Einwandfreies Deutsch gilt heute als reaktionär. Nicht nur in sozialen Medien, sondern auch im Radio. Aber Geplapper, Gegrunze, Gebrüll ist nicht Sprache. Siri oder Alexa werden niemals Sprachlehrer sein.

Wie relevant ist „Twitter-Deutsch“ für die Entwicklung der Sprache? Das Institut für deutsche Sprache (IDS) in Mannheim hat dieser Frage seine 55. Jahrestagung gewidmet. Denn es ist offensichtlich: Dieses eilig hingetippte Deutsch unterscheidet sich eklatant von der Schriftsprache, wie sie in Literatur, Verwaltung und im sonstigen Schriftverkehr üblich ist.

Reden wir bald alle so, wie wir auf Facebook schreiben? In diesem Schluderdeutsch, mit zahllosen Häkchen, drei Ausrufezeichen oder sieben Fragezeichen hintereinander oder mit vielsagendem Punkt, Punkt, Punkt und der stillschweigenden Aufforderung an den Empfänger, sich den Rest selbst zu denken? Drei Tage lang referierten und debattierten Linguisten der verschiedensten Forschungsrichtungen über „Deutsch in sozialen Medien“ – natürlich in der Absicht, einem „Wandel“ der Sprache auf die Spur zu kommen, der sich da offenbar ganz ungeniert und allen Regeln zum Trotz austobt.

Jannis Androutsopoulos (Hamburg), der ganze Textsammlungen aus dem Internet durchforstet hat, um den „Interpunktionsgebrauch in der digitalen Textproduktion“ zu eruieren, musste einen Dämpfer hinnehmen. „Ich habe gerade erst Freundschaftsbriefe durchgearbeitet, die sich Damen im 18. Jahrhundert geschrieben haben – da findet man denselben Gebrauch von Satzzeichen auch schon, bis auf die Emoticons“, entgegnete ihm eine Kollegin. Ist es mit dem „gegenwärtig ablaufenden soziolinguistischen Wandel“, den Androutsopoulos hatte nachweisen wollen, doch nicht so weit her?

Jenes Deutsch, das in der Frühzeit von Rundfunk und „Schaufunk“ (Fernsehen) erstmals länder- und dialektübergreifend Menschen aller Bildungsgrade und Interessen zu einer Gemeinde von Adressaten zusammenfasste, sollte noch erzieherisch wirken: „Nach Millionen zählende Volksschichten hören ihre Sprache wieder regelmäßig in einer klanglich und stilistisch einwandfreien Form“, hatte der Sprachphilosoph Franz Thierfelder in den Nachkriegsjahren registriert. Heute, in der Zeit der Quoten und der Anbiederung der tönenden Medien an ein vermeintlich populäres Alltagsdeutsch mit bewusst vereinfachter, oft falscher Grammatik gilt solche „einwandfreie Form“ vielen „fortschrittlichen“ Sprachwissenschaftlern als reaktionäres, anstößiges, weil an „Sprachlenkung“ und „Indoktrination“ erinnerndes Ideal.

Ausdruck radikaler Veränderungen

Für das Sprachmaterial, mit dem es die Linguisten in den sozialen Medien zu tun haben, gelten dagegen entweder gar keine oder eher destruktive Regeln. Ja, die sozialen Medien scheinen geradezu den Boden zu bereiten für neue, hässliche, hasserfüllte Botschaften und Umgangsformen. Von Cybermobbing über Cyberstalking bis Shitstorm, Hate Speech und Fake News reichen die durchgängig englisch bezeichneten Schubladen, mit denen Linguisten ihre Beispiele einordnen.

Sprachforscher wie Anatol Stefanowitsch wollten in Mannheim in derlei Erscheinungen bereits den Ausdruck „massiver Veränderungen unserer Konzeptualisierung von Nähe und Distanz, Öffentlichkeit und Privatheit, Dialogizität und kommunikativer Verantwortung“ sehen. Aber zeichnet sich wirklich so etwas wie eine neue, radikalisierte Gesellschaft ab?

In einem seiner berühmten Traktate aus den frühen 70er-Jahren über das Wechselverhältnis von Sprache und Geist hat der Amerikaner Noam Chomsky aus gutem Grund empfohlen, über frühe Stufen der Sprachentwicklung vorsichtiger zu urteilen. Daraus, „dass man einen Hund dazu abrichten kann, auf gewisse Befehle zu reagieren“, dürfe nicht gleich geschlossen werden, „dass er eine Sprache versteht“.

Auf das Schulhof- und Sprechblasendeutsch in den sozialen Medien übertragen würde das heißen, dass Geplapper, Gegrunze, Gebrüll noch längst nicht Sprache ist. Daraus die Merkmale „neuer Öffentlichkeiten“ abzulesen, die „sprachliche Konflikte und sprachliche Gewalt ermöglichen, ermutigen oder vielleicht sogar erzeugen“ (Stefanowitsch), wird sich objektiv schwerlich ableiten lassen und bleibt politisch spekulativ.

So ist an Fake News natürlich nicht die Kommunikations-, Vervielfältigungs- und Verbreitungsmaschine Twitter „schuld“, sondern ein zwiespältiges Verhältnis zur Wahrheit, das den Autor, nicht das Medium charakterisiert. Lily Tonger-Erk, die Tübinger Germanistin, hatte es schon Jahre vor der Präsidentschaft des Donald Trump bei Günter Grass identifiziert. Sein autobiografischer Roman „Beim Häuten der Zwiebel“ habe bewusst mit „zwei widersprechenden Werterahmen“ gearbeitet. Und zwar aus einem nicht von Anfang an durchsichtigen Grund: nämlich, um mit diesem Kunstmittel die Frage nach Grass’ Mitgliedschaft in der Waffen-SS „zu suspendieren“, wie die Forscherin folgerte. „Die Fakten Lügen strafen“ hatte sie ihre Rezension überschrieben. Das funktionierte auch damals schon ganz ohne soziale Medien im traditionellen Buch. Versteckt sich in diesem Kunstmittel also ein neues Deutsch? Wohl eher nicht.

Fake News, so sagen es neueste Untersuchungen, verbreiten sich sechsmal schneller als echte Fakten; aber entgegen landläufiger Meinung nicht, wie Matthias Kohring aus Mannheim argumentiert, weil sie mehr „geglaubt“ würden. Es gehe dabei überhaupt nicht um Fakten an sich. Die Suche nach „alternativen Informationen“ werde erst ausgelöst durch ein mangelndes Vertrauen in tatsächliche Fakten, in die Politik, in demokratische Institutionen. Ein „laxer Umgang mit demokratischen Prinzipien“, wie er sich leider in der Politik eingebürgert habe, wirke sich deshalb „viel schädlicher als Fake News aus“, warnt der Sprachwissenschaftler. Und gelogen wurde natürlich schon immer. Eine neue sprachwissenschaftliche Erkenntnis verbirgt sich auch darin nicht.

Die Antworten auf die Fragen, wie sich unsere Sprache durch die Kommunikation in sozialen Medien verändert und welche Auswirkungen diese Kommunikation auf unsere schriftsprachlichen Kompetenzen hat, blieben verschwommen. Es wurde viel orakelt, wie „vertrauenswürdig“ die neuen Medien seien, ob sie das „Ausleben von Diskriminierung und Gewalt“ förderten und welche Folgen sie auf gesellschaftliche und politische Prozesse haben könnten – Fragen, die bis hin zur Beeinflussung von Wahlen und zum Cyberkrieg ihren Rang und ihre Bedeutung haben, nur nicht zum zentralen Forschungsgegenstand der Linguisten gehören.

Dabei gibt es genug zu tun, um Klarheit über laufende Prozesse zu gewinnen. Etwa über den Stumpfsinn einer „vereinfachten Sprache“, wie er unter dem Protektorat einflussreicher Sprachforscher ständig an Boden gewinnt. Der Iraker Abbas Khider, der mit seinem „endgültigen Lehrbuch“ eines „Deutsch für alle“ gerade die Bestsellerlisten stürmt, hat die schweißtreibenden Klimmzüge der Linguistik, auf Teufel komm raus einen Sprachwandel, ein „Neudeutsch“ herbeizureden, mit einer köstlichen Persiflage quittiert. Das Publikum, das seinen „ernsthaften sprachwissenschaftlichen Schwachsinn“ durchschaut, vergilt es ihm mit anerkennendem Hohngelächter.

Künstliche Dichter und Denker?

Mit mehr Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung kann man über die anscheinend längst noch nicht ausgeschöpften Potenziale einer einst zu Recht hochberühmten Sprache der Dichter und Denker nicht extemporieren. Gerade darin liegt die Hoffnung, wenn es (wie bei Netaya Lotze, Münster) um die heute von wachen Geistern als bedrohlich empfundene Überwältigung des Menschen durch Künstliche Intelligenzen geht: Der Computer und seine Sprechfiguren, heißen sie nun Siri oder Alexa, werden niemals Sprachlehrer und Sprachentwickler sein.

Sind sie schon durch Mehrfachbedeutung, Hintersinn und Nebensinn der Wörter überfordert, so fallen sie erst recht auf die allergewöhnlichsten sprachlichen Verfremdungstechniken herein. Für Andeutungen, versteckte Anspielungen und Metaphern, für Lüge, Ironie und Satire, für verwirrtes, verklausuliertes und dadaistisches Sprechen haben selbst die hochgezüchtetsten aller Roboter kein Organ. Sie befördern Vokabeln – was Wahrheit und Fälschung, was Ernst und Jux ist, wissen sie nicht.