Mitglieder rechter Gruppierungen gehen kühl über das Schicksal ertrunkener Migranten hinweg. Vielen Feministinnen scheint es egal zu sein, wenn Flüchtlingsfrauen unterdrückt werden. Empathie ist offenbar politisch.

Kinder empfinden Mitleid noch ungebrochen und ohne Berechnung. Wenn im Kindergarten ein Spielkamerad beim Spielen verunglückt, sind die Freunde traurig und leiden mit ihm. Wenn die beste Freundin mit ihren Eltern in eine andere Stadt zieht, ist tagelang Trauer angesagt. Ich habe als Lehrer erlebt, wie eine Schülerin meiner 7. Klasse vor der Stunde zu mir kam und mich bat, heute mit Laura schonend umzugehen. Ihre Lieblingstante sei gestorben und sie sei deshalb sehr traurig. Kinder können sich in die Gefühle anderer Menschen, ihrer Freunde zumal, hineinversetzen und deren Empfindungen teilen.

In der Pubertät nabeln sich Kinder von der Weltanschauung ihrer Eltern ab. Sie entwickeln ein eigenes Wertesystem, mit dem sie ihre Umwelt, ihre Mitmenschen und Freunde neu bewerten. Alte Freundschaften zerbrechen, wenn sich neue, tragfähigere Bindungen ergeben. Jugendliche entwickeln politische Präferenzen, die sie gerne durch eine symbolhaltige Kleidung „ausstellen“. In Diskussionen mit solchen Halbwüchsigen erlebe ich immer wieder, dass der verschwenderische Umgang mit Empathie, den sie noch als Kinder pflegten, der Vergangenheit angehört. Mitleid und Mitgefühl werden jetzt dosiert eingesetzt.

Entscheidend wird die Frage, ob diese Empfindungen mit Gesinnung und politischer Haltung übereinstimmen. Anhänger von Greenpeace empfinden dann mehr Mitleid mit gestrandeten Walen als mit den Opfern im Straßenverkehr. Manche Menschen gehen kühl über das Schicksal im Mittelmeer ertrunkener Migranten hinweg. Ein deutsches Kind, das in einen Teich gefallen ist, würden sie vermutlich unter Einsatz ihres Lebens retten. Der ethische Grundsatz, dass jedes Leben zählt, gerät hier ins Wanken.

Mehr Mitleid mit den Straftätern

Die selektive Zuteilung von Empathie macht auch vor dem Tierreich nicht Halt. Bienen und Schmetterlinge, die den Maismonokulturen weichen müssen, und Vögel, die von den Rotoren der Windkraftanlagen getötet werden, finden weniger Bedauern als Eisbären, deren arktischer Lebensraum zerstört wird. Der Vorrang regenerativer Energiegewinnung macht Insekten, Fledermäuse und rote Milane zu Opfern zweiter Klasse. Im Menschenreich findet eine ähnliche Klassifizierung der Opfer statt. Flüchtlingshelfer empfinden mehr Mitleid mit afghanischen Straftätern, die in ihr Heimatland abgeschoben werden, als mit deren Opfern.

Bei der Reaktion auf die Ereignisse in der Silvesternacht 2015 in Köln konnten wir erleben, dass empathische Regungen streng nach weltanschaulichen Prägungen, ja sogar nach politisch-taktischem Kalkül verteilt wurden. Politikerinnen der Grünen beeilten sich zu betonen, dass es auch bei Karnevalsumzügen oder beim Münchener Oktoberfest zu sexuellen Übergriffen – begangen von deutschen Männern – komme.

Das Verhalten der aus den Maghrebstaaten stammenden Migranten sollte durch diese Lesart dem „normalen“ Maß an sexuellen Übergriffen in unserem Land angepasst werden. Es galt zu vermeiden, ihr Fehlverhalten auf kulturelle Prägungen, zum Beispiel einen problematischen Umgang mit dem weiblichen Geschlecht, zurückzuführen.

Wer es trotzdem tat, wurde dem Verdacht ausgesetzt, rassistisch zu urteilen oder zumindest dem Rassismus der Rechten Vorschub zu leisten. Die Afghanin Zohre Esmaeli, Botschafterin der Antidiskriminierungsstelle der Bundesregierung, hat diese Scheu nicht. Sie schreibt in einem Essay, muslimische Männer hätten gegenüber Frauen einen Besitzanspruch und nicht gelernt, mit Scheidung und Trennung umzugehen.

Deutschen Mädchen mit muslimischem Freund rät sie deshalb, „sie sollten testen, wie eifersüchtig er ist, ob er aggressiv reagiert, wenn sie weiterhin ihre Freunde trifft“. Der britische Autor Douglas Murray spricht von einem „Kampf der Sexualkulturen“, der zwangsläufig ausbrechen müsse, wenn differierende Geschlechtermodelle im Alltag aufeinandertreffen.

Verstörend ist, dass Frauen, die sich dem feministischen Lager zurechnen, von dem groben Unrecht, das den Frauen unter den Flüchtlingen widerfährt, kaum Notiz nehmen. Schon beim großen Flüchtlingstreck über die Balkanroute im Herbst 2015 war zu erkennen, dass Mädchen und Frauen die schlechteren Karten hatten. Im Fernsehen konnte man live beobachten, wie starke junge Männer die Abteile der Züge enterten, die von Budapest nach München fuhren. Sie stießen Frauen, Kinder und Alte mit Gewalt auf den Bahnsteig zurück.

Die wirklich Hilfsbedürftigen, erschöpfte Frauen mit weinenden Kindern, hatten gar nicht erst versucht, in die Züge zu kommen. Zu erdrückend war die körperliche Präsenz der jungen Männer. Von Solidarität in der Not keine Spur. Die Devise der Christlichen Seefahrt „Frauen und Kinder zuerst!“ wird gerade bei jungen muslimischen Männern auf wenig Verständnis stoßen.

Keine sogenannte Frauenrechtsorganisation in Deutschland hat Anstalten gemacht, diesem Sozialdarwinismus männlicher Provenienz Einhalt zu gebieten. Keine Politikerin, die für die Frauenquote in Dax-Konzernen streitet, kam auf die Idee, für den Flüchtlingszuzug eine Frauenquote zu fordern. Es ist fraglich, ob in dem geplanten Einwanderungsgesetz ein Korridor für Frauen vorgesehen ist.

In den vergangenen zwei Jahren hat es schlimme Verbrechen an jungen Frauen gegeben. Sie wurden von jungen Migranten vergewaltigt und ermordet. Freiburg, Kandel und Wiesbaden sind die Orte, die für diese Untaten stehen. Bei den Reaktionen auf diese Verbrechen war auffällig, dass dem Bedauern häufig ein „aber“ hinzugefügt wurde. Menschen aus dem grün-linken Spektrum der Gesellschaft, die sich auf ihre Humanität viel zugutehalten, urteilten, diese Verbrechen seien zwar schrecklich, aber man müsse auch das Schicksal der Migranten bedenken.

Das „Zwar-aber“ entwertet das geäußerte Mitleid, stellt es quasi unter Vorbehalt. Es gehört zum stereotypen Denkmuster fortschrittlich gesonnener Menschen, bei einem Verbrechen immer nach dem Schicksal des Straftäters zu fragen: Lebt er in sozialer Not? Hatte er eine schlimme Kindheit? Ist er gar psychisch labil? Den Opfern von Verbrechen müssen diese täterpsychologischen Relativierungen vorkommen wie Entschuldigungen, die ihren Schmerz ignorieren.

Es gibt in unserer Gesellschaft einen Dunkelbereich, der nur selten von Mitleid und Empathie erhellt wird. 2016 teilte das Bundesinnenministerium auf eine Anfrage der Grünen mit, dass es in Deutschland circa 1500 Ehen mit minderjährigen Mädchen gibt. Davon waren 361 Mädchen jünger als 14 Jahre alt. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, weil viele Ehen im Verborgenen geschlossen werden. Durch die Zuwanderung seit 2015 steigen die Zahlen weiter an. So hat in Berlin die Zahl der Zwangsehen innerhalb von drei Jahren um 19 Prozent zugenommen, wie der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung im November 2018 mitteilte.

Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes schätzt, dass in Deutschland 65.000 Frauen leben, die eine Genitalverstümmelung erlitten haben. In Berlin sind es knapp 4000. Pro Jahr seien 5000 Mädchen der Gefahr ausgesetzt, in den Ferien im afrikanischen oder arabischen Heimatland diese Form der Verstümmelung zu erfahren. Beides – Zwangsheirat und Genitalverstümmelung – sind Menschenrechtsverletzungen und in Deutschland auch Straftaten. Die mediale Aufmerksamkeit, die die #metoo-Enthüllungen finden, mutet seltsam an, wenn man sich das stillschweigend erduldete Leid dieser muslimischen Mädchen und Frauen ausmalt. Sie haben auch im Feminismus keine Lobby.

„Unzucht und Sex-Appeal“

Aus feministischen Kreisen kann man sogar Verharmlosungen vernehmen, wenn es zum Beispiel in einer Veröffentlichung des Instituts für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin heißt, man dürfe bei den Beschneidungen der Mädchen den „sozialen Kontext“ nicht ausblenden. In einem Beitrag werden Genitalverstümmelungen mit „westlichen“ Schönheitsoperationen und Genitalpiercings verglichen.

Der Mufti für den Nordkaukasus, Ismail Berdiew, ist dagegen ehrlich, wenn er die sexuelle Lust nur den Männern zugesteht: Die weibliche Beschneidung sei nötig, damit es weniger „Unzucht und Sex-Appeal“ in der Welt gebe.

Es gehört zu den deprimierenden Tatsachen, dass Weltanschauung und Agenda der politischen Akteure den Grad des zugeteilten Mitleids mit den geschundenen Frauen bestimmen. Von dem Dichter, Lehrer und Pfarrer Johann Peter Hebel stammt eine der schönsten Definitionen für Empathie: Man müsse „mit den Fröhlichen froh sein und mit den Weinenden traurig“. Wenn wir das in unserer Gesellschaft auch in turbulenten Zeiten mehr beherzigen könnten, wäre unser Zusammenleben menschlicher.