Besuch bei der geheimnisvollen Datenfirma Palantir und ihrem Chef, einem Ski-Langläufer, Struktur-Theoretiker und Habermas-Schüler. Palantir will Suchmaschine und Ordnungsmacht sein: Google für Politik und Geschäftswelt.

Leibwächter ist kein Traumberuf mehr. Kaum Bewegung, schlechte Bezahlung, schlechte Luft. Es sei denn, man darf Alexander C. Karp (51) beschützen: Der Chef der kalifornischen Software-Firma Palantir Technologies, gegründet 2004 im Silicon Valley, um große Datenmengen zu analysieren, vor allem für amerikanische Geheimdienste, er hatte sich vor sechs Jahren beim Weltwirtschaftsforum in Davos so sehr in seinem Bewegungsdrang eingeengt gefühlt, dass er sich kurzerhand eine Skilanglauf-Lehrerin nahm. Schnee lag ja genug.

Die Loipe verschaffte ihm ein Erweckungserlebnis: Seither spult Alexander C. Karp mehr als 4.500 Kilometer pro Jahr auf Skiern ab, mindestens zwölf Kilometer pro Tag. Wenn kein Schnee liegt, trainiert er auf Roller-Skiern.

Und das war zunächst ein kleines Problem: Weil Palantir für viele Regierungen der westlichen Welt arbeitet und Militärs und Geheimdienste unterstützt, angeblich auch bei der Jagd auf Osama Bin Laden, braucht Mister Karp ein paar Leibgardisten, und zwar vorzugsweise solche mit hervorragender Ausdauer und fast berufsmäßigen Skilanglauf-Fähigkeiten.

Er fand die Burschen in Norwegen bei den Beredskapstroppen, einer Notfalleinheit der dortigen Polizei.

Seitdem begleiten zwei Sicherheitskräfte mit guter Langlauf-Kondition den Mann. Viel Bewegung, gute Bezahlung, frische Luft. „Meine Mitarbeiter liegen mir am Herzen“, lacht Alex Karp.

„Wir wollen Leben retten“

Osama Bin Laden? Terrorbekämpfung? CIA? Keine Frage: Der Manager führt die abgründigste, geheimnisumwobenste Firma des Silicon Valley und damit wohl der gesamten Digitalwelt.

Presseveröffentlichungen über ihn sind eine Seltenheit, mal taucht hier ein Zitat auf, mal dort eine Erwähnung, wenn ein Terroranschlag vereitelt oder – profaner – ein Geldwäscher gefasst wurde.

Fast alle westlichen Geheimdienste nutzen die Palantir-Software. Seit einigen Jahren setzen auch immer mehr Unternehmen auf die hoch spezialisierten Datenprogramme aus Palo Alto.

Tidjane Thiam, Chef der Großbank Credit Suisse, lobt öffentlich die gute Zusammenarbeit; auch Swiss-Re-Chef Christian Mumenthaler vertraut seit Kurzem auf die Datenprofis; und bei der Axel Springer SE (u.a. BILANZ) in Berlin sitzt Mister Karp im Aufsichtsrat.

Doch noch immer begegnen dem Unternehmen Misstrauen und Soupçon: Palantir arbeite im Auftrag dunkler Mächte wie CIA, FBI, NSA, Pentagon, Marines, Air Force oder spioniere die Mitarbeiter ihrer Auftragsfirmen aus. Alex Karp, der 250 Tage im Jahr für seine Firma um die Welt reist, lächelt dann nur: „Wir wollen Leben retten.“

Natürlich, im Silicon Valley geht es grundsätzlich ums ganz Große, nicht um den Menschen, sondern um die Menschheit. Gewöhnliches Geldverdienen reicht nicht, auch wenn es doch gerade hier vor allem darum geht. „Don’t be evil“, das denkwürdige Google-Motto, hat längst seine Unschuld verloren.

Die unrühmliche Rolle von Facebook bei der Trump-Wahl und dem Brexit-Entscheid, das frauenfeindliche Gehabe des inzwischen abgesetzten Uber-Chefs Travis Kalanick, die Selbstlächerlichmachung des Joint rauchenden Tesla-Egomanen Elon Musk oder die Allmachtsfantasien des Datenkraken Google: Der Anspruch der moralischen Überlegenheit klingt schal. Palantir ist anders: keine wohlfeilen Mission Statements, keine tönerne Überhöhung. „Wir sind da eher europäisch“, sagt Alex Karp. „Wir meinen ernst, was wir sagen“, behauptet er.

Palantir hat seinen Sitz nur wenige Hundert Meter von der Stanford-Universität entfernt, ein unschöner dreistöckiger Dutzendbau am Stadtrand von Palo Alto, entworfen möglicherweise von einem Discount-Architekten. Kein Firmenschild zu sehen, nur Sicherheitsschleusen und eine feine amerikanische Flatterflagge am Empfang.

„Wir wollen die Demokratie effizienter machen. Den Terrorismus zu bekämpfen war das erste Ziel, nun suchen wir nach neuen“, hat Alexander Karp einmal gesagt, ein sehniger Typ, der den Scheuen gibt und dessen schwarzer Lockenkopf allmählich ergraut.

Das Geschäftsmodell ist denkbar einfach

Die sagenhafte Garage von David Hewlett und Bill Packard, Symbol für die Gründerkultur im Siliziumtal und heute ein Museum, liegt nur 800 Meter entfernt, zur anderen Seite ist es genauso weit zum Stanford-Campus.

Shyam Sankar steht auf der Terrasse im dritten Stock, er führt das Tagesgeschäft, bei ihm laufen die Fäden in einem Knoten zusammen. Auf klassische Titelalbernheiten wie einen „Chief Operating Officer“ verzichtet die Firma: 1.600 der etwa 2.000 Leute sind Informatiker, sie sollen frei von Hack- und Rangordnungen arbeiten können.

Das Hauptquartier von Palantir liegt in Palo Alto im kalifornischen Silicon Valley

Nur 400 Leute sind in der Zentrale beschäftigt, 25 Standorte hat man weltweit verteilt, das Durchschnittsalter liegt bei 30 Jahren, die Hälfte der Belegschaft arbeitet in Europa, hier entwickelt sich das Geschäft zurzeit am besten.

Die Start-up-Phase ist 14 Jahre nach der Gründung vorbei, und deshalb brauchte es neben dem Hirn Alex Karp eine ordnende Hand: Shyam Sankar. „Ich will mit 80 Jahren meinen Enkeln stolz von meiner sinnvollen Arbeit erzählen können – und das gilt für viele hier.“

Die Palantir-Programme gehören zu den verwickeltsten und vielschichtigsten der Szene, die Software-Ingenieure ebenso: Sie gelten in ihren Kreisen als vermessen, überheblich und verwöhnt.

Das „Wall Street Journal“ berichtet von 13-gängigen Hummer-Sashimi-Gerichten und von teuren Geschäftsklasseflügen, die in letzter Minute gebucht, und feinstem Zwirn und bester Unterwäsche, die auf Firmenkosten gekauft würden. Als der Speck vom Frühstücksbuffet gestrichen wurde, sammelte sich firmenweit Widerstand, intern bekannt als „Bacongate“.

Mögen die Mitarbeiter auch noch so anstrengend und kompliziert sein, das Geschäftsmodell ist denkbar einfach: Man ordnet die monströsen Datenmengen, die Ermittler oder Firmen sammeln, und durchkämmt und durchforscht sie nach Mustern, um Verbrechen zu bekämpfen oder Abläufe zu verbessern.

Es gibt nicht viele Firmen, die in diesem Fach auch nur annähernd so gut sind wie Palantir. Sauber eingerahmt hängen die Artikel über prominente Erfolgsfälle an der Wand: über die Ermittlungen gegen den Finanzbetrüger Bernie Madoff, über den Aufbau der Aviatik-Plattform Skywise des Flugzeugbauers Airbus.

Palantir will Suchmaschine und Ordnungsmacht sein für Regierungen und Unternehmen: eine Art Google für Politik und Geschäftswelt.

Der Firmenname stammt aus „Herr der Ringe“

Die Mitarbeiter hören den Vergleich mit dem Datenriesen Google freilich ungern, denn sie wollen sich von den Großkonzernen abheben, und seit sich Alex Karp mehrfach mit diesen „Dracula-Firmen“, wie er sie nennt, angelegt hat („Sie schaffen Mikrogemeinden und zerstören den gesellschaftlichen Zusammenhalt“), gilt er beim Silicon-Valley-Establishment als Außenseiter. Und natürlich ist er für die ganz Großen auch ein ganz Kleiner: Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei unauffälligen 600 Millionen Dollar, in diesem Jahr soll er 750 Millionen erreichen und 2019 dann die Milliarde nehmen – und, so Gott will, auch zum ersten Mal überhaupt einen Gewinn ermöglichen.

Über diese Ambitionen können die Leute bei Google (111 Mrd. Dollar) oder Facebook (41 Mrd. Dollar) wahrscheinlich nicht einmal lachen.

Dennoch tut Palantir den Großen weh: vor allen Dingen bei der Rekrutierung der besten Leute. Denn viele Schnelldenker reizt die Perspektive einer Firma mit wirklicher Mission, echtem Verwöhnprogramm und Börsengang-Option mehr als die Arbeit bei einem hierarchischen Großkonzern, der sich mit trivialen Werbedollars finanziert und seinen Börsengang schon hinter sich hat.

Der Palantir-Ausleseprozess gilt als härter als jener bei Google, nur ein Prozent der Bewerber übersteht ihn. Wer im Baumwollhemd mit Palantir-Schriftzug über den Stanford-Campus läuft, wächst automatisch um mehrere Zentimeter. In der Programmierer-Zunft gilt die Firma derzeit als heißeste Adresse.

Initiator von Palantir war der deutschstämmige Geldanleger Peter Thiel (51). Er war einer der Gründer des Internetbezahldienstes Paypal, er hatte die Palantir-Idee, nachdem Paypal Algorithmen entwickeln musste, um betrügerische Finanztransaktionen zu entdecken.

Herr Thiel steckte 35 Millionen Dollar in Palantir. Zu den frühen Investoren mit zwei Millionen Dollar zählte auch In-Q-Tel, die Wagniskapital-Abteilung der CIA. Der Geheimdienst wurde einer der ersten Kunden.

Den Firmennamen wählte Thiel aus seinem Lieblingsbuch „Herr der Ringe“: Die sieben Palantiri, die „Sehenden Steine“, können Ereignisse aufdecken unabhängig von Ort und Zeit des Geschehens. Noch heute hängt neben dem Karp-Büro eine Wandtafel mit der Aufschrift „Save the Shire“: Die Auenland-Grafschaft ist die Heimat der bedrängten Hobbits in J. R. R. Tolkiens Roman.

Namensgeber und Investor: Peter Thiel

Schnell jedenfalls wurde aus Peter Thiels Einfall eine echte Geschäftsidee: In den Jahren nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wuchs der Bedarf nach hoch spezialisierter Daten-Software zur Terrorbekämpfung.

Peter Thiel und Alex Karp kennen sich seit 25 Jahren, sie hatten beide Jura in Stanford studiert und bald Interesse aneinander gefunden: hier der Libertarist Thiel, der heute als einziger bekannter Vertreter des Silicon Valley offen für Donald Trump Partei ergreift, dort der Althalblinke Alex Karp, aufgewachsen in Philadelphia als „Sohn zweier Hippies“ (Karp) und dem Parteibuch nach ein Demokrat. „Unsere Gegensätze machen den Reiz unserer Beziehung aus.“

Und so gründete Peter Thiel mit seinem Widerpart und Freund Alex Karp sowie drei Palo-Alto-Mitstreitern jene Firma, die ein Kontrastprogramm zum Silicon Valley bildete: Denn, wenn dort etwas als uncool galt, dann war es die Arbeit für die Regierung. „Außerdem haben uns Investoren explizit gewarnt: Im Regierungsgeschäft sei kein Geld zu holen, lasst die Finger davon“, sagt Alex Karp.

Vor allem würde es bei der Mitarbeitersuche Schwierigkeiten geben. Viele Informatiker hätten eine widerspenstige Ader, und Regierung bedeute für sie vor allem zweierlei: Regulierung und Steuern. „Wir mussten damals Leute finden, die sich gegen den gängigen Silicon-Valley-Geist auflehnten“, sagt Shyam Sankar. „Das war nicht einfach.“

Zusammenarbeit mit Banken-Branche gescheitert

Ihre Anti-Kultur kultiviert die Firma bis heute. Peter Thiel ist Republikaner und als Vorsitzender des Verwaltungsrats eine Art Aushängeschild, und als Donald Trump zu Beginn seiner Amtszeit ein Einreiseverbot für Muslime verhängte, schlugen die Wogen natürlich hoch bei Palantir. Mitarbeiter stritten heftig über die Frage, ob sie weiter für Regierungsinstitutionen wie NSA oder CIA arbeiten wollten.

Doch auch wenn er sich gegen Donald Trump stellt, will Alex Karp die Zusammenarbeit zum Beispiel mit dem Pentagon nicht beenden – anders als Google, Amazon oder Microsoft: „Wenn wir dazu beitragen können, dass amerikanische Soldaten nach Hause kommen, müssen wir das tun – ganz egal, wer im Weißen Haus sitzt.“

Wie stark der Widerspruchsgeist in der Firmenkultur verankert ist, zeigt sich beispielhaft bei der Beschriftung der Sitzungszimmer im Londoner Büro, mit 600 Mitarbeitern heute der größte Palantir-Sitz: Die Leute suchten extra urbritische Namen, die die Amerikaner schlecht aussprechen können: „Leicester“ oder „Worcester“.

Doch die Unkonventionalität kann bisweilen auch zu weit gehen: Mit der Credit Suisse hatte Palantir vor drei Jahren das Gemeinschaftsunternehmen Signac gegründet. Die Idee war die Kommerzialisierung von Risiko-Modellen zur Eigenkapital-Messung der Banken.

Doch im Frühjahr wurde das Projekt beerdigt. „Unsere jungen Freidenker kamen mit der traditionellen Bankhierarchie nicht klar“, sagt Alex Karp.

Alex Karp selbst ist der Inbegriff des Freidenkers: Neben Langlauf praktiziert er begeistert Tai-Chi, jeden Tag mindestens 30 Minuten lang, dann müssen selbst die wichtigsten Besucher warten.

Seine „prägenden Jahre“ hat der Mann in Frankfurt verbracht, beim Strukturtheoretiker Jürgen Habermas studiert – auf Deutsch, der Muttersprache seiner Großmutter.

Seine Doktorarbeit schrieb er über „Aggression in der Lebenswelt: die Erweiterung des Parsonsschen Konzepts der Aggression durch die Beschreibung des Zusammenhangs von Jargon, Aggression und Kultur“. Er spricht immer noch ein gutes, flottes Deutsch, bezeichnet sich als „einstigen Neo-Marxisten“ und meint es wohl nur ein wenig ironisch.

Zudem ist er Fan von Comics, mit Vorliebe solcher aus Frankreich. Einer seiner Mitarbeiter ließ sogar einen Comic anfertigen. Einsamer Held: Alex Karp.

Was macht seine Computerprogramme so besonders? Palantir betreibt Datenintegration – die Software sorgt dafür, dass die stetig wachsenden Datenmengen der Kunden intelligent verknüpft und strukturiert werden.

Verkaufsschlager: „Palantir Gotham“

Die Software siebt Datenquellen nach verborgenen Zusammenhängen. Für das US-Innenministerium kontrolliert Palantir einreisende Muslime; im Frühling erhielt man einen 876-Millionen-Dollar-Auftrag vom US-Militär.

Bei der Verbrechensbekämpfung geht es zum Beispiel darum, die Datenbanken von Telekomverbindungen, Autodiebstählen und Verdächtigenprofilen so geschickt zu kombinieren, dass neue Erkenntnisse entstehen. „Palantir Gotham“ nennt sich diese Software, die nach vier Jahren Entwicklung 2008 auf den Markt kam und ein Verkaufsschlager von Palantir ist, sowohl in den USA als auch in Westeuropa.

Zentraler Baustein: der Fokus auf die Datensicherheit. Der Zugang ist höchst restriktiv und vor allem: In jedem Land sind die Vorschriften anders. Um sensible Personendaten vor Missbrauch zu schützen, hat Alex Karp von Anfang an die komplette Rückverfolgung aller Analyse-Schritte programmieren lassen: Datenverstöße können dadurch schnell entdeckt werden.

Auf Fotos trägt er fast immer Sonnenbrille: Palantir-Gründer Alexander Karp

Damit war er seiner Zeit voraus: Nachdem die EU ihre Datenvorschriften dieses Jahr verschärft hat, soll auch in den USA die Privatsphäre besser geschützt werden. Google, Facebook und andere haben das Thema lange ignoriert, jetzt müssen sie nach all den Skandalen nachziehen. Palantir ist schon da.

Doch natürlich dauerte es nach den Anfangserfolgen nicht lange, bis die Frage nach einer klügeren Kommerzialisierung aufkam. Das Gründerteam um Peter Thiel und Alex Karp hatte in mehreren Finanzierungsrunden seine Beteiligung auf weniger als 50 Prozent gesenkt, und das knappe Dutzend Silicon-Valley-Investoren wollte Geld sehen – das lag vor allem in der Unternehmenswelt.

Palantir konzentrierte sich zunächst auf Banken mit der Software „Metropolis“, die Finanzbetrug aufzudecken versprach. Doch das Programm war zu kompliziert, zudem half es den Banken nicht im Kerngeschäft. „‚Metropolis‘ ist gescheitert“, räumt Alex Karp ein.

Erst mit dem neuen Produkt „Foundry“ gelang der Durchbruch. Die Software ist relativ einfach einsetzbar und muss von Palantir-Ingenieuren auch nicht mehr wie zuvor für jeden Kunden individualisiert werden. „Hier helfen wir Firmen massiv, indem wir ihre Datenmengen strukturieren und Abläufe deutlich effizienter gestalten.“

Airbus etwa hatte die Auslieferung von 50 Flugzeugen pro Jahr versprochen, schaffte aber nur 32. Die Analyse von „Foundry“ legte die Schwachstellen der Lieferkette so klar offen, dass Airbus die Planziele erreichte.

Oder im Autogeschäft: Durch „Foundry“ kann die Zahl defekter Modelle bei einer Rückrufaktion deutlich eingegrenzt werden, sodass deutlich weniger Autos betroffen sind als früher.

Etwa 100 Unternehmen stehen heute auf Palantirs Kundenliste, mehr als 70 Prozent der Einnahmen stammen bereits aus dem Firmen-Geschäft und – überraschend – zwei Drittel davon aus Europa. Auch Deutsche Bank oder BP setzen auf die Amerikaner.

Kooperation mit Merck

Denn allen europäischen Minderwertigkeitskomplexen zum Trotz stehen die Europäer der Digitalisierung, Alex Karps Meinung nach, deutlich aufgeschlossener gegenüber als die Amerikaner: „In Europa ist mehr Fachwissen und weniger Marketing an der Spitze zu finden – das hilft uns.“

Auch mit dem deutschen Traditionshaus Merck in Darmstadt arbeitet man zusammen: Sein Unternehmen wolle das menschliche Befinden verbessern und kooperiere deshalb nur mit Institutionen, die das gleiche Ziel hätten, hat Alex Karp einmal gesagt, und Merck-Chef Stefan Oschmann fand dies, laut „Spiegel“, zwar „arrogant, aber interessant“. Man verabredete sich zu einem Treffen auf dem Flughafen in München und kam ins Geschäft.

Palantir arbeitete für Merck zunächst nur im Bereich der Krebstherapie und Patientenversorgung, inzwischen auch in anderen Unternehmensbereichen. Das Ziel ist dabei stets, durch Verbindung und Analyse von Daten, die zuvor nicht verknüpfbar waren, neue Erkenntnisse zu gewinnen: Warum sprechen manche Patienten auf Behandlungen an und andere nicht? Welche Therapien lassen sich entwickeln, die bei mehr Menschen wirken?

Er wolle mit Palantir langfristig kooperieren, sagt Merck-Chef Stefan Oschmann. „Natürlich werden sie uns nicht genau zeigen, wie ihre Algorithmen funktionieren, aber wir werden so eng zusammenarbeiten, dass wir selbst diese Fähigkeiten aufbauen können.“

Auch zur hiesigen Polizei pflegt Palantir enge Beziehungen. Die hessischen Ordnungskräfte etwa disponieren über eine „Analyseplattform zur effektiven Bekämpfung des islamistischen Terrorismus und der schweren und Organisierten Kriminalität“. Das Programm lieferte Palantir. Es ist das erwähnte „Palantir Gotham“.

Identifizierung oder Produktivität verbessern: Palantir macht beides

Einem Staubsauger gleich zieht es Daten aus mehreren Quellen wie dem Polizei-Fahndungssystem „Polas“ , verknüpft sie mit Informationen aus Sozialen Medien oder mit Geodaten, bereitet sie in Sekundenbruchteilen auf und kombiniert blitzartig alle Erkenntnisse über einen Verdächtigen. Polizeiarbeit, für die Beamte einst Tage oder Wochen brauchten, ist heute mit einem Doppelklick erledigt.

Die wertvollste nicht börsennotierte Silicon-Valley-Firma

Investoren wollen Palantir endlich an der Börse sehen, neue Aufträge von „normalen“ Unternehmen sind dafür hilfreich, um das Image der Spionagefirma loszuwerden.

„Ein Börsengang ist ein Thema, weil unsere Investoren es wollen“, sagt Alex Karp. Er spricht mit den Banken Credit Suisse und Morgan Stanley. Der Gang aufs Parkett könnte Anfang 2020 erfolgen.

Nach dem „Metropolis“-Flop, der noch dadurch befeuert wurde, dass ein Mitarbeiter von J. P. Morgan die Software tatsächlich zum Ausspionieren von Bank-Mitarbeitern genutzt hatte, war Morgan Stanley die Firma nur noch sechs Milliarden Dollar wert, allerdings ohne Einblick in die Zahlen zu haben.

Auch mit Cambridge Analytica, jenem Unternehmen, das über Facebook versucht hatte, die US-Wahlen im Sinne von Trump zu beeinflussen, soll Palantir in Verbindung gestanden haben – was Palantir bestreitet. Ein Mitarbeiter, wird behauptet, habe sich privat dort angedient, sei dann aber sofort freigestellt worden, als Alex Karp davon erfuhr.

Das Tief ist überwunden: Kürzlich öffnete Palantir gegenüber Morgan Stanley etwas die Bücher, und besonders die anvisierte jährliche Wachstumsrate von 40 Prozent konnte die Investmentbanker überzeugen: Sie ermittelten einen Firmenwert von 36 bis 41 Milliarden Dollar.

Dies entspräche dem 55-fachen Umsatz: eine absurd hohe Bewertung für eine Firma, die in ihrem 14-jährigen Bestehen noch keinen Cent Gewinn erwirtschaftet hat. Absurd hoch selbst für die überbewertete Tech-Branche, in der die Bemessung üblicherweise dem 10- bis 15-Fachen der Einnahmen entspricht.

Nach Uber (120 Milliarden) ist Palantir die wertvollste nicht börsennotierte Silicon-Valley-Firma. Peter Thiel hält als größter Einzelaktionär noch über zehn Prozent, Karp liegt bei etwa acht Prozent.

„Ich brauche das Geld nicht“, lacht Alex Karp, „aber für unsere Mitarbeiter wäre ein Börsengang sicher motivierend.“ Jeder von ihnen hält Aktien. Doch die Transparenz würde steigen, genauso wie der Druck, das hohe Wachstum auch zu liefern, und die Freiheitsgrade des Gründer-Chefs würden weiter sinken.

Als Ausgleich hilft da nur eines: Langlauf. Einmal stand er schon bei einem Rennen in Davos neben seinem großen Vorbild: dem vierfachen Olympiasieger Dario Cologna. Sein Traum? Mit ihm allein auf der Loipe zu stehen: „Diese Technik von ihm: einmalig.“