Muslimische Frauen werden auch hierzulande von ihren Männern unterdrückt, verprügelt, sogar ermordet. Der Psychologe Jan Ilhan Kizilhan sagt, inwiefern diese Probleme im Islam selbst begründet sind – und was getan werden muss.

Der Psychologe Jan Ilhan Kizilhan, 54, gebürtiger Kurde aus der Türkei, kam mit sieben Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland. Er studierte Psychologie und Soziologie in Bochum, Orientalistik in Göttingen und später an der Universität Georgetown in Washington, D. C. Kizilhan begann 2017 ein Projekt zur Gewaltprävention für geflüchtete Frauen in Asylheimen mit dem Ethnomedizinischen Zentrum Hannover. Das Projekt wird vom Bundeskanzleramt unterstützt.

TPN: Professor Kizilhan, muslimische Frauen dürfen oft kaum das Haus verlassen ohne männlichen Aufpasser. Wie kann man sie schützen vor häuslicher Gewalt?

Jan Ilhan Kizilhan: Schon seit 2017 haben wir für diese Frauen Ratgeber entwickelt. Aber noch wichtiger ist, dass wir Mediatorinnen schulen. Das sind Frauen, die selber einen Migrationshintergrund haben, aus den verschiedenen arabischen und afrikanischen Ländern stammen, in die Flüchtlingsheime gehen und mit den Betroffenen reden können, weil sie ihre Sprache sprechen. Das machen wir übrigens schon seit 2017, und wir wurden von Anfang an gefördert durch das Bundeskanzleramt und die Integrationsbeauftragte Annette Widmann-Mauz.

TPN: Warum erst seit 2017? Schien diese Gewaltprävention zu Beginn der starken Flüchtlingszuwanderung 2015 noch unnötig?

Kizilhan: Gerade am Anfang war die Situation recht unübersichtlich. Vor allem seit 2016, 2017 kamen dann vermehrt Informationen an die Öffentlichkeit, dass auch in den Flüchtlingseinrichtungen sich viele Frauen nicht ausreichend schützen können vor Übergriffen. Damals gab es auch Fälle, wo man Homosexuelle, die aus dem Iran geflüchtet waren, in der Nähe von heterosexuellen Landsleuten unterbrachte. Das war gut gemeint.

Aber die Homosexuellen wurden dann diskriminiert, gemobbt und zum Teil geschlagen. Derartige Fälle haben dazu geführt, dass meine Hochschule in Villingen-Schwennigen gemeinsam mit dem Ethnomedizinischen Zentrum in Hannover 2017 einen Antrag gestellt hat für ein solches Projekt.

TPN: Wie viele Mediatoren haben Sie geschult?

Kizilhan: Bislang sind es fast 1000. In der Hauptsache haben wir Frauen ausgebildet, seit diesem Jahr sind auch Männer hinzugekommen, bislang 244. Bei unseren Veranstaltungen bundesweit haben wir bislang 11.400 Teilnehmer gehabt.

TPN: Welche Möglichkeit zur Prävention oder Intervention haben Sie in den Fällen, in denen die Familien schon länger hier sind und außerhalb der Einrichtungen in eigenen Wohnungen leben?

Kizilhan: Auch da suchen unsere Mediatorinnen den direkten Kontakt. Es gibt leider eine Menge häuslicher Gewalt bei Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund. Aufgrund der sehr traditionellen Familienvorstellungen wird da vieles verheimlicht. Ich selber habe eine Studie zu Zwangsverheiratung gemacht, in der ich zwangsverheiratete türkische Frauen mit anderen Türkinnen verglichen habe, die nicht zwangsverheiratet waren.

TPN: Ihr Ergebnis?

Kizilhan: Sowohl psychische Erkrankungen als auch Suizidalität sind bei Zwangsheiraten deutlich häufiger festzustellen. Das bedeutet, dass lokale Netzwerke und Beratungsstationen noch viel aktiver bei der Gewaltprävention werden müssen, um auch an diese Frauen heranzukommen. Dabei hilft uns bei allen Problemen die Idee, dass wir Leute ausbilden, die aus der gleichen Kultur kommen, die gleiche Sprache sprechen.

TPN: Und die möglicherweise selbst zwangsverheiratet wurden?

Kizilhan: Ja, unter unseren Mediatorinnen gibt es auch einige Frauen, die einst zwangsverheiratet wurden. Meist fällt es den Betroffenen leichter, sich Frauen zu öffnen, die teilweise seit mehreren Jahrzehnten hier in Deutschland leben. Und auf dieser Grundlage können wir Wege aufzeigen, damit sie im Sinne von Empowerment lernen, nicht weiter zuzulassen, dass ihnen oder ihren Töchtern Gewalt angetan wird.

TPN: Was sagen Sie den Muslimen, die Ihnen erklären, das unterschiedliche Rollenverständnis von Mann und Frau gehöre nun einmal zu ihren Werten?

Kizilhan: Es gibt Traditionen, die man achten muss, aber es gibt auch klare Grenzen. Menschen müssen Kulturen oder Religionen, die Gewalt legitimieren, auf den Prüfstand stellen. Die universalen Menschenrechte, wie wir sie verstehen, müssen auch in der islamischen Welt akzeptiert werden.

TPN: Erleben Sie Fälle, in denen junge Frauen, die ohne Familie nach Deutschland kamen, dies quasi als Chance begreifen, sich von den patriarchalischen Strukturen daheim zu emanzipieren und beispielsweise einer Zwangsverheiratung zu entgehen?

Kizilhan: Wenn sie eine ausreichende psychosoziale Unterstützung hätten, indem sie sich schnell integrieren könnten und rasch aus den Flüchtlingseinrichtungen kämen, wäre das sicherlich häufiger der Fall. Das wären Frauen, die schnell Deutsch lernen und in der deutschen Community ein Zuhause finden.

Aber die meisten Flüchtlinge kommen aus ländlichen Gegenden und sind selbst sehr traditionell sozialisiert. Deswegen möchten wir auch durch Kampagnen auf höherer Ebene und gleichzeitig in den Einzelgesprächen Frauen, die Gewalt ausgesetzt sind, die Möglichkeit eröffnen, aus diesen Strukturen herauszukommen.

TPN: Sehen Sie eine Entwicklung beim Islam in Richtung einer Akzeptanz westlicher Werte?

Kizilhan: Der Islam steckt nach meiner Beobachtung in einer Übergangsphase. Die meisten islamischen Gesellschaften stehen noch vor der Herausforderung, das Gewaltmonopol an den Staat zu delegieren, so wie es moderne Gesellschaften in der westlichen Welt geschafft haben mit dem Ziel, Gewalt zu reduzieren und zu kontrollieren. Der Islam versucht seit seinen Anfängen in Mekka beziehungsweise Medina, diese Strukturen der Säkularisierung, der Trennung von Staat und Religion herzustellen, aber er hat es bis heute nie geschafft.

Ich bin sehr oft in islamischen Ländern, und ich sehe, dass viele Menschen dort Veränderungen wollen. Sie möchten eine andere Lebensweise führen. So denkt nach meinen Beobachtungen die Mehrheit der Muslime. Aber dann kommen radikale Organisationen wie IS oder Boko Haram, die diesen Prozess stoppen, damit keine Veränderung stattfindet.

TPN: Handelt es sich bei den Muslimen, die sich Veränderungen wünschen, um Männer, die mal guten Gewissens Alkohol trinken möchten? Oder wollen die tatsächlich auch den Frauen Rechte geben?

Kizilhan: Bei der Unterdrückung der Frau geht es ja gar nicht immer um den Islam selbst. Oft handelt es sich eher um patriarchalische Strukturen, die sich aber so stark in den Islam eingenistet haben, dass man oft gar nicht mehr sagen kann: Ist das islamisch? Oder patriarchalisch? Oder beides?

Das ist ein Gemisch aus beidem geworden, bei dem auch viele Muslime den Überblick verloren haben. Zum Beispiel werden sogenannte Ehrenmorde oft als islamisch dargestellt. Wir wissen aber, dass es sich um eine patriarchalische Idee handelt. In vielen nicht islamischen Ländern der Welt gibt es die gleiche Prozedur.

TPN: Auch Jesiden, die der IS zu Tausenden getötet hat, verüben sogenannte Ehrenmorde, wenn die Töchter Umgang pflegen mit Männern, die dem Vater aus ethnischen oder religiösen Gründen nicht genehm sind.

Kizilhan: In der Tat, bei Jesiden gibt es Ehrenmorde, und auch bei assyrischen Christen. Das ist kein islamistisches Monopol. Und viele Muslime wollen davon weg. Den Muslimen, die Veränderung wollen, geht es um die individuelle Freiheit. Muslimische Frauen sehen in der Öffentlichkeit und durch die sozialen Medien, welche Möglichkeiten ihnen Frauenrechte geben. Das wünschen sie sich dann auch. Wir beobachten beispielsweise im Iran eine solche Entwicklung.

TPN: Da tauchen dann Videos von mutigen jungen Frauen auf, die in iranischen Städten allen Verboten zum Trotz in der Öffentlichkeit tanzen.

Kizilhan: Ich bin jedes Jahr im Iran, weil ich dort eine Gastprofessur habe, und in einigen medizinischen Fakultäten studieren dort mehr Frauen als Männer. Frauen verlangen gerade im Iran nach Bildung. Zudem beobachte ich über die letzten rund 15 Jahre eine wachsende Tendenz des Aufbegehrens gegen dieses Regime.

Die Iraner leben quasi in zwei Welten. Das eine ist die offizielle Welt. Wenn man sich auf der Straße begegnet, muss man das Protokoll einhalten. Auf der anderen Seite führen iranische Frauen und Männer im Privaten und im Freundeskreis oft ein sehr westliches Leben, bis hin zu negativen Erscheinungen wie Alkoholabhängigkeit. Aber weil der Islam Alkohol verbietet, ist dann offiziell lediglich von „Suchterkrankten“ die Rede.

TPN: Andererseits werden in muslimischen Staaten wie der Türkei die Uhren zurückgedreht, und auch in Deutschland tragen inzwischen viel mehr junge Musliminnen Kopftücher.

Kizilhan: Wir erleben, dass Menschen in Krisenzeiten erzkonservativ werden. Das heißt, sie kehren zurück in die Welt ihrer alten Werte und Normen. Das patriarchalische System hat ihnen Sicherheit gegeben, weil es Kollektive bildet und die Familien auch ohne den Staat auskommen lässt.

Wenn der Staat tatsächlich demokratisch wäre und man sich auf seine Autoritäten verlassen könnte, dann würde man sich auf ihn stützen. Aber die Menschen gehen lieber nicht zur Polizei oder vors Gericht, sondern lösen die Dinge selbst oder durch den Ältestenrat, den Weisenrat oder mithilfe eines Vermittlers. Der Staat ist nicht in den Köpfen und Herzen dieser Leute.

TPN: Aber hier in Deutschland funktioniert der Rechtsstaat, und trotzdem gibt es unter Zuwanderern solche schrecklichen Erscheinungen wie die angeblichen Ehrenmorde.

Kizilhan: Das ist richtig. Aber auch hier haben wir Unterschiede zwischen den älteren Generationen, die an so etwas festhalten, und Jüngeren, die davon immer weniger halten. Aus meinen Studien weiß ich, dass auch unter den Jesiden in Deutschland die Zahl der Ehrenmorde in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen ist. Das ist noch nicht zufriedenstellend, aber immerhin geht der Trend in die richtige Richtung.