Wer alle Kulturen für gleichwertig hält, zerstört die Bedingungen der Freiheit und beerdigt die Grundlagen der europäischen Moderne. Ein Plädoyer für eine neue Aufklärung.

Wertfreie Toleranz ist wertlos. Ohne strikte Glaubensneutralität dürfte das gedeihliche Zusammenleben unterschiedlicher Konfessionen langfristig unmöglich sein. Das übersehen viele heutige Linke gern, jedenfalls, wenn es um den Islam geht. Beim Papstbesuch 2011 legten sie noch großen Wert darauf. Ein prominenter Grüner verließ während der Rede Benedikts XVI. den Plenarsaal, weil ihm der Begrüßungsapplaus im Bundestag zu heftig war und der Papst Schwule und Lesben verunglimpfe.

Weist man Linke darauf hin, wie sich religiöse Muslime über Homosexualität äußern, winken sie meist gequält ab und erklären, die Kirche habe Schwule auch über Jahrhunderte verfolgt. In Iran sind seit der Islamischen Revolution mehr als 4000 Menschen wegen ihrer Homosexualität hingerichtet worden. Das ist etwas anderes als verbales Verunglimpfen. Doch solche Einwände gelten unter Linken schnell als „rechts“ und „islamophob“.

Postmoderne Diskursanalyse

Ich selbst hielt mich nie für rechts. Ich will, dass unterschiedliche Menschen halbwegs sicher, in Frieden und Freiheit gleichberechtigt nebeneinander leben können – unabhängig von Religion, Rasse oder Geschlecht. Aber ich halte Multikulturalismus für einen Holzweg und das postmoderne Dogma der Gleichwertigkeit von Kulturen für Unsinn. Kulturrelativismus ist nicht nur die Bankrott­erklärung emanzipatorischer Ethik, er produziert katastrophale Ergebnisse. Entweder läuft er auf Selbstaufgabe hinaus oder treibt die Ethnien in gewaltsame Konflikte untereinander.

Wer im Namen wertfreier Toleranz die Gleichwertigkeit aller Kulturen postuliert, verabschiedet sich von der Idee, wir seien als Spezies dazu imstande, uns aus unserer selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Er erklärt das zentrale Versprechen der Aufklärung für tot und beerdigt die Grundlagen der europäischen Moderne. Wo alle Wahrheiten relativ sind, mutiert die gefühlte Wahrheit zur Wirklichkeit.

Insofern beginne ich dem, was seit einigen Jahrzehnten unter der Flagge von „Vielfalt“ und „Diversität“ durch die Debatten geistert, mit Skepsis. Vielfalt und Diversität sind fein. Wer daraus aber die paradigmatische Gleichwertigkeit der Kulturen ableitet, jagt die eigene Kultur zur Hölle. Postmoderne Diskursanalyse kann ein wirklich wunderbares Werkzeug sein, um die Subjektivität von Minderheiten zu erhellen und zu würdigen. Geht sie freilich mit der Prämisse einher, dass gar keine allgemeingültige Wahrheit mehr denkbar sei, auf die sich eine Gesellschaft noch verständigen kann, schüttet sie das Kind mit dem Bade aus und zelebriert den Untergang der eigenen Kultur. Der multikulturelle Toleranzbegriff verwandelt Toleranz von einem Instrument kritischer Analyse in ein Werkzeug zur Tabuisierung von Kritik. Damit verzerrt er das aufklärerische Prinzip ins Groteske.

Verdrehter Toleranzbegriff

Die Toleranz der Aufklärung war nämlich nie wertfrei. Sie hatte konkrete Ziele, die das genaue Gegenteil dessen sind, was angebliche Linke heute darunter verstehen: Sie wollte das Individuum vor Eingriffen in die Gewissensfreiheit schützen, seine Autonomie gegenüber Kirche und Staat gewährleisten, ihm ermöglichen, angstfrei die herrschenden Verhältnisse in Zweifel zu ziehen. Dieser Art Toleranz lag nichts ferner, als religiösen, ideologischen und kulturellen Praktiken blindlings Lizenzen zu erteilen. Oder sich Denkverbote aufzuerlegen.

Ganz anders der postmoderne Toleranzbegriff. Der entkoppelt Form und Inhalt. Seine tragende Achse ist das Tabu, Kulturen miteinander zu vergleichen, weil sonst das Paradigma der vermeintlichen Gleichwertigkeit verletzt würde. Wer das tut, verhält sich automatisch „intolerant“ und macht sich sofort verdächtig, „hegemonial“ zu argumentieren. Zumindest, wenn er weiß und männlich ist. Hier kommen die (unbestreitbare) historische Schuld des Westens und die (angebliche) inhärente Arroganz maskuliner, heterosexueller Sichtweisen ins Spiel.

Da die diskursanalytische Deutung des Toleranzbegriffs Doppelstandards zur Norm macht, die der Alltagslogik nicht standhalten, bewehrt sie sich moralisch mit der Opferperspektive. Die subjektive Sicht der „Opfer“ ist grundsätzlich unantastbar. Sie schafft für alle „Vertreter der Täterkultur“ eine unüberwindliche Hürde, an der sie scheitern müssen, sobald es um kulturfremde Belange geht. Praktisch ausbuchstabiert heißt das: Europäer dürfen die Verbrechen des Christentums und des Kolonialismus kritisieren. Europäische Kritik am Islam ist hingegen tabu. Das stellt nur eine Variante von verdrehtem Rassismus dar, aber da es unter der Flagge des „Respekts“ und der „Toleranz“ segelt und ehrenwert klingt, springt die Selbstverachtung nicht jeden sofort an.

Eine lähmende Doktrin

Tatsächlich ist es die Lüge, die interkulturelle Diskurse von vornherein vergiftet: „Kein Mensch kann authentisch respektieren, was er in Wahrheit für unmoralisch, irrational oder (…) dumm hält“, stellte der Publizist und Psychologe Carlo Strenger in seinem Essay „Zivilisierte Verachtung“ fest. Letztlich schade solche Heuchelei dem Heuchler am allermeisten: Denn wer sich verbietet, fremde Kulturen zu kritisieren, der kann die eigene nicht mehr verteidigen.

Ich bin ein konservativer Linker. Oder linker Konservativer. Unter „links“ verstehe ich emanzipatorisch und humanistisch. Ich möchte mich auch in zehn Jahren noch mit aufgeklärten Muslimen an einen Tisch setzen können, ohne dass uns der Aberglaube fremder Leute in die Quere kommt. Hinter den Schlagworten „Vielfalt“ und „Diversität“ verbergen sich Spielformen einer Ideologie, die aus der angeblichen Gleichwertigkeit der Kulturen ableitet, dass man unterschiedlichen Kulturen innerhalb einer Gesellschaft grundsätzlich gestatten sollte, nach eigenen Regeln zu leben. Das geistige Rüst­zeug dazu entstand in den USA unter dem Einfluss der Diskursanalyse von Lyotard und Foucault.

Ursprünglich sollte so die Vorherrschaft des „weißen“ Kulturbegriffs überwunden und der Lebensart unterdrückter Minderheiten Raum und Respekt verschafft werden. Im Fokus standen Schwarze, Schwule und amerikanische Ureinwohner. Deren Sichtweisen endlich zu würdigen, war überfällig. Schon bald jedoch entfalteten sich sektiererische Positionen, die im Windschatten politischer Korrektheit zu einer fortgeschrittenen Zersplitterung der Inhalte, Ausrichtungen und Ziele führten. Das hielt die Ideologen nicht davon ab, ihr an der Praxis scheiterndes Konzept in den Rang höherer Wahrheit zu erheben. Heute ist es für viele Grüne ein unhinterfragtes Paradigma. Ohne dass sie sich der intellektuellen Wurzeln ansatzweise bewusst sind, unterwerfen sie ihr Denken freiwillig dieser lähmenden Doktrin.

Die erfreulichen Folgen der Migration

Ich entsinne mich aus Jugendtagen an Nathan Glazers und Pat Moynihans Bestseller „Beyond the Melting Pot: The Negroes, Puerto Ricans, Jews, ­Italians, and Irish of New York City“, worin die Autoren nachwiesen, wie hartnäckig die Ethnien an ihren jeweiligen Traditionen festhielten. Bereits dieses 1963 erschienene Buch macht deutlich, dass eine multiethnische Gesellschaft letztlich nur funktionieren kann, wenn sich alle Gruppen auf einen gemeinsamen Wertekanon verständigen.

Deutschland war ethnisch nie homogen, aber bis vor kurzem herrschte trotz aller regionalen Differenzen ein hoher Grad an kultureller Kompatibilität. Die normative Leitkultur wurde nie ernsthaft infrage gestellt. Echte Multikulturalität lernen wir erst seit ein paar Jahrzehnten kennen. Multikulti klingt niedlich, weltoffen und farbenfroh. Zweifellos hat nicht nur die Toskana-Fraktion kulinarisch davon profitiert, dass Menschen aus Italien, Spanien, Portugal, Griechenland und der Türkei nach Deutschland gekommen sind, um hier zu leben. Das Land ist dank seiner Einwanderer entspannter, freundlicher und kosmopolitischer geworden.

All das sind erfreuliche Folgen der kulturellen Öffnung durch Migration, aber es gibt sie nicht wegen, sondern trotz Multikulti. Mit Multikulti haben sie nichts zu tun. Multikulti bedeutet den bewussten Verzicht auf allgemeingültige Normen. Wer wissen will, was Multikulti praktisch bedeutet, sollte sich in Duisburg-Marxloh, Hamburg-Mümmelmannsberg oder Berlin-Neukölln umsehen. Multikulturalismus zerstückelt das Gemeinwesen, löst kollektive Spielregeln auf, führt zu ethnischer Trennung, Konkurrenz und Verteilungskämpfen, stiftet Streit und Ressentiments. Langfristig zerstört er den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Eigenart und kulturelles Erbe würdigen

In den frühen Achtzigern habe ich eine Weile in Manhattan gelebt, bevor Rudy Giuliani die Insel aufhübschte und die meisten Obdachlosen in andere Bezirke vertrieb. Ich wohnte in Nord-Harlem und am Ostrand von Alphabet-City, wo viele lange Schraubendreher trugen, um ihre Wehrhaftigkeit unter Beweis zu stellen, weil das Tragen feststehender Messer verboten war. Eigenart und kulturelles Erbe sind wunderbar. Man soll sie feiern, genießen und würdigen. Doch wer dafür plädiert, Menschen aufgrund ihrer verschiedenen Kultur ungleich zu behandeln, zerstört das Junktim von individueller Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz und damit das tragende Grundprinzip moderner Zivilität. Er legitimiert Doppelstandards und Segregation, was letztlich auf dasselbe hinausläuft wie der Ethnopluralismus der Apartheidbefürworter in Südafrika oder den Südstaaten der USA.

Arthur Schlesinger Jr. stellte in seinem 1991 erschienenen „The Disuniting of America – Reflections on a Multicultural Society“ die „inhärente Fragilität“ multiethnischer Gesellschaften fest. Die produzieren meist leider keine bunte Brüderlichkeit, sondern ethnischen Partikularismus, und der geht immer mit der strukturellen Benachteiligung der jeweils Schwächeren einher. Multikulti ist hart, dreckig und alles andere als fair.

Eine ideologische Mogelpackung

In vielen Ländern gibt es Nachholbedarf an Respekt für Subkulturen. Das sollte man ändern. Dafür die Prämisse zu opfern, dass Menschen durch ein gemeinsames ethisches Prinzip als Kollektiv miteinander verbunden sind, ist suizidaler Unsinn. Wo Multikulturalismus die Gleichheit aller Kulturen ohne übergreifende universelle Werte behauptet, ist keine Kultur mehr für ihre Handlungen verantwortlich. Wer derlei postuliert, muss auch zulassen, dass in Europa lebende Muslime außerhalb der allgemeinen Rechtsnorm stehen und für sie die Scharia zu gelten hat, wie es der akademische Agitator Tariq Ramadan fordert, der Sonderrechte zum „Schutz islamischer Kultur“ einklagt.

Multikulturalismus ist eine ideologische Mogelpackung: Ein scheinlinker Aufguss des völkischen Mythos, der die Zugehörigkeit zu einer Ethnie esoterisch aufbläst, ihrer spezifischen „Kultur“ eine metaphysische Dimension andichtet und damit letztlich „Reinheit“, „Erhabenheit“ und „Tiefe“ suggeriert. Was ursprünglich emanzipatorisch gedacht gewesen sein mag, führt in einen braunen Sumpf, der den universellen Charakter von Kultur und die Idee allgemeingültiger menschlicher Ethik leugnet. Lebendige Kultur ist niemals rein. Kultur geht Umwege. Sie hält sich weder an Grenzen noch an Hautfarben. Trotzdem braucht jede größere soziale Einheit ein Minimum an Werteverbindlichkeit.

Bassam Tibi schrieb vor 20 Jahren, dass der innere Friede einer Gesellschaft auf dieser Verbindlichkeit fußt. Wer sie aufgibt, zerstört sowohl den Frieden als auch die Gesellschaft.