Im Susanna-Prozess hat der Zeuge ausgesagt, der die Polizei zur Leiche führte. Von Ali B. scheint er so eingeschüchtert, dass der den Saal verlassen muss. Dann berichtet der Zeuge etwas, was in dieser Deutlichkeit noch nicht bekannt war.

Der Zeuge Mansoor Q. gibt als Alter 14 an. Er wurde in Afghanistan geboren und kam mit seinen Eltern im Herbst 2015 nebst fünf Brüdern und zwei Schwestern nach Deutschland. Er ist nervös, sein rechtes Bein unter dem Tisch zittert unablässig. In Richtung des angeklagten Irakers Ali B., der die 14 Jahre alte Susanna aus Mainz vergewaltigt und umgebracht haben soll, riskiert er keinen Blick. Dieser hingegen fixiert den Zeugen unablässig. Mansoors Körpersprache signalisiert: Ich habe Angst. Der Vorsitzende fragt, ob er ihn duzen dürfe. Mansoor nickt. Das Du entspannt die Situation im Moment.

Doch im Lauf der Vernehmung, als der Vorsitzende fragt, was für ein Typ der Angeklagte sei und was man denn so in der Freizeit zusammen gemacht habe, in der Clique junger Asylbewerber, die sich täglich in Wiesbaden und im dortigen Kurpark herumtrieben, gerät der Zeuge in Bedrängnis. Erst sagt er: „Er war ein guter Junge und immer bereit zu helfen.“ Im nächsten Satz aber klingt das schon anders: „Einmal hat er mich mit einem Messer bedroht.“ Dann wie zur Entschuldigung: „Er hatte viel Alkohol getrunken.“ Ja, ein Messer habe Ali auch mal dabeigehabt. Aber: „Damit hat er Tomaten und Gemüse geschält.“

Der Vorsitzende belehrt Mansoor noch einmal: Er müsse hier die Wahrheit sagen und solle sich noch einmal mit seinem Anwalt Michael Harschneck besprechen. Der schlägt eine Videovernehmung des Zeugen vor, um eine angstfreie Aussage zu ermöglichen – also die Vernehmung durch den Vorsitzenden in einem Nebenzimmer, aus dem diese dann in den Gerichtssaal übertragen wird. Harschneck war einst einer der Verteidiger in den Wormser Missbrauchsprozessen, wo die Videovernehmung der kindlichen Zeugen erstmals praktiziert wurde.

Er habe B. zurückgehalten, „um das Mädchen zu retten“

Die Wiesbadener Schwurgerichtskammer mit dem Vorsitzenden Jürgen Bonk aber wählte einen anderen Weg, der höchstrichterlich noch nicht entschieden ist, aber empfohlen wird: Das Gericht entfernte nicht den Zeugen, sondern den Angeklagten aus dem Saal und ließ ihn im Nebenzimmer per Video das Geschehen im Gerichtssaal verfolgen. Es lohnte sich. Denn nun ging Mansoor aus sich heraus und wagte zu sagen, dass Ali B. nicht nur öfter mit einem Messer unterwegs gewesen sei, sondern auch eine Schusswaffe besessen habe, wie auch seine Brüder. Und dass sein bester Freund, ein strafunmündiger Bruder von Ali B., mit Drogen dealte.

Er berichtete überdies von einem Geschehen im Wiesbadener Kurpark, wo B. ein Mädchen habe vergewaltigen wollen und er ihn davon abgehalten habe, „um das Mädchen zu retten“. B. sei daraufhin „sauer“ geworden und habe ihm, Mansoor, ein Messer an die Kehle gesetzt. Weiter berichtete der Zeuge, was in dieser Deutlichkeit wohl noch nicht bekannt war: dass B. auch Susanna angedroht habe, sie zu töten, falls sie sich weigern sollte, mit ihm zu schlafen. Bisher wusste man nur, dass die anderen Jugendlichen aus der Clique, die offenbar alle von B.s Tat wussten, von ihm mit dem Tod bedroht worden waren für den Fall, dass sie ihn verrieten.

Am Mittwoch hatte die Kammer bei einem Ortstermin jene Wege begangen, wo B. in jener Juninacht mit Susanna unterwegs war. Dabei stellte sich heraus, dass dessen Angaben zum Tötungsgeschehen von den Befunden am Tatort oder auch an der Leiche Susannas zum Teil abweichen. So besteht der Verdacht, dass B. nach dem Sexualakt Susanna, nachdem er ihr in seiner Armbeuge die Luft abgedrückt und sie mit einer Jacke stranguliert hatte, nicht, wie er behauptet, allein zu einem angeblich mit den eigenen Händen gegrabenen, 35 Zentimeter tiefen und 1,80 m langen Erdloch geschleift haben kann. Der Boden ist steinig und hart, und an der nur mit einem bauchfreien Top und Jeans bekleideten Leiche fehlten Schleifspuren. Hatte der Angeklagte Helfer? Wurde Susanna vielleicht zu ihrem Grab getragen? Wenn ja, von wem? Und wann?

Die Tote war erst zwei Wochen später unter Erde und Ästen versteckt gefunden worden. B. stritt in den Vernehmungen ab, Äste auf das Erdloch geworfen zu haben, sprach stattdessen von Gras und Erde. Er beschrieb auch die Lage der Leiche anders, als sie gefunden wurde. Wer also hat Susanna begraben? War der Angeklagte vielleicht gar nicht dabei?

Im Gerichtssaal wird ein Video von der Tatrekonstruktion gezeigt. B. wirkt unsicher bei der Frage, wo welches Geschehen stattgefunden habe. Angeblich hatte er Susanna während des nächtlichen Spaziergangs im Regen gefragt, ob sie mit ihm schlafen wolle, was sie erst verneinte. Dann aber, behauptet B., habe sie zugestimmt – im dicht bewachsenen Unterholz, auf steinigem nassem Boden. Ist das glaubhaft?

Nachdem das Mädchen angeblich gestürzt war, habe man sich auf den Boden gesetzt, sagt er. Susanna habe unbedingt zur Polizei gehen wollen. Da habe er den Arm um sie gelegt – auf dem Video sieht es wie eine Umarmung aus –, um unvermittelt mit der Armbeuge ihren Hals zuzudrücken. Der Angeklagte demonstriert den Griff an einer Puppe, die allerdings nur sieben Kilo schwer war, was den optischen Eindruck verzerrte. Wie fand die Attacke wirklich statt?

Mansoor, der am Donnerstag aussagte, war es, der die Polizei am 6. Juni 2018 zum Fundort der Leiche geführt hatte – vier Tage, nachdem sich die Familie von B. in den Irak abgesetzt hatte. Auch zu seiner ersten Aussage am 3. Juni war er nur unter der Bedingung bereit, dass er mit keinen Repressalien mehr durch diese Familie rechnen müsse. Mansoor steht allerdings zurzeit wie B. in einem zweiten Prozess unter anderem wegen mehrfacher Vergewaltigung einer Elfjährigen vor der Jugendschutzkammer des Landgerichts. Dieser Prozess, der bis zum Urteil ohne Öffentlichkeit stattfindet, begann am 19. März.