Seit 2018 hält der Zuzug von Migranten per Boot von Marokko nach Südspanien an – nun hat die linke Regierung in Madrid eine Idee: Stillschweigen. Keine Bilder mehr, keine Informationen. Retter sind entsetzt.

Hunderte waren es tagtäglich, die im vorigen Sommer an Marokkos Stränden in winzige Schlauchboote stiegen und gen Spanien paddelten. Weil das ein ziemlich aussichtsloses und lebensgefährliches Unterfangen war, holte die spanische Seenotrettung (Salvamento Marítimo) im Dauereinsatz Menschen aus dem Wasser.

Das Drama war im Internet in Echtzeit zu verfolgen, weil die Seenotretter beinahe live über ihren Twitter-Account von den Einsätzen berichteten. Die Öffentlichkeit wurde im Stundentakt informiert.

In südspanischen Häfen sprachen die Retter vom Salvamento mit Journalisten über die Strapazen, während gerettete Migranten von Bord gingen oder Leichen ans Ufer getragen wurden.

Adolfo Serrano, Chef der Salvamento-Einheit in Tarifa, irreguläre Migration nach Spanien habe es schon immer gegeben. „Aber das, was in diesen Tagen und Wochen passiert, habe ich noch nie erlebt. So viele Menschen auf einmal kamen noch nie.“

Er forderte die Politik damals auf, zu handeln: Fluchtursachen zu bekämpfen, mit Marokko zu kooperieren.

Frühsommer 2018: Migranten nach ihrer Ankunft in Spanien

Woran Serrano dabei bestimmt nicht dachte, war ein Maulkorb für die Seenotretter. Doch genau dafür hat sich nun die sozialistische Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez offenbar entschieden.

Seit der Machtübernahme seiner PSOE 2018 haben die Seenotretter, die dem Ministerium für Entwicklung unterstehen, immer lauter geschwiegen. Seit dem 11. Dezember wurde bis auf eine Ausnahme gar nicht mehr über die Rettung von Bootsflüchtlingen berichtet – obwohl sich die Lage keineswegs entspannt hat.

Nach Informationen wurden die Retter Ende 2018 schriftlich angewiesen, keinerlei Bilder oder Informationen über die Aktivitäten des Salvamento Marítimo im Internet oder sonst zu verbreiten. Überdies, heißt es aus Salvamento-Kreisen, sollen derzeit keine Interviews und Reportagen ermöglicht werden. Das Salvamento äußerte sich auf Anfrage nicht zu neuen Kommunikationsregeln.

Dazu passt aber, dass Seenotretter Serrano am Mittwoch ein Interview für diese Woche telefonisch zusagte – und die Direktion in Madrid es wenig später ohne Begründung absagte. Aus der Rettungsstelle in Tarifa heißt es, man müsse den Anordnungen aus Madrid Folge leisten, auch wenn man kein Verständnis dafür habe.

Der Unmut über das verordnete Schweigen wird derweil lauter.

Die Gewerkschaft CGT, in der Salvamento-Mitarbeiter organisiert sind, kritisiert die Regierung scharf. Im Internet gebe es „bestialische Attacken von Rechtsextremen gegen die Retter“ sagt Gewerkschaftschef Ismael Furió, selbst beim Salvamento: „Anstatt sich offensiv zu verteidigen und gerade im Angesicht der Angriffe mehr Informationen zu liefern, ist man einen Schritt zurückgegangen und berichtet nun einfach nicht mehr.“

Blick in ein ausrangiertes Flüchtlingsboot

Und Furió betont, dass das Schweigen ja nichts an der Realität ändere. „Als Krankenhauschef kann ich doch auch nicht verheimlichen, wenn es eine Epidemie gibt.“ Die Informationen des Salvamento seien für viele in Afrika der einzige vertrauenswürdige Hinweis, ob ihre Söhne und Töchter die Überfahrt überlebt hätten. „Jetzt sind viele verzweifelt, weil sie nicht wissen, was passiert ist.

Der Vorwurf: Die Retter dienten als „Wassertaxi“

Am Mittwoch meldete schließlich die spanische Zeitung „El Mundo“: „Regierung verhängt Informationssperre zur Ankunft von Flüchtlingsbooten.“ Sie zog eine Verbindung zum Erfolg der rechtsextremen Partei Vox, die im Dezember in Andalusien elf Prozent der Stimmen geholt hatte und erstmals in ein Regionalparlament eingezogen war.

Vox hatte mit Kritik an der Migrationspolitik der Sánchez-Regierung gepunktet. Rechte Politiker hatten das Salvamento attackiert und Rettern vorgeworfen, „Wassertaxi“ für die Migranten zu spielen.

Fakt ist: Die Einsätze des Salvamento erregen international Aufmerksamkeit. Selbst in einer als vertraulich eingestuften Analyse des deutschen Gemeinsamen Analyse- und Strategiezentrums illegale Migration (Gasim) sind die spanischen Retter ein Thema.

Migranten nach ihrer Rettung durch Salvamento Marítimo im Frühsommer

In dem Papier heißt es, Spanien „soll nach Erkenntnissen der EU-Kommission teilweise sehr nahe an der marokkanischen Küste patrouillieren“. Dies stelle einen „Pull-Faktor“ für Migranten dar.

Darüber sprechen kann man mit den Rettern selbst aktuell nicht. Wurde sie nun also verhängt, die Informationssperre?

Das Ministerium für Entwicklung teilt mit, es würden keine Nachrichten zurückgehalten. Allerdings werde derzeit ein neuer Plan für die digitale Kommunikation des Salvamento entwickelt. So kann man es auch sagen.

Vieles spricht dafür, dass die Verantwortlichen viel eher vermeiden wollen, die spanische Bevölkerung unnötig zu alarmieren – zumal die Populisten von Vox ohnehin auf dem Vormarsch sind. Ein Problem, das nicht gezeigt wird, existiert auch nicht – das scheint die Idee in Madrid zu sein.

Das Handeln der Regierung ist chaotisch

Der Umgang der Regierung Sánchez mit der Flüchtlingskrise zeichnet sich durch widersprüchliches Handeln und Chaos aus. Einerseits werden immer mehr Migranten kurz nach der Ankunft abgeschoben, und in den afrikanischen Exklaven Ceuta und Melilla wird vielen, die die Grenzzäune überwinden konnten, gar nicht erst erlaubt, einen Asylantrag zu stellen.

Sie werden sofort durch Türen im Zaun nach Marokko zurückgebracht. Anfang Dezember wurde die Besatzung eines spanischen Fischerboots mit zwölf Geretteten gar von Madrid aufgefordert, diese nach Libyen zu bringen – bis dato ein Tabu.

Auf der anderen Seite gab es immer wieder humanitäre Gesten, etwa als das private Rettungsschiff „Aquarius“ mit 629 Migranten an Bord in Valencia anlegen durfte.

Oder jüngst erst: Da lief das Schiff „Open Arms“ der gleichnamigen Hilfsorganisation im Hafen von Algeciras ein. 308 Menschen, zwischen Libyen und Italien gerettet, erreichten so nach tagelanger Fahrt Europa. Die Tragödien, die sich tagtäglich auf dem Meer zwischen Marokko und Spanien abspielen, sollen indes kleingehalten werden.

Im Vorjahr hatten es rund 57.000 Menschen per Boot nach Spanien geschafft, ein Plus von 150 Prozent im Vergleich zu 2017. Die westmediterrane Route löste die von Libyen gen Italien als meistfrequentierte ab. Und 769 Migranten starben, mehr als dreimal so viele wie im Jahr zuvor.

José Luis López, Aktivist der Nichtregierungsorganisation „Pro Derechos Humanos“

Auch in den ersten Tagen 2019 wurden erneut Hunderte vom Salvamento gerettet und nach Spanien gebracht. Zum Beispiel nach Barbate, wo an Bord eines Rettungsschiffs am Mittwoch auch eine Leiche war. Über den Einsatz informierten die Retter nicht, eine Anfrage blieb unbeantwortet.

Auf Twitter posteten die Seenotretter einen Sonnenaufgang

Das blau gestrichene Holzboot aus Marokko liegt am Donnerstag noch im Hafen von Barbate. Das Salvamento hat es hierhin geschleppt. Im Boot durchnässte T-Shirts, Socken, Plastikflaschen, Treibstofftanks. Drei Sitzreihen. Löcher im Holz.

Dieses Boot wurde erst am 2. Januar vom Salvamento in den Hafen geschleppt

Nur ein paar Meter weiter, am Ufer, haben Hafenmitarbeiter die Fluchtboote des Jahres 2018 gestapelt. Es sind etwa 40 Stück, die in der Sonne liegen und vor sich hinwittern.

José Luis López steht daneben und schüttelt den Kopf. Der 64-Jährige hilft Flüchtlingen, ist Mitglied der Hilfsorganisation Pro Menschenrechte, sieht immer wieder angeschwemmte Tote am Strand.

„Es wird nicht besser, die Lage ist dramatisch. Statt diese Realität zu verheimlichen, müsste es eine Debatte darüber geben“, sagt López. Aber so sei es nun mal: „Die Linke ist in Spanien wenig firm in ihren Überzeugungen.“