Der Tory-Abgeordnete Nick Boles führt den Kampf gegen Theresa Mays „Friss oder stirb“-Taktik an. Dazu schmiedet er im Unterhaus erfolgreich parteiübergreifende Allianzen. Sie könnten die Regierungschefin die Brexit-Macht kosten.

Auch in der vergangenen Nacht hat Nick Boles wieder einmal gut geschlafen, und das obwohl ein unangenehmer Brief an ihn mit der Post unterwegs war. Ein Ausschuss von Tory-Mitgliedern in seinem Wahlbezirk fordert den eigenen Abgeordneten darin auf zu bestätigen, dass er nicht mehr für Grantham and Stamford antreten wird. „Ich habe nicht die Absicht, diesen Brief überhaupt zu beantworten“, sagt Boles mit einem spitzbübischen Lächeln.

Entspannt lehnt sich der 53-Jährige in einen abgewetzten Armsessel in seinem ebenfalls abgewetzten Büro, das er mit seinen drei Mitarbeitern teilt, aber das immerhin einen grandiosen Blick auf die Themse bietet. Just in diesem Büro haben sich in den vergangenen Monaten immer wieder jene Parlamentarier versammelt, die ihr Land vor dem Schaden bewahren wollen, den der Brexit ihrer Ansicht nach anrichten kann.

Boles ist nur einer aus der ohnehin kleinen Gruppe von Anti-Brexit-Meuterern in Theresa Mays eigener Partei. Aber er ist für die Premierministerin wohl der Gefährlichste. Ende Januar startete er einen fast erfolgreichen Versuch, der knallharten „Friss oder stirb“-Politik der Premierministerin ein Ende zu machen.

Seinerzeit verbündete sich Boles mit der ebenfalls einflussreichen Labour-Politikerin Yvette Cooper. Sie brachten einen Änderungsantrag im Unterhaus ein, mit dem der Brexit-Prozess bis in den Herbst verlängert worden wäre. Das hätte zugleich einen No Deal verhindert, falls Großbritannien am 29. März ohne Einigung mit der EU über die Klippe stürzt.

Letztlich scheiterten Boles und Cooper, aber es fehlten ihnen nur 23 Stimmen. „Jetzt wissen wir genau, wer aus welchem Grund gegen den Antrag war“, sagt Boles. Den nächsten Anlauf werden sie genau auf die fehlenden Unterstützer ausrichten, verspricht er. Vermutlich wird es Ende Februar so weit sein. Die „Waffe“ der verrinnenden Zeit sei dann auch auf ihrer Seite, sagt Boles zuversichtlich. Zumal es nach wie vor nur für eines die nötige Mehrheit im Unterhaus gebe: den No Deal zu verhindern.

Dabei ist der Politologe mit Abschlüssen aus Oxford und Harvard nicht einmal gegen den britischen EU-Ausstieg. Aber er will eine enge Anlehnung an die Europäische Union, ähnlich jener, die Norwegen hat. Mitglied des Binnenmarkts zu sein, aber kein Vollmitglied mit der Pflicht zur politischen Integration. Boles will Großbritannien auch in einer Zollunion halten, damit das ansonsten nicht zu lösende Problem der nordirischen Grenze gar nicht erst aufkommt.

Vor allem aber ist Boles gegen einen No Deal. Genau mit diesem Schreckensszenario, einem ungeordneten Ausstieg aus der EU mit allen unbestritten chaotischen Konsequenzen, droht Theresa May sowohl Brüssel als auch ihren eigenen Abgeordneten, die ihrem Deal nicht zustimmen wollen.

Beide Boles-Prinzipien bringen die Brexit-Hardliner auf die Palme, einige von ihnen strengen deshalb das aktuelle Absetzungsverfahren in Boles’ Wahlkreis an. „Ich befinde mich gerade nicht in der glücklichsten Lage. Aber wenigstens kann ich gut schlafen. Mein Gewissen ist ruhig – was es nicht wäre, wenn ich nicht für meine Überzeugung einträte.“

Boles’ „Norwegen plus“-Modell hat allerdings Schwächen. Es würde die Briten eng an die EU anbinden, ohne dass diese direkte Mitsprache hätten. Sie säßen als Nichtmitglied gar nicht am Tisch, wenn neue Standards und Richtlinien festgesetzt werden. Boles sieht das anders.

„Wir würden, wie es die Norweger jetzt auch tun, einen gleichwertigen Sitz in den zuständigen Ausschüssen haben, die neue Richtlinien festlegen. Und wenn etwas von der EU festgelegt wird, das uns nicht gefällt, dann setzen wir es eben nicht um.“ Gegen Norwegen und Island liefen Hunderte Verfahren aus genau diesem Grund, „und am Ende einigt man sich“.

Die zweite Gefahr von Boles’ vergleichsweise Harmonie mit Brüssel suchender Brexit-Politik liegt darin, dass Erz-EU-Feinde wie der berüchtigte Tory-Abgeordnete Jacob Rees-Mogg eher die Partei zu spalten versuchen als einen solchen Kompromiss zuzulassen. Wieder lächelt Boles spitzbübisch. „Tja, das ist jetzt hart für Jacob. Aber wir müssen nicht Herrn Rees-Mogg gefallen. Mir ist es ehrlich gesagt scheißegal, was mit der Partei passiert. Das interessiert mich nicht. Mich interessiert nur die Zukunft meines Landes.“

Großbritannien müsse im EU-Binnenmarkt bleiben, beharrt Boles, „in genau jener Institution, die aus Margaret Thatchers Initiative entstand“. Zur ehemaligen Premierministerin hat Boles unvermeidlich eine spezielle Beziehung, denn er vertritt seit 2007 just jenen Wahlkreis in Lincolnshire, aus dem die legendäre konservative Parteichefin stammte.

61 Prozent stimmten dort im Juni 2016 für den Austritt aus der EU. Obwohl Boles für die Mitgliedschaft Wahlkampf machte, hat er das Votum lange akzeptiert. Aber er stemmt sich mit aller Kraft gegen eine Art des Austritts, in der er großen wirtschaftlichen Schaden sieht. „Ich vertrete die Interessen von 100.000 Bürgern in meinem Wahlkreis. Und selbst wenn wir in diesem Punkt nicht einer Meinung sein sollten, dann ist es in einer repräsentativen Demokratie irgendwann meine Entscheidung, ein Urteil zu fällen, was in ihrem Interesse ist. Denn das ist meine Verantwortung als Abgeordneter.“

Boles ist vergleichsweise geübt darin, gegen Widerstände einzustehen und hohe Hürden zu nehmen. Als einer der ersten Tory-Politiker ging er 2011 die Zivilehe mit seinem israelischen Partner ein. Der ehemalige Minister wurde einer der wichtigsten Advokaten für David Camerons Homo-Ehe, die der Ex-Premier 2013 gegen großen Widerstand in den eigenen Reihen durchsetzte. Im April 2017 kam er im Rollstuhl ins Unterhaus, um über ein wichtiges Brexit-Gesetz abzustimmen. Seinerzeit musste er wegen eines Gehirntumors eine Chemotherapie über sich ergehen lassen.

Nicht nur sein Land, sondern auch die Partei steht für Nick Boles nun an einem Scheidepunkt. „Die wirkliche Frage ist: Ist die Konservative Partei eine breite Koalition? Oder aber eine engstirnige ideologische Sekte?“ Kein Zweifel, zu welchem Lager der Abgeordnete aus Lincolnshire gehört. Entscheidend wird sein, welches der Rest seiner Partei am Ende wählt.