Die Familie ja, sie seien Muslime. Er sei es nicht, habe damit nichts zu tun. Der Vorsitzende fragt, welche Vorstellungen er von Frauen habe? Mit der psychiatrischen Sachverständigen hatte er lange darüber gesprochen. Vor Gericht antwortet er: „Habe heute keine Erinnerung mehr.“ Vorsitzender: „Was stellen Sie sich unter einer ‚guten Frau‘ vor?“ B.: „Ich will diese Frage nicht beantworten.“

Angeblicher Streit zwischen Susanna und ihrer Mutter

Dann geht es zur Sache. B. erzählt eine Geschichte, die nicht zur Anklage passt. Und man fragt sich, was die Verteidiger Martin Reineke und der später dazugekommene Markus Steffel mit ihm besprochen haben mögen. B. stellt Susanna als Herumtreiberin dar, die nächtelang mit ihm unterwegs gewesen sei, die am Tatabend mit ihm und einem Freund Wodka getrunken habe, die nicht nach Hause gewollt habe. Er hätte sie zum Bus gebracht, doch sie habe nicht gewollt, weil sie angeblich Streit mit der Mutter gehabt hatte. Die im Saal anwesende Doriana F. dürfte sich zusätzlich zu allem Leid auch noch verhöhnt gefühlt haben.

B. will Susanna zwar getötet, aber nicht vergewaltigt haben. Er spricht, ohne es so zu benennen, von einvernehmlichem Sex. Susanna sei danach hingefallen und habe sich im Gesicht verletzt. Und: Sie habe gedroht, zur Polizei zu gehen, immer wieder. Warum? Wegen der Gesichtsverletzung? Wenig wahrscheinlich. Dann bringt er etwas Neues vor, womit er sogar die Staatsanwaltschaft überrascht: Es sei ihm plötzlich schwarz vor den Augen geworden, als er seinen Arm, neben Susanna am Boden sitzend, um den Hals gelegt habe, um sie festzuhalten.

Als er wieder zu sich kam, habe er ihren Puls gefühlt. Aber er wisse nicht, ob noch Puls da gewesen sei. Dafür aber weiß er, dass er ein Loch gegraben habe. Womit, erklärt Ali B. nicht. Auch dazu, ob er Susanna dort hineingelegt habe, sagt er nichts. Dann sei er nach Hause, also in die Asylbewerberunterkunft, und habe geduscht.

Es gibt eine Fülle von unterschiedlichen Angaben B.s bei der Sachverständigen, bei der richterlichen und polizeilichen Vernehmung. Vor Gericht lässt er vieles weg, viele Fragen bleiben offen. Etwa: Wie finanzierte B. sein Leben? Von 280 Euro Taschengeld gab er angeblich 200 seiner Mutter ab. Er ist starker Raucher, konsumierte, wie er sagt, drei- bis viermal pro Woche Wodka oder Whisky in großer Menge, dazu Kokain, Marihuana.

„Es tut richtig weh. Es schmerzt.“

Zwei Tage nach der Tat fuhr B. nach Paris zu einem Freund für vier Tage. Dann kehrte er nach Wiesbaden zurück und setzte sich mit Eltern und fünf Geschwistern über Düsseldorf und Istanbul in den Irak ab. Noch in Deutschland offenbarte er sich nach der Tat offenbar gegenüber mehreren Personen in verschiedenen Versionen: Ich habe einen Fehler gemacht, ich habe ein Mädchen getötet, ich habe einen Jungen getötet, ich habe die Schlampe getötet. Manche glaubten ihm nicht. Manche lachten ihn aus. Ein arabischer Freund habe ihm geraten, eventuelle Spuren am Körper abzuwaschen.

Nach der Mittagspause und offenbar nach Rücksprache mit seinen Verteidigern ringt er sich sogar noch ein Reuebekenntnis ab. Die ihm gegenübersitzende Familie Susannas schaut er nicht an. Zum zweiten und dritten Anklagepunkt – Vergewaltigung und schwerer Raub – will er sich nicht äußern.

Er sagt: „Als das geschehen ist, war ich ein anderer Mensch als vorher.“ Der Vorsitzende fragt: „Was ist anders geworden für Sie?“ B. antwortet: „Mein Kopf war leer. Jetzt kann ich besser denken. Es tut richtig weh. Es schmerzt.“ Der Vorsitzende: „Was?“ B.: „Diese Ermordung.“ Plötzlich erklärt er, er werde keine Fragen mehr beantworten. Er könne nicht mehr.