Facebook will eine eigene Digitalwährung herausbringen. Es könnte der entscheidende Baustein auf dem Weg des sozialen Netzwerks zum allmächtigen Unternehmen sein und das staatliche Geldmonopol aufbrechen – mit allen Konsequenzen.

Seit Langem schon wird der Facebook-Konzern von Verbraucherschützern und Wettbewerbshütern in vielen Ländern kritisch beäugt. Auch Politikern bereitet die Dominanz des sozialen Netzwerks große Sorgen. Die Amerikaner hatten sich lange zurückgehalten, doch das hat sich geändert.

Diese Woche wurde bekannt, dass der US-Kongress und die dortigen Aufsichtsbehörden gegen die potenziell marktbeherrschende Stellung von Internetgiganten vorgehen wollen. Damit wird erstmals auch in den Vereinigten Staaten ein ernsthafter Anlauf unternommen, der weitgehend unkontrollierten Macht der Technik-Riesen Grenzen zu setzen.

Die Kritik, das soziale Netzwerk sei schon auf dem Weg zu einer Art heimlichen Weltherrschaft, wird nun neuen Auftrieb erhalten. Denn Facebook plant die Einführung einer eigenen Währung, mit der Nutzer innerhalb, aber auch außerhalb des Netzwerks bezahlen können. Das neue digitale Geld, das ähnlich wie der Bitcoin auf der Blockchain-Technologie basieren soll, könnte Berichten amerikanischer Medien zufolge noch diesen Monat vorgestellt werden.

Sollte sich das Digitalgeld des Internetgiganten tatsächlich durchsetzen, würde Mark Zuckerbergs Firma in einen weiteren Wirtschaftsbereich vordringen. Eine immer weiter wachsende Datenkrake würde dann noch schwieriger zu kontrollieren sein.

„Meilenstein in der Geldgeschichte“

Ein Facebook-Dollar als Weltwährung des 21. Jahrhunderts? Mit der Bürger in Cottbus ebenso zahlen könnten wie in Kolumbien, in München ebenso wie Bürger in der Mongolei? Noch ist nicht absehbar, ob und wie sehr die neue Kryptowährung verfängt. Ziemlich sicher ist hingegen, dass die Silicon-Valley-Firma ein neues Kapitel in der Währungsgeschichte aufschlägt. Denn es würde das erste Mal sein, dass eine Institution Geld einführt, das nahezu überall auf dem Globus akzeptiert ist.

„Der Facebook-Coin könnte ein echter Meilenstein in der Geldgeschichte sein“, sagt Thorsten Polleit, Chefökonom von Degussa Goldhandel. Dank seiner tiefen gesellschaftlichen Durchdringung könnte das soziale Netzwerk Hunderte Millionen Menschen weltweit mit digitalem Bargeld in Berührung bringen – also auch jene, die bisher mit Krypto nicht viel am Hut hatten.

Und auf einmal könnten die Menschen das ihnen zustehende Selbstbestimmungsrecht bei der Wahl ihres Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittels auch tatsächlich ausüben. Generell haben Kryptowährungen das Potenzial, das staatliche Geldmonopol im 21. Jahrhundert grundlegend infrage zu stellen. Doch mit Facebook käme ein weltumspannender Anbieter ins Geschäft, der auf einen Schlag über eine gewaltige potenzielle Klientel verfügt.

Fast 1,6 Milliarden Menschen nutzten im ersten Quartal dieses Jahres täglich das soziale Netzwerk, womit die Plattform mehr aktive Nutzer hat als die Volksrepublik China Einwohner. Und das ist noch nicht alles, was Zuckerbergs Firma zu bieten hat: Die Tochter Instagram und die Dienste Messenger und WhatsApp eingerechnet, liegt die Zahl der Nutzer bei 2,7 Milliarden – die allesamt in den Genuss des neuen digitalen Geldes kommen könnten.

Dabei ist Facebook in puncto Kryptowährung ein Nachzügler. Denn wie auch immer das neue Zahlungsmittel heißt – die Rede ist von GlobalCoin, die interne Bezeichnung während der Planungsphase soll „Project Libra“ gewesen sein –, es wird sich in guter Gesellschaft befinden. Im Reich der Mitte etwa bietet WeChat, ursprünglich ebenfalls als soziales Netzwerk gestartet, bereits seit Jahren eine Zahlfunktion an, auf die 900 Millionen Chinesen regelmäßig zugreifen.

Hinzu kommen mehr als 2200 echte Kryptowährungen, von denen die meisten allerdings ein Schattendasein fristen. Und selbst die bekannten digitalen Münzen Bitcoin, Ethereum und Ripple werden kaum zum Bezahlen genutzt, sondern hauptsächlich zur Vermögenssicherung – oder zur Spekulation. Damit einher gehen extreme Kursschwankungen. So stürzten die Bitcoin-Notierungen in den vergangenen zwölf Monaten von 7000 Euro auf 3000 Euro, um sich dann wieder auf fast 8000 Euro aufzuschwingen.

Was also könnte das Alleinstellungsmerkmal sein, damit sich Facebooks Geld von der Masse absetzt? Ähnlich wie der Bitcoin soll der mutmaßliche GlobalCoin auf der Blockchain-Technologie basieren, einer komplexen Verschlüsselungstechnik, die Fälschungen und Manipulationen extrem schwierig, wenn nicht unmöglich macht. Anders als der Bitcoin aber soll das Facebook-Geld deutlich weniger volatil sein.

Die Firmenzentrale selbst kommentiert die Pläne derzeit nicht. Zu hören ist aber, dass das digitale Geld durch einen Korb von gesetzlichen Zahlungsmitteln wie Dollar und Euro, eventuell gar durch Staatsanleihen hoher Bonität gedeckt sein soll. Das hätte zur Folge, dass der Wert des neuen Geldes relativ wenig schwankt. Im Jargon ist vom „Stable coin“-Konzept die Rede, einem wertstabilen digitalen Bargeld.

Aber Stabilität ist das eine, Datensicherheit das andere: Schon heute gehört Facebook zu den größten Konzernen auf dem Planeten, nach eigenen Angaben ist die soziale Plattform in mehr als 200 Staaten aktiv und verfügt vermutlich über mehr Informationen über das Privatleben seiner Nutzer als jedes anderes Unternehmen. Datenlecks und -skandale gab es bei Facebook schon viele (siehe Kasten).

Was aber, wenn es plötzlich um mehr geht als um die Weitergabe persönlicher Informationen aus Facebook-Profilen? Wenn auf einmal sensible Daten, etwa zu finanziellen Transaktionen, in den Händen des US-Konzerns wären und in die falschen Hände gerieten? Eine Vorstellung, die Ängste schürt.

Glaubt man Presseberichten, setzt Facebook zumindest alles daran, die eigene Währung zu einem Massenerfolg zu machen. Wer die Facebook-Coins verwendet, könnte beim Einkaufen Rabatte bekommen, heißt es. Angestellte des Konzerns sollen die Wahl haben, sich ihr Gehalt wie üblich oder in Facebook-Coins auszahlen zu lassen.

Noch dazu plant die Firma offenbar die Aufstellung von Automaten, an denen sich die heimische Währung in digitales Bargeld tauschen lässt. Vor allem Entwicklungsländer könnte das Unternehmen dabei im Blick haben: Eine relativ stabile Währung könnte für Bürger in Ländern mit hoher Inflation eine Alternative sein.

„Ich selbst würde so einen Facebook-Coin nicht nutzen, denn ich möchte nicht, dass ein Unternehmen wie Facebook die Kontrolle über meine Zahlungen bekommt“, sagt etwa der Berliner Kryptoexperte Aaron Koenig. Und auch Ökonom Polleit merkt an: „Facebook weiß dann nicht nur, was Sie lesen und denken und wen Sie kennen, sondern auch, was Sie kaufen und an wen Sie welchen Betrag überweisen.“

Solche Bedenken lassen sich zwar auch gegenüber anderen elektronischen Zahlungssystemen anbringen, zum Beispiel gegenüber den Kreditkartengesellschaften oder PayPal. Doch die wissen im Zweifelsfall eben nicht so viel über das restliche Leben des Nutzers wie Facebook, wo viele nicht nur ihr Lieblingsessen kundtun, sondern oft bereitwillig auch ihre politischen und gelegentlich auch sexuellen Präferenzen offenbaren.

Noch dazu dürfte die Ausgabe einer globalen Währung, die Nutzer noch mehr an das Medium binden würde, auch die Sorge vor einer Monopolbildung befeuern. Schon heute hat Facebook eine marktbeherrschende Stellung im Bereich der sozialen Netzwerke.

Das Bundeskartellamt hat die Zusammenführung von Nutzerdaten aus verschiedenen Quellen nicht umsonst ausdrücklich untersagt. „Auf dem Markt für soziale Netzwerke liegt eine Marktbeherrschung bereits vor“, sagt der Vorsitzende der deutschen Monopolkommission und Präsident des ZEW, Achim Wambach.

Ob Facebook mit einem eigenen Zahlungsmittel auch noch in anderen Bereichen Marktmacht aufbauen könnte, etwa bei App-basierten Zahlungen, bleibe zu prüfen: „Der Gesetzgeber und die Wettbewerbsbehörden sollten dies beobachten und gegebenenfalls intervenieren, wenn sich abzeichnen sollte, dass im Zahlungsverkehr der Wettbewerb zwischen Anbietern von Zahlungsdienstleistungen abnimmt“, so Wambach.

Um den größten Bedenken Wind aus den Segeln zu nehmen, will Facebook sein Geld-System offenbar an eine Stiftung auslagern. Stiftungen betreiben auch die populärsten Kryptowährungen Bitcoin und Ethereum und sorgen mit Tausenden Netzwerkknoten dafür, dass die Informationen möglichst dezentral sind, dass also nicht eine Gruppe oder eine Person Zugriff auf alle Daten erlangen kann.

Dem Vernehmen nach könnten in der Stiftung auch große Finanzkonzerne vertreten sein. Krypto-Puristen betonen aber gerade die Unabhängigkeit von Banken als großen Vorteil einer Kryptowährung.

Auch deshalb wiegeln die Anhänger digitaler Münzen ab, wenn es um die Bedenken geht, dass Facebook mit seiner eigenen Währung zum Sprung auf die Weltherrschaft ansetzen könnte. „Wenn ein paar Milliarden Facebook-Nutzer zum ersten Mal selbst digitales Bargeld nutzen, wird das einen ähnlichen Effekt haben wie 1995, als AOL seine Kunden ins freie Internet ließ, womit das Internet mainstreamtauglich wurde“, prophezeit Aaron Koenig. Gut zwei Jahrzehnte später rede niemand mehr von AOL. Das Internet gebe es hingegen immer noch.