Im Silicon Valley wird man durchs Scheitern reich. Wer nie gescheitert ist, kann gleich auswandern: nach Deutschland, ins Land der Fehlervermeidung.

Die Gesetze der analogen Welt zählen im Silicon Valley bekanntlich zu den Dingen, deren Abschaffung Auftrag und Daseinsberechtigung ist. Während man noch daran arbeitet, die Grenzen der Physik hinter sich zu lassen, durch den Aufbruch in virtuelle Räume oder zumindest ins All; während man das Elend der eigenen Biologie überwinden will, mit Bluttransfusionen oder wenigstens mit Hilfe besserwisserischer Gesundheits-Apps, kann im Bereich der Ökonomie die Aufhebung der Naturgesetze weitgehend als abgeschlossen betrachtet werden: Was früher einmal als Merkmal eines erfolgreichen Unternehmens galt, also Gewinne zu erwirtschaften, ist heute offensichtlich nicht nur völlig überflüssig, sondern fast schon ein Zeichen kreativer Saturiertheit.

Der Kurznachrichtendienst Twitter hat zwölf Jahre gebraucht, bis er Ende 2017 zum ersten Mal Profit erwirtschaftet hat; Firmen wie Tesla, Uber oder Spotify sind davon noch weit entfernt. Doch noch während sie Milliarden verlieren, zerstören sie funktionierende Märkte und machen ihre Chefs zu Milliardären. Neunzig Prozent aller Start-ups scheitern. Die Wette auf den einen großen Erfolg, der die anderen Fehlschläge ausgleicht, ist das Geschäftsmodell der Investoren, eine Fortpflanzungsstrategie wie bei Fröschen. Nicht ohne Grund heißt es Wagniskapital.

Die Tatsache, dass Misserfolge Teil der Kalkulation sind, ist sicher ein Grund dafür, dass das Scheitern im Silicon Valley kaum als Makel begriffen wird, sondern als selbstverständlicher Schritt in der amtlichen Gründerbiographie. Das Mantra „Fail Fast, Fail Often!“ hat sich mittlerweile in der Innovationsbranche etabliert, ein Lebenslauf ohne kathartische Niederlage ist suspekt. Kaum ein Unternehmenschef gibt sich die Blöße, seine Karriere als Ergebnis vernünftigen Abwägens und vorsichtiger Entscheidungen darzustellen. Nicht nur notorische Business-Punks wie der Uber-Chef Travis Kalanick halten gerne Vorträge darüber, was sie daraus gelernt haben, wenn sie ein Projekt an die Wand gefahren haben; auch Streber wie Google-Gründer Sergey Brin erzählen gerne Anekdoten über das Glück des Scheiterns.

Auf Youtube findet man einen kurzen Vortrag aus dem Jahr 2013, in dem Brin davon erzählt, wie er mit Kommilitonen in Stanford versuchte, einen Online-Pizza-Service zu entwickeln. Weil damals, 1993 oder 1994, noch kein Lieferdienst E-Mails benutzte, schrieben sie ein Skript, das Bestellungen von einer Website per Fax weiterleitete. Aber das Schicksal wollte, dass beim Pizzaservice keiner das Fax las. Statt weiter an dem niedlichen Programm zu arbeiten, gab Brin die Pläne auf, traf Larry Page und erfand das Data Mining. Wichtig am Scheitern sei vor allem, so führt Brin aus, dass man möglichst schnell scheitere, das habe man auch bei der neuesten Entwicklung berücksichtigt, die er bei seinem Vortrag stolz auf der Nase trägt: bei der Google-Brille. Was Brin damals noch für die nächste Revolution hielt, wurde zum bisher größten Misserfolg des Unternehmens. Aber man muss nur Google fragen, um zu erfahren, was man aus diesem heute alles lernen kann.

Verglichen mit anderen Stars der Branche ist Brin jedoch ein Amateur: Elon Musk etwa verdankt seine ganze Reputation als unbeirrbarer Visionär dem Talent, Rückschläge als wichtige Lektionen zu verkaufen: Raketenabstürze, explodierende Autobatterien, vor ein paar Tagen der verpatzte Testlauf in seinem Turbotunnel in Los Angeles – jeder Unfall scheint vor allem für Musks außergewöhnliche Risikobereitschaft zu sprechen. „Wenn Dinge nicht scheitern, sind sie nicht innovativ genug“, hat er einmal gesagt, ein Spruch, wie ihn sich Start-up-Gründer gerne als Bildschirmhintergrund einrichten.

Schon die Adoption von Steve Jobs scheiterte

Als legendärsten Versager aber feiert das Silicon Valley Steve Jobs. Das Fundament dafür legte der Apple-Gründer selbst in einer Rede vor Stanford-Absolventen im Jahr 2005. Die Geschichte glücklicher Unglücke begann demnach noch, bevor er überhaupt geboren worden war: Seine leiblichen Eltern hatten ihn zur Adoption freigegeben und sich extra um Akademiker bemüht, denen aber fiel in letzter Minute ein, dass sie lieber ein Mädchen haben wollten. So landete Jobs bei Eltern mit geringer Bildung, die ihm trotzdem das College ermöglichten.

Ein paar Misserfolge später folgte jener, den er in der Rede als „das Beste, was mir passieren konnte“ bezeichnet: sein Rauswurf bei Apple. „Das Gewicht, erfolgreich zu sein, wurde von der Leichtigkeit ersetzt, wieder ein Anfänger zu sein, in allen Belangen weniger sicher. Es machte mich frei für die kreativste Phase meines Lebens.“ Jobs gründete NeXT, seine zweite Computerfirma, das Trickfilmstudio Pixar und lernte seine Frau kennen. Die Computer von NeXT blieben in den Läden liegen, aber die Software, die Jobs dort entwickelte, trug maßgeblich zum Erfolg von Apple bei, als dieses 1997 NeXT kaufte – mitsamt Jobs.

Der Hype ums Scheitern war so groß, dass er zeitweise sogar selbst zum Geschäftsmodell wurde: 2009 wurde in San Francisco zum ersten Mal die eintägige Konferenz „FailCon“ veranstaltet. In ihren besten Jahren kamen fünfhundert Teilnehmer, ein Erfolg, an dem die Konferenz naturgemäß scheiterte. Das Lob des Scheiterns wurde so allgegenwärtig, dass man dazu keine Vorträge mehr besuchen musste. 2013 fand die FailCon zum letzten Mal in San Francisco statt, danach noch ein paar Mal in Städten wie Barcelona oder Ulan-Bator, mittlerweile nur noch in Grenoble.

Schön gestolpert: Der japanische Roboter Jaxon stürzt im Finale der Darpa Robotics Challenge, Juni 2015

Wer trotzdem noch Tipps dafür braucht, wie man ordentlich auf die Schnauze fällt, findet im Buchhandel ganze Regale voller Ratgeber. Wo früher Machiavellis Weisheiten für Manager in „Leichter Sprache“ erschienen, gibt es heute Darwin für Digital Natives. Und wer die Glückskeksweisheit von der Krise als Chance besonders prätentiös artikulieren will, reißt sie aus dem Zusammenhang von Samuel Becketts Prosastück „Worstward ho“ (auf Deutsch „Aufs Schlimmste zu“) und zitiert diese Stelle: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ Und lässt den herrlich deprimierten Teil einfach weg: „Fail worse again. Still worse again. Till sick for good. Throw up for good. Go for good.“

Von deutschen Jungunternehmern wird die kalifornische Failure Culture mit Vorliebe als Grund für den technischen Vorsprung der Vereinigten Staaten angeführt. Weil die örtliche Stadtsparkasse ihnen aus fehlender Risikobereitschaft keine Kredite für die Entwicklung ihrer bahnbrechenden Apps geben will, verliert die deutsche Wirtschaft chronisch den Anschluss. Sogar der grüne Oberschwabe Winfried Kretschmann warnte in diesem Jahr nach einem Besuch im Silicon Valley vor der deutschen „Fehlervermeidungskultur“.

Und wie so viele idealistische Parolen der Weltverbesserungsindustrie klingt auch die Offenheit für Fehler auf den ersten Blick überaus sympathisch, nach einer Ethik von Toleranz und Vergebung. Aber wer die Videos der FailCon-Referenten anschaut oder die Beichten anderer Gescheiterter liest, merkt schnell, dass es gar nicht das Scheitern ist, das man hier feiert, sondern das Wiederauferstehen, das Nicht-Aufgeben, die Weiterentwicklung, die Selbstoptimierung. Scheitern ist vor allem eine Chance, sich neu zu programmieren, um nach ein paar Bugfixes und Leistungsverbesserungen in der neuen Version noch besser zu funktionieren.

Visionäre keine Stunts

Statt als Rudiment einer warmherzigen Hippiekultur sollte man das Verständnis fürs Scheitern daher vielleicht besser als Ausdruck kybernetischen Denkens betrachten, als wichtiges Feedback für den ökonomischen Regelkreis. In der Logik datengetriebener Systeme spielt es dabei gar keine Rolle, ob Menschen oder Unternehmen scheitern oder nicht. Informationen über Erfolge und Pleiten tragen gleichermaßen dazu bei, die Vorhersagen zu verbessern. Die Lust am Experiment ist nicht anarchistisch, sondern statistisch motiviert. Für das Betriebssystem Silicon Valley (oder die Kalkulationen der Investoren) ist das Scheitern nicht als existentielle Erfahrung wertvoll, sondern als Wert existentiell.

Man mag, wenn man die Hoffnung auf das Potential all der digitalen Wundermaschinen noch nicht aufgegeben hat, an dieser Stelle einwenden, dass der Erfolg diesem Prinzip aber doch recht gibt. Ohne das Scheitern einzukalkulieren, wären am Ende all die revolutionären Dinge nie erfunden worden: das Internet, das Smartphone, die App, die unsere Schritte zählt. Wie beschränkt aber dieser Blick ist, wie blind für den Boden, auf dem all die bewunderten Visionäre ihre mutigen Stunts aufführen: Es war bekanntlich das amerikanische Verteidigungsministerium, in dessen Auftrag Forscher des Massachusetts Institute of Technology das Arpanet entwickelten, den Vorläufer des Internets; das Global Positioning System, die Glasfasernetze, ungezählte andere Technologien wurden durch staatliche Initiativen entwickelt oder mit Steuergeldern gefördert.

Die italienische Ökonomieprofessorin Mariana Mazzucato nennt in ihrem Buch „Das Kapital des Staates“ ungezählte Beispiele dafür, in welchem Ausmaß der Staat Innovationen fördert. Auch Steve Jobs profitierte nicht nur von den 500.000 Dollar Starthilfe, die Apple 1978 vom Staat bekam. Auch sämtliche Komponenten, die das iPhone so smart machen, vom Touchscreen bis zur Spracherkennungsassistentin Siri, gibt es laut Mazzucato nur dank öffentlicher Gelder.

Von den Gewinnen sieht der Staat wenig, lieber investieren die Unternehmen in Lobbyarbeit für Steuersenkungen. Aber spätestens seit der Finanzkrise 2008 wissen sie, wer für sie da ist, wenn sie irgendwann einmal scheitern.