Deutschland möchte bis 2022 aus der Atomkraft aussteigen. Die östlichen EU-Staaten hingegen bauen ihre Kernkraftwerke aus, planen neue oder steigen überhaupt erst in die Kernenergie ein. Dafür wählen sie zum Teil ungewöhnliche Partnerländer.

Am 12. Mai veröffentlichte die polnische Nachrichtenredaktion Oko.press einen Appell von Wissenschaftlern und Umweltaktivisten: „Diese Entscheidung ist für uns alle von Nachteil, für die gesamte Menschheit“, heißt es da. Die Rede ist vom deutschen Ausstieg aus der Kernenergie. Im Nachbarland Polen ist die Sorge groß, dass Deutschland sich übernommen hat.

Erst müsse man aus der Kohle, dann aus der Atomenergie aussteigen, fordern die 90 Unterzeichner – aber nicht gleichzeitig. Die polnischen Wissenschaftler sind überzeugt, dass der deutsche Ausstieg zumindest kurzfristig einen negativen Effekt auf die deutsche CO2-Bilanz haben wird. Davon fühlt sich Polen bedroht. Weil es seit jeher stark auf Kohle setzt, haben die Menschen bereits mit schlechter Luft zu kämpfen. Einen Ausweg sehen viele in der Atomkraft: Im Land sollen nun zwei neue Kernkraftwerke entstehen.

Während Deutschland bis 2022 seine verbliebenen Reaktoren abschalten möchte, setzt Osteuropa voll auf Atomkraft. Dort macht sie in vielen Ländern bereits heute fast die Hälfte des Strommixes aus, und sie soll trotz hoher Kosten noch ausgebaut werden. Begründen tun die Regierungen das mit Umwelt- und Klimaschutz.

Dabei rosten in Osteuropa nicht etwa Kraftwerke sowjetischer Bauart vor sich hin, vielmehr entsprechen sie oft höchsten Standards. Überall sind dort Kraftwerke in Betrieb, werden modernisiert, durch neue Reaktoren erweitert oder es entstehen komplette neue Atomkraftwerke. Von Polen bis nach Weißrussland, von Ungarn über Bulgarien bis nach Rumänien und in Slowenien.

Polen

„Bis 2033 wollen wir den ersten Block des Atomkraftwerks in Betrieb nehmen, insgesamt wollen wir sechs Blöcke bauen“, sagte Jozef Sobolewski, der Direktor der Abteilung für Atomenergie im polnischen Energieministerium, im Januar dieses Jahres. Polen ist das einzige Land der Visegrad-Gruppe, zu der noch Ungarn, Tschechien und die Slowakei zählen, in dem bisher kein Atomkraftwerk in Betrieb ist.

Pläne zum Bau von Atomkraftwerken gab es in Polen schon in den 80er-Jahren. Dass sie tatsächlich umgesetzt werden, scheint jedoch erst jetzt realistisch. Polens wichtigster Quelle zur Energieerzeugung ist nach wie vor Kohle, zudem heizen viele private Haushalte damit. Der Effekt: schlechte Luft und Smog in den Städten. Viele Polen spüren am eigenen Leib, dass das Land dringend seinen Energiemix ändern muss.

Das kann allerdings noch dauern. Erst im Jahr 2020 werden Untersuchungen an zwei potenziellen AKW-Standorten abgeschlossen sein: Zarnowiec und Lubiatowo-Kopalino, beide nahe der Ostseeküste. Hier sollen parallel zwei Kraftwerke entstehen. Über die Kosten und einen Partner für den Bau ist bisher kaum etwas bekannt.

Kürzlich hat der südkoreanische Konzern KHNP sein Interesse an einer „strategischen Partnerschaft“ mit Polen bekundet. Den sähe die notorisch kremlkritische Führung in Warschau lieber als den russischen Staatskonzern Rosatom, der in Osteuropa an vielen Ausschreibungen teilnimmt.

Tschechien

Im Gegensatz zu Deutschland möchte die Tschechische Republik nicht etwa aus der Kernenergie aussteigen, sondern sie ausbauen. Das ist nicht nur das erklärte Ziel der Regierung in Prag, auch Wissenschaftler werben dafür. Erst kürzlich appellierte der Vorsitzende der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, Vaclav Paces, im Radio an seine Regierung, doch endlich eine ernsthafte Diskussion über den Bau weiterer Atomkraftwerke anzustoßen: „Wir würden dann 60 Prozent unseres Strombedarfs aus Atomkraft beziehen.“

In einer Empfehlung an die Regierung führt Paces aus, warum Atomkraft für Tschechien von Vorteil sei: Sie würde das Land weitgehend unabhängig von Energieimporten, etwa aus Russland, machen. In Tschechien geförderte Kohle, würde wie heute einen weiteren großen Teil des Energiemixes ausmachen, erneuerbare Energien würden nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Derzeit stehen in Tschechien sechs Reaktoren russischer Bauart (Inbetriebnahme zwischen 1985 und 2002) an zwei Standorten, einer in Dukovany, rund 100 Kilometer nördlich von Wien, der andere in Temelin in der Nähe der Grenze zu Deutschland. Sie liefern 30 Prozent des tschechischen Stroms. Über den Ausbau der Kernenergie herrscht weitgehend Einigkeit. Noch ist unklar, wer mit dem Bau neuer Reaktoren beauftragt und wie der finanziert werden soll. Im Rennen ist neben anderen der russische Staatskonzern Rosatom.

Ungarn

Ungarn hat sich unter Premierminister Viktor Orbán bereits 2014 dafür entschieden, Rosatom mit dem Ausbau und der Modernisierung seines Atomkraftwerks in Paks im Zentrum des Landes zu beauftragen. Das Investitionsvolumen für das Paks II genannte Projekt beträgt zwölf Milliarden Euro. Zehn Milliarden davon werden Ungarn als Kredit von der staatlichen russischen Wneschekonombank gewährt, die wegen der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland mit westlichen Sanktionen belegt ist.

Orbán scheint sich daran nicht zu stören. Für ihn dürfte das sogar ein wesentliches Argument gewesen sein, Rosatom den Zuschlag zu erteilen. Ein anderes war, dass es sich bei dem Paks-Kraftwerk um alte, sowjetische Technik handelt, die Rosatom besser auf den neusten Stand bringen kann als etwa Konkurrenten aus Frankreich oder Südkorea.

Bereits heute liefert das einzige Atomkraftwerk des Landes etwa 50 Prozent des in Ungarn verbrauchten Stroms. Dieser Anteil soll mit den neuen Reaktoren noch steigen. Geplant ist die Fertigstellung für das Jahr 2025, allerdings geht Ungarn bereits jetzt von einer Verzögerung aus. Verantwortlich macht Budapest die Europäische Kommission; die hatte Orbán lange warten lassen und erst 2017 ihre Zustimmung zu dem Projekt gegeben.

Rumänien

Erst Anfang dieses Monats hat der rumänische Energiekonzern Nuclearelectrica eine Investorenvereinbarung mit der China General Nuclear Power Group (CGN) unterschrieben. Die Chinesen möchten das einzige rumänische Atomkraftwerk in Cernavoda in der Nähe der Schwarzmeerküste um zwei Reaktoren erweitern. Grundlegend modernisiert werden muss das Kraftwerk nicht, es ist nicht, wie die meisten anderen in der Region, sowjetischer oder russischer Bauart.

Cernavoda, das etwa ein Fünftel der rumänischen Energie liefert, wurde in zwei Bauabschnitten 1996 und 2007 fertiggestellt. Die sogenannten Candu-Reaktoren sind eine spezielle kanadische Variante des Schwerwasserreaktors.

Die chinesische CGN soll nun Cernavoda 3 und 4 bauen. Die Kosten werden aktuell auf etwa sieben Milliarden Euro geschätzt – eine ungeheure Summe für Rumänien, eines der ärmsten Länder Europas. Die Regierung aber steht hinter dem Projekt. Sie möchte das Land weniger abhängig von Kohleenergie machen.

Ursprünglich bewarb sich mit RWE auch ein deutsches Unternehmen um den Zuschlag für den Bau neuer Reaktoren, gab jedoch bereits 2011 an, das Projekt nicht weiter zu verfolgen. Dass das russische Staatsunternehmen Rosatom in Rumänien nicht mit dem Bau beauftragt wurde, sondern CGN, dürfte damit zusammenhängen, dass die rumänische Regierung nicht so kremlfreundlich ist wie Orbán oder der tschechische Präsident Milos Zeman.

Slowakei

Obwohl die Slowakei nach dem EU-Beitritt vor 15 Jahren zwei seiner älteren Reaktoren abschalten musste, weil sie nicht europäischen Sicherheitsstandards entsprachen, setzt das kleine Land nach wie vor voll auf Atomkraft: Aus vier Reaktoren in zwei Kraftwerken in Bohunice und Mochovce, etwa hundert Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt, bezieht es 54 Prozent seines Stroms. Das ist der weltweit dritthöchste Anteil – nach Frankreich und einem anderen osteuropäischen Land, der Ukraine.

Mochovce soll nun um zwei Reaktoren erweitert werden. Die Entscheidung wurde vor langer Zeit getroffen, federführend ist das italienische Unternehmen Enel, das bereits Milliarden investiert hat. Die Einheiten sind zu mehr als 80 Prozent fertiggestellt, aber immer wieder kommt es zu Verzögerungen. In der Slowakei sieht man die Verantwortung dafür in Österreich, wo keine Atomkraftwerke in Betrieb sind.

In Wien hat man Sicherheitsbedenken, Umweltaktivisten machen gegen Mochovce mobil und auch Kanzler Sebastian Kurz ist ein ausgesprochener Gegner des Projekts im Nachbarland. Erst in diesem Monat wurde von slowakischer Seite angekündigt, der Bau verzögere sich weiter. Kurz sagte daraufhin, dass sei ein „Schritt in die richtige Richtung“. Wann also die neuen Reaktoren in Mochovce ans Netz gehen, ist unklar.

Weißrussland und Ukraine

In osteuropäischen Ländern, die keine Mitglieder der EU sind, scheint Atomkraft sogar noch populärer zu sein – trotz der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986, in deren Folge Gebiete vor allem in der Ukraine und Weißrussland verseucht wurden. Die Ukraine bezieht heute etwa 55 Prozent seiner Stromversorgung aus Atomkraft. In vier Kraftwerken, darunter das größte Europas in Saporischschja, werden insgesamt 15 Reaktoren betrieben, von denen die meisten in der 70er- und 80er-Jahren fertiggestellt wurden.

Für alle Reaktoren laufen derzeit Sicherheitsüberprüfungen. Von den 1,45 Milliarden Euro, die dafür anfallen, kommen 600 Millionen aus der EU. Seitdem Russland in der Ukraine Krieg führt, ist die Zusammenarbeit im Bereich Atomkraft zwischen beiden Ländern sehr schwierig. So stoppte das ukrainische Parlament 2015 ein gemeinsames Projekt. Immer wieder gibt es Sicherheitsprobleme mit veralteten ukrainischen Reaktoren.

Im autokratischen Weißrussland sieht es anders aus. Der Verbündete Moskaus setzte lange vor allem auf Gas als Energieträger. Aber schon 2020 soll der Bau des ersten weißrussischen Atomkraftwerks in Astrawez abgeschlossen sein. Das Geld für das Gemeinschaftsprojekt mit Russland stammt zu 90 Prozent aus Moskau. Es liegt nur 45 Kilometer entfernt von der litauischen Hauptstadt Vilnius. Deswegen protestiert Litauen regelmäßig gegen den Bau, aber auch die polnische Regierung übt Kritik. Laut den Bestimmungen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA ist das Kraftwerk zu nah an einem Ballungszentrum.