Noch leben 10,7 Millionen Menschen in Griechenland. Wer das Land in 50 Jahren als Tourist besucht, wird dort wahrscheinlich nur noch halb so viele Einwohner antreffen. Und die Menschen werden sehr viel älter sein. Die Gründe für diese demografische Entwicklung: Immer mehr Griechinnen und Griechen wandern aus. Und die Verbliebenen bekommen immer weniger Kinder.

Eine jetzt veröffentlichte Untersuchung des griechischen Forschungsinstituts Ekke, des Nationalen Zentrums für Sozialforschung, dokumentiert diesen demografischen Trend. Er hat massive Folgen für die für die wirtschaftliche Entwicklung des ohnehin von der Krise gezeichneten Landes und die Zukunft der bereits jetzt stark belasteten Sozialsysteme. Der Bevölkerungsschwund wirft aber auch die Frage auf, ob das Land seine Schulden zurückzahlen kann.

Die achtjährige Rezession hat nicht nur ein Viertel des griechischen Bruttoinlandsprodukts ausradiert, die Durchschnittseinkommen um ein Drittel geschmälert und die Vermögen der Griechen um 40 Prozent dezimiert. Seit 2011 schrumpft auch die Bevölkerung – zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg.

Seit die Krise in Griechenland Anfang 2010 aufbrach, haben mehr als 360.000 Menschen das Land verlassen. Es waren überwiegend Akademiker und junge, gut ausgebildete Fachkräfte, die angesichts hoher Arbeitslosigkeit und fallender Gehälter im Ausland eine bessere Zukunft suchten. Nach Angaben der Athener Ärztekammer haben seit 2010 geschätzt 18.000 Ärzte das Land verlassen. Die meisten gingen nach Großbritannien, Deutschland und in die Golfstaaten.

Mit der Auswanderung verliert Griechenland nicht nur viele seiner besten Talente, sondern auch deren Nachwuchs. Die Emigration ist einer der Gründe für den Rückgang der Geburtenrate. Der andere ist die wirtschaftliche Ungewissheit, die viele Paare dazu bewog, auf Kinder zu verzichten.

Kamen in Griechenland 2008, vor dem Ausbruch der Krise, noch rund 140.000 Kinder zur Welt, gab es im vergangenen Jahr nur noch etwa 80.000 Geburten. Bei der Geburtenziffer lag Griechenland 2017 mit 8,2 Neugeborenen je 1000 Einwohner deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 9,9. Nur Italien stand mit 7,6 noch schlechter da.

Die Folge in Griechenland ist ein ständiger Bevölkerungsrückgang. Die griechische Statistikbehörde Elstat zählte 2011 noch 11,123 Millionen Einwohner. 2018 waren es nur 10,741 Millionen. Das entsprach dem Stand von Ende der 1990er Jahre.

Nach Hochrechnungen des Forschungsinstituts Ekke wird die Bevölkerungszahl Griechenland in den kommenden zwölf Jahren um weitere 770.000 zurückgehen, wenn es bei der bisherigen Geburtenrate bleibt. In spätestens 50 Jahren wird sich die Einwohnerzahl des Landes halbiert haben. Das Rentenalter müsste dann von heute 67 auf 73 Jahre erhöht werden, haben die Professoren Savvas Robolis und Vassilis Betsis von der Athener Panteion-Universität in einer Studie ausgerechnet.

Der Untersuchung zufolge wird die Zahl der Erwerbstätigen von heute 4,7 Millionen bis 2070 auf rund drei Millionen zurückgehen. Während die über 65-Jährigen heute 21 Prozent der Einwohner ausmachen, werden sie 2050 voraussichtlich 33,3 Prozent der Bevölkerung stellen. Zu dieser Entwicklung trägt neben der fallenden Geburtenzahl auch die steigende Lebenserwartung bei, die in Griechenland ohnehin über dem EU-Durchschnitt liegt.

Schuldentragfähigkeit sinkt

Das geflügelte Wort von den „alten Griechen“ – es bekommt angesichts dieser demografischen Entwicklung eine ganz neue, für die Zukunft des Landes bedrohliche Bedeutung. Griechenland wird zum Altenheim Europas.

Überalterung und Bevölkerungsschwund haben gravierende Folgen für das Wirtschaftswachstum. „Griechenlands demografisches Problem ist eine reale Gefahr für die ohnehin unsichere wirtschaftliche Entwicklung des Landes“, sagte Zsolt Darvas, Ökonom bei der Denkfabrik Bruegel, der Zeitung „Kathimerini“. Auch der Ökonom Bob Traa, früher Griechenland-Delegationsleiter des Internationalen Währungsfonds (IWF), ist alarmiert: Die bisherigen Annahmen zum Wirtschaftswachstum seien zu optimistisch, weil sie den Bevölkerungsschwund nicht ausreichend berücksichtigen.

Der IWF hat dieses Risiko früher als die anderen Gläubigerinstitutionen erkannt und deshalb stets deutlich niedrigere Wachstumsprognosen für Griechenland abgegeben als etwa die EU-Kommission. Der Fonds hält zwar die Schuldentragfähigkeit Griechenlands bis 2038 für gesichert, nachdem die öffentlichen Gläubiger im vergangenen Sommer die Fälligkeiten der Hilfskredite streckten und Athen zusätzliche tilgungsfreie Jahre gewährten. Es geht um 272,2 Milliarden Euro, die Athen bis 2060 zurückzahlen muss.

Über der Schuldenentwicklung nach 2038 schwebt aber aus Sicht des IWF ein großes Fragezeichen. Denn in den folgenden Jahren steigen die Tilgungen stark an: Muss Griechenland 2041 rund vier Milliarden zurückzahlen, sind es 2047 bereits 7,8 und 2054 über elf Milliarden. Aber je weniger erwerbsfähige Einwohner das Land hat und je schwächer das Wirtschaftswachstum ausfällt, desto schwieriger wird es für das Land, seine Schulden zurückzuzahlen oder zu refinanzieren.

Die Einschätzungen der EU-Kommission und des IWF zur langfristigen Tragfähigkeit der griechischen Staatsschulden gehen deshalb weit auseinander. Beide Institutionen erwarten zwar bis 2038 einen stetigen Rückgang der Schuldenquote. Doch während die Kommission bis 2060 einen Rückgang der Quote unter 100 Prozent des BIP prognostiziert, erwartet der IWF infolge des Bevölkerungsschwundes und des schwächeren Wachstums nach dem Ende der 30er Jahre einen neuerlichen Anstieg der Schuldenquote. Sie könnte 2060 bereits wieder das heutige Niveau erreichen.