Auf Lampedusa begrüßen Anwohner die Entscheidung von Innenminister Salvini, Kapitänin Carola Rackete festnehmen zu lassen. Doch Salvinis Fokus auf ausländische Hilfsorganisationen ist politisches Theater. Das wahre Problem ist ein anderes.

Es ist nach Mitternacht, als Carola Rackete, Kapitänin der „Sea-Watch 3“, vergangenen Samstag entscheidet, sich über das Verbot der italienischen Küstenwache hinwegzusetzen und ihr Schiff in den Hafen von Lampedusa zu lenken. Hunderte von Journalisten eilen hinab in den Hafen und positionieren sich an der Kaimauer, um die besten Aufnahmen des Spektakels zu bekommen. Sie richten ihre Mikrofone und Kameraobjektive auf das massive Schiff, das sich langsam aus der Dunkelheit des Meeres in den hell erleuchteten Hafen schiebt.

Was niemand sieht, ist, dass sich nur wenige Hundert Meter von der „Sea-Watch 3“ entfernt ein kleines Boot seinen Weg durch die Wellen bahnt. An Bord: 20 Menschen, die vor zwei Tagen im tunesischen Zarzis aufgebrochen sind. Sie haben 250 Kilometer in ihrer Nussschale zurückgelegt, um den Vorposten Europas im Mittelmeer zu erreichen.

Der Tunesier Mohammed Sanai (27) ist einer von ihnen. Wenige Tage später sitzt er auf der Treppe vor der Kirche von Lampedusa und schaut sich Fotos seiner Tochter auf dem Handy an. Die Sonne ist gerade untergegangen, und die sandfarbenen Stufen sind noch warm, die Luft schmeckt salzig.

„Im Hafen war viel los, darum habe ich gesagt, dass wir warten sollten“, sagt Sanai in einer Mischung aus gebrochenem Deutsch und Englisch. Er trägt ein weißes T-Shirt, seine dunklen Locken hat er zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden. Es sei besser gewesen, nicht gesehen zu werden. „Als das große Schiff im Hafen war, sind wir hinterhergefahren und haben ein Stück weiter angelegt.“ Niemand hat sie bemerkt, keine der zig Kameras die Einfahrt festgehalten.

Sanais Geschichte steht exemplarisch für das politische Theater, das der italienische Innenminister Matteo Salvini in den vergangenen Monaten aufgeführt hat und das mit dem Drama um die „Sea-Watch 3“ seinen bisherigen Höhepunkt gefunden hat: In den 17 Tagen, in denen Salvini Rackete und ihre Crew als Kriminelle und Menschenhändler beschimpfte und fluchte, Italien habe keinen Platz für weitere Migranten, legten Tag für Tag Flüchtlingsboote auf Lampedusa an. Allein im Juni kamen auf diesem Weg rund 400 Menschen auf die Insel.

„Wir nennen sie Geisterlandungen“, sagt Salvatore – Totò – Martello (62), seit 2017 Bürgermeister von Lampedusa. „Weil niemand über sie spricht.“ 80 Meter Luftlinie von der Kirche entfernt liegt Martellos Büro, in dem er in moderner Gucci-Hornbrille, blauem Poloshirt und Turnschuhen an diesem Vormittag erklärt, wie das sein kann.

Der Tunesier Mohammed Sanai zeigt ein Foto seiner Tochter, die in Paris lebt und für die er sich auf den Weg nach Europa gemacht hat

Die Menschen, die so auf der Insel ankommen, werden von der Finanzpolizei in den Hafen eskortiert. Im Hotspot im Inselinneren findet die Erstversorgung und Registrierung statt, und innerhalb von 48 Stunden folgt der Transfer in ein Lager nach Sizilien, wo über den Asylantrag entschieden wird.

„Hier auf Lampedusa wird ein politischer Kampf ausgetragen“, sagt Martello, bricht einen Zigarillo in der Mitte durch und zündet ihn an. Jedes Mal, wenn das Schiff einer internationalen Hilfsorganisation mit Flüchtlingen an Bord sich seinem Hafen nähere, werde so getan, als stünde das Ende der Welt bevor: „Journalisten kommen angereist, es gibt Stellungnahmen, Forderungen.

Niemand spricht mehr über die Menschen an Bord, es geht nur noch um die NGO“, sagt er. Das führe zu der Annahme, dass es keine anderen Landungen von Flüchtlingsbooten mehr gebe. „Der ganze Zirkus dient nur dazu, den Italienern vorzuspielen, dass das Flüchtlingsproblem gelöst sei und die einzigen Feinde die NGO sind.“

Martello, Mitglied der sozialdemokratischen PD, hat sein Leben auf der Insel verbracht und war bereits von 1993 bis 2002 Bürgermeister. Er ist dafür bekannt, die Regierung in Rom zu kritisieren, und macht heute keine Ausnahme: „Die aktuelle Stimmung in Italien ähnelt einem Fußballstadion, in dem die eine Kurve Tor schreit und die andere es nicht glaubt.“

Salvatore Martello zufolge, sozialdemokratischer Bürgermeister von Lampedusa, veranstaltet Salvini einen “politischen Zirkus”

Doch das Problem mit den Flüchtlingen sei, dass die Situation nicht nur nicht anerkannt werde, es werde nicht mal versucht, eine Lösung zu finden. Er selbst erhalte Morddrohungen, weil er nicht aufhöre, darüber zu sprechen, sagt Martello und zieht an seinem Zigarillo. Aber er hat keine andere Wahl, als weiter auf sie aufmerksam zu machen.

Denn das Leben der 4500 Inselbewohner wird von dem Flüchtlingsstrom, der immer synchron zur Tourismussaison läuft, bestimmt: Die Hoteliers stören sich an den Migranten, die auf den Kirchenstufen sitzen, Jugendliche sagen, sie würden ihre Freundinnen belästigen, und die Fischer beklagen sich über die zahlreichen Schiffswracks, die vor der Küste ihre Netze zerreißen.

Auch Angela Maggiore (58) hat die Nase voll: „Irgendwann reicht es auch uns mal!“ ruft sie hinter der Theke der Bäckerei Spiga D’Oro hervor. Fragt man die untersetzte Frau in geblümtem Kleid und dick beglaster Brille nach den Flüchtlingen, bricht ein Damm: „Wir sind diejenigen, die gerettet werden müssten“, sagt sie. Die Migranten kämen auf die Insel und würden nur Unordnung schaffen: Es seien einfach zu viele, sie würden stehlen, herumlungern und Schmutz hinterlassen.

Es wäre einfach, Maggiore als ausländerfeindlich zu verurteilen, doch so simpel ist die Lage auf Lampedusa nicht. Auch Maggiore half 2011, als zwischen April und Mai als Folge des Arabischen Frühlings 6500 Flüchtlinge auf die nur 20 Quadratkilometer große Insel gekommen waren, sie brachte den Menschen Kleidung und Decken.

„Die haben ein Geschäft daraus gemacht“

An der Wand hängt als einsames Relikt jener Tage ein Artikel über die Bäckerei aus einer nationalen Zeitung vom 3. April 2011: „Die Solidarität lebt in Via Enna: Suppe und ein Stück Brot für zwei Euro“. Doch seitdem ist der Strom an Flüchtlingen nicht abgebrochen, und die Menschen auf Lampedusa haben das Gefühl, die ganze Last allein tragen zu müssen.

Wer nie auf der Insel gewesen ist, muss wissen, dass Lampedusa nicht Capri oder Sardinien ist. Bis auf das kristallklare, türkisblaue Wasser hat sie wenig mit den bekannten Mittelmeerparadiesen Italiens zu tun hat: Selbst in der zentralen Fußgängerzone fällt bei vielen Häusern der Putz in großen Stücken von den Wänden, zwischen den Cafétischen streunen Hunde umher, und die Straßen sind von Schlaglöchern gemustert. „Wenn es mir schlecht geht, muss ich im Flugzeug ins Krankenhaus nach Palermo fliegen“, klagt Maggiore. Und jetzt kam noch der ganze Wirbel um die deutsche Kapitänin hinzu – das war zu viel für sie.

Ihr Bild von den Deutschen ist seit dem Wochenende klar: „Ihr seid doch eh alle auf der Seite von Carola“, sagt sie. Sie glaubt, die Hilfsorganisation habe so gehandelt, um mehr Spenden zu bekommen. „Die haben ein Geschäft daraus gemacht, unsere Gesetze zu verletzten“, sagt sie und läuft aufgeregt hinter dem Tresen auf und ab. „Aber zum Glück ist jetzt Matteo Salvini da, um im Land aufzuräumen und das Problem mit den Flüchtlingen zu lösen.“

Alberto Mollardo (32) widerspricht: „Es sind die Abkommen der vorherigen Regierung, die dafür gesorgt haben, dass weniger Flüchtlinge in Lampedusa ankommen.“ Mollardo, schwarzes T-Shirt und ein Ohrring, der ein Loch in seinem linken Ohrläppchen offen hält, arbeitet für die Organisation Mediterranean Hope der evangelischen Kirchen Italiens.

Er koordiniert Hilfe für Migranten, unterstützt Hilfsorganisationen und zählt die ankommenden Flüchtlinge. Seine Daten belegen, dass die Vereinbarungen, die der damalige Innenminister Marco Minniti im Sommer 2017 mit libyschen Offiziellen geschlossen hat, ausschlaggebend auf der Insel für den starken Rückgang des Flüchtlingsstroms waren: Kamen 2016 noch 12.000 Menschen über das Meer nach Lampedusa, waren es 2018, im Jahr nach dem Abkommen, nur noch 3500.

Dieses sieht vor, dass Italien und die EU die libysche Küstenwache mit Ausrüstung und Geld unterstützt und diese im Gegenzug dafür sorgt, dass keine Flüchtlinge in Libyen mehr auf Gummiboote steigen. Im laufenden Jahr sind die Zahlen gleich geblieben, Salvinis Strategie der geschlossenen Häfen hat keine Verbesserung der Lage erzielt.

Doch dass viele Flüchtlinge gar nicht mehr aus Libyen wegkommen oder zurückgebracht werden, hat das Problem nur verlagert: Hilfsorganisationen kritisieren, dass die Flüchtlinge in den libyschen Lagern festgehalten werden, wo sie Misshandlungen und Folter ausgesetzt sind. Gleichzeitig wird ein Anstieg der Todesopfer im Mittelmeer wegen der nunmehr geringen Zahl der Rettungsschiffe verzeichnet: Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen sind die Risiken bei der Flucht über das Mittelmeer seit 2015, als jeder 269. Mensch bei der Überfahrt gestorben ist, stetig gestiegen: 2016 starb schon jeder 71., der die Überfahrt versuchte, und in diesem Jahr jeder 45.

Doch Henri hat es geschafft: Der 29-jährige Kameruner hat die Überfahrt überlebt. Er gehört zu den 40 Flüchtlingen, die am Samstag an Bord der „Sea-Watch 3“ nach Lampedusa gekommen sind. „Ich weiß nicht, was ich in meinem Leben getan habe, um das Glück zu haben, gerettet zu werden – so viele Menschen sind auf dem Meer gestorben“, sagt er auf Englisch.

Henri stottert und ist teilweise schwer zu verstehen, etwa wenn er von den Schrecken seiner Flucht erzählt. Er habe gewusst, dass es gefährlich sei, in das Schlauchboot vor der Küste Libyens zu steigen. „Aber in Tripolis war es viel schlimmer: Dort gibt es kein Gesetz, die Menschen tun, was sie wollen.“ Auch er sitzt auf der noch warmen Kirchentreppe, in weißem T-Shirt, grauer Jogginghose und Flip-Flops, allerdings hat er kein Handy in der Hand.

Henri stammt aus Kamerun und ist mit der Sea Watch 3 nach Lampedusa gekommen

Im Januar 2018 ist Henri vor dem blutigen Konflikt in seinem Heimatland geflohen. Sein Weg führte durch Nigeria und Niger, und als er in Libyen ankam, besaß er nur noch die Kleidung, die er am Körper trug. Zwei Mal sei er auf seiner Flucht festgehalten und gefoltert worden, nie habe er verstanden warum.

Doch: „Die schlimmen Erinnerungen liegen jetzt hinter mir, weil ich an einem sicheren Ort angekommen bin.“ Das habe er allein der Crew der „Sea-Watch 3“ zu verdanken: „Carola hat uns gerettet und ihr Bestes gegeben, und dafür danke ich ihr.“ Für Henri geht es am nächsten Morgen weiter nach Sizilien, Abfahrt 7 Uhr. Wohin es danach gehe, wisse er noch nicht, aber das stört ihn nicht: „Egal, wo ich in Europa hinkomme, ich bin sehr dankbar.“

Gestern hat Henri die Insel verlassen und schon in der Nacht sind 69 neue Flüchtlinge angekommen – in zwei Geisterlandungen. Und auch das nächste Schiff einer Hilfsorganisation hat Kurs auf Lampedusa genommen. An Bord des Segelschiffs „Alex Mediterranea“ befinden sich 54 Flüchtlinge – unter ihnen drei Schwangere und eine Frau in kritischem Zustand.

Die NGO hat sie am Donnerstagnachmittag aus einem Gummiboot in lybischen Gewässern gerettet. Matteo Salvinis Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Er werde „alle notwendigen Vorkehrungen treffen, um zu verhindern, dass der Menschenhandel Italien als Ziel“ habe. Die Hafen Lampedusas sei geschlossen, so der Innenminister. Das Theater kann also von Neuem beginnen, diesmal allerdings ohne eine Deutsche in der Hauptrolle, denn diese Hilfsorganisation ist italienisch.