Bevor Erdogan seinen radikalislamischen Kurs begann, war Istanbul eine weltoffene Stadt. Junge Türken verbanden westlichen Ideale mit heimischen Werten. Heute herrscht Eiszeit. Doch langsam erwacht der Frühling.

Es gab eine Zeit, in der die Welt auf Istanbul blickte und dabei träumte. Von einer aufregenden Metropole, die sowohl den Orient als auch den Okzident beheimatete, und in der sich kulturelle Widersprüchlichkeiten harmonisch vereinten. Dieser Traum war Realität.

Jeder, der einmal nach Istanbul kam, war seinem Zauber und Charme verfallen. Man konnte unbeschwert in Nachtklubs am Bosporus feiern, während sich im Hintergrund die Minarette der Moscheen auf der asiatischen Seite der Stadt auf dem Meer spiegelten. 2010 wurde Istanbul zur Kulturhauptstadt der Europäischen Union gewählt.

Während meines Auslandssemesters im gleichen Jahr erlebte ich eine Stadt, die junge Menschen aus Skandinavien, Spanien oder Australien anzog, die Freiheit und Gemeinschaft in der Türkei suchten und fanden.

Aber nicht nur Istanbul wurde von jenen geliebt, die sich weltoffen, kosmopolitisch und als Kulturliebhaber verstanden, sondern die gesamte Türkei.

Menschen aus aller Welt reisten in das Land, erkundeten den Osten, das Schwarze Meer, lagen am Strand an der Ägäis und machten kulinarische Touren durch die südlichen Provinzen in Anatolien. Man konnte sich kaum vom Angebot an Musik-, Kunst- und Filmfestivals erholen; das Nachtleben in Istanbul war exaltiert, an jeder Ecke war etwas zu entdecken, das den eigenen Horizont erweiterte.

Jeder hat in der Türkei das gefunden, was er suchte. Die einen Freiheit in einem religiösen Land, die anderen Freiheit in einem säkularen Land. Es war möglich, religiös und säkular zu sein.

Auch die jungen Menschen in der Türkei entdeckten Orte, Kulturen und Rituale, die ihnen fremd waren – so vielfältig war die Türkei. Meine türkischen Studienfreunde aus westlichen, elitären und säkularen Familien feierten in den Semesterferien nicht nur in Bodrum auf Beach-Partys, sondern erzählten stolz im Französischkurs, dass sie durch Anatolien tourten – durch die kulturell reichen und ethnisch diversen Städte wie Antakya, Mardin und Diyarbakir.

Der Westen der Türkei fing an, den Osten kennenzulernen. Vorurteile gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten wie Kurden oder Aleviten schwanden so allmählich.

Wie sonst war es möglich, dass die Gezi-Park-Proteste trotz politischer und weltanschaulicher Differenzen friedlich verliefen?

Heute, nach all den Protesten der Bevölkerung gegen eine Islamisierung und vor allem eine Bevormundung durch die Regierung Erdogan, nach unzähligen Inhaftierungen von Journalisten, dem Versuch eines Militärputsches und der nachfolgenden Säuberungswelle aller Institutionen, die nicht nur auf Verantwortliche, sondern auch auf Dissidenten abzielte, nach Terroranschlägen von Islamisten und kurdischen Nationalisten, verlassen Andersdenkende und junge Menschen das Land.

Jüngst schrieb die „New York Times“: „In den letzten zwei bis drei Jahren flohen nicht nur Studenten und Akademiker aus dem Land, sondern auch Unternehmer, Geschäftsleute und Tausende von wohlhabenden Menschen, die alles verkaufen und mit ihren Familien und ihrem Geld ins Ausland ziehen.“

Die Zahl der weltweit gestellten Asylanträge erhöhte sich von 10.000 im Jahr 2017 auf 33.000 in 2018. Die Gründe sind auch jenen klar, die nicht in dem Land leben, aber die Nachrichten verfolgen: Die schwache Wirtschaft und terroristische Anschläge haben das Leben in der Türkei ebenso schwierig gemacht wie die Schwächung und die Willkür des Staates.

Und eine Atmosphäre der Angst vor politischer Verfolgung zerstörten die Perspektiven auf eine freie und demokratische Zukunft dieses Landes, das sich einst so sehr nach dem Eintritt in die EU gesehnt hat.

In der Türkei gab es vor den Gezi-Park-Protesten eine wilde und vibrierende internationale Community. Sie haben die Wirtschaft und das Kulturleben der Türkei maßgeblich geprägt. Junge Kreative studierten zwar auch in den Blütezeiten der Türkei in den USA oder in europäischen Ländern. Sie kehrten aber zurück in ihre Heimat, um westliche Vorstellungen mit den heimischen Werten zu vereinen.

Heute kommen sie nicht mehr zurück. Meine Freunde und Verwandten studieren in München, arbeiten in Dubai, reisen durch Europa, promovieren in Dänemark. Vorbei der Zauber und Charme des Landes.

Das mehrheitlich muslimische Land, das unterschiedliche religiöse und ethnische Wurzeln und Einflüsse beheimatete, faszinierte nicht nur den Westen. Auch Menschen aus der frommeren und autoritäreren muslimischen Welt fanden Gefallen an einem Land, das religiös und frei gleichermaßen war.

Von Saudi-Arabien bis zum Iran kamen junge wie alte Menschen, Frauen und Männer, die die Türkei als ein Vorbild für die muslimische Welt betrachteten.

Türkische Serien waren dabei inspirierend. Sie konnten Soft Power ausüben, sie waren oft Trost für die Frauen in Ägypten während des „arabischen Frühlings“. In romantischen Sequenzen gingen türkische, muslimische Männer mit ihren Frauen wie Prinzessinnen um.

Arabische Studenten kamen in das Land, weil sie hier „Freiheit finden“, sagte mir ein Architekturstudent an einer Universität direkt am Bosporus. Oder weil sie durch die türkischen Serien von einer freien Gesellschaft träumten, wie mir eine junge Mathematikstudentin aus Saudi-Arabien erzählte, die ich im Starbucks kennenlernte.

„Weißt du, es ist gar nicht so einfach, als ein saudisches Mädchen alleine in ein anderes Land zu ziehen.“ Überzeugen habe sie ihre Familie davon nur können, weil die Türkei ein mehrheitlich muslimisches Land sei.

Der 70-jährige Vater meiner aus Kuwait stammenden Kommilitonin während meiner Studienzeit in London reiste mit seinen Freunden nach Cesme. Der Ort ist der Schauplatz der türkischen Serie „Fatmagülün Sucu Ne?“, deren Fan der Mann war.

In der Serie ging es um die Emanzipation und den Kampf einer jungen Frau, die von vier Männern in einem Dorf im Westen des Landes vergewaltigt worden war. „Die Serie hat meinen Vater sensibler und emotionaler gemacht“, erzählte mir meine Freundin.

Eine 15-jährige Schülerin palästinensischer Herkunft, die ich in Tel Aviv während einer Israelreise kennengelernt habe, erzählte, dass sie aufgrund des Israel-Palästina-Konflikts nach der Schule das Land verlassen würde. Wohin sie nach ihrem Abschluss gehen wolle? „In die Türkei.“

Sind die Zeiten vorbei, in denen Istanbul und die Türkei Sehnsuchtsort junger Europäer und Menschen aus der muslimischen Welt sind?

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass das Land seinen Zauber wiedergewinnt. Und damit seine Freiheit wiedererlangt. Die Bemühungen der AKP-Regierung, aus der Türkei ein konservatives Land und die junge Generation zu einer frommen zu machen, schlagen nicht so an, wie sie es sich wünscht. Denn die Religiosität der Türken nimmt ab.

Das sind die Ergebnisse einer aktuellen Studie von Kondo, einem Meinungsforschungsinstitut, das sowohl in Großstädten als auch in Dörfern rund 5800 Menschen befragt hat. In den vergangenen Jahren ist die Anzahl der Türken, die sich als „religiös“ bezeichnen, von 54 auf 51 Prozent gesunken. Als „tief religiös“ bezeichnet sich nur einer von zehn Türken. Und die Anzahl der Atheisten ist um das Dreifache gestiegen.

Die globalen Entwicklungen in der digitalen Welt, die fortschreitende internationale Vernetzung vor allem durch die sozialen Medien und die Binnenmigration von ländlichen Gebieten in die Großstädte, die seit den 50er-Jahren anhält, machen etwas mit den Menschen. Die Vision des türkischen Staatsgründers Atatürk, dass Menschen von der Wissenschaft geleitet werden sollen, dass Fortschritt und Modernisierung den Weg der türkischen Nation ebnen und die Aufklärung die große Maxime der Türkei ist, bleibt Erbe des Landes, das sich stetig im Identitätskonflikt zwischen West und Ost befindet.

Dass Menschen in der Türkei sich aber immer wieder für die Freiheit und die Harmonie zwischen ihrer westlichen und östlichen Identität entscheiden möchten, kann keine Regierungspolitik wegradieren.

Diese Sehnsucht nach einer freien und gemeinschaftlichen Nation, einem modernen Land, das gleichermaßen stolz auf seine traditionellen Wurzeln ist, findet jenseits der türkischen Grenzen statt. Es ist eine globale Sehnsucht.

Die Türkei ist und bleibt Traum und Schicksal für all jene, die diese Sehnsucht in sich weiterleben lassen. Egal, wer momentan regiert.