Was darf Satire, fragte Tucholsky, und der deutsche Totalitarismus antwortet seit jeher: Nichts! Aber 2019 wird kein Schmollen auf dem Genderklo das Lachverbot der Berufsbeleidigten retten.

Man tritt nicht nach, lernt man als Abkömmling besserer Kreise, und „man macht sich nicht über Unterlegene lustig“. Aber wie es nun mal so ist, haben auch bessere Kreise so ihre Kanten, und die können recht scharf sein. Man tritt nicht nach, und man macht sich nicht über Unterlegene lustig, das ist ein schönes Ideal, aber wissen Sie, wenn man Heuschnupfen und angeborene Probleme mit den Beinen hat, und dann in der Schule Fußball spielen muss: Dann lernt man schnell, dass der mangelintelligenteste Bildungsdistanzler aus dem schwierigsten Elternhaus im Sportunterricht der Überlegene ist. Und bei jeder Gelegenheit nachtritt und sich über Unterlegene lustig macht. Es kommt immer auf den Gewaltraum an, in dem man sich befindet, und dort hilft es einem gar nichts, wenn man Mitglied im Konzertverein ist und seine Vorfahren bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen kann. Machtverhältnisse sind immer relativ und können sich schnell ändern: Und wenn es so weit ist, das habe ich öfters gesehen, sind die neuen Machtergreifer nicht durch Schulen gegangen, die ihnen die Grundregeln des Anstands beigebracht haben.

Nun ist das mit uns und unserem Nichtnachtreten und Nichtlustigmachen generell so eine Sache. Tief drinnen, unter der glatten Oberfläche, ist man dennoch ein normaler Mensch mit Gefühlen, und die sind nicht immer nur wohlmeinend. Bessere Kreise sind nicht besser, sie sind anders schlecht als gewöhnliche Sterbliche, und das hat viel damit zu tun, dass man es sich leisten kann. Schauen Sie, vor einem Jahr haben sich viele Leute sehr gefreut, dass die „FAZ“ meine Blogs einstellen wollte.

Heute sind diese Blogs nun an dieser Stelle wohlauf, und wie es der Zufall will, wurde ich letzthin auf eine Wohnungsnotlage eines besonders Erfreuten des letzten Jahres hingewiesen. Die betreffende Person beklagt sich im Netz über den Umstand, dass sie in keinesfalls mehr jungem Alter nun eine kleinere, teurere Wohnung weiter draußen suchen muss. Ich trete natürlich nicht nach. Ich lese das schlichtweg in meiner eigenen weitläufigen Wohnung und wenn ich will, später noch einmal in meiner kleineren Wohnung für Gäste und dann noch mal in meiner Wohnung am Tegernsee. Und demnächst muss ich nach München, weil in meiner Wohnung dort ein Zähler ausgewechselt wird. Es kann sein, dass ich dem Mieter dort vom tobenden Irrsinn in Berlin berichte, da hat es gerade jemanden wieder erwischt, also, das ist wirklich schlimm, der Mann ist wirklich zu bedauern. Poor chap, isn’t he?

Es ist nicht so, dass man danach suchen würde, das läuft auch heute noch wie in einem viktorianischen Roman, wenn ein Tunichtgut im Sudan von den Rebellen des Mahdi in Stücke gehackt wird, oder die Anteilscheine einer sicher geglaubten Investition wertlos werden. Man erfährt es so nebenbei. Zum Beispiel gibt es da einen Komiker namens Shahak Shapira, der sich jahrelang als Vorwitzler des Linksmobs bei Twitter ausgab. Dieser Herr Shapira nun war unvorsichtig genug, im Fall des Doppelnamenwitzes des echten Komikers Stelter nicht die Partei der sich beschwerenden Frau – Frau!!! – zu ergreifen, und wie es nun mal so ist: Wer der Meute nicht mehr links und radikal genug ist und gar so was wie Verständnis für andere Meinungen zeigt, nur ein einziges Mal – der ist bei den Weltverbesserern dran, als wäre er in britischer Uniform im Lager des Mahdi. Poor guy, isn’t he? Hin und wieder lese ich bei früheren Kollegen der „FAZ“ brennende Aufrufe in Richtung der SPD, man sollte doch den früheren Piraten Christopher Lauer in Stellung bringen, der könnte die lahmende Partei auffrischen und wieder attraktiv für junge Leute machen. Dabei wird dann auch der Link zu seinen Podcasts verbreitet, unter denen Herr Lauer um Paypal-Spenden bittet. Selbstredend liegt es mir weltenfern, das Verhalten mit einem „poor mate, isn’t he“ zu bewerten, aber man macht sich schon so seine Gedanken über die Unwägbarkeiten des Schicksals von Karrierepolitikern, wohl wahr, wohl wahr.

Man tritt nicht nach, und man lacht nicht über Leute, die ihre Haut an ZDF Neo oder die freundlichen Spender verkaufen müssen, denn davon erlebe ich so einige im Netz, und natürlich macht es keinen Spaß, Menschen auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft dergestalt zu begleiten. Thing is, sie sind mir nicht wirklich wohlgesinnt, und so tue ich das, was man zu tun hat: ein Minimum an Achtsamkeit schenken, das man gerade noch so eben als Hauch von Bedauern auslegen kann, wenn man denn müsste und das Thema unbedingt anschneiden möchte. Was man sich dagegen denkt, also wirklich denkt, wenn man einmal mit Ulrike Guerot im Netz auf wenig erquickliche Art zu tun hatte, und ihr Partner Menasse dann über erfundene Zitate stolpert, oder wenn eine Verlegerin „gegen rechts“ dazu aufruft, andere Meinungen zu denunzieren, und danach klagt, dass ihr Verlag kein Geld einbringt – das ist eine andere Sache. Zumal, wenn man das alles gar nicht beachten müsste und demnächst wieder in Italien weilt, wo die Menschen zwar schlechte EU-Anhänger, aber die besten Europäer schlechthin sind. Es tangiert meine besseren Kreise nicht, und wenn doch, dann nur an den scharfen Ecken. Die Welt ist ein Jammertal, und es ist so voll, die sollen froh sein, dass Menschen wie ich ihnen da nicht auch noch den Platz streitig machen und gen Italien reisen, poor thingies, aren’t they?

Ich darf hier auch noch ganz ehrlich anführen, dass ich nicht die allerhöchste aller hohen Meinungen von Annegret Kramp-Karrenbauer, Katrin Göring-Eckardt, Julia Klöckner und Claudia Roth habe. Momentan liegen sich Grüne und CDU wegen eines nur mittelprächtig gelungenen Genderklo-Witzes der CDU-Vorsitzenden in den Haaren, und ich finde es speziell im Hinblick auf das gemeinsame Wohl unserer Nation sehr angenehm, wenn die Tücken neuer deutscher Machtoptionen jetzt, quasi im Leerlauf ausprobiert werden, ohne dass deshalb gleich das ganze Land Schaden nehmen muss. Selbstredend sind solche Streitereien, sorry to say, entsetzlich würdelos und bedauerlich, aber besser jetzt als nach einer Regierungsbildung. Dass Journalisten wie ich da nicht sofort losgebrüllt haben, bedauert übrigens das Bild-Blog, das auf meiner privaten Sympathiewertung irgendwo zwischen Claudia Roth und Madame Mim liegt. To cut a long story short, ich habe miterlebt, wie das Bild-Blog vergeblich mit Werbevermarktern lukrativ werden wollte, unter anderem mit Sascha Lobo, der selbst auch mit einem Internetverlag groß werden wollte, und vermutlich demnächst beim „Spiegel“ in die Faschings-Genderklo-Empörung mit einsteigen wird … Es wäre schön, von Leuten in die Schlachten um das Richtige und Wahre geführt zu werden, die nicht ein ums andere Mal beweisen, dass sie jenseits von lautstarken Netzkampagnen nun nicht wirklich die Zierde von Strebsamkeit, Beharrung und Erfolg sind. Of course, just my opinion, ich will auf keinen Fall nachtreten, ich möchte das lediglich im größeren Kontext zu bedenken geben.

Mir ist natürlich auch bewusst, dass man mit dieser Form der gelassenen Herablassung als selbststilisierter Gemeinwohlsender von dezenten Hinweisen andere Gesprächsteilnehmer, die sich explizit über ein Thema streiten wollen, zur Weißglut bringen kann. Aber genau diese Rückzugstaktik, verbunden mit einem Wechsel des Bezugrahmens und mit dem ständigen Anspielen auf die Fähigkeit, solche Diskussionen zu verzögern, sind nun mal die Grundlage dafür, dass man oberflächlich weder nachtritt noch sich offen lustig macht. Man hält sich an die minimalen Regeln der eigenen Bezugsgruppe und schaut zu, wie die anderen zwischen Genderklosorgen auch noch Wohnungsnöte und Berufsprobleme haben. Heute wollen sie, dass man ihre Toiletten gut findet, morgen erwarten sie die Enteignung von Vermietern, und übermorgen einen warmen Platz in den Eingeweiden der Gemeinwohlsender mit Zwangsgebührenfinanzierung: Das kann man eine Woche machen, ein paar Monate oder Jahre, aber am Ende bleibt dann nur die vage Hoffnung auf ein bedingungsloses Grundeinkommen. Man trifft sich immer wieder, an meinen Grundvoraussetzungen ändert sich so wenig wie an ihren Grundsatzproblemen. So gesehen müssten sie dankbar sein, dass die Politik sich hier wirklich einmal stellen lässt, und die Gelegenheit nutzen, die Problematik ernsthaft zu vermitteln. Stattdessen wird jetzt die Witzereißerin persönlich angegangen, und Leute, die ohnehin die Grünen wählen, sagen nun, dass sie nie die CDU wählen. Die Fronten sind mal wieder klar, hier die fortschrittsbeseelten Städter mit Internet und „Bento“, da die zurückgebliebene Provinz, die wichtige Anliegen auslacht. Well.

Actually, ich finde, jeder soll von mir aus so geschlechtlich leben, wie er will, solange er nicht dazu gezwungen wird oder andere zwingt. Natürlich kann man auch Genderklos machen, aber ich war einmal auf dem Chaos Computer Congress in Hamburg. Dort wurde das versucht, und am Ende gingen auch, so weit ich sehen konnte, Männlein und Weiblein getrennt auf das Örtchen. Die Frage betrifft nur eine verschwindend kleine Minderheit, sobald man sozial abgehängte Regionen wie Berlin und das Medienviertel in Hamburg verlassen hat. Woanders gilt das Genderklo als Gesslerhut, dessen teure Einrichtung allein droht, weil es dazu Vorgaben ohne reale Notwendigkeit gibt. Eine lautstarke Miniminderheit und ihre Propagandisten zwingen der Mehrheit etwas auf, weil sie es ihr aufzwingen können – so wird das auf dem flachen Land gesehen. Zusammen mit dem Übereifer mancher Medien und staatlich bezahlter Vereine, Jungen in Röcken auf dem Schulweg sehen zu wollen, trifft das, höflich gesagt, auf Vorbehalte. Man soll es nicht glauben, aber der in deutschen Medien hochgelobte Fall des amerikanischen Trans-Kindes „Desmond is Amazing“, das, wie man inzwischen weiß, von seinen Eltern als Tänzer in einer Schwulenbar für Geld vermittelt wurde, hat sich gerüchteweise auch bei uns in the countryside herumgesprochen. So etwas macht den Ausgleich nicht leichter und sorgt auch nicht für die Akzeptanz solcher Rollenmodelle, deren letzte Zurückweisung in Baden-Württemberg eigentlich noch in guter Erinnerung sein sollte, n‘est-ce pas?

So, wie sich jeder sexuell geben darf, wie er will, sollte in meinem Königreich auch jeder Witze machen, wie er will, zumal an Karneval – so würde ich tolerant mein Diktum umschreiben, und in der Unerbittlichkeit der aktuellen Empörung sieht man doch sehr schön, dass vom Machtgefälle zwischen schwachen Transpersonen, um die sich da ungefragt viele scharen, und starker Mehrheit nicht mehr viel da ist. Möglicherweise gelingt es dem Mob tatsächlich, Witze über Genderklos politisch unattraktiv zu machen, aber das ändert natürlich nichts an der generellen Haltung der Bevölkerung in dieser Frage, die, pardon, geradezu nach einer humorvollen Auflockerung schreit, wenn man sieht, wie heilig ernst da gestritten wird. Zu gewinnen gibt es da allenfalls dieses ungut-beobachtende Schweigen und Warten auf den richtigen Zeitpunkt, wenn die anderen einen Fehler volkerbeck- oder habeckscher Dimensionen machen. Lachen muss nicht zwingend verbinden, man kann aber über schlechte Witze wenigstens einmal ruhig und besonnen reden. Wenn man anderen aber über das Maul fährt und erwartet, dass sie schweigen, macht man sich keine Partner, sondern Feinde. Das mag in Berliner Cafés und in Hamburger Redaktionen egal sein, und es sorgt nicht gleich für einen Volksaufstand. Man merkt sich das lediglich. Die Kehrseite sind dann LBGTwasauchimmer-Paare und Regenbogenfamilien, die im Netz dringend nach Wohnungen suchen und keine zu finden scheinen, was auch etwas damit zu tun haben kann, dass Vermieter keine Lust auf Grundsatzdebatten zur Geschlechterfrage und etwaige Anspruchshaltungen haben. Das Genderklo ist nun mal der Kristallisationspunkt der gegensätzlichen Einstellungen und kein Thema, mit dem man mehr als Unterschiede vertiefen könnte. Wenn man dann auch noch urmenschliche Regungen wie Lachen untersagen will, gewinnt man möglicherweise den Relotiuspreis für Haltungsjournalismus. Ich gratuliere artig.

Macht nur weiter, ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt, sagt man bei uns zu den Kindern, wenn sie absehbar auf dem Weg ins schmerzhafte Verderben sind, und zu dieser höflichen Ermunterung kann ich mich auch in diesem Falle überwinden. Schwarz-Grün wird sicher ein besonderes Gaudium im Bund, und ich überlege gerade noch, welches Geschäft dann lukrativer ist: Der Vertrieb gelber Westen oder die Eröffnung eines Lachbordells in Berlin, wo man noch jede Minderheitenhumorpraxis und sogar alte, wieder aktuell werdende Späße über die DDR ungestraft an bezahltem Publikum ausführen darf. Wenn wir schon nichts ändern können, so können wir wenigstens daran verdienen – auch das ist so eine Familienweisheit, die noch gilt, wenn die Aktivisten von heute die Grundrentenbezieher von morgen sind. Poor fellows, aren’t they?