Einige der reichsten Franzosen finanzieren quasi über Nacht den Wiederaufbau der Kathedrale. Das passt vielen Franzosen nicht, ein „Wir“-Gefühl bleibt aus. Stattdessen heizt die Frage nach dem Geld die Gelbwesten-Proteste an.

Pünktlich zu den Olympischen Sommerspielen in Paris soll die Kathedrale Notre-Dame de Paris in neuem Glanz erstrahlen. Also in fünf Jahren. Für sein ehrgeiziges Vorhaben hat Präsident Macron sofort finanzkräftige Unterstützer gefunden. Die Glut war noch nicht erloschen, da kündigte die Milliardärsfamilie Pinault an, hundert Millionen Euro beisteuern zu wollen. Das löste einen Bieterwettbewerb unter den reichsten Familien Frankreichs aus. Bernard Arnault, dessen Gesamtvermögen sich laut dem Magazin „Forbes“ auf 77 Milliarden Euro beläuft, sagte zweihundert Millionen zu. Die Familie Bettencourt-Meyers, die Hauptaktionäre des L’Oréal-Konzerns, zog gleich. Andere Namen von der Liste der reichsten Franzosen folgten. „Wir haben schon fast eine Milliarde Euro beisammen“, jubelte Macrons Sonderbeauftragter für Denkmalpflege. „An Finanzknappheit wird die Wiederherstellung nicht scheitern.“

Aber ein neues „Wir-Gefühl“ will sich nicht einstellen. Macron hatte darauf gehofft, dass aus dem Unglück ein sinnstiftendes Projekt entstehen könnte, das den gesellschaftlichen Zusammenhalt wieder stärkt. Er äußerte den Wunsch, „dass wir aus der Katastrophe eine Gelegenheit machen, besser zu werden als das, was wir sind“. Doch die Millionenspenden lassen fünf Monate nach Beginn der „Gelbwesten“-Proteste den Ruf nach mehr sozialer Gerechtigkeit neu erschallen. „Diese Milliardäre haben unendlich viel Geld. Mit einem Schlag können sie hundert, zweihundert Millionen Euro auf den Tisch legen“, kritisierte Gewerkschaftsführer Philippe Martinez. Das zeige die große Ungleichheit in Frankreich. „Wenn sie so viel Geld für den Wiederaufbau der Kathedrale haben, dann sollten sie nicht länger behaupten, dass kein Geld für die sozialen Notfälle da ist.“

Großspenden rufen in sozialen Medien Wut hervor

Manon Aubry, die Spitzenkandidatin der Linkspartei „Unbeugsames Frankreich“ im Europawahlkampf, sprach den Milliardären jegliche Großzügigkeit ab. Sie wollten nur „billig Werbung für sich machen“, dabei könnten sie ihre Spenden steuerlich absetzen. Aubrys Partei prangert seit langem die mangelnde soziale Verantwortung von Unternehmerkapitänen wie Bernard Arnault an. Parteichef Mélenchon schürt regelmäßig den Hass auf Reiche und wähnt sein Land in einem neuen Klassenkampf. Der Film „Merci Patron!“, ein Publikumserfolg in Frankreich, hat das Bild Arnaults als Pionier eines ausbeuterischen, heimatlosen Kapitalismus fest in vielen Köpfen verankert. Der Drehbuchautor sitzt inzwischen für die Linkspartei in der Nationalversammlung und hat einen neuen Film über die „Gelbwesten“ gedreht, Titel: „J’veux du soleil“ (etwa: „Ich will auch einen Platz an der Sonne“). Sein Anspruch ist es, die bestehende Ordnung zu stürzen. Aude Lancelin, die bislang den Newskanal der Linkspartei leitete, stimmte in die klassenkämpferische Propaganda mit ein: „Gelobt seien unsere Herren! Die Bettler danken den Familien Arnault und Pinault, die den Schrei der Steine besser hören als den des Fleisches.“

Auch in den sozialen Netzwerken haben die Großspenden die Wut auf die herrschende Klasse neu angefacht. Macron werde seinem Ruf als „Präsident der Reichen“ gerecht, heißt es da. Seine „Rothschild-Clique“ übernehme die Restaurierung der Kathedrale. Der Präsident hatte nach einer ersten Erfahrung im Staatsdienst mehrere Jahre als Investmentbanker bei Rothschild gearbeitet. Das Gefühl, Macron habe den Vermögenden neue Privilegien zugestanden, war dadurch befördert worden, dass gleich nach seinem Wahlsieg entschieden wurde, die Vermögensteuer in eine Sonderabgabe auf Immobilienbesitz umzuwandeln. Die Forderung, die Vermögensteuer wieder einzuführen, eint viele „Gelbwesten“. Ihnen klingt noch der Spruch des früheren Präsidenten Hollande nach: „Macron ist nicht der Präsident der Reichen, er ist der Präsident der Superreichen.“

„Gelbwesten“-Wortführerin Ingrid Levavasseur, die als gemäßigte Stimme gilt, kritisierte die Tatenlosigkeit der großen Konzerne angesichts der sozialen Not, während sie gleichzeitig in der Lage seien, in nur einer Nacht irrsinnige Summen für Notre-Dame zu organisieren. „Victor Hugo dankt allen großzügigen Spendern, die Notre-Dame retten wollen, und schlägt ihnen vor, sich auch um die Elenden zu kümmern“, schrieb der Schriftsteller Ollivier Pourriol. Hugo ist neben seinem berühmten Buch „Notre-Dame de Paris“, das seit dem Brand die französische Bestseller-Liste anführt, auch für sein Werk „Die Elenden“ („Les Misérables“) bekannt.

Privilegien für die Spender selbst im Gotteshaus

Der Milliardär Arnault hingegen fühlt sich gründlich missverstanden. „In vielen anderen Ländern hätte man uns beglückwünscht“, sagte er. „Es ist ziemlich konsternierend, dass man in Frankreich auch dann noch kritisiert wird, wenn man sich für das Gemeinwohl einsetzt.“ Die „Gelbwesten“-Anhänger haben untereinander empört die Fotos von Arnaults Sohn Antoine ausgetauscht, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin mit einer Sondergenehmigung die brandbeschädigte Kathedrale besichtigen konnte. Der Kirchenbau ist für den Publikumsverkehr gesperrt – vermutlich für mehrere Jahre. Die „Gelbwesten“ argwöhnen jetzt, dass selbst im Gotteshaus den Superreichen Privilegien eingeräumt werden. Arnaults Ankündigung, die Steuervorteile für die Spende nicht in Anspruch nehmen zu wollen, ist fast wirkungslos verpufft. Schon zuvor hatte der Spender Pinault mitgeteilt, dass er keine Steuererleichterung für seine Spende in Anspruch nehmen werde. Der frühere Kulturminister Jean-Jacques Aillagon, der inzwischen die Pinault-Kunstsammlung leitet, wurde heftig von Pinaults Sohn gerügt. Er hatte angeregt, die Kathedrale zum „nationalen Kulturschatz“ zu erklären und damit eine Steuerbefreiung für Spenden in Höhe von neunzig Prozent zu erwirken.

Die Pinaults haben noch in Erinnerung, wie sie am Pranger standen, weil sie seit dreizehn Jahren ihre Kunstsammlung nicht in Paris zeigen, sondern in Venedig. Der Vorwurf: Vaterlandsflucht. Die Familie hat inzwischen aber ein Prestigeprojekt in Paris gefunden. Nächstes Jahr im Frühling will Pinault in der früheren Bourse de Commerce im Hallenviertel ein neues Museum für seine Sammlung zeitgenössischer Kunst eröffnen. Auf dem Höhepunkt der „Gelbwesten“-Krise hatte Pinault Macron scharf kritisiert. Er beklagte, dass der junge Präsident die Sorgen der kleinen Leute nicht verstehe. Der damalige Regierungssprecher giftete zurück: „Von jemandem, der lange keine Steuern gezahlt hat, glaube ich kaum, dass er die kleinen Leute besser versteht.“ Unter dem Generalverdacht der Steuerflucht steht indessen auch Arnault. Er hatte vor sechs Jahren einen Antrag auf belgische Staatsbürgerschaft gestellt, um der französischen Erbschaftsteuer zu entkommen. Den Antrag zog er offiziell zurück. Unklar bleibt, ob er seinen Wohnsitz schon in Belgien gemeldet hatte, wie ein Nachrichtenmagazin aufdeckte.

Der Streit über Steuererleichterungen wird im Parlament weiter ausgetragen. Seit 2003 gilt in Frankreich das „Mäzen-Gesetz“. Privatleute können demnach bei Spenden 66 Prozent von der Einkommensteuer absetzen – bis zu einem Höchstbetrag von einem Fünftel des Gesamtsteuereinkommens. Für Unternehmen sieht das Gesetz Steuererleichterungen von sechzig Prozent vor. Die Obergrenze liegt bei fünf Prozent des Gesamtumsatzes. Die Regierung will nun durchsetzen, dass für den Wiederaufbau von Notre-Dame Spenden bis zu tausend Euro zu drei Viertel von der Steuer abgesetzt werden können.

Neu ist der Streit über das Geld für Notre-Dame dabei keineswegs. In diesen Tagen wurde daran erinnert, dass schon bei der letzten großen Restaurierung der Kathedrale von 1845 bis 1859 für die damalige Zeit „kolossale Summen“ mobilisiert wurden. Der Erzbischof von Paris, Michel Aupetit, verwies darauf, dass die mit der Spendensammlung betraute Stiftung Notre-Dame auch viele soziale Projekte finanziert. „Lassen Sie uns die Geste der Großspender respektieren, und urteilen wir nicht zu schnell.“