Chinesische Investoren geben jedes Jahr Milliarden in Europa aus – besonders groß ist ihr Interesse an den Vorzeigebranchen der deutschen Wirtschaft. Kritiker sehen dahinter keine freundschaftliche Strategie.

Ende Februar des vergangenen Jahres stand die Welt für einen Augenblick Kopf – zumindest für deutsche Börsenbeobachter. Nahezu unbemerkt hatte der chinesische Unternehmer Li Shufu damals knapp zehn Prozent der Daimler-Aktien aufgekauft. 7,5 Milliarden Dollar hatte Geely, so der Name seines Unternehmens, dafür gezahlt. Deutlich mehr, als die 1,8 Milliarden Euro, die er acht Jahre zuvor für den Kauf der schwedischen Automarke Volvo hinlegen musste. Geelys Coup war eine Überraschung. Nicht zuletzt für Daimler. Dem Vernehmen nach allerdings keine angenehme.

Ein Chinese mit intimer Nähe zur kommunistischen Partei wurde damit zum größten Einzelaktionär bei Daimler, dem Vorzeigekonzern in der deutschen Vorzeigebranche, dem Automobilbau. Zudem ein Konkurrent, denn Geely besitzt mit Volvo nicht nur einen europäischen Wettbewerber der Stuttgarter. Geely baut auch selbst Autos. Sein erstes Auto vor 20 Jahren, genannt Haoqing, war einem Daimler so verblüffend ähnlich, dass es dem Unternehmen prompt eine Klage einbrachte. Kein Wunder also, dass der eine oder andere Stuttgarter Automanager bei der Pflichtmitteilung damals ein ungutes Gefühl bekam.

Nicht weniger aufgeregt war man in der Bundesregierung. Anteile an der deutschen Automobilindustrie bei einem chinesischen Unternehmen – in Berlin fürchtete man die Folgen, weil man das rücksichtslose Geschäftsgebaren erwartete. Seit Ausländer in China gemeinsam mit heimischen Firmen Fabriken betreiben, werde dort Know-how gestohlen, heißt es seit Langem in Regierungskreisen. Später werde dieses Wissen, subventioniert mit Mitteln der Regierung in Peking, im Konkurrenzkampf mit Konzernen aus dem Westen eingesetzt. Branchen, in denen Europa und die USA auf diese Weise ihre Wettbewerbsvorteile verloren, gibt es bereits zur Genüge: die Solarindustrie zum Beispiel – oder den Bau von Eisenbahnzügen.

Berlin sah lange untätig zu

Was wäre, wenn Li mit seinem bei Daimler und Volvo erworbenen Wissen irgendwann versuchen würde, auch die deutschen Autobauer unter Druck zu setzen?

Seit der Nachricht herrscht in Berlin Unruhe. Ende vergangenen Jahres verschärfte die Bundesregierung die Außenwirtschaftsverordnung. Jetzt darf sie den Kauf von Firmenanteilen durch nicht europäische Firmen bereits prüfen, wenn der Käufer zehn Prozent der Unternehmensanteile erwirbt – vorausgesetzt, es handelt sich dabei um sicherheitsrelevante Bereiche wie Telekommunikation, Energieversorgung, aber auch Finanz- und Versicherungswesen sowie Verkehr. Bei allen anderen Firmenkäufen darf sie ab 25 Prozent genauer hinsehen.

Tatsächlich hatte man in Berlin dem Treiben chinesischer Investoren lange weitgehend untätig zugesehen. Dabei waren die Statistiken eindeutig: Zwischen 2006 und 2010 kauften Chinesen in Deutschland nach Angaben der Unternehmensberatung EY 30 Firmen. Im Jahr 2011 waren es schon 23, im Rekordjahr 2016 waren es 68 und im vergangenen Jahr immer noch 35. In den vergangenen drei Jahren gaben die häufig mit Staatsgeld gestärkten Investoren jedes Jahr über zehn Milliarden Dollar in Deutschland für ihre Zukäufe aus.

Das blieb von Regierungsmitgliedern nicht unbemerkt. Vom Ausverkauf deutscher Industrieperlen war die Rede. Davon, dass die Chinesen mit unterschiedlichen Maßstäben messen würden, weil sie westlichen Investoren eben keinen freien Zugang zu ihren heimischen Märkten gewähren würden. Vor allem aber hieß es, dass hinter Chinas Vorgehen eine ganz große, anderen Märkten feindlich gesinnte Strategie stehen würde: Made in China 2025. Bis dahin plant das Land in zehn Industriebereichen die führende Nation der Welt zu sein. Detailliert listet die chinesische Regierung in dem Plan auf, in welchen Schlüsselbranchen sie an der Weltspitze stehen will. Dazu gehören Robotik, Luft-, Weltraum- sowie Medizintechnik, Schiffs- und Schienenverkehr, Maschinen- und Anlagenbau. Branchen, in denen deutsche Hersteller nicht selten zur Weltspitze gehören.

Investoren sind an Hightech interessiert

So ein Plan lässt sich daher auch als Angriff auf die deutsche Wirtschaft lesen. Erstmals wirklich aktiv wurde die Bundesregierung im Jahr 2016 auf Betreiben der Amerikaner. Die damalige Regierung unter US-Präsident Barack Obama machte Druck auf die schwarz-rote Koalition, den bereits genehmigten Verkauf des Chip-Anlagenbauers Aixtron zu stoppen. Der Grund: Der Spezialmaschinenbauer gehört zu den wenigen Firmen der Welt, die Verfahren zur Herstellung von Halbleitern aus mehreren Materialien perfektioniert hat. Mit deren Hilfe lassen sich militärische Laser und Infrarot-Suchköpfe in Raketen bauen. Am Ende zogen die Chinesen ihre Offerte zurück.

Hightech ist häufig, was die Investoren interessiert – wenn auch nicht immer in derart sicherheitsrelevanten Bereichen. Von den 35 Firmenkäufen in Deutschland im vergangenen Jahr waren 13 Industrieunternehmen, in Europa waren es insgesamt sogar 39. Dazu gehört der aufsehenerregende Kauf des Roboterherstellers Kuka. Monate vor dem versuchten Einstieg bei Aixtron übernahm der chinesische Midea-Konzern das Unternehmen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass deutsche Investoren damals eben nicht entsprechende Summen für die Spezialfirmen bieten wollten.

Und manchmal kann ein chinesischer Großinvestor so auch ganz gelegen kommen. Als der Mischkonzern HNA im Frühjahr 2017 mit knapp zehn Prozent bei der Deutschen Bank einstieg, wird man selbst in der Bundesregierung nicht ganz unglücklich gewesen sein. Seit Jahren ist das größte deutsche Geldhaus unter Druck. Die Kurse sind instabil. Kapital war immer wieder knapp. Ein reicher Geldgeber war da ganz willkommen. Nach relativ kurzer Zeit stellte sich allerdings heraus, dass HNA gar nicht so reich war, wie viele dachten. Inzwischen verkauft die Firma ihre Anteile an der Deutschen Bank nach und nach. Ein verlässlicher Ankerinvestor sieht anders aus.

Die Chinesen wissen inzwischen um das Misstrauen, das sie in Europa und den USA geweckt haben. Deshalb haben sie in dieser Woche ein Art Charmeoffensive gestartet. Als im März Chinas Präsident Xi Jinping mit Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammenkam, trafen sich in Berlin am gleichen Tag chinesische und deutsche Politiker und Wirtschaftslenker, um beim „China Day“ über das angespannte Verhältnis zu reden. Die große Frage bleibt, ob das viel bringt. Denn geredet wird mit Peking seit Jahren.