Nicht heute. Das Gerücht über ihren Rückzug vom höchsten politischen Amt in Deutschland kontert die Kanzlerin, wie nur sie es kann – und kümmert sich um ihren Besuch aus Bagdad, als wäre nichts gewesen.

Wohl niemand in Berlin hatte erwartet, dass es am Tag danach anders kommen würde, als es kam. Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem verlegenem Lächeln einer beim Täuschungsversuch ertappten Oberprimanerin ihren Rückzug vom höchsten politischen Amt in Deutschland für den 2. Juni ankündigen würde. Oder gleich für den 27. Mai. Nein, so funktioniert Politik nicht, so funktioniert Merkel nicht. Als sie in einer Pressekonferenz mit dem irakischen Ministerpräsidenten Abel Abdul Mahdi auf ihre politische Zukunft angesprochen wurde, verzog die Kanzlerin keine Miene, wie nur sie keine Miene verziehen kann. Sie zeigte weder ein spöttisches Lächeln, noch verzog sie missbilligend das Gesicht, was sonst eine ihrer leichteren Übungen ist. Merkel versuchte einfach nur, die Debatte darüber, ob sie überraschende Pläne für die Zeit nach der Europawahl habe, mit einem Mindesteinsatz an Worten zu beenden, um ungestört weiterregieren zu können. Sie antwortete mit einem „klaren Nein“.

Merkel ist nicht ganz unschuldig daran, dass auch kleinste Hinweise auf das Ende ihrer Amtszeit von politischen Freunden, Konkurrenten oder von den Medien geprüft werden. Seit sie im vorigen Oktober einen Tag nach der hessischen Landtagswahl verkündet hatte, bei der Bundestagswahl im Herbst 2021 nicht wieder anzutreten und später herauskam, dass eigentlich die für eine Woche nach der Wahl angesetzte CDU-Klausur für solch einen Schritt gedacht war, musste beiden Frauen klar sein, welche Wirkung ein vergleichbares Szenario haben würde. Dieses hatte Kramp-Karrenbauer am Montag verkündet, als sie überraschend eine CDU-Klausur für das Wochenende nach der Europawahl ansetzte.

Merkel also kümmerte sich um die Probleme ihres Besuchers aus Bagdad. Sehr konkret geschah das mit der Unterzeichnung einer Rahmenvereinbarung über den Aufbau der Stromversorgung im Irak durch dessen Elektrizitätsminister Luay al Khatteeb und den Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser im Kanzleramt im Beisein Merkels. Abdul Mahdi sagte, Siemens habe gute Chancen, einen Großteil der Aufträge zu bekommen. Im Irak sollen vorhandene Kraftwerke saniert und die Stromnetze ausgebaut werden. Siemens hat für die erste Phase des Vorhabens schon Aufträge im Umfang eines hohen dreistelligen Millionenbetrags erhalten. Ein weiteres Gesprächsthema, das beide Länder unmittelbar betrifft, war der Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS). Nachdem kürzlich ein Video aufgetaucht war, das nach langer Pause wieder den IS-Anführer Abu Bakr al Baghdadi zeigte, werteten beide Regierungschefs das am Dienstag als Beleg dafür, dass der IS zwar zurückgedrängt, aber noch nicht verschwunden sei. Abdul Mahdi sagte mit Bezug auf das Video, dass al Baghdadi „isoliert“ und an einem unwirtlichen Ort lebe, zeige, dass der IS „gebrochen“ sei. Auch über die Kinder deutscher IS-Kämpfer wurde gesprochen. Merkel sagte, hier müsse „von Einzelfall zu Einzelfall“ entschieden werden.

Die Bundeskanzlerin, die am Montagabend ebenfalls völlig unbeeindruckt von den Mutmaßungen über ihre Zukunft noch Gastgeberin eines Westbalkangipfels gewesen war, wich beim Treffen mit dem irakischen Regierungschef immerhin für einen kurzen Moment vom nüchternen Regierungsmodus ab. Sie blickte mit einem Schmunzeln Richtung Bagdad. Berlin habe einen Mann als Bürgermeister, sagte die Kanzlerin. Bagdad habe eine Frau. Das sei eine gute Sache.