Michel Houellebecq verteidigt Trump – in einem sehr poetischen Artikel, der zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit schwankt. Ist Houellebecq der neue Posterboy einer identitären Bewegung? Oder nur Realist?

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq hat einen Text für „Harper’s“ geschrieben, in dem er den amerikanischen Präsidenten Donald Trump verteidigt. Das klingt erst einmal nach einer Nachricht, die sich einreiht in die Kette schalkhafter Sprechakte, die die Identität von Houellebecqs Persona konstituieren. Luzide, abgründig, so mehrfach gebrochen, dass jede Frage nach einer „Eigentlichkeit“ naiv erscheinen muss. Der Text ist online für jeden nachlesbar. Die letzte internationale Veröffentlichung in einer Zeitung hatte Houellebecq, die er anlässlich der Entgegennahme des Oswald-Spengler-Preises gehalten hat. Die Auszeichnung wird von der Oswald Spengler Society vergeben, einem Verein, der sich der Pflege der Denktradition des großen kulturpessimistischen Namensgebers verpflichtet sieht und der mit Professor Max Otte zumindest ein Vorstandsmitglied hat, das offen die AfD unterstützt.

Was schreibt Houellebecq über Trump? Sein Text, das ist wichtig, richtet sich an ein amerikanisches Publikum, jedenfalls, was die rhetorische Ansprache des Lesers betrifft („Ich kenne euer Land nicht gut genug, aber…“). Dem amerikanischen Leser wird, schon zu Beginn des Textes, eine „restliche Welt“ – also alle Länder außer Amerika – gegenübergestellt. Für sie habe Trumps Präsidentschaft Vorteile gebracht. Der Hauptvorteil bestehe darin, dass Amerika unter Trump, noch stärker als unter Obama, begonnen habe, den Rest der Welt in Ruhe zu lassen. Es habe aufgehört, seine Demokratie in der Welt verbreiten zu wollen. Und überhaupt, was das für eine Demokratie sei? Ob Demokratie bedeute, alle vier Jahre ein neues Staatsoberhaupt zu wählen?

Drohnen

Das einzige Land der Welt, dessen Institutionen zumindest teilweise wahrhaft demokratisch seien, sei die Schweiz. Den Amerikanern sei es trotz des zunehmenden Einsatzes von Drohnen nicht gelungen, die Anzahl ziviler Opfer zu reduzieren – das liege allerdings daran, dass die Amerikaner allgemein nicht sehr gut seien im Bombenwerfen. Da ist wieder diese lapidare, houellebecqsche Ironie, ein kitzelnder Urgrund des Textes. Houellebecq vergleicht sich mehrmals mit Trump, das ist interessant – wie er habe Trump nichts dagegen, mit Putin zu verhandeln, wie er sei Trump Nationalist.

An einer anderen Stelle schreibt er, es tue ihm immer mal wieder gut, Victor Hugo zu kritisieren, nachdem er über diesen davor geschrieben hat, seine Vision der „Vereinigten Staaten von Europa“ zeuge nur von seiner Dummheit und seiner Großspurigkeit. Die Passage über Europa ist die literarisch stärkste dieses Textes. Mit einigem Nachdruck schreibt Houellebecq, Europa sei „eine dämliche Idee“, die sich „schrittweise in einen Albtraum“ verwandelt habe. Es gebe keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsamen Werte, keine gemeinsamen Interessen – in einem Wort: Europa existiere gar nicht. Dann kommt, kurz vor Schluss, dieser Satz: Zusammenfassend erscheine ihm Präsident Trump als einer der besten Präsidenten, die Amerika je gesehen habe.

Sogar den „nordkoreanischen Wahnsinnigen“ (gemeint ist natürlich Kim Jong-un) habe er gezähmt. Trump habe einmal gesagt, er sei ein Nationalist; genau das sei er, Houellebecq, auch. Unter Nationalisten könnte man reden, unter Internationalisten funktioniere das seltsamerweise nicht so gut. Frankreich müsse aus der Nato austreten.

Es folgt noch eine schillernde, vielleicht ironische Passage, in der Houellebecq den Amerikanern rät, sich ein „Mindestmaß an Scheinheiligkeit“ zu bewahren – Trump werde ihnen, mittelfristig gesehen, gutgetan haben, weil er sie lehren werde, innerhalb der Grenzen ihres Landes zu verweilen und sich dort auf die Werte der Ehrlichkeit und Tugend rückzubesinnen – eben mit dem nötigen Grundmaß an Scheinheiligkeit.

Programmatisch?

Was an Houellebecqs Text verwundert, ist: Es ist kein Roman. Houellebecq hat zwar bekanntlich schon immer als Persona disruptiv-hellseherisch in die Gegenwart hineingewirkt, etwa in Interviews. Man denke an seine Äußerung, der Islam sei „die dümmste Religion“. Normalerweise hält er sich aber mit programmatischen Schriften zurück. Seine jüngeren Äußerungen – sowohl die Rede, die er anlässlich der Annahme des Spengler-Preises hielt, als auch nun seine Veröffentlichung in „Harper’s“ – wirken fast, als würde der Poète maudit unter die Altright-Posterboys gehen. Wenn man sich die Texte einiger frankophoner Intellektueller der jüngeren Zeit anguckt, wirkt es als würde sehr bewusst an einem Narrativ gestrickt, das – teils bedauernd – den nahenden oder bereits eingetretenen Ausnahmezustand beschwört. Auch Houellebecqs Text enthält eine Passage, die vom Kampf gegen den Islam spricht, der eine europäische Konstante sei, die heute nur anders in Erscheinung trete als früher. Man muss diesen Text in Gänze lesen, um seine Vielbödigkeit zu verstehen, aber auch wenn das alles so eindeutig nicht ist: das Szenario des jetzt stattfindenden Kampfes, es wird wieder einmal aufgerufen. Und wenn Houellebecq schreibt, die von Obama in Gang gesetzte und von Trump fortgesetzte Politik der internationalen Entflechtung sei zu begrüßen, dann klingt das doch sehr nach, nun ja, nach einer Agenda nationalistischer Politik. Und das wäre doch schade um all die wunderbare Verwirrung jenseits von rechts und links. Oder?