Dominante Machos, die sanftmütige Frauen erobern? Kein Naturgesetz. Weibliche Hyänen sind fürsorgliche Mütter – und zeigen zugleich den Männchen, wo es lang geht. Auch bei anderen Tierarten haben Männer das Nachsehen.

Am Rande der Serengeti, die Sonne brennt auf den Ngorongorokrater nieder. Eine Tüpfelhyäne streift durch die trockene Savanne. Plötzlich tauchen zwei Artgenossen auf. Drohend reckt die einsame Wanderin den Kopf vor, der Schwanz geht steil nach oben. Ganz anders die Gegenseite. Mit gesenkten Köpfen, eingeklemmtem Schwanz und angelegten Ohren bieten die beiden Raubtiere ein Bild der Unterwürfigkeit.

Die Situation ist eindeutig – demütig kuschen hier zwei rangniedere Tiere vor ihrem Boss. Man muss allerdings genauer hinsehen, um das Besondere an diesem Bild zu begreifen. Denn der Boss ist Weibchen, bei den beiden Unterwürfigen handelt es sich um männliche Hyänen.

Sehr genau hingesehen hat Oliver Höner mit seinem Team vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW). Seit vielen Jahren beobachten die Verhaltensbiologen die Hyänen im Ngorongorokrater, Tausende von Konflikten haben sie dokumentiert. Sie haben so das komplexe Sozialgefüge einer Raubtiergesellschaft entschlüsselt, in der weibliche Dynastien über Generationen die Macht von Mutter zu Tochter weiterreichen.

Der Befund der Hyänenforscher ist kein Einzelfall. Die Rollen der Geschlechter im Tierreich sind längst nicht so klar verteilt, wie Verhaltensbiologen das über Jahrzehnte annahmen. Früher hielt man die Rollenverteilung für eine ausgemachte Sache: Die Weibchen produzieren Eizellen und investieren dadurch naturgemäß mehr in den Nachwuchs als die Männchen, die nur billiges Sperma beisteuern.

Besonders ausgeprägt ist der Unterschied bei den Säugetieren, wo die Weibchen lebende Junge gebären und diese auch noch säugen. Die Aufgabenverteilung scheint auf der Hand zu liegen: Aggressive Männchen kämpfen um die Vorherrschaft und versuchen, so viele Weibchen wie möglich zu erobern und zu begatten.

Der Sieger beschützt und dominiert die sanfter veranlagten Weibchen, die sich so ganz der Sorge um den Nachwuchs widmen können. Doch es gibt zahlreiche Ausnahmen von dieser Regel. Hyänenmütter versorgen zwar ihre Jungen weitgehend ohne männliche Mithilfe – zugleich schaffen sie es aber auch, durch weibliche Seilschaften die Vorherrschaft zu sichern.

Wie ihnen das gelingt, das hat Oliver Höner herausgefunden. Der Ngorongorokrater bietet dabei für seine Arbeit besonders gute Bedingungen. Auf gerade mal 270 Quadratkilometern – das entspricht einem Drittel der Stadtfläche von Berlin – leben in dem Naturparadies acht Hyänengruppen. Seit 1996 beobachten die Berliner Forscher die Tiere und kennen inzwischen jede einzelne der rund 500 Tüpfelhyänen. Durch DNA-Untersuchungen wissen sie auch um die genauen Verwandtschaftsverhältnisse.

Anders als bei vielen anderen Säugetieren sind bei Hyänen die Weibchen im Schnitt größer als die Männchen. Zudem hilft ihnen eine anatomische Besonderheit, um unerwünschte Partner loszuwerden: eine stark vergrößerte Klitoris, die beinahe die Größe eines Penis erreicht. Deren Form verlangt den Männchen im entscheidenden Moment einen schwierigen Balanceakt auf dem Rücken der Weibchen ab. Da schon eine falsche Bewegung das Männchen unverrichteter Dinge hintenüber in den Staub der Savanne purzeln lässt, sind die Weibchen Herrinnen des Geschehens – und können sich ihren Partner aussuchen.

Tüpfelhyänen vererben die Macht von Mutter zu Tochter

Viel wichtiger als solche Äußerlichkeiten aber ist das Sozialleben, wie die Forscher nun in der Fachzeitschrift „Nature Ecology & Evolution“ schildern. Den entscheidenden Hinweis lieferten die 4133 Konflikte zwischen Hyänen im Ngorongorokrater, die Oliver Höner und seine Kollegen untersucht haben: Je besser und dichter das Beziehungsgeflecht, umso höher steigt ein Tier in der Hierarchie.

Das Hyänenrudel erinnert an eine feudale Ständegesellschaft. Ranghohe Tiere werden wie Fürsten äußerst ehrerbietig begrüßt. Unter Gleichrangigen genügt ein kurzes Hallo, rangniedere Tiere werden gänzlich ignoriert. Das klappt meist reibungslos. „Sollte sich ein Youngster doch einmal falsch verhalten, bekommt er Strafprügel, die er sich gut merkt“, erklärt IZW-Forscher Oliver Höner.

Die richtigen Verhaltensweisen lernt der Nachwuchs von seiner Mutter. Weil die Nachkommen der Clan-Chefin das Verhalten der Oberschicht von Kindesbeinen an übernehmen, gehören sie schon früh zum Establishment. Im Alter von zwei bis drei Jahren aber passiert etwas Entscheidendes: Mit dem Eintreten der Geschlechtsreife verlassen die Männchen häufig ihren Clan.

Eine solche Abwanderung ist grundsätzlich notwendig, um das Rudel vor Inzucht zu schützten. Allerdings verlieren die Männchen damit auch ihr Geflecht an Beziehungen und müssen in einer fremden Hyänen-Hierarchie wieder ganz unten anfangen. Da die Weibchen im Rudel ihrer Geburt bleiben, vermeiden sie solche Brüche in ihrer Biografie und haben so viel größere Chancen für den Aufstieg in eine Spitzenposition.

Die Hierarchie der Tüpfelhyänen ähnelt einer menschlichen Erbmonarchie: „Alternde Clan-Chefinnen geben das Zepter oft friedlich an ihre Töchter ab“, erklärt Oliver Höner. Manchmal aber werden die potenziellen Thronfolger auch ungeduldig und versuchen einen Putsch. „Das passiert oft, wenn die Chefin gerade auf einem Streifzug weit weg ist“, berichtet Höner.

Wie bei Menschen steigen die Erfolgschancen bei Hyänen mit der Zahl der Verbündeten, auf die Putschisten zurückgreifen können. Im Fall eines Konflikts müssen die Verbündeten noch nicht einmal anwesend sein. Es genügt, wenn eine Hyäne weiß, dass sie im Notfall schnell zu Hilfe kommen würden.

Entscheidend ist also offensichtlich das Selbstbewusstsein der Hyäne, das sich auf die Zahl ihrer Verbündeten stützt. Das zeigt sich besonders deutlich bei Begegnungen zwischen zwei Hyänen, die beide gerade außerhalb ihrer Gruppe unterwegs sind. „Fast immer gewinnt das Tier, das näher an seinem Zuhause ist“, erklärt Oliver Höner.

Die Sozialstruktur der Hyänengesellschaft ist nur eine von vielen Spielarten, die die Natur hervorbringt. Letztlich zählt der Erfolg bei der Fortpflanzung, und je nach Lebensraum scheint es viele Lösungen für eine optimale Strategie zu geben. Mal sind riesige Herden, mal kleine Gruppen am erfolgreichsten, mal stehen Weibchen, mal Männchen an der Spitze.

Bei manchen Arten stehlen sich die Männchen gleich nach der Paarung aus der Verantwortung und suchen neue Liebschaften, bei anderen halten Paare sich lebenslange Treue. Mitunter wacht ein eifersüchtiges Männchen über seinen Harem, dann wieder findet man den umgekehrten Fall – ein Weibchen an der Spitze eines Harems.

Bei den Krallenäffchen halten sich die Weibchen einen Harem

„Die Chancen und Risiken der Fortpflanzung beeinflussen bei den Säugetierarten die Sozialsysteme“, erklärt Gottfried Hohmann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. „Und die können sehr unterschiedlich sein.“ Dabei denkt der Spezialist für Menschenaffen zum Beispiel an den Harem der Gorillas.

Selbst ein kräftiger Silberrücken schafft es meist zwar nur ein paar Jahre, seine Gruppe mit Weibchen und seinem Nachwuchs gegen marodierende Trupps anderer Männchen zu verteidigen, die sich nur zu gern den Weibchen nähern würden. Diese Zeit nutzt er aber sehr erfolgreich und wird Vater etlicher Nachkommen, von denen er sich sicher sein kann, dass sie keine Kuckuckskinder sind.

Die Gorilla-Weibchen können nur hoffen, möglichst lange im Harem von ein und demselben Silberrücken zu verbleiben. Denn bei einem Sturz töten die Eroberer den Nachwuchs, damit die Weibchen möglichst schnell wieder zur Paarung mit dem neuen Herrscher bereit sind.

Familienidyll: Berggorillamutter mit Nachwuchs

Im Harem leben auch bestimmte Krallenäffchen in Südamerika – nur sind die Rollen dort vertauscht. Ein Weibchen wacht über zwei oder drei Männchen in seiner Gruppe. Diese tragen auch den Nachwuchs mit sich herum, der nur zu seiner Mutter kommt, wenn der Hunger zu stark wird und die Kleinen gesäugt werden.

Bei den meisten Säugetieren aber sind die Männchen aggressiver als die Weibchen. So auch bei den Schimpansen, die in den Regenwäldern im Herzen Afrikas in größeren Gruppen zusammenleben. Der Boss ist normalerweise ein Männchen, das das Territorium zusammen mit den anderen Männchen verteidigt, während die Mütter eher den Nachwuchs im Auge behalten. Wie bei den Hyänen gibt es in der Schimpansen-Gesellschaft Intrigen und Umstürze, die mitunter gewaltsam ausgetragen werden. Gegen benachbarte Gruppen wird manchmal regelrecht Krieg geführt.

Ganz anders geht es bei den nahe verwandten Bonobos zu. Wie die Schimpansen leben sie in größeren Gruppen, doch hier dominieren die Weibchen. Im Falle eines Jagderfolgs greifen sie als Erste zu und verteilen die Beute. Die Bonobos gehen viel friedlicher miteinander um als Schimpansen, Konflikte werden oft durch Sex gelöst.

Der Fall ist besonders interessant, weil Schimpansen und Bonobos genetisch sehr ähnlich und zudem die nächsten Verwandten des Menschen sind – der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch, Schimpanse und Bonobo lebte vor sechs Millionen Jahren. Wie genau es zu der Aufspaltung in Kriegstreiber und friedliche Hippies kommen konnte, ist unter Biologen umstritten.

Wahrscheinlich aber spielen die unterschiedlichen Lebensbedingungen eine Rolle. Die beiden Arten werden von einem für sie unüberwindlichen Fluss getrennt, dem Kongo, der vor etwa zwei Millionen Jahren entstand. Die Bonobos leben südlich des Kongobeckens, wo der Urwald viel reichhaltiger ist als im Norden. Unter den üppigen Bedingungen konnten sich vermutlich die weniger aggressiven Männchen, die Kontakt zu hochrangigen Weibchen pflegten, eher durchsetzen.

Andere Primaten leben in Paarbeziehungen, wie etwa die Gibbons, viele südamerikanische Affenarten und auch der Mensch. Zu den Gründen gehört vermutlich, dass Menschenbabys verglichen mit vielen Tierkindern ziemlich hilflos zur Welt kommen. „Eine Steinzeit-Frau hatte daher kaum die Chance, allein auf Jagd zu gehen und Essbares zu sammeln sowie sich gleichzeitig um den völlig hilflosen Nachwuchs zu kümmern“, erklärt Gottfried Hohmann. Da sucht man sich eben einen Partner, der sich ebenfalls um die Familie kümmert.

Säugetiere wie Schwertwale und Elefanten setzen dagegen auf Familiengruppen, die von einem erfahrenen, älteren Weibchen geführt werden. Beide Arten profitieren dabei von dem guten Gedächtnis der Groß- und vielleicht sogar Urgroßmütter.

Die auch als Orcas bekannten Schwertwale spezialisieren sich auf unterschiedliche Beute von Heringen über Robben bis hin zu großen Haien, die sie mit ausgefeilten Methoden jagen und zur Strecke bringen. Die jungen Schwertwale lernen diese Methoden in einer langen Ausbildung von den älteren Weibchen, die in ihrem langen Leben viele Tricks zur Verbesserung der Jagd gelernt haben.

Elefanten profitieren vom Gedächtnis der Großmütter

Die alte Elefantenkuh wiederum erinnert sich bei einer extremen Dürre vielleicht noch an eine verborgene Wasserstelle, an die sie im Teenager-Alter in einer ähnlichen Situation ihre eigene Großmutter geführt hat, die wiederum ihr Wissen noch von den Urahnen erworben hat.

Was die Geschlechterrollen angeht, kennt die Natur kein starres Schema. Die Evolution bringt maßgeschneiderte und pragmatische Lösungen hervor, um den bestmöglichen Fortpflanzungserfolg zu sichern. Ob Matriarchat oder männliche Dominanz – für beides scheint es gute Gründe zu geben.