Fortschritt erreicht man nicht durch Sprachtyrannei. Schein- und Ersatzkämpfe mit Sternchen und anderen Zeichen führen ins Leere. Sprache ist zu dynamisch für starre Regeln – wie das Leben selbst.

Ein Lehrer ist eine Person, die lehrt. Dieses Wort hat das grammatische Geschlecht (= genus) „männlich“ oder lateinisch „maskulin“. Wäre ein Lehr-er eine Person, die lehrt, und außerdem nach dem biologischen Geschlecht (= sexus) männlich ist, wäre die Lehr-er-in eine Person, die lehrt, männlichen (-er-) und zudem weiblichen (-in) Geschlechts (sexus) ist, also ein biologischer Zwitter. Das ist aber offenbar nicht gemeint.

Im Deutschen gibt es nur eine Täter-Endung, nämlich -er, und die ist männlich (qua genus, nicht qua sexus). Weder der Hocker noch der Seufzer haben einen Penis. Sind wir inzwischen vielleicht so heftig sexualisiert, dass wir den Unterschied zwischen genus und sexus gar nicht mehr wahrnehmen? Merke: Genus ist nicht sexus.

Im Lateinischen ist das anders. Da heißt der männliche (sexus) Sieger victor und der weibliche (sexus) Sieger victrix. Wenn wir das nachmachen wollten, müsste aus der Lehrerin die Lehrin werden. Ärztin ginge ja, Rechtsanwältin auch, bloß die Malerin, das wäre schon wieder ein Zwitter.

Die Nachsilbe -in bezeichnet ursprünglich gar nicht den weiblichen Täter, also die Täterin (schon wieder die Zwitterfalle!), sonder war besitzanzeigend (schrecklich, aber wahr). Die Frau Apothekerin war ursprünglich nicht eine Frau, die Pharmazie studiert hatte, sondern die Frau des Apothekers. Eine Königin war vor Einführung der weiblichen Thronfolge nicht eine weibliche Person, die das Königsamt wahrnimmt, sondern die Frau des Königs. Herrschaft konnte sie nur ausüben als Königswitwe und Vormund (oder Vormündin?) des unmündigen Thronfolgers.

In Sachsen ist diese Zugehörigkeitsendung bei Familiennamen noch im Gebrauch, wie übrigens in den slawischen Sprachen beim Vaternamen auch: Petrowitsch/Petrowa. Die Frau von Herrn Meier wird in Sachsen „de Meiern“ genannt.

Als Frauen nicht mehr nur Hausfrauen blieben, sondern Berufe erlernten (zuerst die Unverheirateten), entstand der Brauch, Berufsbezeichnungen mit -in auf Frauen anzuwenden – allerdings, wie man sieht, nicht ganz konsequent. Und soweit ich sehe, hat bisher noch niemand verlangt, dass es in einschlägigen Texten nun auch konsequent „Mörder und Mörderinnen“, „Diebe und Diebinnen“, „Verbrecher und Verbrecherinnen“ heißen müsse.

In diesen Fällen möchten Frauen wohl lieber nicht eigens erwähnt werden, weil sie nicht selten ganz gern eigentlich die besseren Menschen sein möchten gegenüber den Männern. Fällt das nicht vielleicht auch unter „Rassismus“, als gruppenbezogenes Minderwertigkeitsurteil, hier also Sexualrassismus?

Wo es in unserer Sprache auf den Unterschied des sexus besonders ankommt, wird von alters her gar nicht die Nachsilbe -in gebraucht, sondern es werden Wörter mit anderem Stamm verwendet: Mann und Frau, nicht Männin; Bruder und Schwester, nicht Bruderin, Sohn und Tochter, nicht Sohnin. Und so geht es bei den Haustieren weiter: Hengst und Stute, nicht Hengstin, Bulle und Kuh, nicht Bullin.

Und weil Kinder und Jungtiere noch nicht „geschlechtsreif“ sind, kommt für sie das „dritte Geschlecht“ zur Anwendung, nämlich „keines von beiden“ (neutrum) – das Kind, das Fohlen, das Kalb. Und die Verkleinerungsendungen -lein oder -chen verwandeln jedes Wort in ein „neutrum“. Die Übersetzung „sächlich“ (das heißt Sache und nicht Person) ist irreführend.

Nun gibt es bei den Haustieren neben Hengst und Stute ja noch die Gattungsnamen: das Pferd, das Rind. Streng genommen ist das genus hier nicht neutrum, keines von beiden, sondern indefinit: ein Pferd ist diesmal gemeint, egal ob männlich oder weiblich.

Ebenso unstrittig ist (bis jetzt jedenfalls, kann sich noch ändern!) mit dem Wort Mensch ein Mensch gemeint, egal ob männlich oder weiblich, obwohl es diesmal nicht das Mensch, sondern der Mensch heißt. Trotzdem hat noch niemand gefordert, von „Menschen und Menschinnen“ zu reden. Dann müsste es natürlich auch „Menschen- und Menschinnenrechte“ heißen, ein weiterer Zungenbrecher wäre geboren.

Ein genus indefinitum, das wäre doch die Lösung. Eine Endung für eine Person, die studiert, egal ob männlichen oder weiblichen Geschlechts (sexus), ein Mensch, der (oder die) im Besitz der Bürgerrechte ist, egal ob männlich oder weiblich, das würde für die Studenten, die nun Studierende heißen sollen, auch im Singular Klarheit schaffen („jeder Studierende“ ist ja nicht gendergerecht!) und das Geklapper von „Bürgerinnen und Bürger“ entbehrlich machen.

Machen wir doch einmal den Versuch. E, i, a sind in „der, die, das“ schon vergeben, das U in du auch, bleibt also als möglicher Artikel nur übrig: do, Plural dos. Do Studento: eine bestimmte studierende Person beliebigen Geschlechts; dos studentos: die studierenden Personen beliebigen Geschlechts. Das wäre doch die sauberste Lösung.

Bloß: diese Lautfolgen sind in der deutschen Phonetik nicht vorgesehen. Das klingt nicht deutsch, sondern (für uns) eher spanisch oder nach Esperanto. Und so gewaltige Eingriffe in die Sprache wie die Einführung eines vierten genus („liebe Einwohnos“) sind nur diktatorisch durch Strafen durchsetzbar (wenn überhaupt), also freiheitsfeindlich. Sprachen übrigens bestehen aus Regeln – und Ausnahmen. Es ist da nicht alles immer ganz konsequent – wie im wirklichen Leben.

Damit kann man leben, wenn man will und großmütig ist. Etwa die Hälfte aller Sprachen der Welt kennt gar kein genus. Im Englischen ist dessen Bedeutung stark abgeschwächt. Die Glücklichen. Dass Sprachen ohne genus die Gleichberechtigung von Mann und Frau fördern, hat allerdings bisher noch niemand behauptet. Das eine hat auf das andere tatsächlich überhaupt keinen Einfluss.

Die Idee, durch Änderung des Sprachgebrauchs reale Machtverhältnisse ändern zu können, ist eine Schnapsidee. Man kann sich das alles sparen und auf echte gleichberechtigte kollegiale Anerkennung im Alltag hinarbeiten, egal, ob auf Formularen als Beruf Arzt oder Ärztin angegeben wird – statt Schein- und Ersatzkämpfe als Sprachtyrannei zu führen mit Sternchen und anderen Zeichen, die nicht gesprochen, sondern nur geschrieben werden.

Unaussprechliches haben wir bisher nicht geschrieben. Müssen wir das wirklich ändern? Sprachen ohne genus fördern die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht.