Im Prozess um den Mord an der 14-jährigen Susanna werfen die Aussagen der Freundinnen ein seltenes Licht auf eine verstörende Szene. Junge Migranten umgarnen elf-, zwölfjährige Mädchen.

Seine Taktik, wie man an junge, unerfahrene Mädchen herankommt, in seinen Augen alles „Schlampen“, war gut überlegt. Er, der Älteste, schickte seinen kleinen Bruder los, der nicht nur mit Rauschgift dealte wie ein Profi, sondern auch Kontakte zu knüpfen verstand zu Mädchen zwischen elf und 13 Jahren – harmlos wirkend, fast kindisch noch, „süß“ eben. Ließen diese Mädchen dann irgendwann alle Vorsicht fahren, tauchte laut Anklageschrift er auf – Ali, der große Bruder. Man müsse sich vor ihm in Acht nehmen, warnte der Jüngere. Denn Ali schlug zu. Ali hatte wohl auch immer ein Messer dabei. Und Ali hielt unablässig Ausschau nach „Jungfrauen“. Hatte er es auf eine abgesehen, hieß es: „Bring sie her!“

Dieser Strategie Ali Bashars Ahmad Z., wie er laut irakischer Dokumente heißt, geboren 1997 im Irak und 2015 mit Eltern und acht Geschwistern als Asylbewerber in Wiesbaden gelandet, fiel im Mai 2018 die 14 Jahre alte Susanna F. aus Mainz zum Opfer – ein schüchterner, zurückhaltender Teenager ohne jede sexuelle Erfahrung.

In der Rekonstruktion der Staatsanwaltschaft schwärmte sie für den damals dreizehnjährigen Hadji, genannt Keysi, Ali B.s kleinen Bruder. Der erwiderte ihre Gefühle zwar nicht, wies sie aber auch nicht ab. Er erklärte ihr, sie sei für ihn wie eine Schwester, die er immer beschützen werde. So blieb Susanna in seiner Nähe, dankbar, zu der Clique junger Flüchtlinge gehören zu dürfen, die sich täglich in der Wiesbadener Innenstadt trafen. In Schnellrestaurants, auf Spielplätzen, im Kurpark, an Orten, die sich zum „Spaß haben“ anboten. Von Ali B. hielt sich Susanna fern. Er war ihr unheimlich. Und viel zu alt.

Unter seinesgleichen aber soll sich Ali B. gebrüstet haben, er werde Susanna so lange nicht in Ruhe lassen, bis er sie habe. So detailliert steht es zumindest in der Anklageschrift. Sollte sie sich weigern, bringe er sie um.

Seit März steht er nun vor dem Landgericht Wiesbaden. Was er getan haben soll, ist kein sogenannter Ehrenmord, keine Beziehungstat, auch keine spontane Attacke auf eine willkürlich ausgewählte Frau. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass er seine Ankündigung wahr gemacht und Susanna in der Nacht des 23. Mai vergewaltigt und getötet hat. Während der vorherigen Prozesstage hat der Angeklagte die Tat bereits gestanden. In einem weiteren Verfahren muss er sich wegen Vergewaltigung einer Elfjährigen verantworten. „Übergriffe auf Kinder – das ist von neuer Qualität“, sagt Petra Kaadtmann, die Anwältin von Susannas Mutter.

Susanna schickte noch Hilferufe per SMS

Vor Gericht wird sein raffiniertes Vorgehen deutlich: wie er den jungen Keysi vorschickte, um Susanna in Sicherheit zu wiegen, bis er schließlich mit ihr allein war. Wie er sie fünf Stunden lang quälte, bis er sich entschloss, sie zu beseitigen. Die Tötung gibt er zu, nicht aber die Vergewaltigung. Es sei einvernehmlich gewesen, behauptet er. Zuvor hatte Susanna vergeblich Hilferufe per SMS an Freundinnen geschickt, ob sie bei ihnen übernachten dürfe. Sie werde „angefasst“.

Das Gericht mit dem Vorsitzenden Jürgen Bonk befragt die Mädchen aus der Gruppe und auch ein paar Jungs – über Susanna, über Keysi und Ali B. In einem stimmen sie überein: Susanna sei nicht „so eine“ gewesen, die nicht hätte Nein sagen können oder wollen. Allerdings habe sie im Frühjahr 2018 angefangen, die Schule zu schwänzen, um in der Nähe von Keysi in Wiesbaden sein zu können. Ihre Mutter Doriana F. suchte sofort professionelle Hilfe, als sie davon erfuhr.

Vor Gericht beteuert sie, wie sie als Alleinerziehende versucht habe, dem Kind doppelt so viel Liebe zu geben, wie innig das Verhältnis gewesen sei. Kleinere Probleme habe es erst gegeben, als ein neuer Lebensgefährte erschien und eine weitere Tochter geboren wurde. Und als sich Susanna in der Schule gemobbt fühlte.

Was hat dazu geführt, dass sich die Tochter ihr nicht mehr anvertraute? Die Pubertät? Doriana F. zermartert sich den Kopf. Sie sei froh gewesen, sagt sie unter Tränen, dass das Kind in Wiesbaden neue Freunde gefunden habe. Wenn Susanna mal über Nacht wegblieb, habe sie stets angerufen und gesagt, sie sei bei einer Freundin. Bei welcher? Frau F. muss passen. Sie habe die Tochter nicht vor Flüchtlingen gewarnt, sagt sie weiter, sondern ihr erklärt, dass diese Menschen oft schreckliche Dinge erlebt hätten und vielleicht anders reagierten als erwartet.

Die furchtbare Naivität der Jugendlichen

Der Vorsitzende nimmt sich viel Zeit für die jungen Zeugen, Susannas Freunde. Ihre Aussagen erlauben den Blick auf eine verstörende Jugendszene und auf Gefahren, mit denen in dieser Altersgruppe niemand rechnet.

Die ungewohnte Situation vor Gericht pflegt Bonk mit der Frage nach den Hobbys der Schulmädchen einzuleiten. Die Antwort: ratloses Schweigen. Oder es kommt: Rausgehen. Chillen. Herumlungern, die Zeit totschlagen. Eine Schülerin sagt, sie gehe ab und zu zum Kickboxen, eine andere spielt Fußball. Für die meisten aber ist das Verlassen der Wohnung die einzige Freizeitbeschäftigung. Eine Zeugin, die demnächst die Schule beenden wird, weiß keine Antwort auf die Frage, was sie danach vorhabe. Ob sie einen bestimmten Beruf anstrebe? Ob sie an irgendetwas Interesse habe? Nein, keine Ahnung.

Es sind offenbar traditionell erzogene Mädchen, die mit Freiheit überfordert sind. Lesen? Musik? Sport? Nichts davon. Sie tragen fast alle ausländische Namen. Neben ihnen sitzen als Beistand Mütter mit Kopftuch, deren Sprachkenntnisse an die ihrer Töchter nicht heranreichen. Sie tun sich schwer mit dem Freiraum, den die Töchter einfordern und dessen Gefahrenpotenzial sie nicht kennen. Viele der jungen Zeuginnen weinen. Andere scheinen die Perfidie Ali B.s noch immer nicht begriffen zu haben. Ein Mädchen, das wenige Tage nach der Tat mit ihm chattete, nannte er sein „große Herz für immer“. Von einer anderen verlangte er, sie solle ihm „Arschbilder“ schicken.

Die Tat war unter den Jugendlichen bekannt

Alle Zeuginnen hatten mitbekommen, dass Susannas verzweifelte Mutter sie vergeblich suchte. Was Ali B. mutmaßlich getan hatte, wussten alle. Sie schwiegen, weil sie fürchteten, der umschwärmte Keysi würde dann mitsamt seiner Familie abgeschoben. Er sollte bleiben und die anderen „coolen Jungs“ auch.

Drei Mädchen wollten unbedingt den Tatort sehen und das Erdloch mit der Leiche. Ein Vierzehnjähriger, der inzwischen im Verdacht steht, Ali B. beim Vergraben geholfen zu haben, führte sie durch Wald und Feld, wo sie enttäuscht feststellten, dass man ja gar nichts sehe. Kindliche Naivität oder Gleichgültigkeit?

Er habe „Scheiße gebaut“, sagt Ali B. zur Entschuldigung. Er habe jetzt zu wenig Zigaretten und zu wenig Fernsehprogramme und keinen Urlaub, beschwert er sich. Er habe doch nur ein Mädchen totgemacht, alle Mädchen in Wiesbaden seien „Schlampen“. Was ihm an Deutschland gefalle?, fragte ihn vor dem Prozess eine Gutachterin. Dass man hier ohne zu arbeiten Geld bekomme, dass man Sex haben könne, ohne Familienrache befürchten zu müssen, und dass man Alkohol trinken und mit Drogen handeln könne, antwortete er. Da prallen Welten aufeinander.