Nichts hat Chinas aktuelle Machthaber so geprägt wie die Grausamkeit der Kulturrevolution. Hunderttausende starben. Was hat das alles mit Präsident Xi Jinping zu tun?

Montag, 9. Januar 1978. Mein erster Abend in Peking. Die Straße vom Hotel „Xinqiao“ zum Tiananmen-Platz, zehn Minuten Fußdistanz, ist dunkel. Funzelige Laternen, ein eisiger Wind. Rechter Hand führt eine schmale, düstere Einfahrt zum Regierungskrankenhaus. Zwei Jahre vorher ist dort Premier Tschou En-lai an Krebs gestorben. Mao Tse-tung hatte ihn 1974 erst dann ins Krankenhaus ziehen lassen, als der Krebs schon unheilbar war.

An der nächsten Querstraße wieder ein düsteres Einfahrtstor. Dort residiert ein beinharter Kommunist, der in den 20er-Jahren in Berlin gelebt hat. Er betrauert einen Bruder und eine Schwägerin. Beide wurden in der Kulturrevolution ermordet.

Plötzlich Weite. Licht. Der Tiananmen-Platz, der Platz des Himmlischen Friedens. Maos Mausoleum: angestrahlt. Die Große Halle des Volkes an der Westseite: angestrahlt. Hinten am Nordende des Platzes, im Kältedunst etwas verschwommen: das Tiananmen-Tor mit Maos Porträt. Angestrahlt.

Dieser gigantische Platz ist nachts der einzige leuchtende Ort in ganz China. In der Ferne vor dem Tor rollt dann und wann ein Bus auf der Ost-West-Achse, die dort den Platz abschließt und Chang An heißt, Langer Friede. Es herrscht aber kein Friede hier. Es herrscht Totenstille. Es gibt nur den trockenen Wind. Und ein von Mao traumatisiertes Land.

Hätte man sich damals vorstellen können, wie China heute aussieht – Wolkenkratzer, ICE-Strecken und Licht überall? Ein chinesischer Botschafter in Berlin wird Jahrzehnte später antworten: „Nein.“ Sein Blick, seine Tonlage sagen: „Nie im Leben!“

Licht, Aufbau, Zukunft. Als die heutigen Mitglieder des Politbüros so jung waren, wie Juso-Chef Kevin Kühnert es heute ist, gab es für sie nur Dunkelheit und die Erinnerung an die Kulturrevolution mit ihren ganzen Schrecken. Wer verstehen will, wie aus China heute ein Land der Glitzerstädte, der Hightech-Überwachung und des technologischen Fortschritts werden konnte, der muss zurück in diese Zeit der Dunkelheit gehen. Die Kulturrevolution mit all ihren Schrecken prägte die Kindheit und Jugend der heutigen Politbüro-Mitglieder. Ihre Angst vor dieser und einer neuen Revolution beherrscht das Land bis heute.

Als ich 1978 nach Peking komme, liegt diese Zeit noch nicht lange zurück. Ich bin wegen eines Stahlwerks in Wuhan am Jangtse hier, dessen Ausbau durch deutsche Firmen Premier Tschou 1972 wieder auf die Tagesordnung gesetzt hatte. Das war damals ein demonstrativ politischer Akt gegen die Roten Garden. Die Verhandlungen über den Ausbau hatten 1965 begonnen, waren aber mit dem Ausbruch der Kulturrevolution ein Jahr später abgebrochen worden.

Die Roten Garden hatten gegen chinesische „Machthaber auf dem kapitalistischen Weg“ gehetzt und auch Chinas Außenhandel lahmgelegt. Tschou wollte den Handel wieder in Schwung bringen. Jetzt, 1978, ist das Stahlwerk fast fertig. Meine Aufgabe ist es, Ingenieure, die für die Inbetriebnahme kommen, auf der Durchreise zu betreuen.

Oben im Speisesaal des „Xinqiao“ erinnert sich in jenem Januar ein dpa-Korrespondent, wie er 1966 den Ausbruch dieser Revolution erlebt hat: „Sie warfen einen Kellner einfach durchs Fenster.“ Acht Stockwerke tief auf die Straße. Ein Mao-Feind, hatten die Täter beschlossen, muss sterben. Solche Szenen waren nur der Anfang.

Ein Comic über die Rotgardisten erschien im März 1978. Es zeigte Szenen, die an einen Bürgerkrieg erinnern.

Im März 1978 erscheint ein Comic über einen jungen Rotgardisten, der in der Kulturrevolution seine Ideale verliert. Die Zeichnungen zeigen einen Bürgerkrieg wie heute in Syrien. Trümmer, Blut, Parolen, Graffiti, Maschinengewehre. Ein Chinese aus einem Ministerium, Ende 20, darauf angesprochen, ob die Kulturrevolution wirklich so schlimm war, durchblättert das Heft und sagt: „Viel, viel schlimmer.“

Licht, Aufbau, Zukunft? Im Januar 1978 ist der 24-jährige Xi Jinping dabei, fünf Kilometer nordwestlich des Tiananmen-Platzes ein Apartment gegenüber dem Regierungsgästehaus zu beziehen. Heute würde in Peking kein Mensch mehr Geld für eine so einfache Wohnung ausgeben. Damals ist sie ein unbeschreiblicher Luxus. Mehrere Zimmer! Haushaltsgeräte! WC in der Wohnung statt irgendwo am Ende der Straße!

Bei Kerzenschein las er „Faust“

Xi ist traumatisiert. Drei Jahre vorher hat sich seine ältere Schwester erhängt. Sie hat die Verfolgung durch die Roten Garden nicht mehr ausgehalten.

Xi Jinping ist 1978 auch erst drei Jahre aus der Verbannung zurück. Aus einem entlegenen Dorf in einer Kohleprovinz. Er war dort von 1968 bis 1975 zwangsweise Schäfer und lebte in einer zur Wohnung ausgebauten Lehmhöhle. Die Partei hat diese Zeit heute in einem kurzen Film idealisiert. Xi habe seine Schafe bewacht und über Chinas Zukunft nachgedacht. Man kann sich vorstellen, mit welcher Verzweiflung. Abends las er bei Kerzenschein Goethes „Faust“.

Die Grausamkeiten der Kulturrevolution, verarbeitet in einem Comic

Das war ein ungeheures Privileg. Xi hatte sich eine ganze Bücherkiste nachschicken lassen dürfen. Der Normalfall für politisch verbannte Jugendliche waren Schlafsäle mit bis zu mehr als 100 Personen. Bücher? Verboten. Ausländische Bücher? Streng verboten.

Die nackte Angst ist 1978 immer noch präsent. Der Taxifahrer am „Xinqiao“-Hotel wird bleich, als ihm eine drei Kilometer entfernte Gasse als Ziel genannt wird. „Dahin? Nein!“ Mit Mühe ist er dazu zu bewegen, einige Querstraßen weiter zu halten.

Die Gasse sieht unscheinbar aus, graue Mauern aus der Kaiserzeit, mit den üblichen Zutaten der Mao-Ära: eine kleine Polizeistation, ein öffentlicher Fernsprecher für die ganze Straße, unordentliche Telefonleitungen. Aber sie ist sauber, frei von Kohlehaufen und aufgestapeltem Trockengemüse, und in den Hofmauern gibt es frisch gestrichene, leuchtend rote Garagentore mit modernen Sicherheitsschlössern. Die Tore sind sehr breit. Eine Staatslimousine vom Typ Hongqi (Rote Fahne) kann ohne Rangieren in sie einbiegen. Über der Gasse schwebt etwas Lauerndes. Dort wohnt die Macht. Deshalb hat der Taxifahrer Angst, dort hinzufahren.

Der frühere chinesische Industrielle, der dort nun ebenfalls lebt und den ich besuche, war in der Kulturrevolution Toilettenreiniger. Jetzt hat er von Deng Xiaoping, dem eigentlichen Führer Chinas hinter Parteichef und Mao-Nachfolger Hua Guofeng, die Aufgabe bekommen, einen Außenhandelskonzern aufzubauen. Eine Tochter hat fünf Jahre im Lager gesessen. Der Neffe wurde von den Roten Garden als kleines Kind in einen Jauchekanal gesperrt. Noch zehn Jahre später bewegt er sich wie ein verängstigtes Reh.

Der chinesische Staatschef Mao Tse-tung (l.) und der chinesische Verteidigungsminister (seit 1959) Lin Piao aufgenommen 1966

Der Chinesischdozent, der einmal wöchentlich ins Hotel kommt, wirkt ähnlich verschüchtert. Er traut sich schließlich mit leiser Stimme zu sagen, was ihn immer so bedrückt: „Die schlagen zurück.“ Er meint die Linksextremisten um den im September 1976 gestorbenen Mao und seine einen Monat später verhaftete Frau Jiang Qing, die ab 1966 alle Schulen und Universitäten geschlossen und China verwüstet hatten. Noch immer sitzen ihre Parteigänger im Politbüro. Der Dolmetscher hat Angst vor einem Gegenputsch.

Erst an einem Abend Mitte Dezember 1978 hört diese Angst endlich auf. Da endet eine der längsten ZK-Arbeitssitzungen der Parteigeschichte. Auf ihr wird Chinas Öffnung beschlossen, und die letzten Linksextremisten verlieren ihre Politbürositze.

An diesem Abend klopft es im „Xinqiao“-Hotel an der Tür. Die Chinesen, mit denen man das ganze Jahr dienstlich zu tun hatte und die im Erdgeschoss in einem abgesperrten Seitentrakt wohnen, kommen feierlich in den Raum. Sie bringen eine Flasche Reisschnaps mit. „Ab heute“, sagt ihr Chef, „dürfen wir mit dir auch privat reden.“

Sieben Jahre Einzelhaft

Ob Sohn eines Revolutionärs wie Xi Jinping, ob Regierungsangestellter, Sprachlehrer oder Unternehmerneffe – sie alle sind traumatisiert von der elementaren Gewalt einer fanatisierten Masse, wie es die Roten Garden waren. Eine Meute, losgehetzt vom Staatsgründer, die auf die Altrevolutionäre losging.

Zum Beispiel auf Xi Jinpings Vater Xi Zhongxun. Der wurde 1967 in einem offenen Lastwagen mit einem papierenen „Schandhut“ auf dem Kopf durch die Straßen paradiert. Vater Xi hat bei einem DDR-Besuch am Brandenburger Tor mit einem Feldstecher nach West-Berlin geblickt! In den imperialistischen Westen! Das war einer der Vorwürfe. Die Roten Garden sangen „Im Osten geht die Sonne auf“, gemeint war natürlich Mao, und setzten Xi Zhongxun in Einzelhaft. Für sieben Jahre. 1972 durfte der Sohn den Vater in Peking kurz besuchen. Frei kam dieser erst 1974. Mit Barack Obamas Vizepräsident Joe Biden, schrieb 2012 die „Washington Post“, hat Xi Jinping über diese komplizierte schwarze Zeit gesprochen.

Von Xi Jinping ist keine Kritik an Mao zu hören, obwohl er selbst und sein Vater sehr unter ihm gelitten haben

Sie war auch deswegen kompliziert, weil Xi Jinping überhaupt nur wegen einer Rettungsaktion Maos auf die Welt kommen konnte. Mao hatte nämlich Xi Jinpings Vater 1935 vor der sicheren Hinrichtung durch Linksextremisten bewahrt. Xi Zhongxun hatte damals als 22-Jähriger in einer Provinz nördlich des Gelben Flusses eine kommunistische Guerillabasis aufgebaut. In ihr suchte Mao nach seinem „Langen Marsch“ aus Südchina Zuflucht vor den Truppen des Staatschefs Tschiang Kai-schek.

Kurz vor Maos Eintreffen hatten linksextremistische Guerillas Xi Zhongxun entmachtet. „Noch vier Tage, und wir wären erschossen worden“, sagte er Jahrzehnte später seinem letzten Adjutanten, Yu Huizhen. „Unsere Gräber waren schon ausgehoben.“ Mao ließ die Extremisten verhaften. Von Xi Jinping ist keine Kritik am Urheber der Kulturrevolution zu hören. Chinas Geschichte verläuft manchmal seltsam.

Licht, Zukunft? Xi Jinping heiratet 1979 die Tochter des damaligen chinesischen Botschafters in London. Die Ehe zerbricht bald darauf. Wie sollte es auch anders sein? Die Tochter ist eine der ganz wenigen in der Volksrepublik, die damals das Leben im Westen kennen. Xi hingegen ist in seinen Traumata gefangen, in den Erinnerungen an den Terror der Roten Garden, an seine Höhle mit den Schafen und mit „Faust“. Das konnte nicht gut gehen.

Hochhäuser gibt es im Jahr 1978 in Peking noch so gut wie keine

Licht, Zukunft? Im März 1978 weist ein Dolmetscher südlich Pekings ganz aufgeregt aus dem Fenster des Kleinbusses: „Da hinten – ist das ein Hochhaus?“ Nein. Es ist nur ein Schatten, eine fast rechteckige Wolke am Horizont. Der Blick des Dolmetschers verrät tiefe Enttäuschung. Im Sommer 1978 sagt ein Reiseleiter auf einem Aussichtspunkt über der heutigen Millionenmetropole Chongqing in der Provinz Sichuan: „Unser Lichtermeer.“

Diese paar Lichter dort unten? Er glaubt es selber nicht, das hört man an seiner Stimme. Im Oktober fliegt Deng Xiaoping nach Japan. Chinas Staatsfernsehen geht aufs Ganze. Es zeigt einen Film über Japans Konsumalltag. Supermärkte, Autobahnen, Schnellzüge.

Die Angestellten des „Xinqiao“-Hotels sitzen anschließend wie betäubt auf ihren Plätzen. Noch nie hat man sie seit Januar so bedrückt erlebt. Es sind ausgesuchte Leute, der Hoteldirektor ist ein Bruder des Verteidigungsministers. Aber nun haben sie gesehen, was möglich ist.

Der Blick ins verbotene Konsumreich hat Folgen.

Heute sind Chinas Städte ein Lichtermeer

In einem Trolleybus auf der Kreuzung Wangfujing Ecke Donganmen, dort, wo heute ein Apple Store steht, probiert ein junger Mann sein Englisch. „Haben Sie Westzeitschriften?“ Ja. „Können Sie die meinen Freundinnen mitbringen?“ Ja. „Gut. Morgen Nachmittag im Café ‚Soundso‘, Adresse XY.“ Ihm fällt noch etwas ein. „Mein Vater ist im ZK. Auf seinem Schreibtisch liegen interne Dokumente. Ich kann sie Ihnen bringen. Interessiert?“ Nein.

Das Café ist von außen kaum als solches zu erkennen. Zwei sehr elegante junge Frauen nehmen die Magazine entgegen und versenken sich sofort kenntnisreich in die Werbung. Die Texte interessieren sie nicht. Weltnachrichten haben sie zu Hause. Hektografiertes DIN-A4-Format, für Funktionäre. Vollkommen werbefrei.

Heute ist Chongqing in Sichuan ein wahrhaftiges Lichtermeer, genauso wie alle anderen Städte. China leuchtet, und das ist ein politisches Programm. Nie wieder sollen Chinesen um Kugelschreiber oder Kleidungswerbung betteln. Nie wieder sollen sie so deprimiert aussehen wie nach dem Film über den einstigen Kriegsgegner Japan.

Jede größere Straßenkreuzung ist heute mit Überwachungskameras übersät

China leuchtet auch mit den Lichtern der Polizei, und das ist schon gar kein Versehen. An jeder größeren Straßenkreuzung sind heute Überwachungsfahrzeuge geparkt, manchmal an allen vier Einmündungen, voller Masten, Kameras und rotierenden Alarmlichtern. Pekings Ost-West-Avenue, die den Tiananmen-Platz kreuzt, sieht bei Dunkelheit nun aus wie eine rot und blau blitzende Weihnachtslichterkette quer durch die ganze Stadt.

Eine Jugend in Trümmern

Pekings U-Bahnhöfe wirken wie digitale Tropfsteinhöhlen mit all ihren Deckenkameras. Nie wieder soll jemand wie Mao 1966 urplötzlich eine Massenbewegung aufpeitschen können. Nie wieder wollen die Politbüromitglieder vom Kollektivzorn überrascht werden.

Warum? Weil sie mit Ende 20 Opfer einer Diktatur waren. Das ist ein fundamentaler Unterschied zur Sowjetunion, in der Leonid Breschnew und seine Politbürogenossen im selben Alter zu den Profiteuren des Stalin-Terrors gehörten. Sie rückten blutjung in die frei gewordenen Führungspositionen ein, nachdem Stalins Schergen die Altrevolutionäre abgeholt hatten.

Xi Jinping und seine Genossen wurden aufs Land vertrieben, ins Lager gesteckt, jeder hat ermordete Verwandte. Als die letzten Anhänger der Kulturrevolution im Politbüro gestürzt wurden, lagen Xi Jinpings beste Jugendjahre in Trümmern.

Das Politbüro hat in seiner Jugend die Wucht einer entfesselten Menge zu spüren bekommen. Es will jetzt wissen, was die Bevölkerung denkt. Die digitale Überwachung ist total, und ihre Perfektionierung ist noch längst nicht am Ende. Es ist der alte Kreislauf Chinas. Eine Dynastie wird durch Aufstände gestürzt. Die neue Dynastie erinnert sich daran, was Aufstände bewirken, und zieht ein Überwachungsnetz über das Land.

Licht, Aufbau, Zukunft? Davon war im Jahr 1978 in den Straßen Wuhans noch nichts zu spüren.

Das Netz ist heute aber tausendfach engmaschiger wegen der Erfahrung der Kulturrevolution. Vor bald 1500 Jahren hat der Dichter Meng Haoran die Seelenlage in Xi Jinpings Politbüro gut beschrieben.

„Froh erwache ich an diesem Frühlingsmorgen/ Ringsum singen die Vögel.

Doch dann erinnere ich die Nacht. Den Sturm.

Und frage mich: Wie viele Blüten sind gefallen?“

Im Politbüro hören sie nachts die Gesänge, die Schreie, die Schüsse der Roten Garden. Xi Jinpings Angst wird nie aufhören.