L-Theanin soll die Konzentration fördern, lange Nächte vor dem Bildschirm möglich machen und dabei ganz harmlos sein. Zusammen mit Koffein entfaltet der Stoff eine ganz besondere Wirkung – und wird auch bei Erwachsenen immer beliebter.

Als Karen Liebenthron sich Ende vergangenen Jahres nach den Weihnachtswünschen ihres Sohnes erkundigt, erlebt sie eine Überraschung. In diesem Jahr geht es nicht um Geld für ein neues Handy, nicht um eine neue Tastatur oder Festplatte für den Computer. Der 14-Jährige wünscht sich ein Getränkepulver.

Natürlich keine x-beliebige Brause, sondern ein Pulver, das die Berliner LevlUp GmbH seit Kurzem Computerspielern als „Gaming-Booster“ anpreist. „Spiel einfach unfair“, lockt ein Werbeclip, der auf YouTube über 1,5 Millionen Mal abgerufen wurde. Auf der Website der Firma heißt es: „Weder im Turnier noch bei einem Zockerabend mit deinen besten Freunden willst du der sein, der keine Power mehr hat oder ständig versagt.“

Der Hersteller wird in seinen Versprechungen sehr konkret: „Dir werden plötzlich auch Dinge und Lösungswege auffallen, an die du zuvor nicht gedacht hast! Selbst in dunkelsten Räumen und Höhlen ist deine Reaktion so gesteigert, dass ein aus der Ecke springender Gegner sich nun vor dir in acht nehmen muss, nicht umgekehrt.“ Ein deutscher Influencer mit mehr als einer Million Followern schwärmt auf YouTube von der Wirkung. Sein Werbeclip dreht sich dabei vor allem um einen Stoff, um L-Theanin.

Vorgemacht haben es Sportler

Karen Liebenthron ist durch den Wunsch alarmiert. Ihr Sohn, der ihrer Meinung nach ohnehin zu viel Zeit mit Computerspielen verbringt, will jetzt auch noch Aufputschmittel dabei schlucken? „Welche Botschaft würde ich vermitteln, wenn ich ihm diesen Wunsch erfülle – dass er sich für besondere Leistungen dopen soll?“, fragt sich die Lehrerin.

Von besonderen Leistungen träumen nicht nur Computerspieler. Vorgemacht haben es Sportler und Bodybuilder, nun ziehen die Menschen vor den Bildschirmen nach. Ob als Kapseln, Pulver oder Müsliriegel, viele Hersteller bieten in Drogerien und im Internet Produkte an, die eine Schärfung der Sinne versprechen. Manche haben inzwischen auch L-Theanin im Angebot. Es könnte sich dabei um weitere von vielen zweifelhaften Substanzen handeln – gäbe es da nicht eine Besonderheit.

Denn L-Theanin wird von sehr vielen Menschen schon seit Jahrtausenden konsumiert: in Form wässriger Aufgüsse der Pflanze Camillia sinensis, besser bekannt als Tee. Dass insbesondere grüner Tee eine gesundheitsfördernde, potenziell lebensverlängernde Wirkung hat, ist schon länger bekannt. Was aber passiert, wenn man einen einzelnen Stoff aus der Pflanze in hoher Dosierung schluckt?

Das Berliner Getränkepulver enthält neben viel Koffein auch 250 Milligramm L-Theanin, etwa so viel wie in acht Tassen Tee. Erstmals isoliert wurde die Substanz, eine Aminosäure, Ende der 40er-Jahre. Ihre Eigenschaften wurden in den letzten zehn Jahren etwas eingehender untersucht. L-Theanin scheint für die beruhigende, entspannende Wirkung von Tee verantwortlich zu sein, darüber hinaus lassen sich tatsächlich leichte Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit nachweisen. Diese entfaltet L-Theanin aber erst in Kombination mit Koffein.

Erstmals nachgewiesen haben das 2008 Neurowissenschaftler der Northumbria University Newcastle. Die Forscher gaben Studenten Koffein, L-Theanin, eine Kombination von beidem oder ein Placebo. Dreißig und neunzig Minuten später testeten sie bei den Probanden Aufmerksamkeit, Reaktionsgeschwindigkeit, Kurzzeitgedächtnis sowie Konzentrationsfähigkeit und Ermüdung. Die Studenten schnitten dabei leicht besser ab, wenn sie zuvor Koffein und L-Theanin genommen hatten, die Wirkung übertraf die von Koffein allein. Ähnliche Effekte wurden seither auch bei anderen Arbeitsgruppen in kleineren Studien beobachtet.

Was genau dabei im Kopf passiert, ist nicht vollständig verstanden. Koffein allein stimuliert das zentrale Nervensystem, macht wach und aktiv. Es wirkt aber dabei wie akuter Stress, beschleunigt den Herzschlag, lässt den Blutdruck steigen und sorgt für eine Ausschüttung des Stresshormons Cortisol. Eine Überdosis kann daher zu Schweißausbrüchen und Herzrasen führen. L-Theanin, das in seiner Molekülstruktur einem Neurotransmitter ähnelt, wirkt einer solchen Stressreaktion entgegen. Der Stoff beruhigt das Herz, senkt Blutdruck und Cortisolausschüttung und mildert subjektiv empfundenen Stress und Angstgefühle. Er verstärkt zudem im Gehirn die Bildung von Alphawellen, die für einen entspannten, aber wachen Geisteszustand sorgen.

Einstieg ins Neuro-Enhancement

Ob der Konsum von isoliertem L-Theanin gefährlich werden kann, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die amerikanische Zulassungsbehörde für Arznei- und Lebensmittel (FDA) stuft die Substanz als gesundheitlich unbedenklich ein. Das Bundesinstitut für Risikobewertung dagegen lehnt den Zusatz in Getränken ab, mit der Begründung, dass über erwünschte und unerwünschte Wirkungen von isoliertem L-Theanin im menschlichen Organismus noch zu wenig bekannt sei.

Nicht nur LevlUp, auch Firmen mit weniger durchschlagendem Marketing bieten Kapseln mit L-Theanin allein oder in Kombination mit Koffein an. Die Berliner Firma Braineffect hat seit Neuestem sogar Müsliriegel im Angebot, die neben Koffein auch reichlich L-Theanin enthalten. Auf diversen Internetseiten wird Neulingen das Wirkstoffduo als preiswerter Einstieg in die Welt der Neuro-Enhancer empfohlen. Als potentere Mittel gelten Medikamente, die eigentlich zur Behandlung von Krankheiten entwickelt wurden und daher auch Nebenwirkungen haben. Dazu gehören vor allem das ADHS-Medikament Ritalin und Modafinil, das eigentlich zur Behandlung der seltenen Schlafkrankheit entwickelt wurde. Laut einer Umfrage der DAK von 2015 hatten sich von 5000 befragten Berufstätigen sieben Prozent schon einmal mit stimmungsaufhellenden oder leistungssteigernden Medikamenten gedopt – die Dunkelziffer könnte nach der Analyse bei bis zu 12,5 Prozent liegen. Auffällig war zudem der starke Anstieg der Verschreibungen von Ritalin und Modafinil unter Erwachsenen.

Die Wirkung des Berliner Getränkepulvers dürfte über die von exzessivem Teetrinken kaum hinausgehen und nicht gefährlicher sein als die in der Spielerszene weitverbreiteten Engergydrinks wie Monster und Rockstar. Bedenklich ist wohl eher die Botschaft, die die Hersteller verbreiten – dass gute Leistung erst mit Doping möglich wird. Vor allem aber ist das Pulver eins: ein gutes Geschäft für den Hersteller. Eine Dose mit 40 Portionen kostet knapp 40 Euro. Darin enthalten sind insgesamt zehn Gramm L-Theanin, das man im Großhandel schon für 50 bis 100 Euro pro Kilogramm bekommt.

Das zumindest sei der chinesische Preis, sagt Stefan Siebrecht, Vertreter der Taiyo GmbH, einem der führen L-Theanin-Hersteller. Die japanische Firma vertreibt die Substanz zum zehnfachen Preis in besonders reiner Qualität, wie sie auch Wissenschaftler für ihre Experimente einsetzen. Stefan Siebrecht hat gerade einen langen Tag auf der Vitafoods Europe in Genf hinter sich, wo über 1200 Hersteller aus mehr als 110 Ländern Zutaten und Produktkonzepte für eine angeblich bessere Ernährung vorstellen. „Das Interesse an L-Theanin ist riesengroß, wir könnten es tonnenweise verkaufen“, sagt Siebrecht. Dagegen spricht allerdings europäisches Recht, das die Anreicherung von Lebensmitteln mit künstlich hergestelltem L-Theanin bislang verbietet.

Manche Hersteller umgehen das laut Siebrecht, indem sie als Zutat einen Extrakt aus grünem Tee deklarieren, der angeblich bis zu 60 Prozent aus L-Theanin bestehen kann. „Das ist aber gelogen“, sagt der Chemiker, die Obergrenze liege eher bei 30 Prozent. Dem Teeextrakt würde daher oft künstlich hergestelltes L-Theanin hinzugefügt – eine bei Naturextrakten weitverbreitete Praxis. Das sei zwar illegal, aber nicht unbedingt gefährlich für die Konsumenten, so Siebrecht.

L-Theanin ist Gesprächsthema unter Elfjährigen

Der Sohn von Karen Liebenthron durfte letztlich den Gaming-Booster ausprobieren, nachdem sich seine Mutter über die vergleichsweise harmlosen Substanzen informiert hatte. Getestet hat er es zusammen mit einem Freund beim Spielen. „Die Stimmung war besser, und ich habe mich aufmerksam und konzentriert, aber nicht hibbelig gefühlt“, berichtet er. Wie viel davon durch die Erwartungshaltung entstanden ist, lässt sich schwer sagen.

Seit Weihnachten hat der Teenager vier weitere Becher angerührt, vor allem für online ausgetragene „Fortnite“-Turniere, bei denen es der inzwischen 15-Jährige unter die 700 europaweit besten Spieler schaffen möchte. Etwa die Hälfte der anderen Spieler, so schätzt er, hat das Getränk auch schon ausprobiert. Auch beim Lernen für die Schule möchte der Teenager den Booster vielleicht einmal testen, aber das wohl eher selten.

Seine Mutter ist erleichtert, dass das Pulver letztlich keine große Rolle im Leben ihres Sohnes spielt. Ganz losgeworden ist sie die Sorge allerdings nicht: Die Pädagogin, die an einer Berliner Grundschule unterrichtet, hat mitbekommen, dass das Modegetränk schon unter Elfjährigen Gesprächsthema ist.