Mehr als eine Kathedrale: Ohne Notre-Dame de Paris ist unsere Kultur undenkbar. Sie ist das spirituelle Zentrum Frankreichs. Und dazu ein ungeheures kulturelles Kraftwerk, das seit Jahrhunderten auf ganz Europa ausstrahlt.

Lebten wir noch im Mittelalter und verstünden uns auf die Zeichen am Himmel und auf der Erde, wir wären aufs Höchste alarmiert: Der Brand dieser Kathedrale, eines Symbols allerersten Ranges für unsere Kultur und Zivilisation, ist selbst von höchster Symbolik. Notre-Dame de Paris ist die Mutterkirche der Gotik, das wichtigste Gotteshaus Frankreichs, der ältesten Tochter der Kirche. Weinen und Klagen und Beten erscheinen als der angemessene Umgang mit dieser Katastrophe. Und einige weinen und klagen und beten auch hier und jetzt, seit die Welt am Montagabend die schrecklichen Bilder aus Paris in sich aufzunehmen begann.

Wie wird es nicht zuletzt im Lande selbst den Präsidenten der Republik ergreifen, diesen Mann, der sich wie kein anderer Politiker unserer Wertegemeinschaft seit seiner Machtübernahme für Europa einsetzt. Es wird ihm einfallen, dass er durch seinen Namen aufs Engste mit dem Gotteshaus verbunden ist. Denn die älteste der fünf Glocken von Notre-Dame, diejenige im Südturm, das Schmuckstück, das als einziges den Vandalismus der Französischen Revolution überstand, sie trägt seit Menschengedenken den Namen Emmanuel. Wir müssen jetzt auch um sie zittern.

Notre-Dame mit den sage und schreibe 37 Darstellungen der Muttergottes in ihrem Inneren erscheint uns Deutschen vor allem als Wahrzeichen von Paris. Gelegen auf der Seineinsel Île de la Cité, der Keimzelle des alten Paris. Und es ist tatsächlich noch immer, noch vor dem Eiffelturm, noch vor dem Louvre oder gar der Basilika von Sacré-Cœur, die meistbesuchte Sehenswürdigkeit von ganz Frankreich. Dabei behauptet sie sich ohne Weiteres nach wie vor als spirituelles Zentrum. Unbeeindruckt von den Massen, die das Gebäude von morgens bis abends durchziehen, werden hier täglich vier Messen abgehalten.

Dankbarkeit des Herzens

Mag der vor allem kunst- und architekturhistorisch interessierte Betrachter sich in erster Linie an den herrlichen Glasfenstern ergötzen, den ersten ihrer Art in diesem Ausmaß, auch wenn das Bildwerk nicht mehr das originale ist. Mag er die Dreifaltigkeit der Rosetten von Querschiff und Fassade bestaunen, die schiere Wucht des monumentalen Baus bewundern, so sollte er doch über der ästhetischen Begeisterung nicht vergessen, dass hier der Ort ist, an den der Dichter der deutschen Romantik, Novalis dachte, als er in seinem bahnbrechenden Essay von 1801 „Die Christenheit oder Europa“ postulierte, dass vor allem in den architektonischen Zeugnissen des Mittelalters eben dieses zusammenfällt: christliches Fundament unserer Zivilisation und europäischer Gedanke.

Notre-Dame de Paris ist also unser aller Ort, und die Dankbarkeit des Herzens, als die der katholische Theologe Romano Guardini einmal das menschliche Erinnerungsvermögen definierte, sollte es mit sich bringen, dass auch die Repräsentanten unseres Staates sich von dieser Katastrophe mitbetroffen fühlen und ihrem Schmerz entsprechend Ausdruck geben – und Menschen, weit über den Kreis von Repräsentanten hinaus.

Aber in erster Linie trifft es natürlich doch die in den letzten Jahren so unendlich geplagten, heimgesuchten Franzosen. An dieser Stelle kann und muss Victor Hugo zitiert werden, jener noch immer populärste Dichter Frankreichs, mit dessen Namen wie mit keinem anderen der europäischen Geistesgeschichte sich gerade der Symbolwert dieses Gedächtnisortes so intensiv verbindet. Sein epochaler Roman „Notre-Dame de Paris“, der auf Deutsch ein wenig einschränkend „Der Glöckner von Notre-Dame“ heißt, erschien ein knappes Jahr nach der Julirevolution, im März 1831. Er war es, der den Franzosen ein für alle Mal zu Bewusstsein brachte, dass hier ihre Seele Stein geworden war.

Mutterkirche der Gotik

„Jede Fläche, jeder Stein dieses ehrwürdigen Baudenkmals ist ein Blatt nicht nur der Landesgeschichte“, schrieb er in der Vorrede zu seinem Roman, „sondern auch der Geschichte der Wissenschaft und der Kunst.“ In Notre-Dame erblickte er, um es mit einer seiner ingeniösen Wortprägungen zu sagen, „die Aufstapelung der Jahrhunderte“. Es genügt, nur einige Beispiele zu nennen, um diese Aufstapelung zu veranschaulichen. Als im Jahr 1163 der damalige Bischof von Paris, Maurice de Sully, den Baubeginn anordnete, konnte er selbst wohl kaum ahnen, dass er hiermit den Charakter der Wehrhaftigkeit, der bis dahin in Europa die Gotteshäuser prägte, aufgab zugunsten eines spirituellen Stils, der Gotik eben, die sich mehr am himmlischen Jerusalem orientierte als an den weltlichen Burgen und Pfalzen.

Glasrosetten als Symbol für Gottes wohlgeordnete Schöpfung gehören seit dem Bau von Notre-Dame in Paris zum Inventar gotischer Kathedralen

Ein wenig von dieser transzendenten Dimension lebt noch fort in dem Akt Ludwigs XIII., dem eines der wertvollsten Skulpturendenkmäler der Kathedrale gewidmet ist, wenn der Bourbone in diesem Gotteshaus sein Königreich der Muttergottes zum Geschenk machte. Doch auch durchaus Weltliches vollzog sich an diesem Ort, auch wenn es immer von höchster Symbolkraft war. Hier krönte sich, ein noch nie da gewesener Akt der Blasphemie, Napoleon zum Kaiser der Franzosen, was sein Hofmaler David in einem berühmten Monumentalgemälde festgehalten hat. Geistesgeschichtlich bedeutsamer war die Bekehrung des Dichters Paul Claudel, der hier beim Anblick einer Marienstatue spontan zum Glauben zurückfand. Womit er jene Strömung des „renouveau catholique“, der katholischen Erneuerung also, auslöste, die für die französische Literatur um 1900 so wichtig werden sollte.

Das Glockenkonzert, mit dem die Franzosen die Befreiung von der deutschen Zwangsherrschaft im Zweiten Weltkrieg feierten, nahm von dieser Kirche seinen Ausgang. Und in unseren Tagen wählte der Schriftsteller Dominique Venner, Vertreter jenes anderen Frankreichs, das heute in so vielfältiger Form einen „renouveau national“ anstrebt, diesen Ort, um, achtundsiebzigjährig, seinen spektakulären Selbstmord ins Werk zu setzen, der das Land dazu bewegen sollte, „die Herabsetzung des Eigenen zugunsten des Fremden“ zu beenden. Insofern steht Notre-Dame noch immer im Zentrum erregt geführter aktueller Debatten.

Nationales Verständigungsmedium

Aber die weitreichendste Verankerung im kollektiven Gedächtnis der Franzosen gelang eben doch Victor Hugo mit seinem Roman, dem er in der Erstausgabe noch eine konkrete Zeitangabe hinzufügte, „1482“. Dieses an sich unspektakuläre Jahr, allerdings das vorletzte in der Herrschaft König Ludwigs XI., diente Hugo für ein Geschichtspanorama von so rauschhafter, suggestiver Lebendigkeit, dass der aus England stammende Historienroman mit seinen schematischen Konflikten, wie sie Walter Scott in Serie produzierte, auf einmal emporstieg zu einem nationalen Verständigungsmedium der ersten Kategorie.

Denn Hugo, beim Abfassen seines bekanntesten Werks noch ganz im Bann der revolutionären Ereignisse von 1830, lässt gleich im ersten Kapitel das Volk in seiner ganzen Buntheit und Vielfalt in den Pariser Justizpalast und damit auch in seinen Roman einfallen. Einen „Narrenpapst“ wollen sie da wählen. Es beginnt also das große Epos über einen Sakralbau mit antiklerikaler Kritik. Und es beginnt mit „Notre-Dame de Paris“ die narrative Geschichtsschreibung eines Volkes, das in der Folge Figuren wie Jules Michelet als nationales Spezifikum hervorbringen wird, Autoren also, die auch als Historiker Erzähler sind, was dann in Deutschland Theodor Mommsen aufgreifen kann, unser erster Literaturnobelpreisträger, der für sein Werk über die römische Geschichte ausgezeichnet wurde.

Vor allem aber geht von Hugos „Notre-Dame de Paris“ eine bis in die feinsten Seitenarme der kulturellen Strömungen eindringende Aufwertung des Mittelalters aus, des „Herbsts des Mittelalters“ vor allem, um Johan Huizingas Klassiker zu bemühen, mit seinem zivilisatorischen Fortschritt, seinem neuen Daseinskomfort und einem Lebensgefühl, das endlich auch die irdischen Genüsse wertschätzt, um nicht zu sagen zelebriert. Alle Reformbewegungen, die das spätere 19. Jahrhundert so stark kennzeichnen werden, zum Beispiel die Rückkehr zu einer hochwertigen Produktion der „arts et métiers“, also des Kunsthandwerks, nehmen hier ihren Ursprung. Die Engländer integrieren das in ihre „Arts and Crafts“-Bewegung. Die Deutschen greifen mit Jugendstil und Deutschem Werkbund darauf zurück.

Alle Kraft der Instandsetzung!

Und weiter lassen sich die Fäden ausziehen: Alles, was wir heute Neogotik nennen, also der Epochenstil schlechthin des Historismus, der vor allem im deutschsprachigen Raum, aber auch in England, bis zum Ersten Weltkrieg das äußere Erscheinungsbild unserer Städte bestimmen wird, lässt sich ohne Weiteres auf den ästhetischen Paradigmenwechsel zurückführen, den Hugo mit seinem Notre-Dame-Buch eingeläutet hat.

In ihrer ganzen Schönheit erhebt sich Notre-Dame hoffentlich bald wieder über der Ile de la Cité im historischen Zentrum von Paris

Für die Franzosen verbindet sich diese Stilrichtung in erster Linie mit dem Architekten Eugène Viollet-le-Duc. Er war es, der im großen Stil die „Rückbauten“ der großen Kathedralen in Angriff nahm, allen voran die von Notre-Dame selbst, aber natürlich auch die der „Tochterkathedralen“ von Saint-Denis, von Reims, Amiens und Chartres. Mit dem sagenhaften (und unvollendet gebliebenen) Projekt einer riesenhaften Burg „im Stil des Mittealters“ setzte er in Pierrefonds bei Compiègne nördlich von Paris einen höchst eigenwilligen Akzent, den wiederum Ludwig II. von Bayern aufnahm, indem er gewissermaßen mit Neuschwanstein le Ducs Vermächtnis umsetzte. Denn auch diesseits des Rheins verbinden sich mit der Neogotik große Bauprojekte, etwa die Vollendung des Kölner Doms und des Ulmer Münsters, aber eben auch ganz eigenständige Kreationen wie das Wiener Rathaus an der Ringstraße des gebürtigen Schwaben Friedrich von Schmidt, der wie Viollet-le-Duc als Restaurator begonnen hatte (etwa von Burg Runkelstein in Südtirol).

Notre-Dame von Paris: Das Schatzhaus Frankreichs hat europäische Geschichte geschrieben, in religiöser wie architektonischer, in literarischer wie lebensweltlicher Hinsicht. Nun muss der Kontinent alle Anstrengungen unternehmen, die ihm möglich sind, um dieses spirituelle, kulturelle Kraftwerk wieder instand zu setzen und als solches erneut funktionstüchtig zu machen.