Künstliche Lichtquellen erhellen die Erde immer mehr: Das hat nicht nur Auwirkungen auf den Menschen und seine innere Uhr – auch die Umwelt wird beeinträchtigt. Städte wie Fulda gehen dagegen an.

Noch nie war es auf der Erde so hell wie heute. Über Jahrmillionen bestimmte der Tages-Nacht-Rhythmus das helle und das dunkle Gesicht des Planeten. Spätestens mit der Erfindung der Elektrizität und der Glühbirne hat sich das gewandelt. Heute entscheidet die Menschheit eigenständig und ohne göttliches Zutun: Es werde Licht.

Und es wird Licht. Immer mehr. Vom Weltraum aus ist das klar zu erkennen. Forscher haben festgestellt: Die künstlich illuminierte Erdoberfläche wächst alljährlich um rund 2 Prozent. Um etwa den gleichen Faktor nimmt die Leuchtintensität insgesamt zu. Diese Erkenntnis gewann eine Wissenschaftlergruppe unter Leitung von Christopher Kyba vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam zwischen 2012 und 2016.

Sie nutzten den Satelliten Suomi-NPP, der seit Oktober 2011 in einer Höhe von 824 Kilometern 14 Mal am Tag vom Nordpol zum Südpol und zurück fliegt. An Bord führt er ein spezielles Strahlungsmessgerät namens Viirs („Visible/Infrared Imager Radiometer Suite“) mit. Dieses Radiometer kann Licht im Wellenlängenbereich zwischen 500 und 900 Nanometern untersuchen. Mit seiner Hilfe ließen sich sehr genaue Karten der Lichtabstrahlung erstellen.

Tatsächlich dürften die ermittelten Daten die momentan schon dramatische Lage noch zu beschönigt darstellen. „Wir sehen nur einen Teil der Zunahme“, sagt Kyba. Denn der Sensor kann Licht mit Wellenlängen unter 500 Nanometern nicht erkennen. Und das Licht moderner weißer LED-Lampen enthält einen hohen Anteil mit kurzen Wellenlängen. Für Viirs erscheinen so manche Orte dunkler, selbst wenn sie in Wirklichkeit heller strahlen. „Die Lichtverschmutzung ist noch stärker, als es die Viirs-Zeitreihen vermuten lassen“, konstatiert das Geoforschungszentrum.

Lichtverschmutzung – das Wort klingt fast so schlimm wie Klimawandel. Kann Licht wirklich schlecht sein? Steht nicht schon in der Bibel und im Koran, dass Helligkeit etwas Gutes und Finsternis etwas Schlechtes ist? Und hat nicht der Leuchtenproduzent Osram viele Jahre lang mit dem Slogan „Hell wie der lichte Tag“ für seine Leuchtmittel geworben?

Vor allem Astronomen haben sich bislang über die wachsende Helligkeit in der Dunkelheit geärgert. Wer Sterne beobachten will, den stört die Aufhellung des Nachthimmels durch künstliche Lichtquellen. Schon in den achtziger Jahren sorgte man sich, dass das 5,1-Meter-Spiegelteleskop auf dem kalifornischen Mount Palomar für viele Zwecke nicht mehr nutzbar war. Binnen zwei Jahrzehnten sei die Helligkeit des Nachthimmels hier auf das Vierzigfache gestiegen. 2016 stellten Wissenschaftler fest, dass einem Drittel der Menschheit der Blick auf die Milchstraße durch zu viel Erdlicht verbaut ist.

Elena Simperl von der University of Southampton spricht von einem Umweltproblem, das die Urbanisierung mit sich bringe. „Künstliche Lichtquellen tragen zum Artenschwund bei“, sagt der Biologe Arno Schanowski. Vogelarten wie der Balearensturmtaucher oder die Sturmschwalbe sind nach einem 2015 veröffentlichten Bericht im „Journal of Ornithology“ durch Kunstlicht in ihrem Lebensraum stark gefährdet. Zugvögel werden durch Kunstlicht von ihren angestammten Routen abgebracht und fliegen zu Zehntausenden gegen nächtlich erleuchtete Glasfassaden von Hochhäusern.

Fulda will etwas tun

In einem Forschungsprojekt des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) wird darauf verwiesen, dass der Nachthimmel heute vielerorts Hunderte Male heller strahlt als früher. „Die möglichen Folgen des Verlusts der Nacht für Ökosysteme und die Biodiversität könnten beträchtlich sein.“ Die Biomasse fliegender Insekten hat nach einer 2018 in den „Annals of Applied Biology“ von den Leibniz-Forschern publizierten Studie unter anderem aufgrund tödlich wirkender Lichtquellen um rund 75 Prozent abgenommen.

IGB-Arbeitsgruppenleiter Franz Hölker verweist auf die Folgen für den Menschen. LED-Licht am Abend könne die innere Uhr völlig durcheinanderbringen. Daher beschäftigen sich viele Kommune schon heute aktiv damit. Weit vorne ist da Fulda. Die osthessische Stadt wurde jüngst von der International Dark Sky Association zur ersten „Dark-Sky-Kommune“ Deutschlands gekürt. „Ein großer Teil der Lichtverschmutzung ist vermeidbar, und wir wollen mit intelligenten Lösungen als Vorbild für andere Kommunen vorangehen“, sagt Oberbürgermeister Heiko Wingenfeld.

Es geht der Stadt zufolge um „zu viel und vor allem falsch gerichtetes Licht in kalten Lichtfarben“. Wingenfeld weiß auch, dass mancher der 70.000 Einwohner Fuldas die Initiative mit dem schönen Titel „Sternenstadt“ falsch verstehen könnte. Daher versichert er: „Wir werden aber nicht als Oberkontrolleure durch die Stadt laufen und prüfen, in welchen Geschäften welches Licht brennt.“ Denn zurück in die Ära vor der Glühbirne will trotz bester Sternenbeobachtungsmöglichkeiten ja niemand.