67 Menschen sind seit Jahresbeginn in der britischen Hauptstadt ermordet worden. Die Presse spricht von einer „Messerstecher-Epidemie“. Viele Delikte werden allerdings nie aufgeklärt. Aus einem spezifischen Grund.

Seit Mittwochmorgen hat London das allerjüngste Opfer der eskalierenden Messergewalt zu beklagen. Riley ist tot, das Kind einer 26-Jährigen, die am Samstagmorgen in ihrem Haus im Süden der Hauptstadt erstochen wurde.

Kelly Mary Fauvrelle war mit ihrem Sohn im achten Monat schwanger, als sie ermordet wurde. Der Notarzt konnte die Frau nicht mehr retten. Sie entbanden das Kind, das vier Tage lang auf einer Intensivstation um sein Leben kämpfte, vergeblich.

67 Menschen sind seit Jahresbeginn in der britischen Hauptstadt ermordet worden. Ob Riley in diese Statistik eingereiht wird, darüber befinden derzeit die Behörden. Die „Messerstecher-Epidemie“, wie Boulevardblätter die hohe Zahl der Angriffe nennen, nähert sich auch in diesem Jahr einem Höchststand.

Aus London wird „Lawless London“

Bereits 2018 stellte einen tragischen Rekord ein mit 135 Morden an der Themse. Allein am letzten Juniwochenende starben vier Menschen durch Messerattacken.

„Die Morde sind eine schreckliche Erinnerung daran, dass, obwohl unsere unterfinanzierte und überlastete Polizei Fortschritte bei der Reduzierung von Gewalttaten erreicht, ein langer Weg vor uns liegt, um dieses Problem endgültig zu lösen“, gestand Londons Bürgermeister Sadiq Khan zu Wochenbeginn ein.

Mit Schlagzeilen wie „Lawless London“ (Gesetzloses London) konfrontiert, sucht die Stadt nach Mitteln gegen die Gewalt vor allem unter schwarzen Jugendlichen. Statistisch ist knapp die Hälfte der Opfer wie auch der Täter schwarz, obwohl Schwarze nur 13 Prozent der Gesamtbevölkerung in der Metropole ausmachen.

Einer, der dieses Milieu genau kennt, ist der Grime-Superstar Stormzy. Vergangenes Wochenende trat der 25-Jährige beim wichtigsten Musikfestival des Landes in Glastonbury auf – in einer kugel- und stichsicheren Weste, darauf der Union Jack.

Ein Design des Graffitikünstlers Banksy, das den gefährlichen Alltag von jungen Leuten in einer der reichsten Städte der Welt symbolisiert. Obwohl der Rapper nicht direkt über die Gewalt auf Londons Straßen sprach, verstanden Publikum und Medien seinen Auftritt als klare Kritik an der fehlenden Sicherheit für junge Leute in einigen Vierteln der Hauptstadt.

„Ach, da hat mich jemand mit einem Messer angegriffen“

Einen Alltag, den der mit zahlreichen Musikpreisen gekrönte und mittlerweile schwerreiche Star des Grime, wie der spezifisch britische Rap heißt, gut kennt. Stormzy, mit bürgerlichem Namen Michael Omari Owuo Junior, wuchs in South Norwood auf, kaum einen Kilometer entfernt von Thornton Heath, wo die nun ermordete Kelly Mary Fauvrelle lebte.

Wie sehr brutale Gewalt zum Alltag in diesen Bezirken gehört, erzählte der Grime-Star vergangenen Herbst in einem Gespräch mit der „Sunday Times“.

Als er vor einigen Jahren eine Weiterbildung mit anderen Jugendlichen in Mittelengland gemacht habe, sei eine neugierige Frage zum Schlüsselerlebnis geworden. „In dem Raum waren 17 weiße Kids und ich. Einmal mussten wir unsere Kappen absetzen. Ich habe eine Narbe am Kopf, und einer fragte: ,Was ist denn da passiert?‘, und ich sagte: ,Ach, da hat mich jemand mit einem Messer angegriffen.‘ Das werde ich nie vergessen, wie ich ihnen meine Narben zeigte und erklärte: ,Hier, und da, und da.‘ Und in ihren Gesichtern das Entsetzen stand – da wurde mir klar, dass es der Wahnsinn ist, wo ich herkomme. Dass es natürlich schockierend ist, mit Messern angegriffen zu werden. Dass es nicht normal sein sollte.“

Ein Messer zu besitzen ist hier ganz normal

Ein Messer zu besitzen ist in manchen Gegenden Londons für Jugendliche fast so normal wie der Besitz eines Mobiltelefons. „Die Kids tragen ein Messer bei sich, weil sie glauben, dass sie sich im Ernstfall verteidigen können müssen“, erzählt ein Polizist, der seinen Namen nicht nennen will. „Und dann kann es auf einmal ganz schnell gehen, wenn sich ein Jugendlicher provoziert oder angegriffen fühlt.“

Lange Zeit führten Straßenpatrouillen in der Hauptstadt „Stop and search“-Maßnahmen durch. Diese autorisieren die Beamten zur Durchsuchung von Passanten, wenn ihnen jemand auffällig erscheinen. Doch die Zugriffe ernteten große Kritik, weil sich vor allem die schwarze Minderheit in der Stadt vorverurteilt fühlt.

In der Tat sind Schwarze 40-mal häufiger Ziel solcher Durchsuchungen als Weiße, wie das Innenministerium kürzlich in einer Studie herausfand. Trotzdem gab der zuständige Innenminister Sajid Javid zu Beginn des Jahres grünes Licht, um Beamte vermehrt zu Durchsuchungen zu autorisieren.

Ein Teufelskreis für schwarze Jugendliche

Doch es sind nicht allein die umstrittenen Zugriffe, die der Polizei die Arbeit schwer machen. Zusätzlich belastet diese der seit Jahren währende Sparkurs der Regierung. „Die rückläufige Zahl von Polizisten und das verringerte Budget sowohl auf nationaler Ebene als auch in London stehen im direkten Kontext der Zahl von Straf- und Gewalttaten“, warnte die Chefin der Londoner Polizei, Cressida Dick, unlängst.

Zumal nicht nur die Prävention großen personellen Aufwand erfordert, sondern auch die polizeiliche und juristische Klärung. Tausende Fälle im Königreich, darunter auch schwere Delikte, werden wegen des vorgeschriebenen Zeitlimits, in dem sie abgehandelt werden müssen, fallen gelassen. „Das gibt Kriminellen möglicherweise den Eindruck, dass sie mit ihren Taten davonkommen“, sagt der Kriminologe Tom Gash.

Es ist oft ein Teufelskreis, auch für schwarze Jugendliche, die in diesem Umfeld aufwachsen. „Alles um sie herum gibt schwarzen Kids den Eindruck, dass es für sie ohnehin kein Ziel gibt. Viele von ihnen wissen nicht mal, dass theoretisch jeder Premierminister werden kann oder Ingenieur. Die Leute verstehen das einfach nicht, weil sie keine Schwarzen kennen, die solche Positionen innehaben“, fasst der Grime-Musiker Stormzy das Dilemma zusammen.

Im Mordfall Kelly Mary Fauvrelle hatte die Polizei am Mittwoch noch keinen dringend Tatverdächtigen gefasst. Zwei vorübergehend verdächtige Männer wurden freigelassen. Nun wird nach einem Mann gesucht, der auf einem Video kurz vor und nach der Tatzeit nahe Fauvrelles Haus zu sehen ist. Die Ermittler wollten bisher nicht bekannt geben, ob sie davon ausgehen, dass die werdende Mutter ihren Mörder kannte.