Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes diagnostiziert eine sinkende Toleranz für unerwünschte Meinungen an deutschen Universitäten. Er hat Recht. Schuld daran ist auch die Gesellschaft, denn die überlässt die Hochschulen zunehmend den politischen Esoterikern.

Freiheit ist Lebenselixier. Für jeden Bürger. Insbesondere aber für die Wissenschaft. Denn ohne Freiheit ist Wissenschaft keine Wissenschaft, sondern im Zweifelfalls Erfüllungsgehilfin irgendeiner Ideologie. Deshalb gilt es die Freiheit der Forschung unter allen Umständen zu verteidigen, auch und gerade in einer Demokratie. Denn auch Demokraten können der Versuchen unterliegen, Einfluss auf die Wissenschaft zu nehmen. Schließlich brauchen Demokraten mitunter Argumente. Und die können ihnen Forscher liefern.

Deshalb ist der Staat gut beraten, sich in die Belange der Universitäten nicht weiter einzumischen. „Der Freiheit“, erkannte hellsichtig schon Wilhelm v. Humboldt, „droht aber nicht bloß Gefahr von ihm [dem Staat], sondern auch von den Anstalten selbst, die, wie sie beginnen, einen gewissen Geist annehmen und gern das Aufkommen eines anderen ersticken“.

Sinkende Toleranz gegen Andersdenkende

Deshalb ist die Freiheit der Forschung niemals abschließend gesichert, sondern muss immer wieder neue erkämpft werden. „Gewisse Geister“ die erstickend wirken, lauern an jeder Ecke, insbesondere an den Universitäten selbst. Denn Wissenschaft neigt zur Ideologisierung. Wo aber Weltanschauungen zu herrschen drohen, ist die Freiheit der Wissenschaft in Gefahr. Fälle wie die des Historikers Jörg Baberowski, der Politologen Herfried Münkler und Werner Patzelt, des Zahnmediziner Peter Pospiech oder die Querelen um eine Einladung von Thilo Sarrazin und Marc Jongen an die Universität Siegen zeigen, dass die Redefreiheit auch an deutschen Universitäten in Gefahr ist.

Anlässlich dieses sich verschärfenden Klimas warnte nun am vorherigen Mittwoch der Deutsche Hochschulverband (DHV) vor einer Einschränkung der Meinungsfreiheit. Anlässlich des 69. DHV-Tags in Berlin stellte dessen Präsident Prof. Dr. Herbert Kempen fest: „Die Toleranz gegenüber anderen Meinungen sinkt. Das hat auch Auswirkungen auf die Debattenkultur an Universitäten“

Einschränkung der Diskussionsfreiheit

Doch die Suche nach Erkenntnis lebe vom freien Argument und der kontroversen Diskussion. Widersprechende Meinungen müssten daher respektiert und ausgehalten werden. Das gelte nicht nur für wissenschaftliche Debatten, sondern auch für nichtwissenschaftliche Äußerungen. Universitäten müssten Teil der gesellschaftlichen Debatten sein. Die Universitäten sollten daher alle vom Bundesverfassungsgericht nicht als verfassungswidrig eingestuften Parteien zu Wort kommen lassen. Äußerungen einer nicht verfassungswidrigen, aber politisch unerwünschten Meinung sollten nicht nur geschützt, sondern notfalls auch erst ermöglicht werden: „Ausflüchte schaden der Universität mehr als sie ihr nutzen“, so Kempen.

Einschränkungen auch der wissenschaftlichen Diskussionsfreiheit gibt es allerdings nicht erst seit gestern. Ich persönlich denke etwa an mein zweites Semester. Es war der Mai 1990, und an der FU Berlin sprengten Angehörige von Behindertengruppen – sich selbst „Krüppelinitiativen“ nennend – ein Seminar zum Buch „Praktische Ethik“ des australischen Philosophen Peter Singer, in dem dieser unter anderem für die Tötung schwersterkrankter Neugeborener argumentiert. Dass Singer ansonsten eher linke Positionen vertritt, half da wenig – das Seminar musste unter dem Konzert schriller Trillerpfeifen abgebrochen werden.

Für viele Bürger fremdes Land

Gemessen an heutigen Maßstäben waren die Universitäten der späten 80er und frühen 90er Jahre dennoch Horte der Toleranz. Dass heutzutage etwa ein Ernst Nolte ungestört Vorlesungen zu Nietzsche und Heidegger halten könnte wie in den Jahren 1989/90, muss als unvorstellbar gelten. Der Trend geht eindeutig Richtung Intoleranz.

Ein wichtiger Grund dafür ist das öffentliche Desinteresse an den universitären Interna. Obwohl heutzutage über die Hälfte eines Jahrgangs eine Hochschulzugangsberechtigung hat, sind die Universitäten für viele Bürger immer noch fremdes Land. Mit unschönen Folgen. Denn es ist gerade dieses Desinteresse, dass extremistischen Aktivisten den Raum lässt, ihre totalitären und aggressiven Phantasien auszuleben. Die Universitäten sind für die Gesellschaft da – wohl wahr. Es gilt aber auch umgekehrt, dass die Gesellschaft für ihre Universitäten da sein muss, damit diese nicht in die Hände politischer Esoteriker fallen. Denn erst fällt die Meinungsfreiheit an den Hochschulen, dann in der Gesellschaft.