Über kaum ein Körperteil werden so viele Unwahrheiten erzählt wie über das Jungfernhäutchen. Der weiblichen Anatomie zum Trotz ist die Mär vom „blutigen Bettlaken“ bei der Entjungferung weit verbreitet. Das Unwissen – selbst in modernen westlichen Gesellschaften – ist frappierend.

Im 21. Jahrhundert ist der menschliche Körper bis in die komplexeste Struktur erforscht. Die DNA ist längst entschlüsselt. Das Gehirn? Kann mit modernen Geräten bis auf wenige Tausendstel Millimeter Nervenfaser erfasst werden. Sobald es aber um den weiblichen Intimbereich geht, ist das Unwissen selbst in modernen westlichen Gesellschaften frappierend – wobei sich die wohl größten Mythen um das Jungfernhäutchen ranken.

Am Hymen, wie es medizinisch heißt, soll man nämlich feststellen können, ob Frauen schon einmal Sex hatten oder nicht. Denn beim „ersten Mal“, so lautet die gängige Erzählung, wird es durchstoßen und blutet. Es soll die Vagina verschließen – wie eine Frischhaltefolie – und ist diese Folie einmal kaputt, dann ist die Frau nicht mehr „frisch“.

„Dabei kann man anatomisch gar nicht immer feststellen, ob ein Mädchen bereits Geschlechtsverkehr hatte“, sagt Nicole Gehrmann. Denn die meisten Mädchen bluten bei ihrem ersten vaginalen Geschlechtsverkehr nicht. Gehrmann ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, in Weiterbildung zur Sexualmedizinerin und leitet die Kinder- und Jugendgynäkologie am Virchow-Klinikum, einem Campus der Berliner Charité. Seit zehn Jahren beschäftigt sie sich mit dem Thema Hymen und weiß um die Mythen, die rund um dieses kleine Häutchen existieren. „Diese Vorstellungen vom Hymen haben eine hohe gesellschaftliche Stellung, obwohl sie anatomisch falsch sind“, erklärt Gehrmann.

In einer Bibliothek des Virchow-Klinikums, umgeben von Vitrinen mit historischen Geburtszangen, greift sie zum Stift, um die Anatomie des Jungfernhäutchens zu verbildlichen. „Das Hymen ist ein weicher und gut dehnbarer Saum bei Mädchen ab der Pubertät, der den Scheideneingang umschließt, und zig verschiedene Normvarianten haben kann“, erklärt sie.

Nicole Gehrmanns Skizze der verschiedenen Hymenvarianten

Mal ist seine Struktur halbmondförmig, mal kreisrund und ein andermal teilt es die Öffnung wie ein Septum. Kurz vor der Geburt von Mädchen öffnet sich normalerweise das zunächst geschlossen erscheinende Häutchen und legt die Vaginalöffnung frei. „Es gibt aber auch einige Mädchen, bei denen es nach der Geburt komplett verschlossen bleibt. Dann sollte es ein Jahr nach Einsetzen des Brustwachstums eröffnet werden, sonst kann das Menstruationsblut nicht abfließen“, beschreibt die Ärztin.

Das Jungfernhäutchen ist also keine Membran, die die Vagina verschließt, sondern eine Struktur, die den Scheideneingang umschließt. Je nach Menge weiblicher Geschlechtshormone kann diese Struktur mal wulstig sein und mal straff, mal glänzt die Haut, ein andermal ist sie eher matt. Abhängig von der Konstitution des Mädchens, vom Alter und der Hormonkonzentration durchläuft es einen Veränderungsprozess. Es kann zwar durchaus passieren, dass die Haut beim ersten vaginalen Geschlechtsverkehr an- oder einreißt und daher blutet, die Regel ist das aber nicht. „Ein weiteres Märchen ist auch, dass das Häutchen beim Sport oder Spagat verletzt werden kann. Das geht nicht“, fügt Nicole Gehrmann an.

Drei Varianten der Rekonstruktion

Wenn das Hymen also nur in den seltensten Fällen an- oder einreißt: Was passiert dann bei sogenannten Rekonstruktionen von Jungfernhäutchen? Nicole Gehrmann sind drei Varianten bekannt, die Ärzte vornehmen, um Frauen in der Hochzeitsnacht das Bluten zu ermöglichen. „Falls es tatsächlich einen Riss am Häutchen gegeben haben sollte, kann man den nähen oder eine Straffung des Hymens vornehmen.“ Dadurch wird die Vaginalöffnung enger und ein Bluten beim Geschlechtsverkehr wahrscheinlicher.

Bei der dritten Option braucht es nicht mal eine Operation: Dabei wird in der Scheide ein Plättchen mit Farbstoff platziert, das das gewünschte Ergebnis erzielen soll. Bis zu 2300 Euro geben junge Frauen und deren Familien für solche Eingriffe aus. Denn bis heute gilt das blutige Bettlacken als Symbol des ersten vaginalen Geschlechtsverkehrs.

Diese uralte Erzählung ist nichts weiter als eine Mär – und hat sich doch tief eingebrannt ins kollektive Wissen. Selbst vor deutschen Gerichten gibt es medizinische Gutachter, die etwa bei Vergewaltigungsprozessen beurteilen, ob ein Jungfernhäutchen „intakt“ ist oder nicht. Warum ist dieser widerlegte Irrglaube immer noch so weit verbreitet?

Ein Grund ist das immer noch bestehende Tabu, über den weiblichen Intimbereich zu sprechen. Dieser ist seit jeher schambeladener als der männliche – und daher weniger erforscht. Bis heute wissen viele Menschen etwa nicht, dass die Klitoris nicht nur aus dem Kitzler besteht, sondern ein sieben bis zehn Zentimeter großes Organ ist, das mit zwei Schenkeln die Scheidenwände umschließt. Letzteres wurde erst im Jahr 1998 entdeckt. In dieses Unwissen fügt sich auch das über das Jungfernhäutchen.

Kontrolle des weiblichen Körpers

„Am Ende läuft das Ganze auf die Kontrolle weiblicher Körper und Sexualität hinaus“, erklärt Anke Bernau. Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin lehrt an der Universität von Manchester und forscht zur Geschichte der weiblichen Jungfräulichkeit. „Jungfräulichkeit war und ist immer ein wichtiges Thema in patriarchalen Strukturen. In diesen hängen Wert und Ehre eines Mannes auch von der Fähigkeit ab, ,ihre Frauen‘ unter Kontrolle zu haben.“ Dabei sei Jungfräulichkeit jahrhundertelang das höchste Gut unverheirateter Frauen gewesen – aufkommend mit dem Christentum, dessen Glaube auf einer jungfräulichen Geburt fußt.

Jungfräulichkeit hat in männlich dominierten Gesellschaften laut Bernau aber noch einen weitaus weltlicheren Wert: Denn wie sollten Männer sonst sicherstellen, dass ihre Frau auch von ihnen schwanger ist und ihre biologischen Erben austrägt? Daher spielte weibliche Unberührtheit seit jeher eine größere Rolle als männliche. In diesem Zusammenhang kommt das „intakte“ beziehungsweise gerissene Hymen wie gerufen als Zeichen der Unversehrtheit. Es definiert nicht nur den persönlichen Wert der Frau, sondern auch den ihrer Familie und den ihres künftigen Ehemannes. Deshalb sei, so Bernau, der Mythos auch eine soziale Konstruktion, bei dem Schande und gesellschaftliche Akzeptanz eine wichtige Rolle spielen.

„Wenn man die Vorstellung des intakten Hymens wegnimmt, aber immer noch einen hohen Wert auf weibliche Unberührtheit legt, wie soll man dann jemals feststellen, ob eine Frau jungfräulich ist oder nicht?“, fasst Bernau den Gedanken zusammen. „Führt man sich all die Werte vor Augen, mit denen Jungfräulichkeit seit jeher assoziiert wurde – Fügsamkeit, Anstand, Selbstkontrolle, Unschuld, Naivität, Jugend – dann wird deutlich, dass die Abschaffung eines solchen Mythos dazu führt, dass wir unser Bild von Weiblichkeit komplett neu denken.“

Nicole Gehrmann sieht es ähnlich. Sie führt den Mythos vom Jungfernhäutchen ebenfalls auf den Versuch zurück, den weiblichen Körper zu kontrollieren – wie es etwa auch bei Beschneidungen zu beobachten sei. „Bezogen auf die Sexualität haben Männer häufig alle Freiheiten, und Frauen werden bei Abweichungen bestraft“, sagt Gehrmann.

Hinzu komme schlichte anatomische Unwissenheit. „Es braucht eine bessere Aufklärung, damit diese Mythen um die angebliche Bedeutung des ,intakten‘ Hymens endlich verschwinden: vor allem in Schulen und im Sexualkundeunterricht“, plädiert die Gynäkologin. Im Falle von Gerichtsverfahren müsse eine flächendeckende, fachkompetente Gutachterstruktur geschaffen werden. Dabei warnt Gehrmann eindringlich davor, diejenigen Menschen abzuwerten, die immer noch an den Mythos glauben. „Mit viel Geduld sind hier sachliche Informationen zu vermitteln“, fordert sie.

Einen sachlichen und gleichzeitig humorvollen Aufklärungsversuch unternahm etwa die Schwedin Liv Strömquist mit ihrer 2014 erschienenen Graphic Novel „Der Ursprung der Welt“. Darin beschreibt sie mit Witz und Fakten die Geschichte der weiblichen Geschlechtsorgane. Ihr Heimatland war es auch, das 2009 beschloss, das wertende Wort „Jungfernhäutchen“ offiziell durch den Begriff „vaginale Corona“ zu ersetzen – ein Begriff, der die Anatomie des Hymens treffend beschreibt.