Deutschland rückt nach links. Die derzeit beliebteste Koalition wäre Rot-Rot-Grün. Selbst in der CDU haben sich linke Denkmuster ausgebreitet. Die Ursache liegt in einer verqueren Vorstellung von Fortschritt. Kaufen kann man sich davon nichts.

Deutschland rückt nach links. Wer nach Greta-Euphorie, den grassierenden Enteignungsfantasien und dem demoskopischen Höhenflug der Grünen noch Zweifel an dieser Einsicht hatte, der sollte durch eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov eines Besseren belehrt sein: Demnach ist die derzeit beliebteste Koalition der Deutschen Rot-Rot-Grün.

25 Prozent der Befragten bevorzugen ein solches Linksbündnis. Deutlich abgeschlagen sind hingegen Jamaika (15 Prozent) und Schwarz-Grün (14 Prozent). Von den Wählern der Grünen wünschen sich derzeit sogar 54 Prozent Rot-Rot-Grün, was angesichts der jüngsten Umfragewerte der Grünen nicht ohne Gewicht ist.

Die Mitte rückt nach links

Alles halb so wild, könnte man argumentieren: Teilt man die Lager anhand der traditionellen Politlängengrade, so hat sich wenig verändert: Links vom imaginierten Nullmeridian, also bei Sozialisten, Sozialdemokraten und Linksalternative sammeln sich ungefähr 45 Prozent, dergleichen rechts von der Mitte bei Liberalen, Liberalkonservativen und Nationalkonservativen. Zwar haben sich innerhalb der jeweiligen Lager dramatische Verschiebungen ergeben – SPD und Grüne haben die Rolle getauscht, die AfD ist neu hinzugekommen – doch das ändert an der Grundkonstellation zunächst wenig.

Aber Parteinamen und politische Etiketten sind letztlich Äußerlichkeiten. Entscheidend sind die Inhalte und die jeweils vertretenen Prinzipien und Ideen. Und hier ist zu beobachten, dass die Mitte der deutschen Gesellschaft seit Jahren kontinuierlich nach links rückt, wie man besonders deutlich am Beispiel CDU sieht. Bis weit hinein in das, was man früher einmal das bürgerliche Lager nannte, haben sich dort linke Denkmuster und Topoi breitgemacht. Das beginnt in der Sozial- und Wirtschaftspolitik und endet bei den „weichen“, gesellschaftspolitischen Themen wie Ausbildung und Familie. Traditionelle konservative Prinzipien ebenso wie Ideen des klassischen Liberalismus werden nur noch selten vertreten.

Gesellschaftliche Normen sind nicht fortschrittlich

Stellt sich die Frage: Wie konnte es dazu kommen? Eine Antwort ist sicher: Aufgrund einer reichlich verqueren Vorstellung von Fortschritt. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war es ein Kennzeichen des Bürgertums, technisch fortschrittlich, gesellschaftlich aber mehr oder minder konservativ zu sein. Im Jargon Mao Tse-Tungs nennt man so etwas einen Hauptwiderspruch.

Also modernisierte sich das Bürgertum ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert schrittweise auch kulturell beziehungsweise ideologisch. Denn eine Klasse, die von industriellen und technischen Innovationen lebt, kann kulturell nicht den Ideen des Ewigen und Unveränderlichen verhaftet bleiben.

Doch an dem Punkt gab es ein Problem: Technischer Fortschritt ist relativ leicht zu beschreiben und zu quantifizieren. Ein moderneres Auto ist schneller, sicherer, komfortabler als ein altes Auto. Aber was ist gesellschaftlicher, kultureller oder normativer Fortschritt? Wie sollte der aussehen? Sind moderne Gesellschaften tatsächlich in einem normativen Sinne fortschrittlicher als etwa antike? Man darf zweifeln. Gesellschaftliche Normen variieren, sie divergieren, sie entwickeln sich. Aber sie sind nicht fortschrittlich – auch wenn die politische Linke das in der eigenen Selbstdarstellung immer behauptet hat.

Ablenkung von der Fortschrittsunfähigkeit

Tatsächlich unterliegt die politische Linke – und mit ihr der gesamte politische Diskurs – einem zentralen Kategorienfehler. Man überträgt einen Begriff aus der Technik- und Wissenschaftsgeschichte in den Bereich des Gesellschaftlichen und Normativen. Es gibt aber keine fortschrittliche Gesellschaftspolitik.

Allerdings – und hier wird es interessant – ermöglicht die Idee des moralischen und gesellschaftlichen Fortschritts von der tatsächlichen Fortschrittsunfähigkeit einer Gesellschaft abzulenken. Zwar hat Deutschland seit den siebziger Jahren sukzessive den wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Anschluss in den entscheidenden Schlüsseltechnologien verloren, umso „fortschrittlicher“ ist man jedoch auf gesellschaftlichem Gebiet. Schade nur, dass man sich davon nichts kaufen kann.

Wir verpassen den Anschluss

Der kontinuierliche Linksrutsch der deutschen Gesellschaft ist nichts anderes als Fortschrittssimulation. Man gibt sich progressiv, verpasst aber soeben endgültig den Anschluss an die technische, wissenschaftliche und wirtschaftliche Weltspitze. Wie haben zwar keinen relevanten Hightech-Konzern, dafür aber Gendertoiletten. Oder genauer: Wir übernehmen den Lifestyle des Silicon-Valley, haben aber noch das Ruhrgebiet im Kopf.

Die Protagonisten des aktuellen Linkstrends geben sich gerne als Speerspitze des Fortschritts. Was für ein Irrtum. Nicht auszuschließen, dass sie lediglich Ausdruck einer verzagten, alternden Gesellschaft sind.