Nach dem Brand von Notre-Dame sagen viele, es sei unsittlich, für Steine zu spenden, während Menschen darben. Das ist ein uraltes Argument – aber ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es falsch ist.

Der Brand von Notre-Dame hat die alte Streitfrage neu belebt: Ist es verantwortbar, gewaltige Gelder in Bau und Restauration von Gebäuden zu stecken, die keinem irdischen Zweck, keinem allgemeinen Bedürfnis und keinem staatspolitischen Interesse dienen? Dass reiche französische Familien mehrstellige Millionenbeträge gestiftet haben, damit die Hauptkirche Frankreichs gerettet werden kann und eine glanzvolle Wiederauferstehung erlebt, das hat die Zweifler eher noch bestärkt. Bei wie vielen Katastrophen, wie viel Not und Elend halten dieselben hochherzigen Spender ihre Taschen verschlossen!

Kirchliche Bauwerke, zu deren Sinn und Bedeutung selbst vielen gläubigen Menschen der Zugang fehlt, sind seit jeher auf das Heftigste umstritten. Wie kann es gerade die Kirche verantworten, derart aufwendigen Bauvorhaben von meist exorbitanten Kosten ihren Segen zu geben, während gleichzeitig Obdachlose unter Brücken schlafen und Kinder verhungern, weil angeblich die Mittel fehlen, ihnen zu helfen?

Die Widersprüche lassen sich nicht kleinreden und aus der Welt schaffen. Aber sie können immer nur der eine Diskussionsstrang über den Kirchenbau sein. Denn auch hier gilt das Bibelwort: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Symbolik, Spiritualität, die geistige Dimension des Lebens hat einen übergreifenden existenziellen Rang für den Menschen, vor dem die Alltagsbedürfnisse, so quälend mühsam sie sich oft nur erfüllen lassen, verblassen.

Das ist es, was die Erfinder des Kirchenbaus immer gewusst und ihren Bauwerken wie eine geheime Botschaft eingeschrieben haben. So wie Abt Suger, Schöpfer der Kathedrale von St. Denis, Allvater der Gotik, der 1140, bei der Grundsteinlegung zu diesem ersten gotischen Kathedralbau überhaupt, bekannt hat, ein Bauwerk schaffen zu wollen, „das die Herzen erhellt, sodass sie durch wahre Lichter zu dem wahren Lichte gelangen, wo Christus die wahre Tür ist“. Es war der bis heute unbegreifliche Schritt, ein Gebilde aus Stein vom „Materiellen ins Immaterielle“ zu steigern. Aber wie kann das ohne materielle Grundlage, ohne Finanzmittel gelingen?

Maßloser Zierrat

Noch ehe der Abt sein Programm auch nur verkünden konnte, hatte ihm ein ebenso prominenter Amtsbruder schon widersprochen. „Unbedingt zu meiden“, so mahnte der Zisterzienser-Abt Bernhard von Clairvaux, „sind unbescheidene Längen des Kirchenbaus, weil sie gottlos sind, und die leeren Höhen bis zu den Decken, weil sie die Gedanken verwirren, ebenso maßloser Zierrat und jedes Schmücken des Chorkranzes, weil es eitel ist.“ Die Kritik am gotischen Kathedralbau war also schon vor der ersten gotischen Kirche da, und sie kam aus den Reihen der Kirchenleute selbst. Und so ist es bis heute geblieben.

Niemand hat den von Spendern in aller Welt getragenen Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden mit so giftiger Polemik bekämpft wie die sächsische Landeskirche. Es sei ganz unpassend und unzeitgemäß, ein „Triumphmal“ aufzurichten, wurde argumentiert, man müsse die zerrissene, gedemütigte, zerschlagene Kirche zeigen, die als ein Mahnmal zu Buße und Einkehr aufruft. Mit dem Wiederaufbau des Kuppelbaus werde das Gegenteil, eine „Predigt des Antichristen“, zelebriert.

Es war, auch wenn sich die redlichen Glaubensverteidiger dessen vielleicht nicht bewusst waren, ein uraltes und doch ewig gültiges Argument. Schon vor 500 Jahren haben die Protestanten dem Ablassprediger Tetzel das Recht bestritten, unter dem Vorwand des Sündenerlasses für die Errichtung des Petersdoms in Rom zu sammeln. Johann Hinrich Claussen, Hamburger Hauptpastor und Propst, hat dazu noch 2010 angemerkt: Für Martin Luther wäre „der neue Petersdom, wenn er ihn in Augenschein hätte nehmen können, eine Architektur gewordene Antichristlichkeit gewesen“.

Brand von Notre Dame: Es geht immer auch um Symbolik, Spiritualität, die geistige Dimenion des Lebens

Als im 19. Jahrhundert für den Weiterbau des Kölner Doms gesammelt wurde, waren erneut die Kritiker zur Stelle, kaum dass der Bau der Türme begonnen hatte. Ein „Süddeutscher“, der seinen Namen nicht preisgeben wollte, lästerte anno 1844, zwei Jahre nach der Grundsteinlegung: „Und – um des Himmels willen! – ist denn in Deutschland nichts Besseres und Dringlicheres zu tun, als den Kölnern zu einem für sie einträglichen Prachtbau zu verhelfen? Lag Hamburg nicht in Schutt und Trümmern? Ist seitdem nicht noch viel anderes Unglück geschehen, wo weit weniger Mittel zur Wiederherstellung sind, als in Hamburg?“ Auch Heinrich Heine kam nur Hohn und Spott über die Lippen: „O törichter Wahn! Vergebens wird/ Geschüttelt der Klingelbeutel,/ Gebettelt bei Ketzern und Juden sogar;/ Ist alles fruchtlos und eitel.“

Auch Notre-Dame ist in einer Zeit errichtet worden, in der ganze Regionen Frankreichs gegen Hunger, Armut und Elend anzukämpfen hatten. Wenn also heute vom Bauwahn der Kirche gesprochen wird, wenn gar behauptet wird, der überdimensionierte Kirchenbau habe die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Europas gehemmt, so lassen sich dafür viele Gründe anführen. Aber objektiv und emotionslos betrachtet sind sie fadenscheinig und falsch.

Wohnungen, Sozialbauten, Kindergärten

Seit der Fertigstellung der Frauenkirche 2005 haben weit mehr alles 20 Millionen Menschen dieses Gotteshaus besucht. Wenn nur jeder zweite von ihnen 100 Euro in Dresden ausgegeben hat, sind in dieser kurzen Zeitspanne von noch nicht 15 Jahren tausend Millionen – also eine Milliarde – Euro zusammengekommen; deutlich mehr als das Fünffache der Summe, die der Bau gekostet hat. Wer wollte berechnen, welche gewaltigen Summen erst der Dom zu Köln mit sechs Millionen Besuchern jährlich in 140 Jahren „eingespielt“ hat. Der Kritiker von 1844 hatte zumindest in diesem Punkt recht: Der „Prachtbau“ hat sich als einträgliches Geschäft für Köln erwiesen.

Ganz entgegen den Berechnungen französischer und amerikanischer Forscher in jüngster Zeit ergibt sich daneben auch noch eine ganz andere Rechnung: Die großen Kathedralen haben über Jahrzehnte und Jahrhunderte ganze städtische Gewerke in Lohn und Brot gesetzt und damit – ähnlich wie fürstliche Schlösser, Residenzen und Paläste – die Wirtschaft ihrer Länder und Städte stabilisiert und gefördert. Hinzu kommen unabschätzbare sekundäre Effekte; denn die eingenommenen Gelder konnten ja nun ihrerseits in den Bau von Wohnungen, Sozialeinrichtungen, Altenheimen und Kindergärten gesteckt werden, sodass sich der materielle Nutzen dieser Ausnahmebauwerke, wenn er überhaupt wichtig ist, sogar potenziert. Die simple Arithmetik erweist sich als Milchmädchenrechnung, hinter der nichts als derselbe Kirchenhass steht, der den Kirchenbau von Anfang an begleitet.

Wer will die Touristen zählen? Besucherinnen von Notre Dame vor dem Brand

Von wem aber wurde und wird der Bau der großen Kathedralen tatsächlich getragen, wenn seine schärfsten Kritiker die Kleriker selbst sind? Es waren und sind bis heute immer wieder die Bürger, die Baumeister und Architekten, ja selbst die Kirchenfernen unter ihnen, gewesen, die auf einer Verbildlichung des faktisch Undarstellbaren bestanden haben und bis heute bestehen. Für viele war die Kathedrale, wie Nicola Borger-Keweloh am Beispiel des Ulmer Münsters nachgewiesen hat, schon in den alten Zeiten ein Denkmal der bürgerlichen Freiheit, das Wahrzeichen der Stadt, das Monument ihrer Selbstständigkeit, das Dokument des „Gemeinsinns“.

Und die überweltliche, unmessbare sakrale Bestimmung des Gotteshauses? Am tiefsinnigsten hat sie vielleicht Schinkel umschrieben, wenn er die Forderung aufstellte: „Im religiösen Gebäude soll Gott dargestellt werden.“ Doch er fügte dem letztlich „unchristlichen“ Gedanken gleich einen zweiten hinzu: „Dies ist nicht anders möglich als durch das Universum …“ Wer die Kathedrale betritt, muss wissen, dass er die dingliche Welt verlässt, dass er nach dem Durchschreiten des Portals wie auf einer Abschussrampe steht. Gott, so ist in den Worten des Architekten gesagt, der den Blick in diese entfestigte Wirklichkeit öffnet, ist das Universum, und die Augen, Münder, Gliedmaßen und Leiber der Heiligen auf den Bildern und Schnitzwerken, denen wir dort begegnen, führen uns in das Erschauen, das Hören, das Ertasten dieses Universums ein.

Majestät und Unbegreiflichkeit

Viele, die sich gerade auch angesichts des Brandes von Notre-Dame mit Vehemenz gegen solche Art Gottesdienst verwahren, gleichen Besuchern eines Flughafenrestaurants, die nicht riskieren zu fliegen und gebannt beobachten, wie sich anfassbare Geräte, vollgestopft mit Menschen, ohne Flügelschlag in die Luft erheben. Selbst ein Goethe, der gewiss kein Kirchgänger war, konnte und wollte seine tiefe Ergriffenheit vor der Majestät und Unbegreiflichkeit der Kathedralen nicht verleugnen. In dem zu seiner Zeit noch unvollendeten Kölner Dom sah er geradezu das „Musterbild jener ungeheueren Konzeptionen, deren Sinn babylonisch in den Himmel strebte und die zu den irdischen Mitteln dergestalt außer Verhältnis waren, dass sie notwendig in der Ausführung stocken mussten“. Folgerichtig war dem großen poetischen Realisten auch der Fortbau des Doms nach 300 Jahren Stillstand ein tief gefühltes Anliegen: „Denn vollendet bringt ein groß gedachtes Meisterwerk erst jene Wirkungen hervor, welche der außerordentliche Geist beabsichtigte: das Ungeheuere fasslich zu machen.“ Und sei es auch nur deshalb, fügte er hinzu, „damit uns die große und riesenmäßige Gesinnung unserer Vorfahren zur Anschauung gelange und wir uns einen Begriff machen können von dem, was sie wollen durften“.

Niemand muss sich zweihundert Jahre später schämen, wenn er immer noch so denkt.