Der angekündigte Rückzug von Sahra Wagenknecht aus der ersten Reihe der Politik verdeutlicht: Ihr Beruf bedeutet enormen psychischen und physischen Stress. Es ist bemerkenswert, wie andere Spitzenpolitiker dem Druck standhalten.

Nach dem Rückzug der Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht aus der ersten Reihe des Politikbetriebs wird nun wild spekuliert. Sie hat nun dem „Spiegel“ ein bemerkenswertes Interview gegeben, in dem sie die Belastungen des Politikbetriebs beschreibt und über ihre Enttäuschung spricht, dass aus der Bewegung „Aufstehen“ nichts geworden ist. Ihr ist hoch anzurechnen, dass sie das Gespräch nicht für eine persönliche Abrechnung genutzt hat und nur sehr wenig auf die Auseinandersetzung in der eigenen Partei und Fraktion eingeht.

Und es ist sogar noch bemerkenswerter, wie sehr sie hervorhebt, dass Stress und Streit zum Job dazugehören. Und dass es auch ihre persönliche Belastung und Enttäuschung waren, die zu ihrer Erschöpfung geführt haben. Aber gerade weil Wagenknecht diesen unglaublichen Stress der politischen Arbeit als normal beschreibt, sollte man sich doch einmal fragen, welche Belastungen die Arbeit in der Politik mit sich bringen – und was sich vielleicht besser machen lässt.

Nach der psychischen Gesundheit von Wagenknecht befragt, könnte ein Arzt nur die einzig mögliche Antwort geben: Nämlich die, dass jedes Mitglied unseres Berufsstandes umgehend zur Verantwortung gezogen werden muss, wenn es öffentlich über die Gesundheit anderer spricht oder spekuliert. Das gilt für Wagenknecht wie für Alexander Gauland oder Donald Trump.

Gerade deswegen ist es umso wichtiger, über die gesundheitlichen Auswirkungen des Politikbetriebs zu reden. Und mit klassischen wissenschaftlichen Studien lässt sich hier nur schwer eine Antwort finden. Weil die Menschen, die in die Politik gehen und länger dort bleiben, meistens über besondere Fähigkeiten und eine außergewöhnliche psychische Robustheit verfügen. Und wahrscheinlich nicht mit anderen Menschen vergleichbar sind, die wahrscheinlich nach zwei Wochen Arbeit im Bundestag ein Magengeschwür und Bluthochdruck hätten. Wobei Politiker so was natürlich auch bekommen.

Lange Tage, vollgestopft mit Terminen, bei denen zwar auch gelobt wird – vor allem aber Erwartungen an einen herangetragen werden, die meistens in der Gesamtheit kaum übereingebracht, geschweige denn vollständig erfüllt werden können. Dafür gibt es dann permanent Kritik, weil außerhalb des Politikbetriebs oft wenig Verständnis dafür herrscht, wie viele Kompromisse gemacht werden müssen, um zumindest kleine Teile der eigenen Agenda durchzusetzen.

Und dazu lauert noch ständig die Gefahr, dass ein Vorkommnis aus der Vergangenheit aufgedeckt und skandalisiert oder eine Aussage aus dem Kontext gerissen und so verdreht wird, dass man zum Gespött der Öffentlichkeit wird.

Es ist deshalb absolut beeindruckend, wie gut Menschen wie Angela Merkel, Andrea Nahles, Philipp Amthor oder Horst Seehofer diesen enormen Stress aushalten. Die langen Verhandlungsnächte, die Beleidigungen, die Anfeindungen, die fast nie juristisch verfolgt werden. Und die ständige Wachsamkeit von Journalisten und Fotografen, die jeden Fehler und jede Schwäche sofort dokumentieren und veröffentlichen könnten.

Durch das Internet und die sozialen Medien ist dieser Druck noch mal gestiegen, weil jeder, der einen Politiker oder eine Politikerin beim Bäcker trifft, sofort das Smartphone zücken, ein Video machen und das sofort irgendwo hochladen kann.

Der israelisch-amerikanische Soziologe Aaron Antonovsky hat in den 1970ern einige bemerkenswerte Untersuchungen dazu gemacht, wie es kommt, dass manche Menschen Belastungen besser aushalten als andere. Bei einer Studie über Frauen in der Menopause in Israel fiel ihm auf, dass unter den Frauen in seiner Studie, die, bevor sie nach Israel kamen, in einem Konzentrationslager gefangen gewesen waren, 29 Prozent körperlich und psychisch gesund waren.

Wie lässt sich das Leben unbeschadet überstehen?

Diese Beobachtung beeindruckte ihn so sehr, dass er seine Frage veränderte und nicht mehr fragte, was Menschen krank macht. Sondern was dazu führen kann, dass sie selbst die widrigsten und furchtbarsten Umstände psychisch weitestgehend unbeschadet überstehen können.

Antonovsky stellte fest, dass drei Faktoren besonders wichtig sind für das, was in der Psychologie und Medizin heute oft als „Resilienz“ bezeichnet wird: das Gefühl, das Leben, so wie es ist, verstehen und auch beeinflussen zu können. Und der Glaube an einen Sinn.

Wenn diese Faktoren in ausreichendem Maße vorhanden sind, haben Menschen bessere Chancen, die Herausforderungen des Lebens unbeschadet zu überstehen. Und das gilt für unmenschliche Qualen durch psychische und physische Folter in deutschen Konzentrationslagern wahrscheinlich ebenso wie für die Belastungen durch die Menopause, die Antonovsky ursprünglich in seiner Studie untersuchen wollte. Und genauso für die täglichen Belastungen des Politikbetriebs.

Auch wenn das Bild von Politikern oft ein anderes ist – das der machthungrigen Karrieristen und zynisch kalkulierenden Strategen: Die meisten von ihnen, die diese Arbeit länger auf sich nehmen, sind Überzeugungstäter. Macht und vor allem Geld gibt es in der Wirtschaft mehr zu holen, und wer bereit ist, das Arbeitspensum des politischen Betriebs auf sich zu nehmen, schafft es auch dort. Ohne dabei permanent dem Druck der Öffentlichkeit ausgesetzt zu sein.

Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert und ein Zeichen sehr großer Stärke, dass Politiker wie Wolfgang Bosbach und Volker Bouffier so offen über ihre Krebserkrankungen sprechen. Und damit nicht nur zu Vorbildern werden für andere Menschen in ähnlichen Situationen. Sondern auch ihre menschliche Stärke unter Beweis stellen.

So wie auch Wolfgang Schäuble, der nach einem schweren Attentat in die Politik zurückkehrte und nicht nur die zusätzlichen Beschwerlichkeiten im ohnehin schon schweren Politikeralltag auf sich nahm. Sondern auch die Diskussionen aushielt, ob ein Mensch mit einer körperlichen Behinderung deutscher Bundeskanzler sein könne.

Wer nun als Journalist oder einfacher Bürger in den klassischen oder sozialen Medien die anderen Politiker als das Problem benennt und fragt, ob Politik krank macht, sollte vielleicht lieber erst mal einen Schritt zurücktreten und überlegen, ob der größte Stress für Berufspolitiker wirklich nur bei „denen in der Politik“, also innerhalb der eigenen Berufsgruppe entsteht.

Oder ob man auf den immer offeneren Umgang von Politikern auch mit physischen und psychischen Beschwerden und Erkrankungen nicht mit mehr Achtung reagieren sollte. Und ganz persönlich diesen hart arbeitenden Dienerinnen und Dienern unserer Demokratie dort, wo man privat darüber redet oder sich anderen öffentlich mitteilt, mit etwas mehr Respekt entgegentreten sollte.